Anja Jungen und Sebastian Ressel
Mentor-Schüler-Tandem - Die Komplizen Chemnitz e. V.

Macher der Woche

Suche nach dem „richtigen“ Beruf

Die Möglichkeiten nach dem Abschluss sind für Schülerinnen und Schüler scheinbar grenzenlos. Alles kann gelernt werden, alles kann studiert werden. Doch oft stehen die jungen Erwachsenen ziemlich ratlos da. Viele sehen den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht. Abhilfe schafft dann zum Beispiel seit 2014 der Verein „Die Komplizen Chemnitz e. V.“ Die Chemnitzer Komplizen unter anderem ein Mentorenprogramm an, in dem Schüler mit der Hilfe von Mentoren Einblicke in verschiedene Berufe erhalten und sich so der Nebel im Berufsrummel etwas lichtet.

Die Komplizen haben für das Amtsblatt ein Treffen mit einem Mentor-Schüler-Tandem organisiert. Wir konnten uns so mit der Mentorin Anja Jungen (Beraterin im Haus E alltag&anders) und ihrem Mentee Sebastian Ressel treffen und uns über das Mentoring unterhalten.

Was macht »Komplizen Chemnitz« e. V.?

Anja: Als Mentor wird man einem Mentee zugeordnet – wenn es einigermaßen passt. Wenn er dann schon ungefähr weiß, was ihn interessieren würde, suchen die Komplizen für den Schüler jemanden, der in dem Beruf schon arbeitet oder Erfahrung darin hat. Bei uns war das allerdings ein bisschen anders, weil Sebastian gar nicht so richtig wusste, was er eigentlich nach seinem Schulabschluss machen möchte.

Sebastian: In der neunten Klasse haben wir in der Schule das erste Mal von dem Projekt gehört. Anfang der zehnten Klasse waren noch mal Vertreter des Komplizen e. V. da und haben das Projekt vorgestellt. Dann konnte man sich in eine Liste eintragen und mitmachen.

Ich wusste gar nicht, was ich nach dem Abitur mal machen will. Anja wurde explizit für mich ausgesucht, sie bereits sehr viele Erfahrungen in ihrem (Berufs-) Leben gesammelt hat und viele Menschen kennt. Und deshalb eigentlich fast alles bedienen kann.

Anja: Inhaltlich geht es wirklich darum, dem Mentee Einblicke in das wirkliche Berufsleben zu geben. Das Projekt soll den Schülern helfen, eine Entscheidung zu fällen.

In erster Linie ist das Projekt also schon eher zur Berufsorientierung gedacht. Oder geht es darüber hinaus und der Mentor hilft auch in anderweitigen Lebensfragen?

Sebastian: Teilweise ja, teilweise nein. Man lernt natürlich über den Mentor schon viele Leute kennen, die einem auch später mal helfen können. Man kann wunderbar Verbindungen herstellen und ein Netzwerk aufbauen. Eine aktive Lebenshilfe sind die Komplizen allerdings nicht. Ich denke, es ist trotzdem eine große Stütze. Gerade an den Gymnasien wird das Thema »Berufssuche« eher ausgespart. In den Oberschulen wird man da viel mehr an die Hand genommen und es wird geschaut, was für den Schüler geeignet wäre. Die Förderung beginnt da viel eher. Am Gymnasium gibt es so was einfach nicht.

Wie seid ihr zusammen gekommen?

Sebastian: Ganz am Anfang des Projektes gibt es eine Einführungsstunde mit allen Schülern, die daran teilnehmen wollen. Bei diesem Treffen wird abgefragt, welche Interessen man hat, was man sich beruflich vorstellen könnte und so weiter. Die beiden Mitarbeiter Daniela und Markus vom Komplizen Chemnitz e. V. moderieren das Treffen und entwickeln ein Gespür dafür, welche Mentoren zu den Schülern passen. Die Komplizen suchen dann einen passenden Mentor raus, die persönlich und beruflich zu einem passen.

Anja: Dann gibt es eine »Kick-off«-Veranstaltung mit allen Mentoren und Mentee. Dort werden dann die Pärchen zusammengebracht und man hat Zeit, sich innerhalb von 30 Minuten kennenzulernen. So hatten wir die Möglichkeit herauszufinden, ob wir miteinander klarkommen und eine Sympathie da ist, die ja eine Grundvoraussetzung für eine Zusammenarbeit ist. Hinterher haben beide Seiten die Chance zu sagen, ob es passt oder nicht passt.

Sebastian: Das funktioniert wie eine Art Blind Date.

Wie oft habt ihr euch getroffen und wie lang geht die Zusammenarbeit zwischen Mentor und Mentee?

Anja:  Wir haben uns einmal im Monat getroffen. Das Mentoring geht ein halbes Jahr. Wenn man darüber hinaus noch Bedarf hat, sich zu treffen, weil der Berufsentscheidungsprozess noch nicht abgeschlossen ist, kann man das ja noch auf privater Ebene weiter verfolgen.

Sebastian: Diese Treffen machen wir dann auch wirklich unter uns aus. Da haben die Komplizen keinen direkten Einfluss drauf. Wir kennen uns jetzt seit März 2016. Allerdings ist unser Programm jetzt beendet.

Und was ist das Ergebnis eurer Zusammenarbeit?

Anja: Da ist natürlich etwas ganz anderes herausgekommen, als was wir wollten.

Sebastian: Ich habe zwar immer noch keine Ahnung, was ich nach der Schule machen möchte – aber ich kann nun immerhin einige Dinge ausschließen. Und das ist ja auch schon mal gut.

Was ist denn das Spannende, wenn man ein Mentor ist? Warum hast du dich entschlossen bei dem Programm mitzumachen?

Anja: Das Spannende als Mentor ist der Kontakt zur Jugend. Das hat mir persönlich unheimlich viel gegeben. Ich habe wieder eine gute Meinung über die Jugend. In unseren Unterhaltungen konnte ich mir eine neue Meinung bilden, warum es in dieser Generation so schwer ist, sich auf etwas festlegen zu können. Ich komme ja noch aus alter DDR-Zeit. Das heißt bei uns war das alles noch ein bisschen anders. Ich konnte überhaupt nicht verstehen, warum man drei Studiengänge anfängt, wieder aufhört, alles Mögliche probiert. Meine Meinung war: „Man muss doch irgendwie wissen, wo man hin will.“ Durch das Programm konnte ich mein Meinungsbild revidieren. Es bringt einem ja selber weiter. Für mich war es wirklich sehr spannend.

Sebastian: Deswegen ist es ja so gut, wenn man möglichst zeitig damit anfängt sich eine Orientierung zu schaffen, wo es denn hingehen soll. Dann kann man auch seine Leistungskurse in der Sekundarstufe zwei sinnvoller wählen.

Welche Methoden hast du, Anja, denn angewendet, um persönliche Dinge aus Sebastian heraus zu kitzeln? Schließlich musste er sich dir gegenüber öffnen.

Anja: Gesunder Menschenverstand hilft da durchaus. In diesem Fall war ja die Herausforderung: Wo will er eigentlich hin? Was ich nicht weiß, muss ich erfragen. Ich habe versucht, mit konkreten Vorschlägen anzufangen, die wir in Gesprächen bereits angerissen haben und er eine Meinung zu hatte. Auch wenn er zuvor meinte, das läge ihm nicht, ist es doch einen Versuch wert, einem jungen Menschen zu zeigen, dass ein möglicherweise ausgeschlossenes Berufsbild einfach mehr ist und man sich das mal anschauen kann. Nach dem Kick-Off hatte ich aber schon viele Ideen im Kopf. Ich habe ihn dort kennengelernt, gemerkt wie er redet, wie er auftritt und da fallen einem schon diverse Sachen ein. Da helfen einem natürlich das gewisse Alter und die Erfahrung, die man hat. Dann habe ich angefangen für mich eine lange Liste zu machen. Habe mich mit diversen Leuten unterhalten und habe Sebastian im ersten Gespräch mehr oder weniger überrannt. Was auch sehr wichtig ist: Man muss zuhören können.

Zusätzlich zu den Treffen mit dem Mentor können die Schülerinnen und Schüler Betriebe besuchen. Die Mentoren laden interessierte Mentee in ihre Unternehmen ein. Dort können sie hinter die Kulissen der Firmen blicken. Was verdient eigentlich ein Webdesigner? Wie sind die tatsächlichen Arbeitszeiten und wie lassen sich Beruf und Familie vereinbaren. »Das sind Fragen, die sonst keiner einem Schüler beantwortet«, sagt Anja. »Gerade in Gymnasien wird den Jugendlichen immer erzählt, dass sie alles machen können und ihnen jede Tür offen steht. Aber was heißt das denn genau? Was ist alles? Und wie finde ich am besten heraus, was das Geeignetste für mich ist«? Das seien eben die Fragen, die das Programm des Komplizen e. V. zu beantworten versucht.

Würdest du wieder als Mentorin tätig sein?

Anja: Ja, unbedingt! Ich hab schon einen Termin für das nächste Kick-Off.  Aber wie bereits gesagt, es ist wie ein Blind Date. Ich weiß noch nicht, wer mir zugeteilt wird. Mir liegen eher die schwierigen Fälle. So wie eben bei Sebastian. Das sind für mich einfach die interessanteren. Mit ihm war ich viel unterwegs, wir haben uns viel angehört. Ich habe mich bei der Recherche mit vielen Leuten unterhalten, habe viele Berufe kennengelernt, mit denen ich mich vorher nicht beschäftigt habe. Das ist für mich ein klarer Vorteil am Mentoring-Programm.

Ihr habt euch viele Unternehmen angesehen, du kennst viele Menschen – Würdest du sagen, dass Chemnitz für junge Leute eine attraktive Stadt ist, um in Chemnitz zu bleiben?

Anja: Unbedingt! Ich denke Chemnitz bietet wirklich viel Potenzial. Dazu würde ich auch das Chemnitzer Umland zählen. Chemnitz ist klein genug, dass man sich noch trifft und nicht aus den Augen verliert. In dieser Beziehung ist Chemnitz so ein bisschen wie ein Dorf. Man trifft sich immer mehrfach und kommt einfach nicht aneinander vorbei. Auf der anderen Seite bietet es ganz viel Potenzial, sich weiter zu entwickeln. Aber natürlich gehört es auch dazu, Erfahrungen zu sammeln. Chemnitz bietet so viele Firmen, die auch international arbeiten. Auch im angrenzenden Erzgebirge gibt es viele spannende Unternehmen, die man hier gar nicht kennt.

Sebastian: Und da kommt das Problem, das ich sehe: Bei uns kommt das nicht an! Die Größe der Stadt ist nicht mal unbedingt das Problem. Wir wissen aber einfach nicht, was es in Chemnitz gibt, was hier stattfindet. Wir wissen auch nicht, was es für Möglichkeiten gibt, in Chemnitz einen Job zu finden. Ich habe schon oft mit Freunden darüber geredet. Wir finden alle, dass Chemnitz eine tolle Stadt ist, um groß zu werden und aufzuwachsen. Aber für das Berufsleben total ungeeignet – man findet einfach keinen Job.

Was würdest du dir denn wünschen? Wie kann man das gerade für deine Generation kommunizieren?

Sebastian: Jetzt geht das große rätseln los. (lacht) Soziale Netzwerke sind nach wie vor das Kommunikationsmittel Nummer eins und das wird in Zukunft meiner Meinung nach auch immer stärker. Das sind einfach so viele Wege auf die man gerade die junge Generation erreichen kann. Wir lesen einfach keine Zeitung mehr. Deswegen müssen die Informationen eben über andere Wege gehen. Solche Berufsfindungsprogramme, wie die Komplizen, sind für solche Berufsfragen natürlich ideal. Und da ist es einfach der beste Weg, in die Schulen zu gehen und die Programme konkret vorzustellen.

Anja: Das große Problem, was die Stadt Chemnitz hat, ist das schlechte Image durch die Medien. Es gibt in Chemnitz ganz viele Unternehmen, bei denen man Familie und Beruf wunderbar vereinbaren kann, mit super Arbeitsbedingungen. Das Problem ist, dass darüber aber nicht gesprochen wird. Das einzige was man über die Stadt in den Medien hört, ist die Überalterung, es passiert nichts, Kleinigkeiten über die öffentlich gestritten wird. Anstatt sich einfach mal an das Positive heranzuwagen und eben das zu zeigen. Die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit entspricht einfach nicht dem tatsächlichen Bild.

 

Wer sich als Mentor oder als Mentee für die Komplizen interessiert, kann sich melden unter team@komplizen-chemnitz.de.

3 0 30. November 2016 gepostet am

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