Dr.-Ing. Micaela Schönherr
Geschäftsführerin NILES-SIMMONS Industrieanlagen GmbH

Macher der Woche

Habt einfach mal Selbstvertrauen!

Besucht man das Unternehmen Niles-Simmons an der Zwickauer Straße, betritt man ein Herzstück der modernen Chemnitzer Wertschöpfung und spürt sofort die Internationalität des Unternehmens. Ein Global Player, wie er im Buche steht, möchte man meinen und das nicht nur, weil am Empfang ein lupenreines Englisch gesprochen wird. Niles-Simmons, vor der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten als VEB Großdrehmaschinenbau „8. Mai“ auch über die Grenzen des damaligen sozialistischen Wirtschaftsgebietes bekannt, ist auch historisch betrachtet ein wesentlicher Teil der vom Maschinenbau geprägten Stadtindustrie. Daher ist es keine Überraschung, dass die betrieblichen Wurzeln des Unternehmens hier in Sachsen zu finden sind und die vielschichtigen firmengeschichtlichen in den Vereinigten Staaten und Berlin. Alles in Allem ist das Unternehmen im Stadtteil Siegmar eine Macher-Domäne!
Und es ist ein Vergnügen, Micaela Schönherr hier zu treffen. Angenehm unkompliziert ist die Begrüßung und trotzdem geschäftsmäßig. Die Promotion und der Titel Dr.-Ing. sind zwar wichtig in ihrem Leben, weil sie stolz darauf ist, in einem relativ schwierigen Fach diese Leistung geschafft zu haben. Ein großes Thema darum macht sie nicht. Viel leichter fällt da die Vereinbarung zum rubrikbestimmenden „Du“ und man merkt, dass hier zwar eine tatkräftige Macherin die Geschäfte führt, allerdings eine, die sich einen Blick für die bodenständigen und aufrichtigen Dinge bewahrt hat. Mit Respekt nimmt man zur Kenntnis, dass die vielbeschäftigte Mutter zweier erwachsener Kinder ein Lesepensum von zwei bis drei Büchern im Monat habe. Das sei ihre Entspannung sagt sie und es entsteht ein mehr als interessantes Gespräch.

Du hast gesagt, Du kommst aus Chemnitz. Bist Du hier geboren?
Geboren bin ich in Zwickau, nicht weit weg, aber seit dem zweiten Lebensjahr lebe ich in Chemnitz.

Wie modern ist Chemnitz für Dich?
Für mich ist Chemnitz eigentlich sehr modern. Ich finde es wirklich ein bisschen schade, dass viele Chemnitzer das nicht so empfinden. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass man, wenn man viel in der Welt unterwegs ist – und dafür muss man nicht mal ins Ausland gehen, da kann man auch in Deutschland unterwegs sein -, Chemnitz ganz anders kennen und schätzen lernt. Chemnitz hat eine tolle Innenstadt mittlerweile und eine super Lebensqualität. Bedauerlich finde ich, dass dieses Gefühl eben nicht von der breiten Bevölkerung wahrgenommen wird. Und ich finde es auch bedauerlich, dass so diese Anfänge ein bisschen eingeschlafen sind. Da ist ja vieles wirklich richtig gut gewesen, auch was die Kunst-, Kultur- und Musikszene betrifft.

Woran liegt das?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, da gibt es einige Faktoren. Der erste ist, dass die Stadt es zur damaligen Zeit nicht verstanden hat, solche Locations und Events, die es schon mal gegeben hat, zu halten. Da waren das Splash und das VOXXX, wir hatten das Bukowski und so weiter. Und es wurde auch nicht verstanden, dass das zu einer lebendigen Stadt gehört. Es wird heute viel dafür getan, so etwas wieder zu beleben – aber das ist so im Leben: Wenn eine Location oder ein bestimmtes Event einmal tot ist, kann man es ganz schwer wiederbeleben in einer ähnlichen Art und Weise.

Gibt es auch positive Beispiele? Und welches Lebensgefühl hast Du in Chemnitz?
Es gibt eine tolle Kunstszene! Mit Frau Mössinger haben wir wirklich einen Star in der Stadt. Die hat Ausstellungen nach Chemnitz geholt, die sind international absolut beachtenswert. Wir haben eine Infrastruktur, die ist topp. Es finden Events statt, von denen gar nicht jeder weiß, was letztlich angeboten wird. Man kann in einem Loft an der Chemnitz wohnen – das könnte niemand in München, Berlin oder Hamburg bezahlen. Das gehört zu einer guten Lebensqualität. Das Problem ist, glaube ich, dass man es noch nicht geschafft hat, dass in die Chemnitzer Bevölkerung zu transportieren.

Wie sehen das die Chemnitzer? Ist das ein Problem aus dem Stadtmarketing?
Wir hatten generell ein Problem im Stadtmarketing. Es war doch so: Wenn man irgendwo unterwegs war und gefragt wurde, „Wo kommst Du her?“, dann hat man erst leise „Chemnitz“ gesagt und wenn dann der Gegenüber nicht so richtig wusste, wo das ist, hat man gesagt: „Naja, in der Nähe von Dresden oder Leipzig“. Das haben wir abgelegt, weil das in unserer Branche total anders ist. Wir arbeiten vor allem international.
Chemnitz ist eine tolle Stadt, die drittgrößte Stadt in den Neuen Bundesländern – das muss man sich mal vorstellen. Vergleichbar große Städte in den Alten Bundesländern – die muss man suchen, die letztendlich so eine Struktur haben. Vielleicht ist das gar keine Frage ausschließlich des Stadtmarketings. Es ist eine Frage, erstens des Stadtmarketings und dann muss man auch ein bisschen die Mentalität der Menschen betrachten. Die Altersstruktur der Leute. Wir haben auch eine Bodenständigkeit, eine Standortverbundenheit – ich glaube, viele Leute sind auch noch gar nicht herausgekommen, damit sie einen Vergleich ziehen können.

Das traditionsreiche Maschinenbau-Unternehmen NILES-SIMMONS wird als großer Arbeitgeber wahrgenommen und als Unternehmen, das es schon immer hier gab. Welche Berührungspunkte von NILES-Simmons gibt es mit Chemnitz? Könnte NILES-Simmons auch woanders sein oder braucht es die Stadt dafür?
Also ich glaube nicht, dass NILES woanders sein könnte oder die Entwicklung so nicht genommen hätte, wenn wir woanders gewesen wären. Wir sind ja NILES-SIMMONS-HEGENSCHEIDT und einmal NILES und wir stellen Werkzeugmaschinen her. Das ist vielleicht nicht für jeden verständlich: Die Werkzeugmaschine ist eine Maschine, auf der wiederum Teile für Maschinen hergestellt werden. Wir stellen zum Beispiel Maschinen her, auf denen die Kurbelwellen für die Automobilindustrie produziert werden. Wenn Du zum Beispiel einen VW fährst, einen Audi, einen BMW oder Mercedes, ist es sehr wahrscheinlich dass die Kurbelwelle, die das Herzstück des Motors ist, auf einer Maschine von NILES hergestellt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Luftfahrtindustrie: Auf unseren Maschinen – das ist dann High-End-Technologie – werden Bauteile für die Landing Gears, die Fahrwerke der Flugzeuge, hergestellt. Wir beliefern weltweit auch die Zuliefer- oder Eisenbahn-Industri.

Du hast es schon ein bisschen vorweg genommen, aber ich stelle die Frage trotzdem: Wozu benötigt man in einer Informations- und Dienstleistungsgesellschaft wie unserer noch eine Drehmaschine?
Ich sage es mal so: Wir sind keine Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Das ist erstmal Fakt. Und die wertschöpfende Industrie oder übrigens auch die Werkzeugmaschinenindustrie – und da hat Deutschland weltweit leider nicht mehr den Platz 1 wie bis 2008 – oder auch die Entwicklung und Produktion von Werkzeugmaschinen ist eigentlich das Kernstück einer jeden betriebswirtschaftlich betrachteten Industrie oder der Brutto-Wertschöpfung. Ohne Ingenieursleistungen oder -wertschöpfungen ist letztlich das allgemeine Leben, die Entwicklung des Konsums gar nicht denkbar. Weil das die materiell-technische Basis ist, auf denen Konsumgüter im Endeffekt – Produkte, die wiederum Produkte erzeugen – hergestellt werden. Unseren Add-on in Chemnitz sehe ich darin, dass wir eine moderne Industriestadt sind. Wir werden nie eine Kulturstadt wie Dresden werden oder eine Handels- und Medienstadt wie Leipzig. Oder eine Hauptstadt wie Berlin. Letztlich muss man sich für den eigenen Standort überlegen, was unser Vermögen, unsere Aktivposten sind. Unser Asset ist die wertschöpfende Industrie und wir haben hier geniale Bedingungen. Die findest Du fast nirgendswo auf der Welt. Und ohne Ingenieurskunst, ohne Naturwissenschaften bewegt sich gar nichts.

Wäre das Alleinstellungsmerkmal also, dass Chemnitz eine moderne Industriestadt ist?
Für meine Begriffe, ja. Wir sind Wirtschaftsstandort. Wirtschaft erzeugt Wertschöpfung, erzeugt Pro-Kopf-Einkommen, zieht junge Leute an und ich sage jetzt mal: Diese Naturwissenschaften, diese Ingenieurskunst sind eigentlich die Krönung der Schöpfung.

Das heißt, man hat viele Entwicklungschancen, wenn man zum Beispiel als Ingenieur von der Uni kommt?
In jedem Fall. Aber der Standort Chemnitz muss sich fokussieren auf diesen modernen Industriebegriff oder diesen modernen Industriestandort. Es müssten vielmehr Ansiedlungen von wertschöpfenden Industrien stattfinden. Dafür gibt es das Fraunhofer Institut hier, wir haben die TU hier. Eine Industrie wie unsere könnte ohne Universitäten und Hochschulen gar nicht existieren. Vor dem II. Weltkrieg hatten wir in Chemnitz das größte Pro-Kopf-Einkommen in ganz Deutschland. Wie ist das denn letztlich entstanden? Warum waren so viele Industrielle in Chemnitz? Da gab es damals den Industrieverein, die erste Universität in Deutschland, die Freiberger Universität, wurde aus einem industriellen Hintergrund gegründet. Es wurde die Gewerbeschule durch den Industrieverein gegründet, aus der sich die heutige Technische Universität in Chemnitz entwickelt hat. Das hat junge Leute angezogen. Das hat Bildung gebracht, das hat Bildungsbürgertum erzielt, hier wurde Geld verdient. Das kann man auf die heutige Zeit mit Sicherheit nicht übertragen. Aber die Idee, die dahinter steht, die ist absolut richtig und die muss in ein modernes Kleid gebracht werden.

Kann das die strategische Vision für Chemnitz sein?
Das muss die strategische Vision sein, aus meiner Sicht.

Gibt es die heute schon?
Also wir versuchen im Industrieverein das rüberzubringen. Junge Unternehmer, Start-Ups im Entwicklungsbereich, im wertschöpfenden Bereich – die müssen hier angesiedelt werden. Dann kommen junge Leute, dann wird Einkommen entwickelt in der Stadt und damit kommt dann auch Kultur und Mäzenatentum. Wir werden kein Leipzig oder Dresden, sondern wir müssen unseren eigenen Weg finden und der ist ganz einfach dort, wo wirtschaftliche Tätigkeit stattfindet und Geld verdient wird, dort gehen die Leute hin, denn die Umfeldbedingungen stimmen.

Gibt es eine besondere Stimmung, die Du mit Chemnitz verbindest?
Nein, eigentlich nicht. Es gibt so viele Möglichkeiten. Natürlich gehört dazu der Freundeskreis, natürlich gehört dazu die Familie. Ich sage nur: Man kann, wenn man die entsprechenden Leute oder Locations kennt, genauso – vielleicht nicht in der Breite wie in Berlin oder in Hamburg – aber seine Nischen finden und sein Leben hier interessant, aufregend und – wenn man das will – auch ruhig gestalten.

Wie würdest Du den Chemnitzern Mut machen?
Mut würde ich gar nicht sagen. Ich würde sagen: Habt einfach mal Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Weil es letztlich eine gute Stadt ist.

18 0 7. Mai 2014 gepostet am

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