Lydia Thomas
Künstlerin

Macher der Woche

Hier gibt es noch wirklichen Underground

Die junge Chemnitzer Malerin Lydia Thomas hat als eine der Besten ihr Studium an der Akademie der Bildenden Künste in München abgeschlossen. Sie kennt europäische Städte wie Lissabon und Tampere durch ihre Künstleraufenthalte mittlerweile recht gut. Trotzdem ist sie zurück in ihre Geburtsstadt gekehrt und erzählt uns, warum sie in Chemnitz besonders gut arbeiten kann. Demnächst wird sie auch auf Plakaten für die Stadt werben. „Selbstverständlich“ war das für sie.

Nach deinem intensiven Studium, was hast du als erstes getan?

Ich hatte danach gleich wieder viel zu tun, habe wieder gemalt. Es gab gar nicht dieses Loch nach dem Studium, wie das manche beschreiben.

Du bist nach Chemnitz zurückgekehrt, hast hier dein Atelier. Gab es  einen Grund für die Rückkehr?

Chemnitz ist für mich mein Zuhause. Ich kann hier unheimlich gut arbeiten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass man dort, wo man geboren ist, am meisten man selbst ist. Hier habe ich die besten Energien. Woran das genau liegt, weiß ich auch nicht.

Lydia Thomas wurde 1987 in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie entdeckte schon zeitig ihre Freude am Malen, begann eine Ausbildung zur gestaltungstechnischen Assistentin. 2009 ging sie für das Studium der Malerei an der Akademie der Bildenden Künste nach München. Sie war Meisterschülerin von Frau Professor Anke Doberauer. Ihre Diplomarbeit waren zwei Gemälde mit jeweils einer Fläche von 20 Quadratmetern.

Wie sieht das Arbeiten für dich hier in Chemnitz aus?

Ich laufe von meiner Wohnung mit meinem Hund durch den Stadtpark ins Atelier. Das ist schon mal schön. Meistens arbeite ich nachts. Da habe ich meine Ruhe. Die Arbeit selbst verläuft in Etappen. Es gibt Zeiten, da arbeite ich richtig intensiv. Dann schaffe ich einen bestimmten Abschnitt. Und danach brauche ich auch wieder ein paar Tage, die nicht so gefüllt sind.

Wie motivierst du dich?

Ich brauche gewisse Ziele wie Ausstellungseröffnungen oder so. Da ist die Arbeit kurz zuvor schon sehr exzessiv. Die Bilder sind teilweise noch nass und werden schon abgeholt. Ein wenig Chaos und Zeitdruck gehört dazu.

Wie perfekt muss dein Bild denn sein?

Ich lebe damit, dass Bilder nicht perfekt sind. Das gehört für mich zu den Bildern dazu. Und wenn jemand etwas daran kritisiert, dann nehme ich mir das auch an. Ich versuche mich daran weiterzuentwickeln.

Die Werke von Lydia Thomas zeigen oftmals Menschen, die in ihrer Arbeit oder in ihrem Tun versunken sind. Surreal, skizzenhaft und doch sehr ausdrucksstark. „Der Betrachter muss das Werk fertig machen“, sagt sie und will gar nicht zu viel zur Interpretation beitragen. Auch außergewöhnliche Motive wie pilzförmige Räuchermänner oder ein bronzeartiger Guss eines Beichtstuhls hat sie geschaffen. Ausstellungen plant sie in den kommenden Monaten zum Beispiel für Dresden. In Chemnitz ist die Galerie Weise ihr erster Ansprechpartner.

Wie findest du deine Motive?

Die Dinge begegnen mir. Das sind alles Personen oder Gegenstände aus meinem Umfeld. Ich merke mir das, behalte es im Kopf und arbeite das dann ab.

Bekommst du in Chemnitz auch künstlerische Impulse?

Ich nehme keine konkreten Motive aus der Stadt auf. Aber sicherlich im Unterbewusstsein beeinflusst sie mich schon.

Was macht für dich Chemnitz aus?

Die Stadt ist unfertig. Das macht es interessant. Und die Atmosphäre ist schon etwas rauer. So fertige Städte sind auch schön, aber für Künstler ist es spannender, wenn sich noch etwas verändern kann. Hier kann man noch selbst etwas machen. Hier gibt es noch einen wirklichen Underground.

Welches Motiv würdest du für ein Bild über Chemnitz verwenden?

Spontan? Die Stadthalle! Diese schrägen Muster an der Fassade. Das ist irre.

Lernst du auch andere Chemnitzer Künstler kennen?

Klar. Dagmar Ranft-Schinke ist eine tolle Künstlerin. Mit ihr zusammen und dem Lyriker Hans Brinkmann habe ich eine Grafikmappe gemacht. Sicherlich ist mein Netzwerk noch lückenhaft. Bernd Weise von der Galerie Weise ist natürlich mein wichtigster Ansprechpartner hier in der Stadt.

Ist es schwer als junger Mensch sich in der Chemnitzer Kunstszene zu etablieren?

Der Anfang ist sicherlich schwierig. Sich für ein Leben als Künstler zu entscheiden, ist schon gewagt. Das überlegt man sich. Aber es gibt  tolle Plattformen in der Stadt, wie die Begehungen. Und wenn man wirklich will, findet man hier gute Unterstützung.

Lässt es sich hier auch gut leben?

Auf jeden Fall. Es gibt hier alles. Wenn ich meine Ruhe haben will, habe ich einen ruhigen Ort zum Zurückziehen. Wenn ich Leute um mich haben will, treffe ich mich mit Freunden.

Du warst Artist in Residence in der finnischen Partnerstadt Tampere. Was hast du bei diesem Austausch gelernt?

In den vier Wochen, in denen ich dort war, habe ich schon viele Gemeinsamkeiten zwischen Tampere und Chemnitz festgestellt. Gefühlt funktionieren die Städte sehr ähnlich. Die Wertschätzung der Kunst ist dort vielleicht sogar noch höher. Das Arbeiten hat dort wunderbar funktioniert. Ich hatte eine richtig gute Unterkunft und faszinierende Eindrücke. Es war sehr schön.

Wo hängt ein Bild von dir, worüber du dich selbst am meisten freust?

Ich freue mich immer, wenn ein Bild von mir irgendwo hängt. Bisher gibt es einige private Sammler. Aber eines meiner Gemälde befindet sich auch im Sächsischen Landtag. Das ist sogar eins, was in Tampere entstanden ist. Natürlich freue ich mich, wenn es viele Leute sehen. Und vor allem große Flächen finde ich interessant.

Warum machst du bei der Plakatkampagne der Stadt mit?

Das war für mich selbstverständlich. Ich bin hier geboren, ich arbeite und wohne hier, weil es mir hier gut gefällt. Warum also nicht?

Hast du Ziele, die du bis 2025 erreichen willst?

Ich habe mir auf jeden Fall künstlerisch Ziele gesteckt. Ich male gerne auf großen Formaten, so wie bei meiner Diplomarbeit. Als Künstler bewege ich mich ganz anders bei einem so großen Format. Es ist auch sehr anstrengend. Aber ich würde schon so etwas Großes gern noch einmal machen. Ein Fresko auf einer Hauswand, das wäre ein spannendes Projekt.

Wie sieht Chemnitz im Jahr 2025 aus?

Ich hoffe, Chemnitz wird bis dahin noch richtig bunt. Nicht Grau. Nicht Beige. Bunt!

11 0 24. März 2017 gepostet am

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