Macher der Woche

Abflug von Chemnitz

Vor etwa 90 Jahren war das möglich. Am Flughafen Chemnitz, gelegen im heutigen Fritz-Heckert-Gebiet, herrschte in den 20er Jahren reger Flugbetrieb. Ein Kapitel der Chemnitzer Geschichte, das beim diesjährigen Ikarus-Fest aufgegriffen wird. Mit vielen Attraktionen, Mitmachaktionen, historischen Ausstellungsstücken und Köstlichkeiten wird die 875-jährige Stadtgeschichte erlebbar gemacht. Thomas Rosner ist Stadtteilmanager Chemnitz Süd und Hauptorganisator des Festes, das am 9. Juni auf dem Ikarus-Boulevard, von 14 bis 18.30 Uhr, stattfindet. In unserem Macher-der-Woche-Interview erzählt er über seine Arbeit im Stadtteil und wie die Flughafenzeit hier ihre Spuren hinterlassen hat.

Warum sind Sie Stadtteilmanager?

Ich habe schon einmal im Quartiersmanagement, Markersdorf/ Morgenleite/ Hutholz mitgearbeitet und fand die Tätigkeit sehr schön. Die ganzen letzten Jahre war ich schon immer im sozialen Bereich tätig, zuletzt aber in Zwickau. Ich wollte gerne zurück nach Chemnitz und dann bot sich die Stelle als Stadtteilmanager an. Es ist auch wirklich etwas Schönes, weil man direkt Feedback bekommt. Die Bürger freuen sich, wenn ihnen geholfen oder eine tolle Aktion organisiert wird. Als Höhepunkt ein gemeinsames Stadtteilfest, wie das Ikarus-Fest, zu organisieren, ist super.

Was steht noch auf dem Plan des Stadtteilmanagements Süd für dieses Jahr?

Wir haben das ganze Jahr über viele Aktivitäten, zum Beispiel das Apfelsaftpressen am 6. September. Das finde ich besonders schön, weil es die Kinder zusammenbringt, sie zusammenarbeiten und sie sich damit beschäftigen, wo natürliche Sachen, wie der Apfelsaft, eigentlich herkommen. Wir veranstalten dann auch noch die interkulturellen Filmnächte, am 2. November, und veröffentlichen die Stadtteilzeitung „Südblick“. Au-ßerdem bin ich das ganze Jahr über Kümmerer und Ansprechpartner vor Ort.

Was muss im Stadtteilgebiet Süd angepackt werden?

Nach der Wende hatte das Gebiet mit einem großen Wegzug zu kämpfen und viele Häuser wurden rückgebaut. Mittlerweile geht es mehr darum, wie die Bürger bei der Aufwertung des Gebietes eingebunden werden können. Vor allem setzen die Förderprogramme jetzt auch da an, dass die Anwohner mit ins Boot geholt werden. Dafür gibt es ESF-Projekte, die an verschiedenen Stellen ansetzen und versuchen, etwas für die Menschen zu machen, wie die Reintegration ins Erwerbsleben und die Nachbarschaftshilfe stärken. Ich finde, die soziale Integration sehr wichtig.

Das Stadtteilmanagement Süd hat neue Räume bezogen. Wo sind Sie nun anzutreffen?

Zuvor hatten wir unser Domizil direkt am Ikarus-Boulevard. Nach unserem Umzug Ende März wurden wir im Vita Center mit offenen Armen empfangen. Man findet das Stadtteilmanagement in der Wladimir-Sagorski-Straße 24 mitten im ehemaligen Heckert-Gebiet. Die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr ist hier durch die Linien 5 und 53 sehr gut. Im Sommer wird es einen Tag der offenen Tür geben, damit die Bürger uns entdecken und finden können.

Zieht das Ikarus-Fest auch mit um?

Das Ikarus-Fest findet dieses Jahr wieder am Ikarus-Boulevard statt, um einfach für die Menschen dort eine schöne lokale Veranstaltung zu haben. Es ist ja auch ein toller Ort um ein großes Fest für die ganze Familie zu feiern.

Das Ikarus-Fest findet jährlich statt. Was ist in diesem Jahr so besonders an der Veranstaltung?

Es ist bereits die 11. Auflage des Festes. Dieses Jahr im Zuge des Stadtjubiläums, 875 Jahre Chemnitz, wollten wir etwas Besonderes machen. Das Bürgernetzwerk Chemnitz-Süd hatte die Idee, die Geschichte des Stadtteiles zum Jubiläum lebendig zu machen. Durch den alten Flughafen hat unser Stadtgebiet eine spannende Vergangenheit und die wollen wir für die Menschen greifbar machen. Das Fest wird nicht nur von vielen Einrichtungen der näheren Umgebung, sondern auch von engagierten Akteuren aus dem ganzen Chemnitzer Süden gestaltet. Sogar der Heimatverein Grüna präsentiert sich mit einem großen Luftschiffmodell. Außerdem wird es Hüpfburgen, Loopy-Balls, Kistenklettern, Bastelangebote, einen Überflug eines historischen Flugzeuges und einen Ballon am Kran geben, mit dem man in 50 Meter Höhe einen guten Blick über den gesamten Chemnitzer Süden hat.

Die Geschichte der Luftfahrt in Chemnitz reicht noch weit vor die Zeit des Flughafens in den 20er Jahren zurück. Ernst Georg August Baumgarten, auch als fliegender Oberförster von Grüna bekannt, hatte bereits im Jahr 1879 den ersten bemannten Aufstieg seines konstruierten Luftschiffes geschafft. Er war ein Luftschifffahrtspionier, denn ihm gelang es gut 20 Jahre vor dem berühmtem Ferdinand Graf von Zeppelin einen bemannten Aufstieg eines lenkbaren Luftschiffes erfolgreich durchzuführen. Erst 1900 gelang Graf von Zeppelin der erste Aufstieg des Luftschiffs Zeppelin. 30 Jahre später landete die legendäre »Graf Zeppelin«, das erfolgreichste Luftschiff der Welt mit einer Größe von über 200 Metern, auch am Chemnitzer Flughafen und versetze die Chemnitzer Bevölkerung ins Staunen. Auch die Junker G 38, zur damaligen Zeit das größte Landflugzeug der Welt, machte Stopp in Chemnitz. In den 1930er Jahren wurde der Flughafen für den regulä-ren Flugverkehr zu klein und nur noch für Rundflüge, Landwirtschafts- und Segelflugzeuge genutzt. Zu DDR-Zeiten wurde der Flugverkehr dann ganz eingestellt und wenig später zog der Flughafen nach Jahnsdorf und der Standort Helbersdorf wurde geschlossen. Die Landebahn wurde zurück gebaut. Auf der frei gewordenen Fläche wurde die Plattenbausiedlung »Fritz-Heckert-Gebiet« errichtet. Zwischen den Hochhäusern ist auch heute noch das Empfangshallengebäude »Ikarus« des alten Flughafens anzufinden.

Welchen historischen Wert hat die Flughafenzeit für die Chemnitzer Bevölkerung?

Die Bürger haben wahnsinnig viel Input gegeben und sind vorbei gekommen, um von ihren Erinnerungen an den Flughafen zu erzählen, zum Beispiel, dass sie selber noch hier abgeflogen sind, der Vater Flughafen-Direktor war oder die spektakuläre Landung des Luftschiffes. Diese Zeit ist von Bedeutung für die Chemnitzer. Wir haben beim Ikarus-Fest auch ein Geschichtsprojekt vor Ort, das die Geschichte noch mehr aufarbeiten will und zum Beispiel Zeitzeugen und historische Dokumente sucht.

Wie veränderte der Flughafen den Stadtteil?

Die Stadtteile waren damals noch Dörfer und der Flughafen am Rande der Stadt. Mit der Schließung des Flughafens konnte das Gebiet erstmals für Geschosswohnungsbau erschlossen werden. Somit war es für die Gebietsentwicklung eigentlich gut, da erst auf diese Weise so viele Menschen an diesem Ort zusammen kommen konnten. Wenn man so will, war die Schließung der Start des Wohnungs- und Geschossbaus in diesem Gebiet.

Wie wäre es, wenn Chemnitz wieder einen Flugplatz bekäme?

Es gäbe natürlich einerseits sicherlich Menschen, die der Fluglärm stören würde. Andererseits wäre es eine tolle Anbindung an die Welt, gerade wenn man sieht, wie lange sich das Thema mit der ICE-Anbindung schon hinzieht. Ich denke, es würde die Stadt interessanter machen und viele Gäste herbringen.

Chemnitz bewirbt sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025. Was wünschen Sie sich bis dahin für die Stadt?

Es ist wichtig für die Bewerbung, dass man die Leute vor Ort abholt, mitnimmt und auch richtig mit einbindet. Hier wirkt es für die Leute eher wie ein virtuelles Thema, das sie mal gehört haben. Es kommt auch häufig der Kommentar: „Chemnitz ist doch eine Arbeiterstadt, was sollen wir mit Kultur.“ Man muss den Bürgern näher bringen, dass Kultur nicht nur hohe Kunst ist, sondern vielfältig wirken kann. Ich würde mir wünschen, dass man ähnlich wie bei dem 875-Jahre-Konzept, die Stadtteile mit einbindet und viele Aktionen vor Ort auch mit den lokalen Akteuren zusammen macht, zum Beispiel Straßenkunst. Vielleicht kann man auch eine Art Tour durch die Stadtteile machen, damit das Thema mehr angenommen wird und die Leute dafür begeistert. 

Das Ikarus-Fest findet am 9 Juni von 14 bis 18.30 Uhr auf dem Ikarus-Boulevard, Dr.-Salvador-Allende-Straße 34 statt.

0 0 8. Juni 2018 gepostet am

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