Ingo Scheller und Matthias Döhler
Weltecho

Macher der Woche

Kulturelle Nischen entdecken

Im Hinterhof des Weltechos, einem der schönsten subkulturellen Treffpunkte im Chemnitzer Zentrum, kann man im Sommer wunderbar im Schatten sitzen und plaudern. Es ist aber noch mehr: ein Ort für Programmkino, experimentelle Musik und Kunst. Seit zehn Jahren betreiben die zwei Vereine Das Ufer e.V. und Oscar e.V. das Weltecho. Wir haben uns mit Ingo Scheller und Matthias Döhler über ihr Kulturprogramm unterhalten, das in Chemnitz nicht mehr wegzudenken ist.

Wofür steht das Weltecho?

Matthias Döhler: Wichtig ist uns ein spannender und großer Genremix. Viele verschiedene Sparten treffen hier im Haus zusammen: Kino, Theater, Ausstellung und Club. Den kulturellen Schwerpunkt sehen wir in den zeitgenössischen Ausstellungen in der Galerie oder der Konzertreihe für Neue Musik. Aber eigentlich sind wir ein Gemischtwarenladen der Subkultur.

Ingo Scheller: Wir gehen natürlich auf den Publikumsgeschmack ein. Wir finanzieren uns ja quer, in dem wir mit guten Partys auch das Haus voll bekommen. Und dann können wir uns auch etwas für ein kleineres Publikum leisten.

In den Abendstunden leuchtet angenehm schummriges Licht aus den Lampen des Hinterhof-Cafés. Gebaut hat die Leuchten vor mehr als zwanzig Jahren Ingo Scheller vom Verein Das
Ufer e.V. für den damaligen Club VOXXX. Dort begann vor 25 Jahren die gemeinsame Vereinsgeschichte. Die beiden Vereine Das Ufer e. V. und Oscar e.V. starteten 1992 das Off-Kultur-Projekt. Während Oscar e.V., gegründet und bestehend aus Chemnitzer Künstlern, darunter Carsten Nicolai, Steffen Volmer und Frank Maibier, für das Galerieprogramm verantwortlich ist und künstlerische Impulse setzt, bringt Ufer e.V. seine Erfahrungen im Kino- und Veranstaltungsbereich ein. Schnell entwickelte sich das VOXXX zur Plattform zeitgenössischer, junger Kunst und zum beliebten und alternativen Szenetreff. Nach 13 Jahren folgte die wohl tiefste Zäsur in der gemeinsamen Vereinsgeschichte: das VOXXX musste schließen. Es folgte das Interims-Projekt Kapital hinter dem Karl-Marx-Kopf. Und 2007 begannen die zwei Vereine noch einmal von vorn – in der ehemaligen Kammer der Technik als Weltecho. »Es gehörte schon viel Phantasie dazu, um hieraus einen kulturellen Treffpunkt zu machen«, erinnert sich Ingo Scheller an die ersten Besichtigungen.

Was antwortet ihr Leuten, die sagen, in Chemnitz ist nichts los?

Matthias Döhler: Das stimmt nicht.
Ingo Scheller: Das ist Quatsch. (beide lachen) Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Also alles Vorurteil?

Ingo Scheller: Es gibt schon viele Initiativen hier und auch viele Möglichkeiten, wegzugehen. Es fehlt manchmal die junge Klientel, die gerne ausgeht. Die Angebote, die da sind, muss
man auch erst einmal nutzen. Es ist in den letzten Jahren vieles entstanden, was der Stadt gut tut: das Kosmonaut-Festival, die Fête de la musique, das Fuego a la isla.

Matthias Döhler: Die, die was machen, kennen sich meist untereinander. Es gibt auch Kooperationen zwischen den Organisatoren. Wir veranstalten hier zum Beispiel das Live-Konzert
und die Aftershow-Party steigt dann im Tesla. Andersrum funktioniert das aber auch. So war beispielsweise in diesem Jahr die Aftershow der Fête de la musique im Weltecho.

Wie sehen Künstler, die bei euch auftreten, die Stadt?

Ingo Scheller: Wenn ich Künstler vom Bahnhof abhole, fragen die oft: Ist hier Feiertag? Sie sind es nicht gewohnt, dass es hier beschaulicher zugeht. Meistens haben wir aber keine
Zeit für eine Stadtrundfahrt. Die Bands kommen oft erst kurz vor dem Konzert an. Den Nischel wollen aber viele trotzdem sehen. Und sie reisen auch mit einem guten Gefühl wieder ab,
weil unser Ort einfach passt. Es kommt natürlich auch immer drauf an, wie viele Leute kommen und wie die Stimmung ist.

Seid ihr zufrieden mit den Publikumszahlen?

Ingo Scheller: Chemnitz ist schon sehr speziell. Da kommen zu richtig guten Sachen manchmal nur wenige Leute. Das ist für uns und vor allem die Künstler dann schon enttäuschend. Aber wir lassen uns davon nicht entmutigen, sondern suchen lieber nach Nischen. Wir probieren zum Beispiel gerade eine neue Reihe aus, mit der wir an einem Tag etwas machen wollen, wo sonst niemand was macht. Zusammen mit dem Wolkenkuckucksheim, das Festival in der Spinnerei, laden wir zu Montagskonzerten ein. Hauptsache schräg. Und das läuft gerade ziemlich gut an.

Beliebt sind bei euch auch gemeinsam Tatort schauen am Sonntag. War das auch eine Nische?

Matthias Döhler: Das ist aus persönlichem Interesse entstanden. Anstatt dass jeder das allein zu Hause schaut, wollten wir ein gemeinsames Event daraus machen. Es ist schnell ein
harter Kern entstanden, der das regelmäßig sehen wollte.

Ein Höhepunkt im Weltecho-Programm ist das Festival KammerMachen, das im vergangenen Jahr seine zehnte Auflage feierte. Eine ganze Woche dreht sich dabei um Theater, Musik und Klangkunst. Ebenfalls langjährig etabliert ist die Reihe tangomarx. Das Café wird dann zum Tanzlokal und zu Musik aus Argentinien und anderen Ecken der Welt wird getanzt und gefeiert.

Wie kommen eure Jazz-Formate und Konzertreihen zur Neuen Musik an?

Matthias Döhler: Beide Musikrichtungen haben ein spezielles, aber auch treues Publikum. Die erwarten dann auch anspruchsvolle Musik und haben Lust auf Experimente. Ich habe dann
schon oft erlebt, dass unsere Reihe Klangwerk und unsere Jazz-Formate sich deshalb tragen, weil sie immer wieder weiterempfohlen werden.

Ingo Scheller: Wir erwarten hier auch keine vollen Säle. Es ist etwas Elitäres, was zu unserem Kulturprogramm dazugehört. Als weiteren Baustein für die Neue Musik veranstalten wir zum
Beispiel auch Kompositionswettbewerbe mit der Musikschule. Das ist bundesweit gar nicht üblich.

Ihr habt vor, euch zu erweitern undneue Räume im Haus für Clubveranstaltungen zu öffnen. Wann ist das soweit?

Ingo Scheller: Im September eröffnen wir den neuen Club. Die bisherigen Räume sollen nicht mehr für Clubveranstaltungen genutzt werden, um dem Ärger mit den Nachbarn aus dem Weg zu gehen. Dafür baut der Eigentümer, die GGG, den ersten Stock aus. Der Raum ist ziemlich groß und gibt uns ganz neue Möglichkeiten.

Matthias Döhler: Den Raum, in dem sonst unsere Partys stattfinden, können wir künftig stärker für Kinoveranstaltungen nutzen. Bisher mussten wir immer die Kinobestuhlung rausräumen,
wenn am Wochenende Party geplant war. Das fällt dann weg.

Wo entwickelt sich für euch Chemnitz hin? Wie sieht die Stadt 2025 aus?

Ingo Scheller: Wir brauchen in der Stadt noch größeren Zuzug. Man merkt Chemnitz heute noch an, dass viele Menschen in den 90er Jahren die Stadt verlassen haben. Chemnitz hatte
2016 circa 1500 Neubürger, Leipzig fast das Zehnfache. Ich hoffe, dass das irgendwann kommt. Seit 25 Jahren bieten wir jetzt Kultur in Chemnitz und leisten unseren Beitrag. Natürlich
wünschen wir der Stadt, dass sie wächst und attraktiv wird. Wir sehen das alles positiv und kämpfen weiter, sonst wären wir ja nicht hier.

Matthias Döhler: Und die Leute, die in der Stadt leben, sollten die kulturellen Veranstaltungen vielleicht auch einfach stärker wahrnehmen. Chemnitz ist doch eine wirtschaftsstarke Stadt.
Ich würde mir wünschen, dass das auch in der Kulturszene stärkere Spuren hinterlässt.

4 0 30. Juni 2017 gepostet am

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