Alicia Weirauch, Hardy Hossmann und Isabelle Weh
Fritz Theater

Macher der Woche

Der Traum vom eigenem Theater

Isabelle Weh und Alica Weirauch sammeln gerade die Schnipsel der vergangenen Aufführung vom Bühnenfußboden. Zusammen mit Hardy Hoosmann leiten sie das Fritz-Theater, stehen alle drei selbst auf der Bühne und sind vom Spielplan bis zum Auswechseln von Glühbirnen selbst verantwortlich. Mitten im Wohngebiet des Stadtteils Rabenstein haben sie ihren Traum vom eigenen Theaterhaus verwirklicht. Wir haben uns mit den Machern des Fritz-Theaters zwischen Requisiten, Kaffeeküche und Sektflaschen unterhalten.

Wie habt ihr euch kennengelernt?

Hardy Hoosmann: Ich habe in München gewohnt und gearbeitet. Als ich bei einem Gastspiel in Singen Regie geführt habe, traf ich Isabelle und Alica. Isabelle ist mir aufgefallen, weil sie nicht nur eine gute Schauspielerin ist, sondern sich auch in die Organisation eingebracht hat. Mit ihr wollte ich meinen Traum von einem eigenen Theater verwirklichen. Eine Anzeige auf Theaterjobs.de hat uns auf Chemnitz aufmerksam gemacht. Da wurde für ein Theater ein Nachfolger gesucht – zu treuen Händen. Wir haben uns sofort auf den Weg gemacht.

Was habt ihr bei eurem ersten Besuch in Chemnitz gedacht?

Hardy Hoosmann: Wir waren gleich begeistert von diesem Haus. Ein schöner Raum. Eine tolle Atmosphäre. Ideale Größe – nicht zu groß und nicht zu klein. Von Chemnitz hatten wir keine Ahnung. Ob die Stadt schön war oder nicht, war uns aber auch ziemlich egal. Als dann die Zusage kam, wir könnten das Theater bekommen, ging ein Traum in Erfüllung.

Isabelle Weh: Bereits drei Monate nach der Zusage waren wir schon hier. Das ging unglaublich schnell.

Hardy Hoosmann: Wir hatten Lust, etwas selbst zu machen. Und wir hatten alle Fähigkeiten zusammen, um dieses Theater aufzubauen. Theater ist nicht nur Kunst, sondern auch viel Organisation.

Alica Weirauch: Zwei Jahre später bin ich zum Team  gestoßen. Ich kümmere mich beispielsweise um den Amateurgruppenverein Fritz Theater Chemnitz e.V. und vertrete Isabelle, wenn es notwendig ist.

Selber machen ist in dem kleinen Theater ein großes Motto. „Kunst, Licht, Ton, alles rund um dieses Haus“, zählt Hardy Hoosmann auf, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Die organisatorischen Strippen der Theaterleitung zieht Isabelle Weh gemeinsam mit Alica Weirauch. Zwischendrin wuselt Rocco, der Hund des Hauses, ein Menschenfreund. Und Aufmerksamkeit verlangt auch das jüngste Theatermitglied. In der Sommerpause sind Hardy Hoosmann und Isabelle Weh Eltern geworden. Unverzichtbar sind da die vielen Helfer, Freunde und Kollegen, die immer mit anpacken.

Wie setzt sich das Ensemble zusammen?

Hardy Hoosmann: Wir drei sind die Stammbesetzung. Silvia Klemm und Antonio da Silva sind regelmäßig auf der Bühne präsent. Und ansonsten kaufen wir Schauspieler ein.

Alica Weirauch: Bei Loriot oder Karl Valentin, wo es um kleine Nebenrollen geht, setzen wir auch begabte Amateure ein. Ansonsten kommen die Schauspieler aus Berlin, München oder aus der direkten Umgebung.

Wie seid ihr als Theaterleute, die intensiv mit Sprache umgehen, mit dem hiesigen Dialekt warm geworden?

Hardy Hoosmann: Die Mentalität der Sachsen hat mir gefallen. Die Hilfsbereitschaft war hier von Anfang an groß. Es wird nicht zuerst gefragt, wie viel man dafür kriegt, sondern es wird eher noch gefragt, was wir brauchen. Auch gibt es hier ein großes Improvisationstalent. Wir hatten viel Glück. Da ist uns der Dialekt einfach nicht negativ aufgefallen.

Isabelle Weh: Klar ist das manchmal zum Schmunzeln, wenn wir den Leuten so zuhören, wie sie vor allem untereinander reden.

Und was sagt ihr zu Chemnitz?

Hardy Hoosmann: Dadurch, dass wir hier so eingebunden sind und dass uns das Arbeiten hier allen so einen großen Spaß macht, ist uns die Stadt erst einmal egal. Manchmal ist es schade, dass wir hier ums Eck keine Kneipe haben. Aber nicht mal das ist so schlimm. Wir wollen hier einfach nicht weg.

Isabelle Weh: Wir leben hier in unserem Kosmos. Wir arbeiten, produzieren, organisieren. Es bleibt gar nicht so viel Freizeit, dass wir die Stadt entdecken können

Woher habt ihr diese Kraft genommen, ein eigenes Theater auf die Beine zu stellen?

Isabelle Weh: Wir hatten gerade am Anfang schon Phasen, in den wir gedacht haben, es funktioniert nicht. Aber immer wenn man dachte, es geht nicht weiter, ging irgendwo anders ein Türchen auf. Die Zuschauerzahl ist stetig gewachsen und deswegen haben wir die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es sich trägt. Inzwischen haben wir einen treuen und tollen Zuschauerstamm und die Leute sind dankbar, dass wir da sind.

Hardy Hoosmann: Ich habe mich nie auf die Schwierigkeiten am Anfang konzentriert. Es war wie ein ständiger Lauf. Die Lust war so groß. Und es hat sich dann vieles ergeben.

Das Haus in der Kirchhoffstraße 34 ist seit 2005 das Fritz-Theater. Damals hatten zwei Chemnitzer, Kerstin Niepold und Friedrich Prager, das Gebäude entdeckt. Es gehörte der Wismut. Nebenan im Hotel Rabensteiner Hof fanden vor der Wende sowjetische Offiziere eine Bleibe. Der Bau daneben wurde als Kino oder Varieté genutzt, so richtig viel darüber ist allerdings nicht bekannt. Vor fünf Jahren haben Isabelle Weh und Hardy Hoosmann dann das Theater übernommen. Vor zwei Jahren zitterten alle um die Zukunft des Theaters, als der bisherige Besitzer, die Wismut GmbH, das Haus versteigerte. Der neue Besitzer aus der Schweiz möchte zum Glück seine Mieter behalten und so konnte es weitergehen.

Was muss ein Stück haben, damit ihr es ins Programm aufnehmt?

Isabelle Weh: Wir machen Sprechtheater und da gibt es in Chemnitz wenig bis keine Konkurrenz. Wir versuchen immer Geschichten zu finden, die einen betreffen und die ans Herz gehen. Es soll nicht zu banal werden, aber auch nicht zu schwer. Mit dem Stück Konfetti haben wir zum Beispiel ein politisch-satirisches Programm. Da ist das Haus jetzt nicht ganz so voll, aber es passt gut zu uns. Und wenn wir Loriot mit Lametta zeigen, ist die Bude wieder voll.

Hardy Hoosmann: Am Anfang haben wir viel im komischen Bereich gemacht, weil es mehr Publikum verspricht. Aber wir sind kein Haus, das auf Komödien ausgelegt ist. Oder nur Dramen bringt. Jedes Stück, egal aus welchem Genre, hat für uns immer einen ernsthaften Hintergrund. Selbst die lustigste Boulevardkomödie. Wir wollen einfach Geschichten erzählen und diese so illustrieren, dass sie gut aussehen und für die Menschen nachvollziehbar sind.

Alica Weirauch: Wir achten auch auf das sprachliche Niveau. Die Geschichte muss letztendlich passen.

Auf die Weihnachtszeit haben sich die drei Theaterschaffenden gut vorbereitet. Sie haben mit Loriot einen Klassiker in der Vorweihnachtszeit dabei. Ab 24. November ist das Stück Lametta im Fritz-Theater zu sehen. Ab 8. Dezember freuen sich die Schauspieler schon auf Glorios, ein Stück über die schlechteste Sängerin der Welt. „Wir haben tatsächlich eine Sängerin gefunden, die absichtlich falsch singt“, erzählt Alica Weirauch mit Vorfreude. Das Theaterensemble wird außerdem auch auf dem Chemnitzer Weihnachtsmarkt zu sehen sein. Sie wechseln sich mit der Theatergruppe Unart ab und begleiten den Weihnachtsmann auf der Märchenbühne mit einer Märchenüberraschung.

Woher kommt euer Publikum?

Alica Weirauch: Natürlich kommen viele direkt aus Chemnitz. Aber auch aus dem Umland. Ob Hohenstein-Ernstthal oder Limbach-Oberfrohna.

Was passiert mit euch, wenn ihr auf der Bühne steht? Steht ihr gern im Rampenlicht?

Isabelle Weh: Das Gefühl, auf der Bühne zu stehen, hat sich bei mir sehr verändert. Seitdem ich das Theater leite, weiß ich, wie viel Arbeit dahinter steckt, dass überhaupt Zuschauer da sind und das Stück gespielt werden kann. Es ist nicht mehr das Einzige, auf der Bühne zu stehen, sondern es gehört so viel an Vorbereitung und Organisation dazu. Ich bin einfach froh, wenn alles bis zur Premiere steht. Und dann weiß ich, dass ich auch noch spielen werde, aber das Rampenlicht-Gefühl ist viel mehr in den Hintergrund getreten. Es ist ein bisschen so, als würde ich jedes Mal meine eigene Hochzeit vorbereiten. Klar habe ich da auch meine Rolle, aber ich muss ja auch schauen, dass die Gäste kommen und der Ablauf klappt.

Ihr habt in Berlin und München gelebt. Habt ihr manchmal Sehnsucht nach der Großstadt?

Isabelle Weh: Ich war fünf Jahre in Berlin und bin dort auch immer mal wieder. Aber Großstadt muss aus meiner Sicht gar nicht sein: Chemnitz ist schon spannend. Wir können uns gar nicht beschweren. Für uns reicht das, was da ist. Für mehr haben wir vielleicht auch einfach nicht die Zeit.

Alica Weirauch: Ich brauche  schon immer mal wieder die Großstadt. Dann rappelt es mich und ich muss nach Berlin. Aber natürlich komme ich wieder. Wir gehen auch gern gucken, was die städtischen Theater hier machen.

Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Isabelle Weh: Das ist eine seltsame Frage. Ich würde mich selbst nicht in die Rolle geben zu sagen: Habt Mut. Entweder ist die Atmosphäre da oder eben nicht.

Hardy Hoosmann: Chemnitz ist eine Stadt, wo noch was geht. In anderen Städten wie München wären wir einer von vielen. Hier ist es etwas Besonderes, so ein Theater zu betreiben. Wir haben das Gefühl, wir leisten hier Pionierarbeit. Man sollte den Chemnitzern schon Mut machen im Sinne von: an den Dingen dranbleiben. Wir brauchen hier gute, kreative Leute, die etwas machen wollen.

Alica Weirauch: Das stimmt. Es ist viel möglich. Und die Angebote werden dankbar angenommen. Ich habe ja viel mit dem Publikum zu tun, an der Kasse oder der Bar und da kommt so viel zurück.

11 0 23. November 2016 gepostet am

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