Mathias Weiß und Heike Ludwig
Inhaber des Kaßberg-Cafes "Emmas Onkel"

Macher der Woche

Man muss die Sachen selbst in die Hand nehmen!

Früher Nachmittag auf dem Kaßberg. Wärmende Frühlingssonne scheint auf den kleinen Platz vor dem sogenannten Winterquartier von „Emmas Onkel“, einem Café, das eigentlich ein Zirkuswagen ist. Es ist die Nach-Mittag-Zeit. Ein paar Gäste sitzen noch auf der großen Terrasse vor dem Café. Man kennt und grüßt sich. Chemnitz ist nicht groß und „Emmas Onkel“ um diese Zeit schon ein Muss. Fast liegt gelöste Piazza-Atmosphäre liegt in der Luft.

Die Bauwagenidee sei entstanden, weil ihm ein Zirkuswagen vorschwebte, sagt Mathias Weiß, Inhaber von Emmas Onkel: „Ich hatte 2012 viel Zeit, wenig zu tun, aber trotzdem ein bisschen Geld. Wir haben einen Bauwagen gefunden und den haben wir dann für viel Geld gekauft. Fast zu viel Geld. Der war ziemlich hinüber und Ameisen waren drin und deswegen musste alles runter. Wir haben uns gedacht: Mensch, den müssen wir ganz neu aufbauen. Dann haben Freunde gesagt: Ihr könnt doch Eis verkaufen und Kaffee und stellt ihn doch vor den Buchladen. So ist das entstanden. Es kam eins zum anderen und dann die italienische Kaffeemaschine und am Ende konnten wir gar nicht mehr Nein sagen.“

Nun steht die Kaffeemaschine im gemütlich umgebauten Ladengeschäft an der Weststraße, welches heute die Idee von Mathias Weiß beherbergt: Ein Café.
Als wir ankommen, begrüßt uns Heike Ludwig, die Freundin des Inhabers. Sofort macht sich ein Gefühl des Entspanntseins breit. Nichts wirkt angestrengt, man ist einfach da. Mathias kommt aus der Küche und nimmt bei uns Platz.

Ist das Deine Lebensaufgabe?

Mathias Weiß: Nein! Ich sehe „Emmas Onkel“ als Projekt. Mein Leben funktioniert ja in Projekten. Und so etwas kann man nicht als Lebensaufgabe sehen. Wir haben uns gedacht, „Na Mensch, machen wir doch ein Café auf.“ Man hat immer richtig viel zu tun und viel Geld investiert.

Chemnitz ist nicht unbedingt bekannt für seine berühmte Sterneküche. Trotzdem gibt es für die Chemnitzer ein paar kulinarische Top-Adressen. Du bist mit „Emmas Onkel“ einen ganz anderen Weg gegangen und hast sozusagen den klassischen Imbiss neu definiert. Was treibt Dich an?

Mathias Weiß: Der Imbiss stand gar nicht so im Vordergrund, als wir angefangen haben. Der Gedanke war, dass man in Chemnitz nirgendwo ein richtiges Café findet. Das hab ich mir jetzt seit 1998 angeguckt und es ist nichts geworden und zum Schluss musste ich feststellen, wie bei so vielen anderen Dingen: Man muss die Sachen selbst in die Hand nehmen! Der Fokus liegt nicht darauf, einen hochwertigen Imbiss nach Sternekoch-Niveau zu machen. Das kann ich auch gar nicht anbieten. Ich persönlich lege aber Wert auf den Kaffee. Daraus ist dann am Ende die Geschichte entstanden. Das ist auch mein Qualitätsanspruch, ich sag mal, einen guten Kaffee zu machen.

Ihr habt begonnen mit dem Zirkuswagen, dann kam der italienische Pizzawagen, der Ape, sozusagen als der mobile Teil vom „Emmas Onkel“, und das Café als Winterquartier. Jedes für sich ist eine Erfolgsgeschichte. Was machst Du richtig?

Mathias Weiß: 150 Prozent Energie! Also die Situation ist ja die, dass ich diesen Anspruch habe. Aber ich sage mir auch: Wenn es nicht läuft, dann ist es eben so. Aber diese Spannung zu haben: „Wenn es jetzt nicht wird, was mach ich denn dann? Ei, ei, ei, dann bin ich ja arbeitslos!“ So denke ich nicht. Deswegen habe ich jetzt nicht so den Zwang. Ich tue einfach das, was mir Spaß macht. Und nur das. Natürlich tut es auch manchmal weh – Arbeit tut immer weh – aber wenn kein Spaß mehr dabei ist, dann ist es auch falsch.

Wie viel Platz hat Chemnitz für solche Ideen wie „Emmas Onkel“, für alternative Konzepte?

Heike Ludwig: Also das kann ich dir gar nicht so richtig sagen. Es gibt schon ganz viele Leute, die offen sind und sich darüber freuen, etwas auszuprobieren. Und es gibt auch verdammt viele, die wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden.

Warum ist trotz dieser Leute „Emmas Onkel“ ein solcher Erfolg?

Heike Ludwig: Ich denke, es liegt daran, dass es viele junge Leute sind, die bei uns Publikum sind.

Mathias Weiß: Die gibt’s hier.

Junge Leute?

Mathias Weiß: Na klar!

Heike Ludwig: Aber es gibt tatsächlich auch einen Anteil älterer Leute, die sehr jung geblieben sind. Die wahrscheinlich offen in der Welt unterwegs sind und so etwas annehmen.

Gibt es in Chemnitz noch mehr Platz für Ideen wie „Emmas Onkel“?

Heike Ludwig: Wir haben gemerkt, dass, seitdem es „Emmas Onkel“ gibt, jetzt auch Cafés aus dem Boden sprießen. Irgendwie alles innerhalb eines Jahres.

Fühlt Ihr euch als Macher?

Mathias Weiß: Ich bin schon jemand, der die Dinge anpackt.

Meckert Ihr manchmal auch?

Mathias Weiß: Na aber sicher!

Heike Ludwig: Wir meckern beide. Aber zu Deiner Macher-Frage: Ich glaube, wenn man sich als Macher fühlt oder diesen Zustand, den bekommt man ja erst hinterher. Wenn man merkt, dass man das geschafft hat, was man vorhatte und ob was Richtiges draus geworden ist. Die Frage: Ist hier was draus geworden oder wird das was Richtiges – das wissen wir ja vorher nicht. Im blödesten Fall haben wir totalen Mist gemacht und es kommt gar nichts bei raus. Und dann sagen wir in 10 Jahren: „Weeßte noch, damals…?“

Welchen Geschmack hat Chemnitz für Dich?

Heike Ludwig: Das ist erstens sehr wetterabhängig und auch ein bisschen davon, was einem so für Leute begegnen. Vielleicht auch, wie rum man morgens aufsteht.

Und ist Chemnitz eher bürgerlich oder offen für Neues?

Heike Ludwig: Also geschmacklich fühlt sich das immer wie so ein Experiment an. Man muss den Leuten ein bisschen gut zureden und sie an die Hand nehmen.

Wenn Du einen Kuchen backen müsstest nach Deinem Konzept oder Deiner Idee von Chemnitz – wie würde der aussehen und schmecken?

Heike Ludwig: Die Frage kann ich nicht beantworten, weil ich nicht nach dem Konzept von Chemnitz backen würde, sondern nach meinem Bedürfnis. Irgendwie gesund – also so, dass man das alles essen darf, ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Das ist zumindest mein Anspruch.

Mathias, ich hab mir sagen lassen, Du bist ein berühmter Kuchenbäcker.

Mathias Weiß: Da gibt es berühmtere.

Ich weiß, aber Deine Kuchen sind schon sehr bekannt. Wenn Du einen Kuchen von Chemnitz backen solltest, wie sähe der aus und wie würde er schmecken?

Mathias Weiß: Der ist auf jeden Fall ziemlich ehrlich. Und Schnickschnack sowieso nicht.

Also keine Zusatzstoffe?

Mathias Weiß: „Ehrlich“ meint konzentrierter Feingeschmack. Schnickschnack wäre goldener Zucker oben drauf, Sahnehäubchen und Buttercreme. Und vielleicht noch so Tortenfiguren. Schnickschnack, Verzierungen eben. Nippes ist schwierig! Nippes braucht es nicht.

Welchen Geschmack hat Chemnitz für Dich?

Mathias Weiß: Ich bin mir nicht sicher, ob man das so sagen kann. DEN Chemnitzer gibt es ja auch nicht. Es gibt viele Bürger in dieser Stadt. Deswegen kann man genauso wenig von DEM Chemnitzer Geschmack wie von DEM Chemnitzer reden. Das ist wie mit dem Kuchen – ich könnte Dir nicht beschreiben, welchen Geschmack der Kuchen haben soll, ob süß oder frisch. Ich glaube, dass kann genauso unterschiedlich sein wie woanders.

Da schließt sich die Frage an den gebürtigen Freiberger an: Wieso nicht Dresden? Oder Leipzig?

Mathias Weiß: Warum hier? Na, wir wohnen hier. Ich vermisse in meinem sozialen Umfeld nichts. Und was meine Wünsche sind, was möglicherweise möglich ist in anderen Städten: vielleicht frischere Luft, Bäume auf dem Marktplatz – wenn ich das erleben will, dann fahre ich dahin. Der Kaßberg ist schön und diese Stadt ist meine Lebensbasis. Natürlich muss man immer Kompromisse eingehen. Hamburg ist zum Beispiel teuer. Berlin ist auch teuer geworden und viel zu voll. Côte d’Azur ist auch toll, aber das kann ich nicht bezahlen derzeit.

Das Motto ist ja „Die Stadt bin ich“ – was würdest Du Dir denn wünschen? Was müsste passieren, damit Du sagst: „Ich bin die Stadt“?

Mathias Weiß: Es gibt da immer wieder Momente, wo man Menschen trifft, die gleich ticken wie man selbst und dann wird man eine Gruppe und ein Netzwerk. Und dieses Netzwerk ist, was die Stadt für mich ausmacht. Natürlich kann ich jetzt anfangen an der einen Seite zu meckern: „Das läuft nicht und das ist doof.“ Aber dann hab ich auf der anderen Seite das, was ganz gut ist. Das Problem ist, es gibt zu viele Vorschriften. Aber das sind genauso viele Vorschriften wie in Dresden oder Leipzig oder anderswo. Wo soll man anfangen? Das ist eben so. Es gibt positive und negative Dinge, die sich gegenseitig assimilieren. Wie eben unser Café.

43 0 24. März 2014 gepostet am

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