Maret Wolff
Kino Metropol

Macher der Woche

Warum denn nicht Chemnitz?

Die Berlinerin Maret Wolff kennt sich aus im Filmgeschäft: Sie hat Film- und Theaterwissenschaft studiert, für Festivals gearbeitet und Kinos bei der Digitalisierung begleitet. Das Angebot, das traditionsreiche Chemnitzer „Metropol“-Kino zu übernehmen, konnte sie deshalb kaum ausschlagen und ging das Wagnis im vergangenen Dezember ein. Darum ist sie unser „Macher der Woche“.

Wie kommt man in Zeiten von Netflix und Co. auf die Idee, sich in das Wagnis Kino zu stürzen?

(Lacht) Das klingt in der Tat erst einmal verrückt. Einfach aus dem Glauben heraus, dass Kino ein Medium ist, das noch nicht ausgedient hat. Genau so wenig wie Bücher, Digitalisierung hin oder her. Ich hoffe und glaube, dass Kino immer noch etwas ist, was Bestand hat. Das Gemeinschaftserlebnis zum Beispiel. Klar, man kann die meisten Filme mittlerweile auch zu Hause haben. Ich netflixe ja selbst gern … Aber dieser alte Traum vom Kino machen war dann stärker.

Sie sind Berlinerin und für das Kino nach Chemnitz gezogen. Es gibt von Ihnen das Zitat, Sie kennen die Stadt „ein bisschen“ … War das nicht etwas viel Risiko?

Das Kino steht nun mal in Chemnitz – und deshalb gab es „Chemnitz oder gar nicht“. (lacht) Über Branchenkontakte und Kinoverbände erfuhr ich, dass die langjährige Betreiberin Evelin Paulat eine Nachfolge sucht. Ich war gerade in der Elternzeit und hatte sowieso vor, mich neu zu orientieren. Die Elternzeit ist ja immer so ein Punkt, wo man ganz klar vor Augen hat: Entweder man verändert sich jetzt nochmal richtig oder wahrscheinlich  sobald nicht mehr. Daher war jetzt einfach der richtige Zeitpunkt, ob nun Zufall oder Schicksal …

Und ja, ich kannte Chemnitz vorher „ein bisschen“: Einige Studienkontakte kamen von hier, mein Mann stammt von hier, ich war also schon ein paar Mal in Chemnitz zu Besuch, es gibt familiäre Anbindung. Darum haben wir uns das vielleicht sogar schneller überlegt, als wenn wir gar keinen Chemnitz-Bezug gehabt hätten.

Wie hat Ihr Berliner Umfeld reagiert?

„Äh …  Chemnitz?!“ (lacht) Aber im Ernst – prinzipiell waren es sehr positive Reaktionen, von „mutig“ bis „cool“ war alles dabei. Das brauchte ich aber auch. Ich habe mich nämlich mit dieser Entscheidung schon schwer getan. Die Reaktion von jemandem, der den Ort nicht kennt, ist dann doch einhellig „… und warum Chemnitz?“ Aber die geografische Lage des Kinos kann ich nun mal nicht ändern. Doch ich bin in Sachsen teilweise groß geworden, ein Berliner Sachse sozusagen, und glaube, dass ich mit dieser halbsächsischen Sozialisierung hier auch ganz gut klar komme. Und viele Vorurteile konnte man schon ausräumen. Denn Bekannte kommen total gern zu Besuch und finden das alles überraschend schön hier.

Wie sehen Sie Ihr Kino? Als Programmkino oder irgendwo dazwischen?

Meine Vorgängerin Evelin Paulat hat in den vergangenen Jahren ein stringentes und gutes Programm gemacht und hat auf ihre Gäste und ihr Publikum reagiert. Ich komme tatsächlich aus der Programmkino-Ecke. Von daher habe ich zumindest die Vorstellung, das „Metropol“ auch mehr in diese Richtung zu entwickeln. Das zeigt das Programm von meinem ersten Tag an, finde ich. Doch ich merke auch, dass das ein Balanceakt sein wird. Nur Programmkino ist fast nicht möglich mit diesem wunderschönen, aber mit seinen  über 350 Plätzen riesigen Saal, wenn man eine akzeptable Auslastung erreichen will. Aber ich werde die Farbe Arthouse-Kino immer wieder  ins Programm einbauen. Wir probieren derzeit auch Filme im Original mit Untertiteln. Wir werden sehen, ob die Leute das annehmen, ob sich das rumspricht oder nicht.

Für Streifen, die im großen Saal nicht funktionieren würden oder die es nur auf Blu-ray gibt, haben wir den  gemütlichen Metro-Klub, wo wir vor kleinerem Publikum ausgewählte Programme wie Stummfilme oder Kurzfilmabende wie die „Shocking-Shorts“ zeigen. Hier kann man auch prima ins Gespräch kommen. Das werden wir  in jedem Fall ausbauen.

Im Januar hatten Sie eine Themenwoche in Begleitung der Ausstellung zur Russischen Avantgarde in den Kunstsammlungen. Wird es so etwas häufiger geben?

Ja, unbedingt! Die Kooperation mit den Kunstsammlungen ist uns wichtig, gerade haben wir „Doktor Schiwago“ und die russischen Stummfilme von Eisenstein bis Pudovkin noch einmal gezeigt. Eine Fortsetzung der Zusammenarbeit steht schon an: Wir planen gerade etwas um den Filmstart von „Neo Rauch“. Auch das Stadtjubiläum im nächsten Jahr bietet einige Themen, die ich mir im Kino vorstellen kann. Und mit dem Museum Gunzenhauser könnte man sich zusammentun und Synergien bilden. Das ist auch das Spannende am Job des Programmierens, dass man Kino in einen größeren Zusammenhang bringt und entsprechend in Szene setzt.. Das „Metropol“ ist seit nun über 100 Jahren Bestandteil der Chemnitzer Kulturlandschaft, seit 81 Jahren Kino und damit das älteste noch existierende Filmtheater der Stadt. Wir müssen den Bewohnern noch klarer machen, was sie da für eine Perle mitten in der Stadt haben.

Ein anderer Kino-Macher in der Stadt hat einmal gemeint, der Chemnitzer sei ein eher schlechter Kino-Gänger. Wie ist Ihr Eindruck?

Das fragen Sie mich fast etwas zu früh, wir sind gerade zwei Monate am Start. Ich frage mich ja auch immer, warum „der Chemnitzer“ (das unbekannte Wesen) ins Kino kommt oder eben fern bleibt. Das sind aber so viele Einflussgrößen. Man kann sicher nicht pauschal sagen, dass der Chemnitzer prinzipiell ein schlechter Kino-Gänger ist. Was aber auffällt ist, dass es leider kaum nennenswerte Filmberichterstattung in der Presse gibt. Die Filmstarts werden dort in einer ganz kleinen Auswahl besprochen, also nur drei bis vier Filme von  10 bis 15 Starts pro Woche. Das vollständige Programm der Kinos wird nirgendwo redaktionell abgebildet. Außerdem ist viel  der  einst wirklich reichen Kinolandschaft von Chemnitz zerstört, man denke nur an „Europa 70“, „Luxor-Palast“ oder „Filmschau Hilbersdorf“. Daher ist die Frage: Reagiert hier der Markt auf die Menschen oder die Menschen auf den überschaubaren Markt? Ich glaube nicht, dass das schlechte Kino-Gänger sind. Ich erlebe die Chemnitzer als interessierte, mitteilungsfreudige Besucher, die auch sagen, ob ihnen der Film gefallen hat oder welche Filme sie sich ins Programm wünschen.

Wie kommen die Filme ins Programm?

Wir haben ein Monatsprogramm, das heißt ich mache mir derzeit Gedanken, was wir im März zeigen. Natürlich besteht immer auch die Möglichkeit, Wunschfilme ins Programm aufzunehmen – bei „Star Wars – Rouge One“ hatten wir zum Beispiel sehr viele Anfragen.

Bundesstarts sind dagegen schwieriger: Die daran geknüpften Bedingungen (u.a. muss der Film dann durchgängig oder mehrmals täglich laufen) können wir mit nur einem Saal meistens nicht erfüllen. So sind letztlich die Hollywood-Blockbuster zunächst nur im Multiplex zu sehen. Was die Programmkinos in der Stadt angeht, würde es sicher Sinn machen, wenn man sich beim Programm abstimmt und Streifen nicht parallel programmiert. Da werde ich bald Kontakt suchen.

Kino, das ist vor allem abends oder spätabends. Wie bekommen Sie das als Mutter zweier kleiner Kinder (im Alter von 1 und 8 Jahren) hin?

Ohne den pausenlosen, und das meine ich wirklich wörtlich, Einsatz meines Mannes würde das nicht gehen. Auch die Oma hilft und unsere Besucher aus Dresden und Berlin. Die Kinder merken das natürlich trotzdem und werden deshalb des Kinos hoffentlich nicht überdrüssig. Aber nun ist langsam Licht am Ende des Tunnels. Ich habe tolle Mitarbeiter gefunden, die uns unterstützen. Und so habe ich meinen Kinder jetzt schon mehrfach wieder „Gute Nacht“ sagen können.

Wenn es einen Film über Chemnitz gäbe: Welches Genre wäre das?

„The Fast and the Furios“ (antwortet sie wie aus der Pistole geschossen und lacht herzhaft). Oder “Mon Oncle”, besser noch „Trafic“ – französische Klassiker von Jacques Tati. Ich komme zwar aus Berlin … Aber ehrlich gesagt habe ich noch nirgendwo  eine so aufs Auto fixierte Stadt erlebt wie Chemnitz. Es wäre also auf jeden Fall eine auto-kritische Komödie.

Schlussfrage: Wo sehen Sie sich und Ihr Kino im Jahr 2025?

Als festen Bestandteil des Kulturhauptstadt-Jahres. Das würde mich persönlich sehr freuen. Zumal das Projekt Kino für mich auch erst einmal für die nächsten zehn Jahre definiert ist. Von daher können wir gemeinsam mit der Stadt auf die Kulturhauptstadt hin arbeiten. Ich hoffe, dass in zehn Jahren immer noch Kino möglich ist und Kinos besucht werden. Wir werden uns mit dem Kino und hoffentlich auch mit der Stadt verändern. Die Kulturhauptstadt-Bewerbung wird sicher eine tolle Sache , selbst wenn die Bewerbung an sich vielleicht nicht erfolgreich ist, was ja immer passieren kann. Dass dieser Prozess dennoch nachhaltig Früchte tragen kann, zeigen Städte, die sich nur scheinbar erfolglos für Olympische Spiele oder als Kulturhauptstadt beworben haben. Das hat dennoch Effekte und Einfluss auf den Charakter und das Selbstbild , macht etwas Positives mit den Städten. Man kann da durchaus gestärkt und vor allem verändert daraus hervor gehen.

Ich sehe viel Potenzial, gerade weil Chemnitz die Freiräume hat, architektonisch als auch im Stadtraum selbst, die anderswo längst zu Lofts umgebaut oder verkauft wurden. Man kann hier viele Themen, die uns alle in der Zukunft betreffen, diskutieren: Was treibt uns als fast volldigitalisierte Menschen um, wie wollen wir arbeiten, was ernährt uns, wie sollen unsere Kinder aufwachsen … Da kann man hier einiges andenken und ausprobieren! Wenn der Prozess über die zehn Jahre auch zu Antworten führt, dann bin ich da gern dabei. Und das Kino auch!

20 1 8. Februar 2017 gepostet am

1 Kommentar

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  • Nathalie 8. Februar 2017 - 23:39 Antworten

    Hallo, spannendes Thema, wäre nur schon wenn ich es mobil auch lesen könnte. Die Strichstärke der Antworten ist viel zu dünn und damit nicht lesbar!