Sascha Timaeus & Jürgen Müller
Trainerteam der Chemnitzer Goalballer

Macher der Woche

Chemnitzer Sportler bei den Paralympics

Die paralympischen Spiele werden die zwei Trainer Jürgen Müller und Sascha Timaeus ganz genau verfolgen. Ihr Schützling Oliver Hörauf hat sich mit der deutschen Nationalmannschaft für das Sportereignis in Rio de Janairo qualifiziert. Wenn Hörauf nicht mit der Nationalmannschaft unterwegs ist, gehört er zur Trainingsgruppe um Müller und Timaeus in der Sporthalle des Sehförderzentrums in der Flemmingstraße. Obwohl beim Goalball die Spieler nichts sehen können, fangen sie liegend gekonnt den Ball vor dem Tor ab. Wir sprachen mit den zwei Trainern der Chemnitzer Goalball-Mannschaft.

Goalball ist für viele eine unbekannte Sportart. Wie funktioniert das Spiel?

Sascha Timaeus: Es spielen drei gegen drei. Die Spieler verteidigen ein neun Meter breites Tor, das 1,3 Meter hoch ist. Der Ball muss gerollt werden. Es gibt viele zusätzliche Regeln. Beispielsweise darf ein Angriff nur zehn Sekunden dauern. Der Ball enthält außerdem ein Glöckchen, damit die Spieler ihn auch akustisch wahrnehmen.

Jürgen Müller: Der Ball wiegt 1,25 Kilogramm, hat die Größe eines Basketballs und ist aus Hartgummi. Oliver wirft beispielsweise mit 80 km/h ab. Es ist also durchaus ein sehr harter, teilweise auch schmerzhafter Sport.

Alle Spieler tragen die Dunkelbrille. Geht es auch ohne?

Sascha Timaeus: Nein. Jeder muss die gleichen Bedingungen haben. Nur so ist es fair. Egal ob ein Spieler blind ist oder nicht. Vor einem Wettkampf wird er auch zusätzlich gepatcht, erhält also eine Art Augenpflaster. Als ich hier 2010 angefangen habe, habe ich zum ersten Mal auch selbst die Dunkelbrille ausprobiert. Das war eine besondere Erfahrung, mit der ich mich als Trainer viel besser in die Spieler hineinversetzen kann. Für mich ist das ein toller Sport, den ich auch als Sehender, dann natürlich mit Dunkelbrille, gern selbst spiele.

Gibt es denn zwischen Goalball und Blindenfußball, was vielleicht mehr Leute kennen, Ähnlichkeiten?

Jürgen Müller: Blindenfußball wird eigentlich erst seit 2006 praktiziert. Goalball hingegen ist schon seit 1976 paralympisch und  eine sehr verbreitete Ballsportart für Menschen mit Sehbehinderung. Nur wissen das noch zu wenige.

Sascha Timaeus: Beim Goalball hat man im Gegensatz zum Blindenfußball kein nichtbehindertes Äquivalent. Die Sportart ist vollkommen selbstständig und das macht für mich auch die Faszination aus. Für Blinde ist es eine recht selbsterklärende, gut machbare Sportart. Es gibt nur ganz wenig Körperkontakt und man braucht nicht so viele Orientierungspunkte.

Mit einer Drehbewegung, die an Diskus erinnert, lässt ein Spieler den Ball über das Spielfeld rollen. Er prallt wie eine Bowlingkugel mit voller Wucht gegen den Oberkörper des Gegenspielers, der vor dem Tor liegt und sich lang gestreckt hat. Die Trainer sind ganz leise. „War er drin?“ fragt die Mannschaft ängstlich. „Nein, ich hab ihn“, antwortet ein Spieler, der den blauen Ball in der Hand hält und seine Position zum Gegenschuss vom eigenen Tor aus absucht. „Wir Trainer und Auswechselspieler aber auch die Zuschauer dürfen nichts sagen, außer das Spiel ist unterbrochen und das passiert häufig“, erklärt Timaeus. Schnell haben die Spieler wieder ihre Position gefunden und warten gespannt auf die nächsten Geräusche. „Ich habe vor dem Spiel die Linien mit Panzertape und einer Erhebung markiert. So können die Spieler die Markierung erspüren und ihren Platz im Spielfeld besser finden“, erzählt Timaeus, der hauptberuflich als Grundschullehrer arbeitet und im Ehrenamt das Training leitet.

Die Mannschaft ist in diesem Jahr Deutscher Meister geworden. Was war das Erfolgsrezept?

Jürgen Müller: Wir haben Marburg, den damaligen Deutschen Meister, einfach an die Wand gespielt. Ich hätte das gar nicht erwartet. Sascha schon. (lacht) Auch Rostock, bei denen drei Nationalspieler mitspielen, haben wir bezwungen. Aus meiner Sicht lag das an der großen Willensstärke der einzelnen Spieler, die auf den Punkt Leistung gezeigt haben. Für uns eine große Genugtuung.

Sind solche Turniere vergleichbar mit den Wettbewerben von Sehenden oder wie ist das Flair dort?

Sascha Timaeus: Leider kommen immer sehr wenig Zuschauer. Wenn man das Spiel sieht, denkt man vielleicht, das ist langsam. Aber es ist wirklich eine große Leistung, sich bei diesem Spiel nur auf sein Gehör zu konzentrieren. Wir trainieren immer Dienstag 17 bis 19 Uhr und lassen Interessierte gerne reinschnuppern.

Jürgen Müller: Die Wettbewerbe mit Bundesliga und Pokalspielen sind in den vergangenen Jahren sehr gewachsen. Früher gab es an einem Tag die deutschen Meisterschaften und das war‘s. Wer da gerade einen schlechten Tag hatte, für den gab es keine weiteren Herausforderungen mehr in dem Jahr. Mittelweile gibt es eine größere Beteiligung an den Wettbewerben. Zeitweise hatten Mannschaften, wie München, Marburg und Königs-Wusterhausen, den Titel unter sich ausgemacht. Jetzt können mehr als fünf Mannschaften um den Titel kämpfen. Davon ist eine Mannschaft aus Chemnitz, die in diesem Spieljahr erstmalig seit 25 Jahren den deutschen Meistertitel erkämpfte.

Nun folgt der nächste Höhepunkt, die Paralympics. Wie konnte sich Oliver Hörauf für die Nationalmannschaft qualifizieren?

Sascha Timaeus: Ich kenne Oliver seit 2012. Wir sind gleich zu Beginn seiner Trainingszeit zu einem Sichtungstermin der Jugend-Nationalmannschaft gefahren, die sichten wollten, welche Jugendlichen Potenzial haben. Dort hat er einen guten Eindruck gemacht. 2013 waren wir gemeinsam bei der Jugendweltmeisterschaft in Amerika und 2015 ist er Jugendweltmeister geworden. Klar, dass die Herrennationalmannschaft an solchen Talenten interessiert ist. Mit ihm in der Mannschaft haben sie bei den World Games in Korea einen guten fünfte Platz belegt und sich für die Spiele in Rio de Janeiro qualifiziert.. Seit zwölf Jahren ist das wieder die erste deutsche Beteiligung im Goalball bei den Paralympics.

Wie kam es dazu, dass Sie Trainer der Goalballmannschaft wurden?

Jürgen Müller: Ich arbeite seit vierzig Jahren beim Berufsbildungswerk. Ich habe schon früher Leichtathletik oder Rollball für die Auszubildenden angeboten. Und bin hier in diese Trainerrolle reingewachsen. Es ist einfach eine gute Abwechslung zur sonstigen Arbeit. Und die Spieler sind wirklich dankbar für das, was wir hier tun.

Sascha Timaeus: Ich habe 2010 ein Praktikum gemacht und beim Goalball hospitiert. Der Sport hat mich sehr interessiert und ich habe gesehen, dass ich mich hier einbringen kann. Es macht einfach viel Spaß, ist ein cooler Sport und eine toller Ausgleich.

Bei Jürgen Müller liegen viele organisatorische Aufgaben. Auf die Frage, warum er auch „der Fuchs“ genannt wird, mutmaßt er: „Das liegt vielleicht an meinem Alter und den praktischen Lebenserfahrungen.“ Den Spruch hätte ein Bundesliga-Sprecher geprägt, verrät Sascha Timaeus. „Jürgen ist die gute Seele, die immer da ist und viel organisiert.“ Für seinen jungen Kollegen hat der alte Hase, äh Fuchs aber auch viele lobende Worte: „Während wir früher vieles nach Gefühl gemacht haben und im eigenen Saft schmorten, beschäftigt sich Sascha sehr professionell mit Trainingsmethoden.“

Wer kommt denn alles zu euch?

Jürgen Müller: Das können Anfänger sein, die gerade einmal 14 Jahre alt sind, bis zu über 50-Jährigen, die ambitioniert in einer Bundesliga spielen, aber auch aus Spaß am Sport mitmachen wollen. In der Breitensportgruppe geht es ja hauptsächlich darum, sich zu bewegen und sich zu treffen. Für diese Gruppe gibt es auch den Sachsen-Pokal und den Ostdeutschen Pokal (Anmerkung der Redaktion: Dieser findet am 8. Oktober ab 9 Uhr in der Sporthalle Flemmingstraße statt), wo wir mit zwei Mannschaften beteiligt sind. Stolz sind wir natürlich auf das Team, das hier Leistungen zeigt, die für die Bundesliga reichen.

Fühlen sich die Spieler auch als Botschafter der Stadt, so wie man es oft bei Sportlern erwähnt?

Sascha Timaeus: Das ist hier eher schwierig, weil viele aus ganz verschiedenen Ecken kommen. Von der Lausitz, dem Erzgebirge bis nach Thüringen. Teilweise haben sie einen internationalen Hintergrund. Aber natürlich fühlt sich das Team hier wohl, weil wir eine gute Mannschaft haben und das Training Spaß macht. Als Mannschaft gehören wir zum BFV Ascota. Und wir fühlen uns sehr verbunden mit dem SFZ-Förderzentrum – Berufbildungswerk, weil wir hier die guten Trainingsbedingungen in dieser Sporthalle haben und auch finanziell sowie mit Fahrzeugausstattung bei Turnieren unterstützt werden.

Wie selbstverständlich ist das Thema Behinderung, speziell Blindheit in Chemnitz?

Jürgen Müller: Das frühere Reha-Zentrum und das jetzige SFZ-Förderzentrum sind schon lange in der Stadt verankert. In einer kleineren Stadt würde ein Blinder vielleicht Aufmerksamkeit erregen. Hier ist das es ganz normal. Viele Sehbehinderte wollen nach ihrer Ausbildung auch gern in der Stadt bleiben. Allein in unserer Mannschaft haben wir mehrere Spieler aus anderen Bundesländern, die Chemnitzer geworden sind.

Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Sascha Timaeus: Chemnitz ist immer noch die graue Maus unter den Großstädten. Aber für mich ist es optimal hier. Ich mag die Größe der Stadt. Ich komme mit dem Fahrrad überallhin, wo ich will.

Jürgen Müller: Für Wanderfreunde ist die Lage hier perfekt. Ich bin aber auch ein Badefreund. Da gibt es schon weniger Möglichkeiten. Naja. Aber trotzdem: Die Innenstadt hat sich in den letzten 20 Jahren doch sehr positiv entwickelt. Da können wir uns doch freuen. Gerade der Weihnachtsmarkt ist der Schönste weit und breit. Und wenn uns ausländische Freunde besuchen, dann fahren wir mit dem Trabi vor den Karl-Marx-Kopf. Wo kann man das schon machen?

8 0 7. September 2016 gepostet am

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