TASSO und René Kästner
IBUg

Macher der Woche

Wer zuerst kommt, malt zuerst

Kreative Kunst ist nicht nur für Galerien und Museen bestimmt. Die IBUg (Industriebrachenumgestalten) verwandelt alte Industriebrachen in begehbare Kunsträume. Am kommenden Wochenende pilgern daher 80 Künstler aus ganz Europa nach Chemnitz. Vom 25. August bis zum 3.September verwandelt sich die alte VEB Spemafa (Spezialmaschinenfabrik) Chemnitz in der Lerchenstraße zu einer Sammlung aus Kunstinstallationen, Bildern und Botschaften. Der IBUg-Vater TASSO (51) aus Meerane und der gebürtige Chemnitzer René Kästner (40) begleiten das Streetart-Festival seit seinen ersten Schritten 2006. Mittlerweile ist die IBUg groß geworden und in die Hände von einem engagierten Team um den Leipziger Thomas Dietze gegeben. Wir trafen die zwei Künstler TASSO (Streetart/Graffiti) und René (Graffiti) im Vorfeld der IBUg zu einem Gespräch über die Facetten an Kunst im öffentlichen Raum.

Wieso gibt es die IBUg?

TASSO: Damals gab es viele Veranstaltungen, die sich auf das traditionelle Graffiti konzentrierten, das Meeting of Styles zum Beispiel. Auf Reisen habe ich viele Leute kennengelernt, die andere Sachen gemacht haben, vor allem aus dem Streetart-Bereich. Solche Leute haben in der Hall of Fame (Anmerk. d. Red. so werden hier Wände bezeichnet, auf denen legal Graffiti gesprüht werden können) keine Chance sich darzustellen. Und da ich zu diesem Zeitpunkt die Genehmigung vorliegen hatte, die alten IFA-Werke in Meerane für meine Kunst zu nutzen, dachte ich mir, ich stelle genau diesen Streetart Künstlern die Fläche für ihre Werke zur Verfügung. Und habe das dann einfach mal gemacht.

Im ersten Jahr kam fast niemand, das hat keinen interessiert. Wir waren ein paar Kumpels und zwei Künstler aus anderen Regionen. Aber der Stadt Meerane hat das so gut gefallen, dass sie uns ein weiteres Objekt angeboten haben. Und so ist dann nach und nach die IBUg entstanden.

René: Wir sind schon einige Zeit befreundet und wenn jemand aus der Runde was macht, dann kommt man vorbei. Es war ja an sich nichts Neues, in einer Brache zu malen, es war bloß einmalig, dass es in so einer großen Gemeinschaft und offiziell betrieben wurde. Ich habe da gerne Leute getroffen und gemalt. Das Abhängen und Feiern ist ein wichtiger Faktor bei dem Ganzen.

TASSO: Ich vergleiche es gerne mit dem Bohemian Style des 18. Jahrhunderts. Die Künstler sind in Vierteln abgetaucht und haben dort ihre eigene Welt aufgebaut. Das Miteinander, Netzwerken, etwas Kreatives schaffen. So entstand auch die IBUg-Familie.

Wie kam diese Familien zusammen? Findest du die Künstler oder finden die Künstler zu dir?

TASSO: Am Anfang musste ich aktiv auf die Suche gehen, dann kannte man auch viele von unterwegs. Heutzutage läuft es über die Bewerbung der Künstler.

René: Es gibt eine Handvoll, die kommen immer wieder. Die gehören einfach dazu!

Von der Provinz in die Großstadt, warum ist Chemnitz dieses Jahr Austragungsort?

TASSO: Chemnitz ist im Rahmen dieser Veranstaltung eigentlich etwas Besonderes. Sonst ist die IBUg immer in der sächsischen Provinz. Das war auch das Reizvolle für Künstler, die aus Städten wie München, Berlin oder Hamburg anreisten. Chemnitz ist die erste Großstadt, in der die IBUg stattfindet. In den kleinen Städten, wie Limbach oder Meerane, da fielen wir sofort mit unserer Aktion auf.

René: Die Leute waren immer sehr neugierig und hilfsbereit. Ich denke, in Chemnitz wird es anders werden. Keiner der Anwohner wird uns dieses Mal mit Kaffee versorgen (lacht). Dafür ist es in einer größeren Stadt leichter, Förderer und mediale Unterstützung zu finden. Mit dem Schritt in eine Großstadt wird auf jeden Fall mal vom Konzept abgewichen und was Neues probiert.

Ist die IBUg denn auch eine Bereicherung für die Stadt Chemnitz?

TASSO: Das passiert nebenbei ganz automatisch, das beabsichtigen wir nicht. Wir zielen mit dem Festival eher darauf ab, den Leuten unsere Art der Kunst nahe zu bringen. Der Großteil der Bevölkerung äußert sich negativ über Graffiti und Streetart, weil sie keinen Bezug dazu haben. Die IBUg trägt die Kunst an Leute heran, die nicht ins Museum oder eine Galerie gehen. Es ist einfach ein anderer Zugang zur Kunst. Ich würde mir wünschen, dass Gemeinden und Städte auch mal auf uns zukommen würden. Sie sollen sehen, dass wir einen positiven Beitrag zur Stadtentwicklung leisten. Es ist aber bisher immer noch nach dem Motto: „Dürfen wir euch ein schönes Fest schenken und eure Industriebrachen verschönern?“

René: Solche Projekte müssen verstärkt aus der Stadt selber heraus entstehen. Die IBUg wandert ja jedes Jahr weiter. In Chemnitz tut sich da was, die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Veranstalter ist enger und kooperativer, wie zum Beispiel bei dem Kosmonaut-Festival.

Was wird gezeigt? Wird ein Motto für die Motive vorgegeben?

TASSO: Ich mag zwar Motto-Partys, aber ein Motto bei der Kunst ist langweilig. Die Künstler nehmen oft die Geschichte des Gebäudes in ihre Werke mit auf.

René: Die Künstler bekommen im Vorhinein ein Briefing über das Gebäude und seinen Hintergrund. Da passiert schon viel in dieser Richtung. Es liegt zum Teil auch in der Natur des Künstlers, seine Umgebung zu reflektieren und aufzunehmen.

Schaut man sich als Künstler die Räumlichkeiten vorher an oder wird spontan entschieden, was kreiert wird?

TASSO: Ankommen, Loslegen!

René: Anarchie, wer zuerst kommt, malt zuerst.

Gibt es eine Streetart-Szene in Chemnitz?

René: Es gab damals in den 90er eine ausgeprägt Graffitiszene, die es heute noch in Teilen gibt, aber eine Streetart-Szene nicht.

Mit dieser Frage bricht eine Diskussion zwischen den beiden über Streetart und Graffiti aus. Ob Figuren, Botschaften, Sticker oder Buchstaben, die halb- bis illegaler Weise im öffentlichen Raum kreiert wurden: Der Laie sieht dort kaum einen Unterschied. „Graffiti war eine Form der Rebellion zu unserer Zeit!“, betont René. „Wir haben nicht gefragt, wir haben es einfach gemacht!“ Tatsächlich gäbe es die Streetart ohne die amerikanische Graffiti-Szene nicht. Sie bot die Grundlage aus der sich die heutige Streetart entwickelte. Im Gegensatz zum Graffiti stößt die Streetart mittlerweile auf mehr Akzeptanz in der Gesellschaft. Besteht das Graffiti meist aus Buchstabenkombinationen, die nicht immer entzifferbar sind, zeichnet sich die Streetart durch mehr Erkennbarkeit in ihren Motiven aus. Die IBUg bedient aber noch eine weitere Kunstebene, die Konzeptkunst, bei der die Idee und nicht die Ästhetik des Objektes zählt. „Es ist mittlerweile ein riesengroßer Mischmasch zwischen den Stilen, es ist schwer sie auseinander zu halten, aber wichtig und interessant“, erzählt uns TASSO und erinnert sich an sein erstes Graffiti, das er in Chemnitz entdeckt hat.

TASSO: Es war kurz nach der Wende und ich war mir sicher, dass es nur Amerikaner gewesen sein können. Ich habe so etwas vorher noch nie gesehen. Die Graffiti-Szene war damals blühend in Chemnitz. Es gab halt auch einfach viele legale Wände und Möglichkeiten zu sprühen.

René: Es sind noch viele aktiv in der Graffiti-Szene. Aber beim Stil gibt es nicht viel Innovatives. Damals wurde hier in Chemnitz viel getan und getüftelt, es gab viele Angebote für junge Leute oder man hat einfach selber was auf die Beine gestellt. Die Einstellung zu Graffitis hat sich stark verändert. In der Gesellschaft ist das Graffiti negativ behaftet und wird mit Schmierereien und Illegalität verbunden.

Ist es nicht schade, wenn dann Schauplätze der IBUg irgendwann abgerissen werden?

TASSO: Für die Spemafa gibt es bislang noch keine Abrisspläne. Die meisten Künstler, die hier mitmachen, haben vorher schon viel auf Straßen und im öffentlichen Raum gemacht. Da ist man es gewohnt, dass sein Werk am nächsten Tag wieder verschwunden ist. Außerdem üben Abrisspläne für Brachen einen Reiz für die Besucher aus. Entweder du warst an dem Tag da oder du wirst es nie wieder sehen können.

Wenn alle Werke fertiggestellt sind, was passiert dann noch in der Festivalwoche?

TASSO: Es finden abends Partys statt, zum einen für die Atmosphäre und zum anderen für das Team, damit den freiwilligen Helfern auch etwas zurückgegeben werden kann. Außerdem werden Führungen für Schüler angeboten. Da erzählen die einzelnen Künstler über sich und ihren Stil. Solche Hintergrundinformationen sind für die meisten Kids spannender als ein klassischer Museumsbesuch. In der Nachbarschaft auf dem Brühl wird es parallel zur IBUg auch noch ein kreatives Programm und Kunstaktionen geben.

Wo seht ihr Chemnitz und die Kunst im öffentlichen Raum 2025?

René: Workshops, Veranstaltungen und Wände zum Malen werden mehr benötigt. Neue Treffpunkte für junge Leute sind wichtig, um ihnen Möglichkeiten zu geben. Es ist wichtig die Bedarfe zu identifizieren, die bei den jungen Leuten gerade angesagt sind. Und Chemnitz braucht eine Kiez-Kultur, die vielleicht auf dem Brühl möglich ist.

TASSO: Chemnitz würde ich den Tipp geben, sich neuen Dingen weiterhin zu öffnen. Zur Kulturhauptstadt gehört Kunst, aber eben nicht nur die klassische, die vor 1900 entstanden ist, sondern auch die unkonventionelleren Sachen, wie eben beispielsweise Streetart. Das ist die Kunst unserer Zeit, das sollten wir an die nächste Generation weitergeben.

4 0 25. August 2017 gepostet am

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