Dr. Tina Kießling
KiSS

Macher der Woche

Im Karussell der Sportarten

An einem sonnigen Vormittag in einem Neubaugebiet im Stadtteil Adelsberg: Zeitgenössische Häuser mit wohl gepflegten Vorgärten und modernen Autos reihen sich aneinander. Dazwischen liegt ein gelbes Haus mit grünen Fenstern, das mit seiner Einfachheit heraussticht. Der Vorgarten wirkt gemütlich und einladend. Er ist mit allem ausgerüstet, was das sportliche Kinderherz begehrt, ein großes Spielplatzgerüst aus Holz mit Seilen und bunten Kletterbolzen bildet den Mittelpunkt, umgeben von einem Trampolin und zahlreichen Bällen und Reifen. All das gehört zur Kindersportschule Chemnitz, deren Leiterin Dr. Tina Kießling ihrer Heimat Dresden den Rücken kehrte, um im Zeitalter von Tablets und Smartphones die Chemnitzer Kids wieder mehr für Bewegung und Sport zu begeistern.

Was ist die KiSS?

Die Kindersportschule Chemnitz ist keine Sportschule im eigentlichen Sinne, sondern ein Freizeitsportanbieter für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter. Gegründet wurde sie vor elf Jahren von meiner Kollegin Katrin Adler, die sich zurzeit in Elternzeit befindet. Das Programm der KiSS basiert auf dem Rahmenlernplan des schwäbischen Turnerbundes, der sich vordergründig Spaß, Bewegung und Gesundheit auf die Fahnen geschrieben hat.

Was ist das Besondere an Ihrer Kindersportschule?

Wir gehen mit unserem Sportangebot nicht in eine spezifische Richtung, das heißt wir bilden nicht explizit Handballer, Fußballer oder Leichtathleten aus. Sondern es geht darum, die grundlegenden, motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder zu schulen: Hüpfen, klettern, balancieren, mit zunehmendem Alter werden die Schwierigkeitsgrade angepasst. Wir vermitteln die Grundlagen, damit die Kinder später alles erlernen können. Außerdem spielt die frühkindliche Bildung eine Rolle, um Kindern spielerisch Wissen über Lebensmittel und gesunde Lebensweisen beizubringen.

Ab wann können die Kinder die KiSS besuchen?

Unsere Minis beginnen mit eineinhalb Jahren und können bis drei in der Gruppe bleiben. Dann haben wir die 3- bis 4-Jährigen, die 5- bis 6-Jährigen und dann beginnt das Grundschulalter. Hier wird dann wird nach dem Prinzip des Sportartenkarussells trainiert. Dort werden im Turnus von zwei Wochen immer neue Sportarten ausprobiert, damit die Kinder ein Gefühl dafür bekommen, was mag ich, was mag ich nicht. Danach wechseln viele Kinder in spezifische Vereine. Wir geben den Kindern die passende Starthilfe ohne den Druck vom Leistungssport aufzubauen.

Wie kamen Sie auf die Idee, die KiSS zu gründen?

Die Gründerin Katrin Adler absolvierte ein Sportstudium an der TU Chemnitz und Kinder tauchten kaum in den Studieninhalten auf. Da kam die Idee auf, auch mal etwas für Kinder zu entwickeln. Es hat mit einem kleinen Sportprojekt mit 30 bis 40 Kindern angefangen. Dann ist man auf das Konzept der KiSS gestoßen und hat sich mit dem Verein SG Adelsberg e.V. und der TU Chemnitz zusammengetan. Wichtig war uns dabei, dass wir die Programme immer wissenschaftlich begleiten und analysieren, ob die Programme wirken und wie messbar der Nutzen ist.

Dr. Tina Kießling selbst hat BWL studiert und leitet seit fünf Jahren die Verwaltungsaufgaben der KiSS. In Deutschland gibt es etwas 100 Sportschulen unter dem Dachverband der KiSS. Mit den 800 Mitgliedern, die in 84 Kursen auf 9 Standorte verteilt sind und von 22 Trainern geleitet werden, gehört die KiSS Chemnitz deutschlandweit zu einer der größten unter ihnen. Die KiSS ist eine Art Label, das die Sportschulen zertifiziert und alle vier Jahre in einer Prüfung das Qualitätssiegel vergibt. Es gibt einen Rahmenlernplan, der die grundlegenden Bewegungsabläufe und Fähigkeiten vorgibt.

Inwieweit unterscheidet sich die KiSS Chemnitz von anderen Kindersportschulen?

Wir können regionalspezifische Anpassungen an den Rahmenlernplan vornehmen, zum Beispiel haben wir hier, bei uns im Osten, das Angebot im Vorschulbereich ausgebaut, da hier einfach die Sportstruktur in Form von AGs im Ganztagesangebot der Schulen schon länger vertreten war. Mittlerweile sind fast alle Kindersportschulen im Vorschulbereich vertreten, das haben wir mit ins Rollen gebracht.

Wie bekommt man heutzutage noch Kinder dazu, Sport zu treiben?

Zum einen sind es die Kinder selbst, die sich gerne bewegen wollen. Jedes Kind hat einen natürlichen Bewegungsdrang. Medien oder falsche Ernährung hemmen allerdings manchmal diesen Drang nach Bewegung. Zum anderen sind es die Eltern, die vor allem im Vorschulalter die bewegende Kraft sind, weil sie entweder den vorhandenen Bewegungsdrang fördern möchten oder eben Hemmungen davor abbauen wollen. Das ist eine Einstellungssache! In einzelnen Fällen verweisen auch Ärzte die Kinder an uns.

Wie läuft eine Sportstunde bei der KiSS ab?

Bei unseren Minis werden nach der Erwärmung geführte Aufgaben gemacht, um die Konzentration noch auszunutzen, die bei den Kleinen noch nicht lange anhält. Das ist zum Beispiel ein Transportspiel. Danach wird meist ein Parcours zur freien Erkundung aufgebaut. Die Kinder lernen, sich an Regeln zu halten, Gefahren einzuschätzen, sich in einer Gruppe zu verhalten und sich auszuleben. Die Größeren haben motorisch und kognitiv anspruchsvollere Aufgaben und arbeiten mehr in der Gruppe. Kinder im Grundschulalter probieren sich am Sportartenkarussell aus.

Welche Sportart ist die richtige für mein Kind?

Wenn das Kind schon irgendeine Neigung hat, eine Sportart besonders toll findet, sollten Eltern nicht gegen diese Neigung arbeiten. Denn durch den Spaß und die Erfolgserlebnisse ist das Kind motiviert. Jungs mögen häufig Fußball, Mädchen lieber Tanzen. Unsere Kurse sind breitensportlich aufgebaut, so dass jeder das Richtige für sich finden kann.

Womit verbinden Sie die Stadt Chemnitz?

Mit dem Sport natürlich. Ich habe täglich mit Bewegung zu tun und finde es erstaunlich, was sich im Bereich Sport auch für Familien alles entwickelt. Das Sportinstitut der TU Chemnitz forscht an spannenden Projekten und ich finde es auch wichtig für die Stadt, wenn sie u.a. durch die Uni ihr sportliches Profil behält. Chemnitz hat eine sportliche Vergangenheit und daran müssen wir weiter festhalten.

Vor einigen Wochen hat die Stadt Chemnitz fünf Trikots, die mit Autogrammen prominenter Sportler versehen sind, versteigert. Die Trikots wurden der Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig in den vergangen Monaten als Präsent überreicht oder sind zu besonderen Anlässen entstanden. Insgesamt kamen 2.016,14 Euro zusammen. Ein Teil des Erlöses kommt der KiSS Chemnitz zu Gute. Tina Kießling weiß auch schon, wofür sie das Geld verwenden will: „Wir wollen gerne neue Geräte besorgen, um die aktuellen Standorte auszustatten. Gute Kästen oder ein ordentliches Sporttrampolin von hoher Qualität kosten schon einiges. Wir haben auch schon Anfragen von Eltern, die gerne weitere Standorte in Stadtteilen wie Siegmar/Reichenbrand hätten. Dafür brauchen wir aber mehr Personal.“

Wer gehört bislang zu eurem Team?

Wir haben wenige Festangestellte und ca. 20 Ehrenamtliche, ohne die fast nichts gehen würden. Die meisten von ihnen sind Sportstudenten, aber uns unterstützen auch zwei Erzieherinnen, eine Physiotherapeutin und zwei Pädagogikstudentinnen. Die meisten müssen sich zu Beginn ihrer Tätigkeit zunächst ein paar pädagogische Kniffs aneignen, denn vor allem eine Sportstunde bei den Kleinen, ist wie Flöhe hüten.

Wo sehen Sie die KiSS und Chemnitz 2025?

Das erste Ziel: Es soll uns noch geben! Die Eltern und Kinder sollen zufrieden mit uns sein und unsere Qualität muss noch stimmen. Wir würden auch gerne noch ein, zwei weitere Standorte aufbauen. Zum Thema Kulturhauptstadt Chemnitz: Wir können zu Sportkultur und Lebensfreude beitragen!

3 0 7. Juli 2017 gepostet am

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