Dr. Ulrike Uhlig
Internationale Stefan-Heym-Gesellschaft

Macher der Woche

Stefan Heyms Werke sind hoch aktuell

Er ist einer der berühmtesten Söhne der Stadt – Stefan Heym. Sein kulturelles Erbe, das er der Nachwelt hinterlassen hat, ist von unschätzbarem Wert. Auch über 15 Jahre nach seinem Tod sind die Werke Stefan Heyms aktueller denn je. „Man kann es nicht oft genug sagen: Stefan Heym ist keiner, der verstaubt ist, sondern der hoch aktuell ist“, sagt Dr. Ulrike Uhlig, die Vorstandsvorsitzende der Internationalen Stefan-Heym-Gesellschaft. Mit ihren Mitstreitern möchte die Chemnitzerin das Andenken an Stefan Heym und sein literarisches Werk bewahren und pflegen. Die Stadt Chemnitz verleiht den Internationalen Stefan-Heym-Preis seit 2008 in Erinnerung an das Leben, Werk und Wirken von Stefan Heym. Mit dem Literaturpreis werden zeitkritische und couragierte Persönlichkeiten gewürdigt, die wie Stefan Heym als Schriftsteller und Publizisten herausragende und nachhaltig wirkende Leistungen erbracht haben. Der Internationale Stefan-Heym-Preis ist mit 20.000 Euro dotiert. Am kommenden Dienstag wird der Preis zum vierten Mal verliehen: An die polnische Literatin Joanna Bator. Über Stefan Heym und den Preis sprachen wir mit Dr. Ulrike Uhlig.

Worauf freuen Sie sich bei der diesjährigen Preisverleihung am Dienstag, dem 4. April?

Die Preisverleihung ist wieder einmal ein Anlass, ganz verstärkt auf Stefan Heym aufmerksam zu machen. Wir als Stefan-Heym-Gesellschaft versuchen das das ganze Jahr über. Deshalb ist unser Rahmenprogramm auch über zwölf Monate verteilt. Aber natürlich ist die Preisverleihung an Joanna Bator der Höhepunkt im Jahr 2017.

Was macht Joanna Bator zur würdigen Preisträgerin? 

Joanna Bator ist eine Literatin, die sich genau wie alle anderen vorherigen Preisträger mit ihrer Zeit auseinandersetzt. Sie hat einen sehr kritischen Blick auf die gesellschaftliche Entwicklung. Und sie ist eine Frau. Darüber freuen wir uns sehr, dass zum ersten Mal nach drei Dichterkollegen eine Dichterin den Preis erhält.

War das wichtig, den Preis nach drei Männern (Amos Oz 2008, Bora Ćosić 2011 und Christoph Hein 2013) diesmal einer Frau zu überreichen?

An erster Stelle steht natürlich die literarische Qualität. Aber wir haben auch schon dezidiert unter den Literatinnen geschaut.

Am 18. April 2009 hat sich die Internationale Stefan-Heym-Gesellschaft gegründet. Dr. Uhlig ist fast seit Anfang an dabei. Und doch musste sie länger überlegen, ob sie das Ehrenamt antritt. Bereut hat sie es bis heute nicht.

Wie kamen Sie zu Ihrem ehrenamtlichen Engagement?

Ich hatte mit meiner offiziellen Tätigkeit an der Volkshochschule aufgehört. Zu der Zeit gab es einen Vorsitzenden der Gesellschaft, Peter Hutchinson aus Cambridge. Er war ein exzellenter Vorsitzender, aber er war auch sehr weit weg. Die Dinge, die hier vor Ort passieren sollten, konnte er aus Cambridge schwer steuern. Man suchte also jemanden in Chemnitz, der sich für die Stefan-Heym-Gesellschaft stark machen würde. Die Mitglieder der Gesellschaft meinten: „Die Uhlig ist eine Netzwerkerin und kennt sehr viele im Kulturbereich. Sie hat auch eine Affinität zur Literatur.“ So haben sie mich gefragt und ich habe nach wirklich langem Überlegen zugesagt. Nicht, weil ich lange überlegen musste wegen Stefan Heym, sondern weil mir klar war, was damit verbunden ist. Aber das Ehrenamt ist nicht nur eine Menge Arbeit, sondern auch eine große Ehre, im wahrsten Sinne des Wortes, für den, der es machen darf.

Ich habe sehr viel gelernt über Stefan Heym, bin in viele Dinge tiefer eingedrungen und die Hochachtung vor diesem Menschen ist noch einmal gewachsen. Ich betone vor dem Menschen. Er wurde in der DDR gegängelt und bespitzelt und ist trotzdem nie abgerückt  von seinen Prinzipien. Das finde ich schon bewundernswert, wenn ein Mensch mit so viel Zivilcourage an seinen Idealen festhält.

Stefan Heym, einer der größten Söhne der Stadt, wurde am 10. April 1913 in Chemnitz geboren und ist von hier aus in die Welt gegangen. „Er war eigentlich ein Kosmopolit, der sich an jeder Stelle, wo er sich gerade im Leben befand, eingemischt hat“, schildert Dr. Ulrike Uhlig die Besonderheit Stefan Heyms. Mit seinen Büchern in Millionenauflage hat er viele Menschen erreicht und berührt. „Er hat sich stets mit seiner Umwelt auseinandergesetzt und hat Kritik an der jeweiligen Gesellschaftsordnung geübt. Die Biografie unseres Ehrenvorsitzenden Professor Dr. Dr. Peter Hutchinson über ihn heißt: „Dissident auf Lebenszeit“. Das zeichnet Stefan Heym aus: Er mischt sich ein, er hat Zivilcourage, er fühlt sich als Autor verpflichtet, Stellung zu beziehen. Aber eben nicht nur als  ein ewiger Nörgler, sondern als ein Mensch, der weiß, dass man für bessere Verhältnisse, für eine gerechtere Gesellschaft etwas  tun muss.“

Können das die Leute von heute von Stefan Heym noch lernen – dieses Einmischen und nicht nur Nörgeln?

Auf alle Fälle. Ich denke, er ist im Moment wieder hoch aktuell. Wir versuchen auch gerade bei jungen Leuten, Stefan Heym ins Gespräch zu bringen. Der Stefan-Heym-Jugend-Literaturwettbewerb ist dafür ein Bespiel. Wir freuen uns immer sehr, wenn sich die jungen Leute mit Literatur überhaupt und mit Stefan Heym auseinandersetzen. So haben zwei Schüler des Karl-Schmidt-Rottluff-Gymnasiums an einer Szenischen Lesung „Einer, der nie schwieg“, die wir am Schauspielhaus aufgeführt haben, mitgewirkt. Die Haltung Heyms imponiert den jungen Leuten.

Wird Stefan Heym an Schulen gelesen?

Ja, er wird erfreulicherweise wieder gelesen. An einem Berliner Gymnasium hat es eine Initiative gegeben, die sich ganz speziell und intensiv mit Stefan Heym beschäftigt. Das Material, das dort entwickelt worden ist, haben wir uns auch nach Chemnitz geholt: Historisches Lernen mit Stefan Heym. Ein Unterrichtsmaterial von Schülern und Lehrern für Schüler und Lehrer.

Kommen Leute extra wegen Stefan Heym aus dem Aus- und Inland nach Chemnitz?

Durchaus. Bei unseren zwei Konferenzen, die wir bisher durchgeführt haben, hatten wir Gäste aus Österreich, Großbritannien und Russland und aus allen Gegenden Deutschlands. Wir haben prominente Mitglieder, auf die wir sehr stolz sind: Professor Emmerich aus Bremen, Professor Schiller aus Berlin, Professor Weber aus Stanford in den USA, Dr. John Heath und Professor Hutchinson aus Großbritannien sowie der Journalist Fritz Pleitgen. Wir sind eine literarische Gesellschaft. Da sind die Mitgliederzahlen oft nicht so hoch. Aber wir haben jetzt 76 Mitglieder und einen Vorstand, der sehr engagiert arbeitet und darauf sind wir stolz.

Was sagen die Besucher der Konferenzen über Chemnitz?

Also, ohne dass wir unser Licht besonders herausstellen wollen, ist es so, dass wir  ein sehr positives Feedback bekommen haben. Die Gäste haben sich hier wirklich sehr wohl gefühlt. Fritz Pleitgen hat mit Augenzwinkern von den „Stefan-Heym-Festspielen“ gesprochen. Leider haben die Teilnehmer von der Stadt oft nicht so viel mitbekommen. Das ganztägige Programm ist sehr intensiv.

Mit Lesungen, Veranstaltungen für Schüler und Ausstellungen will die Stefan-Heym-Gesellschaft ihm nicht nur einmal, sondern das ganze Jahr über gedenken. „Wir haben Veranstaltungen wie ‚Chemnitz liest‘ durchgeführt. An unterschiedlichen Orten in der Stadt lasen unterschiedlichste Menschen Stefan-Heym-Texte vor“, erzählt Dr. Ulrike Uhlig. Oft entdecken die Zuhörer immer wieder Neues über Heym. „Die Romane von Stefan Heym sind sehr bekannt. Beispielsweise: ‚Kreuzfahrer von heute‘, ‚Der König David Bericht‘, ‚Ahasver‘ oder von den neueren: ‚Die Architekten‘, ‚Radek‘. Aber dass er auch Gedichte schrieb, wurde erst in der letzten Zeit bekannt. ‚Ich aber ging über die Grenze‘, eine Sammlung früher lyrischer Werke, wurde erst 2013 veröffentlicht.“

Wie kam das?

Seine Frau Inge Heym, zu der wir einen sehr guten und vertrauensvollen Kontakt haben, hat im Nachlass ihres Mannes diese Gedichte gefunden. Er selber hat sich zu den frühen Gedichten distanziert verhalten. Er wollte sie eigentlich nicht veröffentlichen.

Gibt es dafür einen Grund?

Er hielt sie literarisch für nicht so wertvoll. Er verstand sie als Jugendwerke. Ich finde, bei den Gedichten wird  deutlich, wie er sich schon als sehr junger Mensch in das  politische Zeitgeschehen eingemischt hat. Er hat ganz früh in Deutschland als Gymnasiast Gedichte geschrieben, in Berlin als Student, während des Exils in Prag und in Chicago. Danach bricht es ab,  er  wendet sich ausschließlich der Prosa zu, schreibt 1942 den Roman „Hostages“, der in den USA ein Bestseller wird. Aber ich finde, dass seine Gedichte, wie seine publizistischen Werke, seine Kurzgeschichten und seine Märchen zu seinem Gesamtwerk gehören. Wir haben übrigens diese frühe Lyrik schon mehrmals in Lesungen vorgestellt und erlebt, dass die Zuhörer davon sehr berührt sind.

Wo befindet sich der Nachlass von Stefan Heym?

Der Nachlass befindet sich in Cambridge in der Universitätsbibliothek. Im vergangenen Jahr konnten einige Mitglieder der Stefan-Heym-Gesellschaft den Nachlass besichtigen. Es war beeindruckend, denn wir konnten in Originalschriften von Stefan Heym lesen und seine Tagebücher einsehen. Uns ist noch einmal deutlich geworden, mit welcher Akribie er sich auf seine Romane vorbereitet hat. Er hat ganz genau recherchiert. Zum Beispiel auf den ‚König David Bericht‘, übrigens eins meiner Lieblingsbücher, hat er sich mit einem Religionswissenschaftler vorbereitet. Er hat das Alte Testament noch einmal studiert und daraus einen Roman gemacht, der sehr viel mit der Gegenwart zu tun hat. Im Buch geht es um Fragen der Macht. Wie verhalten sich Menschen, wenn sie an die Macht kommen. Aber auch um Wahrhaftigkeit, um Korrumpierbarkeit. Also ganz aktuelle Themen.

Wie lebt es sich eigentlich als Kulturmensch in Chemnitz?

Es gibt in Chemnitz so viele kulturelle Angebote. Man fühlt sich als Kulturmensch manchmal überfordert. Vielleicht werden einige jetzt schmunzeln, aber es ist wirklich so. Wenn wir anfangen mit den Museen, mit den Kunstsammlungen, das sind Schätze, die wir nicht hoch genug einschätzen können.  Das Theater mit seinen unterschiedlichen Sparten. Lesungen in Buchhandlungen, in der Uni, Ausstellungen in Galerien, soziokulturelle Veranstaltungen. Fast jeden Tag habe ich Einladungen im Briefkasten und oft bedaure ich, dass ich vieles nicht  wahrnehmen kann.

Stimmt Sie die Vielzahl an kulturellen Angeboten positiv bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt?

Ja und ich war hoch erfreut, dass bei der Vorstellung im Stadtbad so viele Menschen aus der Kulturszene dabei waren und sich positiv geäußert haben. Sich auf die Werte von Chemnitz zu besinnen und diese Bewerbung mit Leben zu erfüllen, kann sich nur positiv auf das Klima in der Stadt auswirken. Ich bin manchmal traurig, wenn ich sehe, was aus dem TIETZ geworden ist, im Vergleich zum Zeitpunkt der Eröffnung. Da hat das Haus wirklich gelebt. Das müssen wir wieder erreichen. Es muss was los sein im TIETZ – im positiven Sinne. Ich denke, das könnte zum Beispiel eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas befördern.

Ich wünsche mir ganz sehr, dass sich viele Chemnitzerinnen und Chemnitzer dafür einsetzen. Es wird nicht reichen, wenn nur unsere Stadtverwaltung das will. Wir müssen einfach die Menschen dafür begeistern – möglichst alle.

Wo sehen Sie das Erbe von Stefan Heym 2025?

Ich bin absolut sicher, dass man Stefan Heym auch 2025 immer noch lesen wird. Man wird vielleicht das eine oder andere Werk neu entdecken. Ich muss wieder auf den ‚König David Bericht‘ zurückkommen, denn das Schöne an einem großen Wurf in der Literatur ist: Neue Leser entdecken immer wieder neue Aspekte, die für ihre Gegenwart wichtig sind. Gerade die Auseinandersetzung mit Machtfragen bleibt wichtig. Ist vielleicht sogar existentiell für unsere Zukunft. Und vielleicht gibt es 2025 eine umfassende Heym-Biografie, die sowohl den Literaten als auch den mutigen Querdenker würdigt.

6 0 31. März 2017 gepostet am

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