Meine Geschichte

Enttäuschung nach dem 7. Oktober 1989 in Karl-Marx-Stadt (40. Jahrestag der Republik)

von D. Jörg List
Damals am: 7. Oktober 1989

Nach knapp einem Jahrzehnt lag im Sommer und Herbst für eine kurze Zeit Veränderung in der Luft von Karl-Marx-Stadt bis Berlin. Doch einiges war anders. Ich hatte Angst, wir hatten Angst, (fast) alle hatten Angst. Im Vorfeld des 40. Jahrestages der DDR wurde viel gemunkelt über das Neue Forum. Ich hatte nichts mit dem NF zu tun –außer zu sympathisieren-, wusste nur, dass der Theater-Direktor eine Resolution des NF im Kino Luxor Palast verlesen wollte. Mit meiner Frau, meinem sechsjährigen Sohn und einem Bekannten fuhr ich mit der Straßenbahn in das Stadtzentrum meiner Heimatstadt Karl-Marx-Stadt. Aus Vorsichtsgründen trennten wir uns. Meine Frau ging auch nicht zu den offiziellen, üblichen Veranstaltungen, sondern in die Buchläden. Der Bekannte und ich näherten uns dem Veranstaltungsort und umliefen erstmal zur Erkundung der Situation. Das was ich sah, gefiel mir nicht. Das hatte ich vorher noch nie bei uns gesehen! Neben dem Veranstaltungsort waren viele Busse geparkt mit Genossen unserer Kampfgruppen. Viele waren schon angetreten oder in Warteposition – nur worauf? An allen strategischen Punkten waren Volkspolizisten aufmarschiert, so an der Straßenkreuzung, an Einmündungen, gegenüber vom Kino. Und über uns allen kreiste niedrig ein Hubschrauber mit Videokamera. Auf den anliegenden Dächern waren Beobachtungsposten, z.T. auch  mit Kameras. Dazu sperrte eine ganze Reihe von Lederol-Männern (so ähnlich wie die Gestapo-Leute in Ledermänteln im 3. Reich), von denen wir wussten: das sind Stasi-Leute, den Veranstaltungsort und den Vorplatz komplett ab.. Diese Lederol-Männer standen Arm an Arm nebeneinander, nur in der Mitte ließen sie eine kleine Öffnung, wo man hindurch musste, wenn man hinein wollte, falls man sich überwinden konnte. Ich wollte und konnte, hatte aber ein sehr flaues Gefühl in meiner Magengegend. Wir wahrscheinlich die meisten anderen von uns auch. Also ging ich durch diese Drohkulisse durch und hinein. Auf dem Vorplatz waren ca. 500 bis 900 DDR-Bürger. Auf Grund seiner imposanten Erscheinung (1,90 m, 110 kg, Ex-Leistungssportler) sah ich aus einer Gruppe den Bruder meiner Frau herausragen. Ich schlich mich von hinten an, wahrscheinlich meine spezielle Art mit so einer Lebenssituation um zugehen. Von hinten tippte ich ihm ganz cool auf seine Schulter und sagte in nahezu perfektem DDR-Amtsdeutsch und mit pseudo-polizeilichem Befehlston „Bürger ihren Personal-Ausweis, bitte“. Die 110 durchtrainierten kg meines Schwagers zuckten zusammen, sehr sogar, so als hätte er ein Starkstromkabel berührt. Dann drehte er sich sehr blaß, nein kreideweiss, um. Nun habe ich ja schon gesagt, dass dies meine spezielle Art war, in dem Fall wurde ich dadurch gerade ziemlich locker. Aber als ich meinen Schwager so grundtief erschrecken sah, erschrak ich endgültig selbst. Ich dachte sofort, wenn dieser große, kräftige Kerl (er ist auch fast 10 Jahre älter, damit erfahrener) schon solche Angst hat- dann, ja dann wird unsere Situation wohl noch gefährlicher sein…

Ich selbst ließ mir allerdings nicht anmerken, dachte ich jedenfalls. Um mit dieser Situation besser umzugehen, versuchten wir uns locker, aber ziemlich leise zu unterhalten und uns auszutauschen. Jeder von uns kannte die meisten Gruppierungen von vielen Treffen oder Szene-Veranstaltungen. Untereinander konnten wir uns –eingeschränkt- vertrauen. Jeden den wir nicht kannten, oder den andere Gruppierung nicht kannten, ordneten wir zivilen MfS-Leuten zu, da unsere Szene relativ überschaubar war. Immerhin 300.000 Einwohner hatte damals Karl-Marx-Stadt und im weiteren Einzugsgebiet (Landkreis, Erzgebirge) wohnten insgesamt so 1 Mio DDR-Bürger. Und nun hatten sich hier weniger als 1 Promille an engagierten Karl-Marx-Städtern eingefunden. Weder draußen auf dem Vorplatz, noch drinnen im Kino passierte etwas. Wir pendelten immer abwechselnd zwischen beiden. Im Kino gab es Vorführungen vom Theatertechniker Frieder P.. Dann hat wohl unser Theaterchef eine Erklärung abgegeben, aber wohl die verabschiedete Resolution vom NF nicht verlesen. Da nichts Entscheidendes mehr passiert ist, verblassen hier nach fast 20 Jahren meine Erinnerungen.

Danach zerstreuten wir uns und gingen nach Hause. Ich kam zu Hause sehr enttäuscht, frustriert, resigniert an. Weil ich jetzt wusste, hier in diesem Land, wird sich nie etwas ändern! Wenn sich weniger als 1 von Tausend Bürgern dafür interessieren bzw. sich trauen, dann wird das wohl niemals ausreichen zur Veränderung, dann bleiben wir immer eine Minorität. Aber ich dachte auch bzw. befürchtete, dass die Majorität eben doch zufriedener ist als von mir eingeschätzt. Zu Hause erfuhr ich dann, dass nicht alle von uns sofort nach Hause gegangen sind, sondern als Schweige-Demo zur Zentralhaltestelle gepilgert sind. Diese soll dann  mit Polizeigewalt und Wasserwerfern aufgelöst worden sein.

Am Abend trafen wir uns mit Freunden in Aue (Handball-Oberliga, Georg) und ich berichtete im kleinen Kreis über die heutigen Erlebnisse. Und selbst dort unter Freunden, nur ca. 40 km von Kmst. entfernt, war ich mit meinem Denken ein Außenseiter. Meinem Bericht wurde nicht wirklich geglaubt. Und die Bedeutung heruntergespielt. Damit wuchs meine Resignation noch mehr. Und als wir dann in den Nachrichten die Berichte über die Feierlichkeiten in Berlin, die bestellten Demos und die Bilder vom unsäglichen Fackelmarsch „unserer“ FDJ-Jugend mit entsprechender Begleitmusik (wie im 3. Reich)gemeinsam ansahen, da brach in mir eine Welt zusammen. Da spürte ich so stark wie nie vorher und nie hinterher die bleierne Zeit des Sozialismus. Und ich verlor jegliche Hoffnung. An eine  Veränderung war aus meiner Sicht überhaupt nicht mehr zu denken. Die bleiernen Jahre hatten mich / uns nun wohl endgültig…

An dieser Stelle möchte ich festhalten, dass dies eben meine Erfahrungen als Individuum sind. Es wird viele weitere, auch andere geben.

Dass es schon ein paar Wochen später ganz anders aussah, ahnte ich damals nicht. Aber das sollte einmal eine der größten, friedlichen, positivsten Veränderung werden, für uns in der ach so kleinen DDR, und eine weltgeschichtliche für uns alle.

Auszug aus einem Romanfragment „Die wunderbaren Jahre von Karl-Marx-Stadt

Über den Author:

Karl-Marx-Städter Jahrgang 1957

9 0 17. November 2014 gepostet am

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