Roland Kaiser
Organisations-Team Deutsche Straßenradsportmeisterschaft

Macher der Woche

Ein Leben für den Radsport

Wenn am Freitag 14 Uhr der erste Startschuss der Deutschen Straßenradsportmeisterschaft fällt, steht Roland Kaiser sicher an der Strecke. Für ihn geht eine aufregende, aber auch nervenaufreibende Zeit zu Ende. In den vergangenen Monaten hat er mit weiteren Verantwortlichen das sportliche Großereignis der Stadt geplant. Er ist im Organisationsbüro der Stadt zuständig für den sportfachlichen Bereich der Veranstaltung. Mit der Deutschen Straßenradsportmeisterschaft ist sein organisatorisches „Ende der Fahnenstange“ erreicht.

Herr Kaiser, noch zwei Tage bis zur Deutschen Straßenradsportmeisterschaft. Sind Sie schon aufgeregt?

Roland Kaiser: Ich will mal sagen: ich bin in freudiger Erwartung. Aber aufgeregt eher nicht. Dafür bin ich schon zu lange in dem Geschäft.

Aber es ist schon die größte Radsportveranstaltung, die Chemnitz erlebt hat?

Das muss ich verneinen. Es gab schon von 1991 bis 1996 Olympia- und Weltmeisterschaftsrevanchen auf der Bahn im Sportforum. Bei den Veranstaltungen waren bis zu 6.300 Zuschauer anwesend. Das ist sehr gut angenommen worden. Wir haben zwei Deutsche Meisterschaften in Einsiedel für die Männer U23 durchgeführt. Dazu kommen 25 Erzgebirgsrundfahrten. Das ist eine Zahl, die man nicht so schnell erreicht und auf die man als Organisator stolz sein kann.

Und der 77-Jährige muss es wissen. Der seit vielen Jahren ehrenamtlich tätige Radsportfunktionär engagiert sich auch nach seinem Berufsleben, in der er u.a. Trainer war, beim Chemnitzer Polizeisportverein (CPSV) in der Sektion Radsport. Früher als Sektionsleiter, jetzt als Organisationverantwortlicher und Sponsorenbetreuer. Mit ihm fanden die Bahnwettkämpfe und Radsportkriterien in Chemnitz statt, von 1991 bis 1998 freute er sich mit tausenden Zuschauern über die WM- und Olympiarevanchen auf der Radrennbahn im Sportforum und seit 23 Jahren ist er in der Organisationsleitung des Traditionsrennens „Erzgebirgsrundfahrt“ tätig.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Deutschen Straßenradsportmeisterschaften in Chemnitz auszurichten?

Das ist nicht mein Verdienst. Die beiden Radsportvereine, der CPSV und der Radsportverein Chemnitz (RSV), wurden zu einem Termin der Stadt geladen, bei der die Frage erörtert wurde, ob die Veranstaltung in Chemnitz machbar wäre oder nicht. Die Stadt hat dann den Wunsch geäußert, eine so große Veranstaltung hier in Chemnitz durchzuführen. Aber nur mit uns beiden Vereinen.

Wie arbeitsintensiv waren die letzten Monate bzw. Wochen für Sie?

Ich habe mich ein bisschen vertan. Ich habe den Aufwand mit der Erzgebirgsrundfahrt verglichen. Aber das ist nicht vergleichbar. Die Deutschen Straßenradsportmeisterschaften sind aufwendiger an Arbeit, Arrangement und Einbeziehung vieler Entscheidungsträger

Aufgrund fehlender Erfahrung bei solchen Großereignissen gestaltete sich die Organisation und die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten kompliziert. Nichts destotrotz werden wir gemeinsam eine gut vorbereitete nationale Radsport-meisterschaft über die Bühne bringen.

Ist Chemnitz mit der langen Radsporttradition ein würdiger Gastgeber dieser Meisterschaft?

Aus meiner Sicht würde ich das bejahen. Die große Tradition beginnt schon vor dem zweiten Weltkrieg: mit den drei großen Radsportfahrradwerken Presto, Wanderer und Diamant. Sie hatten eigene Profimannschaften mit, zum damaligen Zeitpunkt guten Fahrern. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir versucht, diese Tradition wieder zu beleben. Viele erfolgreiche Radsportler kamen aus Chemnitz. Beispielsweise sind aus der jüngeren Geschichte zu nennen: Michael Hübner, sechsfacher Weltmeister, und Matthias Wiegand, zweifacher Weltmeister. (Roland Kaiser zeigt auf die Fotowand hinter ihm). Und das ist die jüngste Generation, die mit Weltmeistertiteln und hervorragenden Ergebnissen auf sich aufmerksam macht: Stefan Bötticher, Joachim Eilers und Max Niederlag.

Spüren Sie schon eine Begeisterung in Ihrem Umfeld für das Rennwochenende?

Es gibt geteilte, auch extrem auseinandergehende Meinungen. Von hellauf begeistert und euphorisch zu der Sache bis total ablehnend. Mancher Ärger ist verständlich, beispielsweise Erschwerungen durch Straßensperrungen. Wir bitten die Chemnitzer Bevölkerung um Verständnis und vorbehaltlose Unterstützung.

In Städten wie New York, Boston, London, Paris, Berlin werden mindestens einmal jährlich solche Großveranstaltungen durchgeführt, die den Verkehr beeinträchtigen und die Einwohner kommen damit auch zurecht. Wenn sie das schaffen, können wir das doch auch. Zumal es wohl eine einmalige Sache ist. Die Deutschen Straßenradsportmeisterschaften wird es, so denke ich mal, in den kommenden 15 oder 20 Jahren nicht wieder in Chemnitz geben.

Auf was freuen Sie sich an dem Wochenende am meisten?

Auf energiegeladene kampfbetonte Wettkämpfe ohne Zwischenfälle und am Ende auf eine gelungene Deutsche Meisterschaft für die Region, die Stadt und uns als Vereine.

Werden Sie Schlaf finden an dem Wochenende?

Also das muss schon sein. Ich will ja das komplette Wochenende durchhalten.

Gehen Chemnitzer Radsportler bei den Meisterschaften Ende Juni an den Start?

Chemnitzer Sportler in dem Sinne nicht. Mit Marcus Burghardt tritt ein Lokalmatador an. Er begann mit dem Radsport im RSV 54 Venusberg im Erzgebirge und

trainierte viele Jahre unter Bert Dressel in unserem Verein. Also hier in Chemnitz. Wer  von den Nachwuchsleuten aus unserer Region noch an den Start gehen wird, wissen wir nach dem Meldeschluss. Sie werden aber  mit dem Ausgang des Rennens, also den ersten Plätzen, nichts zu tun haben.

Warum machen Sie das noch als Pensionär, sich so ein Projekt aufzuhalsen?

Die Frage ist sehr gut (lacht). Als wir die 38. Erzgebirgsrundfahrt am 14. Mai beendet hatten, habe ich gesagt, dass ich mit der Deutschen Straßenradsportmeisterschaft meine letzte größere Sache machen werde und danach Schluss ist. Einfach, weil ich merke, dass die notwendige Energie und Kraft weniger wird. Darum muss ich endlich mal sagen, dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist.

Wir suchen noch ein, zwei Mann, die die Geschichte fortführen. Vor allem die Erzgebirgsrundfahrt. Die soll Bestand haben. Für uns ist es existentiell, so einen wichtigen Wettkampf zu haben. Weil wir dort auch unser Geld für den Nachwuchsbereich einspielen. Das möchten wir natürlich gern am Leben erhalten.

Zumal die Erzgebirgsrundfahrt als sehr anspruchsvoll gilt?

In der Wettkampfserie „Bundesliga“ ist es mit das schwerste Rennen. Die Funktionäre vom Bund Deutscher Radfahrer (BDR) sind immer wieder stark daran interessiert, die Erzgebirgsrundfahrt im Wettkampfkalender zu haben. Weil sich hier keiner verstecken kann. Alle müssen sie über den Berg. Hier stellt sich heraus, wer ein kompletter Fahrer ist. Der, der alles kann: Bergfahren, Flachfahren, Sprinten, Taktieren.

Wir haben uns in den vergangenen Jahren mit der Erzgebirgsrundfahrt eine Lobby erworben, die einzigartig ist. Wir werden von allen Seiten stark gelobt. Von den Wettkämpfern über die Teamchefs bis zum BDR.

Waren Sie selber aktiver Radfahrer?

Nein, ich komme vom Radball. Habe in Chemnitz/Reichenhain begonnen und dann während meines Studiums in Leipzig gespielt. 1965 wurden alle nichtolympischen Disziplinen aus dem Fördersystem der DDR ausgegliedert. Dadurch bin ich zum Deutschen Radsportverband gekommen und habe in Leipzig das wissenschaftliche Zentrum des Verbandes mit aufgebaut. 1969 bin ich nach Karl-Marx-Stadt zurück und habe als Trainer gearbeitet. Meine Trainerkollegen Willy Gruß und Werner Marschner sowie unser Clubleiter vom SC Karl-Marx-Stadt Heinz Gensel haben mich kollegial sehr gut unterstützt.

Wo sehen Sie den Radsport in Chemnitz in den kommenden Jahren?

Wir haben in den vergangenen drei, vier Jahren unabhängig von den Spitzenleuten eine gute Entwicklung genommen, auch im Nachwuchsbereich. Wir haben Trainer, die engagiert arbeiten. Dadurch können wir uns darauf verlassen, dass in den kommenden Jahren ordentliche Leistungen gebracht werden. Ich denke auch, dass der Zusammenhalt der beiden Vereine – RSV Chemnitz und Chemnitzer PSV – ein anderer geworden ist und so bessere Voraussetzungen für leistungsstarke Abteilungen in allen Altersklassen geschaffen worden sind.

0 0 21. Juni 2017 gepostet am

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