Nicole und Andreas Radtke
Geschäftsführer "Kleine Könige"

Macher der Woche

Chemnitz und sein Potenzial

Seit November 2015 ist der Brühl um ein Gewerbe reicher: Die Manufaktur „Kleine Könige“ hat sich auf 250 Quadratmetern in der Unteren Aktienstraße 3-5 eingerichtet. Im großen Nähraum rattern die Nähmaschinen der Mitarbeiterinnen, im Nachbarraum werden Kuschelkissen mit der Stickmaschine individuell gestaltet. In den Lagerräumen türmen sich die Stoffballen und auf dem großen Zuschneidetisch stapeln sich die Zuschnitte für Pumphosen, Loops und Pullover. Es ist das Reich von Nicole und Andreas Radtke, die den Sprung in das eigene Unternehmen gewagt haben. Wir haben uns mit ihnen über das Abenteuer „Selbstständigkeit“ unterhalten.

In eurer Manufaktur produziert ihr selbstgemachte Kinderkleidung und Accessoires für das Kind. Wie kam es zu dieser Idee?

Nicole: Schon als Kind habe ich viel mit meiner Oma an der Nähmaschine gesessen und Puppenkleider genäht, später als Jugendliche habe ich mir selbst Kleidung gefertigt. Interessiert habe ich mich also schon immer für Stoffe, Farben und Design. Nach meiner Berufsausbildung zur bekleidungstechnischen Assistentin habe ich in Zwickau/Reichenbach Textiltechnik studiert. Die Idee zur Selbstständigkeit fing 2007 mit der Geburt meiner ersten Tochter an. Als Geburtsgeschenk hat sie unter anderem eine personalisierte Babyflasche aus Glas bekommen. Über dieses individuelle Geschenk habe ich mich am meisten gefreut. So etwas wollte ich auch machen, nur im textilen Bereich mit Accessoires wie Namenskissen, Babydecken und Spieluhren. Das war also der erste Gedanke: Ein personalisiertes Geschenk zur Geburt.

Am Anfang hat Nicole ihre Kissen und Decken zu Hause an ihrer Näh- und Stickmaschine gefertigt und über den eigenen Onlineshop sowie bei Dawanda (eine Internetplattform zum Verkauf Selbstgemachter Produkte, Anm. Red.) verkauft. „Das lief so nebenbei während meiner Elternzeit in der Ecke im Wohnzimmer“, erzählt sie. Dass daraus eine Firma mit acht Mitarbeiterinnen wird, hätte sie damals nicht für möglich gehalten.

Wann kam es dann dazu, den Onlineshop hauptberuflich zu betreiben?

Nicole: Das war dann nach der Geburt unseres zweiten Kindes Ende 2009. Dann hat sich das so langsam aber stetig entwickelt.

Andreas: In der Zeit wuchs die Zahl der Kunden, wir hatten mehr Verkäufe. So ab 2012/13 haben wir festgestellt, dass die Firma noch richtig viel Potenzial hat, das noch nicht ausgeschöpft werden konnte. Wir waren zum Glück in der Situation, dass wir finanziell abgesichert waren, da ich noch Zeitsoldat bei der Bundeswehr war und ein gutes und festes Einkommen hatte. Somit waren wir zu dieser Zeit keinem Druck ausgesetzt und Nicole konnte sich auf ihr kleines Gewerbe konzentrieren und kreativ ausprobieren. So konnten wir uns einen soliden Kundenstamm aufbauen und das Marketing weiter entwickeln.

Nicole: In dieser Zeit habe ich auch das Sortiment erweitert. Der Do-it-yourself-Trend kam so langsam auf und somit auch die Nachfrage nach handgemachter Kinderkleidung. Erste Artikel in diesem Bereich waren Kinderloops, Pumphosen und Babymützen. Die Pumphose ist immer noch unser Verkaufsschlager. Inzwischen haben wir auch Pullover, Kleider und Strampler im Shop.

Inzwischen seid ihr so erfolgreich, dass ihr die Arbeit doch gar nicht zu zweit leisten könnt, oder?

Nicole: Das ist richtig. Ich brauchte definitiv Unterstützung. Zu dieser Zeit bewarb sich eine Praktikantin, die ich später dann auch fest eingestellt habe.  So hat es langsam mit Mitarbeitern angefangen. Es ist ja nicht nur das Nähen, sondern auch Rechnungen schreiben, den Shop pflegen und Pakete packen. Zum Glück hat sich mein Mann dazu entschieden in die Firma mit einzusteigen.

Andreas: Grundsätzlich habe ich meine Frau natürlich immer unterstützt. Alles was die Buchhaltung betrifft, Steuern. Das Wirtschaftliche habe ich übernommen, weil mich das interessiert. Ich habe Wirtschaftspädagogik studiert und habe da gewisse Erfahrungen. Auch strategisch habe ich natürlich mit meiner Frau überlegt, wie wir den Shop bekannter machen und mehr Kunden gewinnen können.  Ich war also von Anfang an bei der Firma dabei. Nach meiner Bundeswehrzeit war ich dennoch erst einmal ein Jahr in einem Angestelltenverhältnis, habe mich aber dann doch, vor allem auf Grund des Wachstums der Firma entschieden, mit einzusteigen. Wir haben uns ein Jahr gesetzt, in dem wir das ausprobieren und auch ein Risiko eingehen wollten.

Dieses Jahr haben die beiden genutzt und mehr Personal eingestellt. Inzwischen ist das „Probejahr“ vorbei. Zurzeit arbeiten acht Mitarbeiterinnen bei „Kleine Könige“. „Je mehr Mitarbeiterinnen wir haben, desto mehr Aufträge können wir natürlich auch annehmen und die Nachfrage nach unseren Produkten ist immer noch groß“ sagt Andreas. Am Anfang hätten die beiden sogar Aufträge ablehnen müssen, weil sie es allein gar nicht geschafft hätten. Inzwischen haben sie ihr Geschäft so weit aufgebaut, dass sie versuchen jeden Auftrag möglich zu machen.

Was ist denn das Besondere bei „Kleine Könige“? Warum funktioniert die Idee so gut?

Nicole: Das Geheimnis ist, dass wir hier alle wahnsinnig gern arbeiten und unsere Arbeit lieben. Die meisten unserer Mitarbeiterinnen sind keine professionellen Näherinnen. Wir haben sie eingestellt, weil sie es mit Herzblut machen. Die meisten haben aus ihrem Hobby einen Beruf gemacht. Was bei „Kleine Könige“ besonders ist: Wir produzieren unsere Produkte alle individuell. Unsere Kunden können zum Beispiel entscheiden, welche Farbe das Bündchen an der Hose haben soll. Wir machen auf Anfrage passende Halstücher oder Mützen. Wir versuchen, jeden Wunsch unserer Kunden zu berücksichtigen. Auch die personalisierten Sachen, wie Taschen oder Kissen, fertigen wir so, wie der Kunde es möchte. Wir versuchen wirklich, jedem Wunsch gerecht zu werden und verkaufen nicht einfach vorgefertigte Sachen.

Seit November habt ihr eure Firma hier auf dem Brühl. Warum seid ihr ausgerechnet auf den Brühl gezogen?

Nicole: Wir waren vorher auf dem Kaßberg, auf der Agricolastraße. Damals hatten wir ein 90 Quadratmeter großes Objekt und haben gedacht, dass das für die Zukunft auf jeden Fall ausreicht. Bereits ein Jahr später war die Fläche aber schon viel zu klein und wir mussten uns nach etwas Größerem umsehen. Wir brauchten eine Größe von 250 bis 300 Quadratmetern. Viel haben wir uns angeschaut, es waren viele Lagerräume und Hallen dabei, die uns aber alle nicht gefallen haben. Wir wollten etwas Familiäres, was eben nicht nach Produktionshalle aussieht, um unseren Manufakturcharakter widerzuspiegeln. Wichtig war mir, dass wir die Bereiche voneinander trennen können. Wir brauchen einen Zuschnittbereich, einen Stickbereich, einen Bereich zum Nähen und natürlich auch Lagerfläche. Dann haben wir das Objekt auf dem Brühl entdeckt, angeschaut und obwohl es noch sehr unsaniert war, konnte ich mir in den Räumen alles ganz genau vorstellen und gedanklich einrichten. Jetzt fühlen wir uns hier sehr wohl.

Hattet ihr vorher schon mal Berührungspunkte mit dem Brühl?

Andreas: Überhaupt nicht. Es war eher ein Wink des Schicksals. Wir haben uns die Räume hier angesehen und die Bedingungen haben einfach gepasst. Wir mussten nichts am Grundriss ändern. Und die Räume hier haben Charme. Dazu kommt, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis einfach stimmt. Nachdem wir im November eingezogen sind, haben wir natürlich alle weiteren Vorteile vom Brühl kennengelernt. Wir haben Kontakte zu den anderen Gewerbetreibenden. Vor allem im Brühlgremium herrscht eine konstruktive Zusammenarbeit, bei der die Brühlentwicklung weiter vorangetrieben wird.

Nicole: Die Lage auf dem Brühl, am Eingang der Ladenstraße hat uns dann letztendlich auch dazu bewogen, einen kleinen Laden zu eröffnen. Das war eigentlich nie geplant, weil wir die Zukunft vorrangig im Internet sehen. Was wir sehr positiv finden, ist, dass wir einen viel direkteren Kundenkontakt haben, der uns unmittelbares Feedback bringt.

Der Laden hat am 21. Mai Eröffnung gefeiert. „Jetzt können die Kunden kommen, sich individuell beraten lassen und natürlich auch die Muster selbst wählen.“ Das sei etwas Besonderes in der Branche, erzählt Andreas. Wer zum Beispiel eine Pumphose bestellt, kann sie dann gleich zwei Tage später abholen. Produziert in Chemnitz.

Verfolgt ihr die Stadtentwicklung außerhalb vom Brühl?

Andreas: Das ist sehr unterschiedlich. Wir bekommen viel durch unsere Mitarbeiter mit. Sie kommen fast alle aus Chemnitz, aus unterschiedlichen Stadtteilen – Kaßberg, Sonnenberg, Reichenbrand, Schönau. Was man grundsätzlich mitbekommt, ist, dass der Fokus zurzeit auf dem Brühl und dem Zentrum liegt. Auf dem Kaßberg muss man nicht viel machen, da bewirken die Investoren schon ganz viel und sanieren die Gebäude. Auf dem Sonnenberg bewegt sich auch einiges. Allerdings agiert man hier aus meiner Sicht noch sehr zurückhaltend.

Was sind eure Lieblingsplätze?

Andreas: Mit den Kindern fahren wir mit dem Rad gern zum Tierpark und Pelzmühlenteich. Wir sind aber auch gern im Zentrum unterwegs.

Nicole: Wir sind seit 2006 in Chemnitz und fühlen uns hier richtig wohl. Eigentlich kommen wir aus der Nähe von Augustusburg. Aufgrund meiner Diplomarbeit sind wir dann hier in die Stadt gezogen und haben es nie bereut.

Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Nicole: Also gewerblich gesehen steckt in Chemnitz wirklich noch ganz viel Potenzial. Man kann so viel hier machen. Gerade für die junge Generation muss mehr passieren. Der Uferstrand ist ein sehr schönes Beispiel, das die jungen Menschen in Chemnitz anspricht und sie in die Stadt zieht.

Andreas: Chemnitz hat definitiv Potenzial, man sollte den Chemnitzern also Mut machen zum Anpacken. Es gibt viele Chemnitzer, die sehr engagiert sind. Wir haben hier auf dem Brühl Menschen kennengelernt, die unheimlich viel bewegen. Wenn es davon noch mehr geben würde, könnte die Entwicklung auch schneller vorangehen. Gerade der Sonnenberg ist ein Viertel, das ein riesen Potenzial hat. Es ist zentrumsnah, es gibt wunderschöne Straßenzüge und tolle Gebäude. Auch da kann sich viel entwickeln.

15 0 1. Juni 2016 gepostet am

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