Heda Beyer, Kay Mothes, Mandy Knospe und Christian Feister
Off-Theater Komplex

Macher der Woche

Chemnitz hat Mut

Die Zietenstraße ist eine der dichtbebauten Hauptverkehrsstraßen über den Sonnenberg. Hinter der Hausnummer 32 verbirgt sich zwischen sanierten und leerstehenden Gebäuden ein kleines Paradies für freischaffende Künstler. Ein Schild über der Tür verrät, hier sitzt das Off-Theater Komplex. Doch wer arbeitet hinter den Türen der Zietenstraße 32? Wir haben uns mit Heda Beyer, Mandy Knospe, Christian Feister und Kay Mothes, den Machern des Off-Theaters Komplex, getroffen und über die freischaffende Kunst und Chemnitz als Kulturhauptstadt unterhalten.

Ihr nennt euch Off-Theater Komplex. Was ist ein Off-Theater?

Heda Beyer: Ich glaube, in unserem Fall heißt es vor allem offen. Offen für Experimente, offen für neuen Input. Offen aber auch dafür, dass Chemnitzer, die Ideen haben und selbst etwas probieren wollen, einen Ort finden, wo sie das relativ problemlos umsetzen können. Das betrifft aber nicht nur Theater. Es geht auch darum, verschiedene Künste zu verbinden. Darstellende Kunst und bildende Kunst zum Beispiel. Oder Performance und Film.

Was ist denn der Unterschied zu einem normalen Theater?

Mandy Knospe: Der erste Unterschied ist, dass wir kein festes Ensemble haben. Im Moment jedenfalls noch nicht. Heda ist Schauspielerin. Sie zeigt im Komplex natürlich auch eigene Stücke. Aber wir laden uns ganz viele Gastspiele ein. Wir sind ein Ort für freie Theaterschaffende. Hier finden sie einen Ort, wo sie auftreten können.

Am 18. September 2015 habt ihr eure Tore für die freischaffende Theaterwelt geöffnet. Wie kam es zur Idee eines offenen Theaters in Chemnitz?

Heda: Es fehlte in Chemnitz einfach.

Mandy: Heda hatte mir erzählt, dass es in Chemnitz keinen Ort gibt, an dem man nur Theater spielen kann und der dafür richtig geeignet ist. Das Weltecho hat zwar ab und zu Theaterveranstaltungen, aber am nächsten Tag findet wieder eine Party statt.

Heda: Es gab schon freie Theater in Chemnitz. Zum Beispiel das Arme Theater. Aber diese Orte waren nicht so offen, dass man mit seinem eigenen Team dorthin gehen und loslegen konnte. Es war immer ein Verein, der sich dort engagiert hat. Aber eben nicht offen. Mit unserem Konzept können mehrere Vereine und Künstler tätig werden. So wird es bunt und es entsteht ein Austausch zwischen den Künstlern und sie können sich gegenseitig beeinflussen. So bleiben wir im Dialog und es wird nicht einseitig. Bis jetzt funktioniert das ganz wunderbar und kommt gut an.

Sind die Theatergruppen und Künstler, die hierher kommen, alle aus Chemnitz oder habt ihr euch schon in der Umgebung einen Ruf erarbeitet?

Heda: Zum einen sind das natürlich Chemnitzer Künstler, aber wir machen auch viele internationale Sachen – Gastspiele, Kooperationen und so weiter. Durch die Gastspiele haben wir natürlich inzwischen Kontakt mit Leuten aufgenommen, die immer wieder kommen.

Das Off-Theater befindet sich im Hintergebäude der Zietenstraße 32. Ein gemütlicher, kleiner Theatersaal, der ca. 80 Menschen Platz bietet. Die Wände sind schwarz gestrichen, die Bühne erstrahlt im Theaterlicht. Die Sitze kommen von einem alten Kino. Am 16. März war eine Performance aus Italien im Komplex zu sehen, „Le Jardin“. Auch für Kinder hat das Off-Theater einiges zu bieten. Am Sonntag, dem 19. März, wird das Theaterstück „Frau Meier, die Amsel“ nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Wolf Erlbruch gezeigt.  

Wie seid ihr vier denn zusammen gekommen?

Kay Mothes: Ich bin seit ungefähr einem Jahr Techniker im Komplex. Der Kontakt ist über Heda entstanden. Wir haben für eine ihrer Theaterproduktionen zusammengearbeitet. Sie kam dann ein zweites Mal auf mich zu und hat gesagt: „Hier entsteht etwas und wir brauchen jemanden für die Technik.“ Also bin ich mit eingestiegen.

Christian: Heda und ich kennen uns aus dem Weltecho. Ich war dort als Techniker tätig. Wir haben uns ebenfalls bei einer Theaterproduktion getroffen.

Mandy: Christian und ich kennen uns über die BEGEHUNGEN. Und Heda kenne ich aus dem ehemaligen Kunstkombinat auf der Palmstraße. Wir bewegen uns alle in der Chemnitzer Subkultur und kennen uns auch daher.

Warum seid ihr ausgerechnet auf dem Sonnenberg?

Mandy: Als wir das Gespräch über die Theater und Bühnen in Chemnitz geführt haben, war das genau der Zeitraum, als mein Partner dieses Haus in der Zietenstraße gekauft hat. Ich wusste, dass es hier dieses Hintergebäude gibt und dachte, dass es durchaus geeignet wäre. Zwar nicht perfekt – aber ausreichend für die ersten Schritte.

Inzwischen merken wir schon, dass wir an unsere Grenzen kommen. Gerade was Gastspiele und die Größe der Bühne angeht. Es ist zwar vieles machbar, aber vieles eben auch nicht. Es ist ein guter Start, um den Chemnitzern das freie Theater nahe zu bringen. Es gab soetwas vorher noch nicht und das Publikum muss es annehmen. Das funktioniert schon ganz gut. Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Mandy: Es besteht eine Kooperation mit dem Klub Solitär e. V. Der Verein organisiert ein Residenzprogramm, bei dem jeweils ein bildender und ein darstellender Künstler nach Chemnitz kommen und hier ein Projekt erstellen. Die bildende Kunst wird im öffentlichen Raum installiert, die darstellende Kunst wird im Komplex sein. Wie das genau aussehen wird, ist dann Teil des Projektes der beiden Künstler.

Heda: Vom Taupunkt e. V. sind weiterhin Workshops geplant für Chemnitzer mit Chemnitzern. Damit haben wir im vergangenen Jahr schon gute Erfahrungen gemacht. Dann planen wir noch internationale Projekte.

Im Mai zur 22. Chemnitzer Museumsnacht ist der südliche Sonnenberg das besondere Angebot. Auch das Komplex-Team wird sich daran beteiligen. „Alle Kulturschaffenden von der Augustusburger Straße bis hoch zur Fürstenstraße bieten dann ein besonderes Programm“, sagt Mandy Knospe.

Was habt ihr vor zur Museumsnacht?

Kay: Im letzten Jahr feierten wir nach der Sommerpause unseren ersten Geburtstag des Komplex‘. Stefan Oertel ist Musiker mit einer Sehbehinderung. Zum Zeitpunkt der Geburtstagsfeier suchte er nach Auftrittsmöglichkeiten, um Bühnenerfahrung zu sammeln. Er spielt Gitarre, Cajon, Rasseln – alles Mögliche. Und das am besten noch alles gleichzeitig. Zu dieser Feier hatte er sein Bühnendebüt. Er kam wahnsinnig gut an und wurde gleich für weitere Projekte angefragt. Jetzt ist er zur Museumsnacht auch wieder dabei.

Heda: Und da kommen wir gleich wieder zurück zu der Frage, was uns von einem städtischen Theater unterscheidet: Wir können einfach flexibel sein. Wenn wir sehen, dass Leute hier einen Workshop gemacht haben, dann bleibt so ein Moment „Was kommt danach?“. Wir versuchen da sehr schnell zu reagieren und bereichern uns gegenseitig. Neue Leute kennenlernen und neue Möglichkeiten schaffen.

Wie ist euer Publikum? Kommen die Chemnitzer gern zu euch ins Theater?

Kay: Ich beobachte zunehmend, dass viele das Komplex gerade erst entdecken. Viele sind neugierig und kommen gucken. Wenn sie dann einmal hier im Hinterhof stehen, sind sie ganz begeistert.

Christian: Die Resonanz ist sehr unterschiedlich. Teilweise ist es wirklich schwierig, die Leute hier her zu bekommen. Aber manchmal sind wir auch überrascht darüber, wer kommt und wie viele zu uns kommen. Das wechselt sich ab. Wir bieten aber auch nicht unbedingt das einfachste Programm. Es ist schon anspruchsvoll.

Ihr seid eine von 54 Chemnitzer Initiativen, die die Bewerbung der Stadt Chemnitz zur Kulturhauptstadt unterstützen. Warum?

Christian: Wir glauben, dass die Bewerbung für Chemnitz eine große Chance ist, damit sich die Strukturen in der Kultur verbessern können. Dass das Spektrum, das in Chemnitz sichtbar ist, erweitert werden kann. Allein durch die Bewerbung können Dinge angestoßen werden. Schon das Nachdenken über Chemnitz als Kulturhauptstadt, den Anspruch an sich zu stellen, diesen Titel gewinnen zu wollen, bewegt viel in den Köpfen der Chemnitzer. Und das führt wiederum dazu, dass wir den Kulturbegriff erweitern können und Chemnitz als Kulturstadt wahrgenommen wird.

Der spannende Effekt der Bewerbung ist ja der europäische Gedanke. Und das versuchen wir durch unser Programm nach Chemnitz zu holen. Viele unserer Gastspiele sind aus anderen Ländern. Dadurch wollen wir hier in Chemnitz neue Impulse setzen und den Horizont erweitern.

Mandy: Ich finde es ist wichtig, dass sich Chemnitz auch nach außen einfach mehr vernetzt. Leute müssen nach Chemnitz geholt werden, damit ein Austausch entstehen kann. Durch die Bewerbung kommt es hoffentlich zu einer größeren Wertschätzung der Kultur in der Bevölkerung.

Heda: Ich finde es total toll, dass die Stadt den Mut hat, diesen Schritt zu gehen und diesen Titel haben möchte. Viele haben ein schlechtes Bild von Chemnitz. Es wird Zeit, dieses Bild zu korrigieren.

Wo seht ihr das Komplex 2025?

Christian: Ich hoffe, dass wir 2025 in der Chemnitzer Kulturlandschaft fest verankert sind und nicht nur für uns allein stehen, sondern wir mit vielen Künstlern und Einrichtungen zusammen arbeiten. Seien es städtische oder andere freie Kultureinrichtungen. Nicht nur hier in unserem Raum auf dem Sonnenberg, sondern auch in anderen Räumen und Plätzen der Stadt.

Heda: Für mich, als freie Künstlerin, ist das eine sehr schwere Frage. Mich zieht es mal hier hin und mal da hin. Ich freue mich, wenn die internationale Zusammenarbeit weiter wächst. Das würde mich sehr glücklich machen.

3 0 17. März 2017 gepostet am

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