Steve Paschky und Dr. Moazzam Ali
Saralon GmbH

Macher der Woche

Die Tintenfabrik der Zukunft

Hinter unscheinbaren Garagentoren auf dem Gelände des ehemaligen Wirkbaus Chemnitz tüfteln Wissenschaftler und junge Unternehmer an ihrem Traum. Vor wenigen Wochen ist Saralon, eine Ausgründung aus dem Institut für Print- und Medientechnik der TU Chemnitz, in das neue Domizil gezogen. Sie wollen Tinten herstellen und damit den Markt der gedruckten Elektronik revolutionieren. Der aus Indien stammende Kopf des Ganzen Dr. Moazzam Ali und sein deutscher Kompagnon Steve Paschky haben zusammen mit insgesamt vier weiteren Mitstreitern das Unternehmen gegründet und erzählen von der Verpackung der Zukunft.

Wann habt ihr das Thema „gedruckte Elektronik“ entdeckt und gewusst: damit kann man sich selbstständig machen?

Dr. Moazzam Ali: Ich hörte einen Vortrag von Prof. Arved Hübler (Direktor des Instituts für Print- und Medientechnik – pmTUC) in Essen im Jahr 2009, als ich dort studiert habe. Er sprach über gedruckte Elektronik und ich dachte: Das ist die Zukunft. Diese Technologie kann die Welt verändern. Ich fragte Prof. Hübler, ob ich in seinem Team an diesem Thema arbeiten kann und wusste bereits damals, dass ich hieraus ein Unternehmen gründen möchte. 2010 kam ich dann nach Chemnitz.

Du bist also seit sechs Jahren in der Stadt. Wie hast du das Unternehmen hier aufgebaut?

Dr. Moazzam Ali: Ich habe während der Arbeit am Institut auf die neue Firma zugearbeitet. Steve Paschky habe ich 2013 kennen gelernt und gemeinsam haben wir einen Antrag für eine Bundesförderung geschrieben. Gefördert durch das Programm EXIST-Forschungstransfer des BMWi begannen wir im April 2014 mit unserer Ausgründung. Während der ganzen Zeit hatten wir eine tolle Unterstützung durch Prof. Hübler.

Steve Paschky: Als wir uns 2013 getroffen haben, hatte Dr. Ali schon eine Unternehmensstrategie entwickelt und mit ersten Partnern, wie dem Gründernetzwerk Saxeed, gesprochen. Das Förderprogramm EXIST war perfekt für uns. Über das staatlich geförderte Programm können wir insgesamt knapp 700.000 Euro Förderung einwerben. Im Februar 2015 haben wir dann das Unternehmen registriert. Wir zogen von der Universität erst einmal ins Start-up-Gebäude auf den Campus. Im April dieses Jahres haben wir dann unseren neuen Standort in der Lothringer Straße bezogen. Wir brauchten einfach mehr Platz, um voranzukommen.

Was hat euch an diesen Räumen überzeugt?

Steve Paschky: Wir hatten einige Anforderungen. Die Nähe zum Institut war uns wichtig, zudem suchten wir nach Gegebenheiten, die eine industrielle Fertigung ermöglichen. Hier haben wir eine große Halle, in der wir forschen und entwickeln können, davon abgegrenzte Büroflächen und auch noch das Potenzial weiter zu wachsen. Es ist auch gut erschlossen und in einem guten Zustand. Wir sind nah an der Universität, mitten in der Stadt und mitten in einem Industriegebiet. Hier trifft alles zusammen. Das Angebot hat gepasst.

Ihr stattet Verpackungen mit gedruckten Funktionen aus. Wofür können das Unternehmen gebrauchen?

Dr. Moazzam Ali: Die Zukunft gehört den „smart objects“, den intelligenten Systemen. Verpackung wird mehr als nur eine Hülle sein. Wir sprechen von „smart packaging“, also intelligente Verpackung. Das Problem bisher ist die konventionelle Elektronik, die sehr teuer ist. Sie ist auch nicht zum Wegwerfen gedacht. Unser Ziel ist, dass wir der Verpackung einen Zusatznutzen hinzufügen. Dazu verwenden wir gedruckte Elektronik. Großer Vorteil ist, dass wir damit die elektronischen Funktionen relativ preiswert aufbringen können und dies direkt mit dem Prozessschritt Verpackungsdruck verbinden. Das können wir überall auf der Welt tun – und zwar mit speziell von uns entwickelten Tinten. Unser Produkt ist also nicht die Verpackung selbst, sondern die Tinte. Jedes Unternehmen, das eine Druckmaschine hat, kann unsere Tinte anwenden. Wir liefern die Tinte und das Know-how zur Verarbeitung, damit die Unternehmen ihre Verpackungen mit gedruckter Elektronik realisieren können.

Steve Paschky zeigt eine Verpackung, die blau leuchten kann und ein Display, das die Uhrzeit anzeigt. Aber nicht nur für Werbezwecke kann die gedruckte Elektronik eingesetzt werden, sondern sie kann auch ganz nützlich sein. Eine Tablettenschachtel kann per Knopfdruck anzeigen, ob das Verpackungssiegel verletzt wurde. „Markenschutz ist ein wichtiges Thema. Das ist ein großer Markt in den Schwellenländern“, ergänzt Dr. Ali.  Die ersten Prototypen und Ideen liegen auf dem Tisch, „es gibt natürlich noch viel mehr Anwendungsmöglichkeiten“, ist sich Paschky sicher. „Jetzt beginnt erst die Diskussion.“

Steve Paschky: Unsere funktionalen Tinten, die wir hier entwickeln, dienen als Basis für zahlreiche Anwendungen, die ganz individuell von den Unternehmen eingesetzt werden. Je nach Land und Zielgruppe können dabei ganz unterschiedliche Ideen entstehen. Zusammen mit unseren Kunden entwickeln wir eine intelligente Verpackung, ohne dass die Unternehmen ihre etablierten Prozesse wesentlich umstellen müssen. Dazu ist natürlich viel Beratung und Transferwissen notwendig. Wie Massenproduktion von Verpackungen funktioniert, wissen die Unternehmen aber besser. Wir sind in der Langzeitperspektive die Zulieferer, die Tintenfabrik.

Was ist das besondere an eurer Tinte?

Dr. Moazzam Ali: Wir kombinieren verschiedene Materialien zu Tinten, die elektronische Eigenschaften besitzen.

Steve Paschky: Wir sind das einzige Unternehmen weltweit, das Tinten anbieten kann, um gedruckte Elektronik mit konventionellen Druckverfahren herzustellen. Wir haben ein System entwickelt, mit dem es möglich ist, die einzelnen Schichten in einem Herstellungsvorgang zu drucken.

Wie schwer ist es für euch, Kunden zu finden und den Markt zu erobern?

Steve Paschky: Im Moment haben wir drei verschiedene Zielmärkte. Viele Anwendungsmöglichkeiten und starkes Interesse gibt es im Bereich Marketing und Promotion. Alles was leuchtet und blinkt, erregt natürlich Aufmerksamkeit. In diesem Bereich haben wir auch erste Kunden. Der zweite Bereich ist hochwertige Verpackung, beispielsweise für Kosmetik oder Elektronikartikel, die Zusatzfunktionen wie Anzeigen oder Ähnliches anbieten kann. Der dritte Markt betrifft den Markenschutz, ein sehr herausforderndes Thema, da die Standards hier sehr hoch und die Entscheidungswege teilweise lang sind. Aber auch hier sind wir in Kontakt mit größeren Unternehmen. Natürlich müssen wir als neues Unternehmen mit dieser innovativen Technik viel Aufklärungsarbeit leisten und unser Produkt erst einmal erklären. Das braucht Zeit.

Das sechsköpfige Team kommuniziert meist auf Englisch und ist international aufgestellt. „Für mich war es sehr einfach, die richtigen Personen für das Team zu finden, da wir schon an der Universität gut zusammen gearbeitet haben“, erklärt Dr. Ali. „Auch für die Zukunft sehe ich es positiv, dass wir eine enge Verbindung zur Universität haben.“ Einige Auszeichnungen hat das junge Unternehmen bereits einheimst. Beispielsweise von der „Initiative Weconomy“. Die Urkunde, eine comicartige Erklärung zu gedruckten Elektronik, hängt in der Büroetage. Auch der Technologiegründerfonds Sachsen ist auf das Unternehmen aufmerksam geworden und beteiligt sich mit einem hohen Investitionsbetrag.

Was hat euch bewogen, mit dem Unternehmen in Chemnitz zu starten?

Dr. Moazzam Ali: Das Unternehmen hat ganz klar seine Wurzeln hier in der Stadt, da es an der Technischen Universität entwickelt wurde. Wir lieben es, hier zu sein. Und wenn wir als Unternehmen schließlich Steuern zahlen, warum nicht hier. Es steht für uns fest, dass unser Headquarters in Chemnitz sein wird.

Steve Paschky: Seitdem wir uns kennen und dieses Unternehmen entwickelt haben, stand fest, dass das Unternehmen hier seinen Sitz haben wird. Wir haben gerade am Anfang sehr viel Unterstützung von Seiten der Stadt und des Landes erhalten: von Prof. Hübler, der Wirtschaftsförderung Sachsen, der SAB sowie der MIB. Das verbindet und wir wollen auch etwas zurückgeben. Chemnitz ist bekannt für Automobilbau, Maschinenbau und Textilindustrie. Aber warum nicht auch als Hotspot für gedruckte Elektronik?

Inwieweit fühlt ihr euch als Gründer in Chemnitz wohl?

Dr. Moazzam Ali: Um ein Unternehmen zu gründen, ist das hier ein sehr guter Ort. Es ist nicht so teuer, es gibt hier viel Platz. Das Thema Verkehrsanbindung ist dagegen sehr schlecht. In der Nacht ist Chemnitz von der Welt abgeschottet. Wir haben vorrangig internationale Kunden. Wenn uns ein Kunde besucht und in der Nacht ankommt, kann er am Leipziger Flughafen landen, muss aber erst einmal in Leipzig übernachten und kann erst am nächsten Morgen seine Reise nach Chemnitz fortsetzen. Das ist ein großes Problem. Wir helfen uns dann damit, dass in den meisten Fällen Steve, der in Leipzig wohnt, die Besucher vom Flughafen persönlich abholt und herfährt.

Steve Paschky: Die Verkehrsanbindung ist wirklich ungünstig. Was mich aber ebenso erschreckt, ist die Aggressivität gegenüber Fremden oder Unbekanntem. Ganz Sachsen leidet unter den rassistischen Eskapaden, die sich hier ereignen. Das muss man in den Griff kriegen, wenn der Freistaat attraktiv für internationale Unternehmen und Investoren sein will. Manche Menschen haben da eine sehr eingeschränkte Sichtweise und haben Angst vor allem, was neu ist. Darüber sollte sich die Politik und Gesellschaft Gedanken machen.

Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Dr. Moazzam Ali: Eigentlich  nicht. Meine Frau und ich lieben Chemnitz. Wir haben hier gute Freunde und fühlen uns wohl. Es ist ruhig hier und es gibt einige schöne Plätze.

Steve Paschky: Chemnitz hat sicher noch Nachholbedarf in Sachen Lebensqualität und Kulturangebot, nichtsdestotrotz sind die Rahmenbedingungen hier durchaus gut. Es ist etwas dran an dem Spruch: „In Chemnitz wird das Geld verdient, in Leipzig wird‘s vermehrt und in Dresden ausgegeben.“ In Chemnitz gibt es eine lange Industrietradition. Leipzig ist stark im Handel und Tourismus. Dresden hat seine attraktive Altstadt. Dabei hat sich die Innenstadt hier auch gut entwickelt. Sicherlich wurden gerade in den 1990er Jahren ein paar Fehlentscheidungen in Sachen Stadtentwicklung gemacht, aber man versucht dies nun zu korrigieren, was auch die Wiederbelebung des Brühls zeigt. Daneben bilden gerade die Stadtteile Schloßchemnitz und der Kaßberg eine hohe Lebensqualität, was sich sicher in den kommenden Jahren mit einer entsprechenden wirtschaftlichen Entwicklung noch ausdehnen dürfte. Gerade bei der Entwicklung des Campus- und Universitätsgeländes ist dies gut zu beobachten. Wie bereits erwähnt, sollte ein Augenmerk auf den Ausbau der überregionalen Anbindungen mit den sächsischen Ballungszentren gelegt werden. Gerade für Unternehmen, wie uns, die nicht ausschließlich auf lokalen Märkten unterwegs sind, ist dies ein großer Wettbewerbsnachteil. Mut machen sollte sicher die Tatsache, dass sich die Stadt wirtschaftlich gut entwickelt, was sich auch in der Entwicklung der Bevölkerungszahlen widerspiegelt.

11 0 20. Juli 2016 gepostet am

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