Britta Mahlendorff und Kathrin Weber
Steuerungsgruppe Fairtrade-Town

Macher der Woche

Auf dem Weg zur Fairtrade-Town

Britta Mahlendorff und Kathrin Weber sind Teil der Steuerungsgruppe, die sich die Bewerbung der Stadt Chemnitz als Fairtrade-Town zum Ziel gesetzt haben. Neben Dresden, Leipzig, Markleeberg und Freiberg möchte Chemnitz zu den bundesweit über 540 Städten gehören, die sich offen für fair gehandelte Produkte und Lieferwege einsetzt. Um die Chemnitzerinnen und Chemnitzer für diese Idee zu begeistern, organisieren die Macherinnen das erste Fairtrade-Town-Fest am 28. Juli im Stadthallenpark. Was es mit der Fairtrade-Kultur auf sich hat und was passieren muss, dass Chemnitz den Titel Fairtrade-Town tragen darf, erzählen sie im Macher-der-Woche-Interview.

Was ist die Fairtrade-Town Initiative?

Britta Mahlendorff: Das ist die Aktion des Vereins transfair e. V. Der Verein hat die internationale Initiative ins Leben gerufen, da das Bewusstsein für fairen Handel und gerechtere Handelsstrukturen weltweit wächst. Um dies zu werten, gibt es die Fairtrade-Town-Initiative. Es ist eine Vernetzung von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik und fördert den fairen Handel auf kommunaler Ebene.

Kathrin Weber: Das Ziel ist es, erst mal vor Ort zu recherchieren, was es denn überhaupt schon in Richtung Fairtrade gibt.

Wie wird man Fairtrade-Town?

Kathrin Weber: Es gibt fünf Kriterien, die erfüllt werden müssen. Das Erste, was in Chemnitz bereits erfüllt ist, ist der Stadtratsbeschluss. Das heißt, dass die Stadt oder die Kommune sich um diese Auszeichnung bewirbt und die Politik das Engagement unterstützt.

Ein weiteres Kriterium bezieht sich auf den Einzelhandel: Eine bestimmte Anzahl an Einzelhandelsgeschäften muss, in Abhängigkeit der Einwohnerzahlen, mindestens zwei fair gehandelte Produkte führen. Genauso gilt es für die Gastronomie.

Drittens muss es eine bestimmte Anzahl an Vereinen, Kirchen oder Schulen geben, die fair gehandelte Produkte irgendwie einsetzen, zum Beispiel beim Kaffeeausschank im Lehrerzimmer oder bei der Schulspeisung. Außerdem muss es in den öffentlichen Einrichtungen Bildungsangebote zu Fairtrade geben, zum Beispiel ein oder zwei Veranstaltungen im Jahr.

Und es braucht noch eine Steuerungsgruppe, die alle Aktionen vor Ort bündelt. Das haben wir ebenfalls schon umgesetzt. Zudem muss medial darüber berichtet werden, im Jahr mindestens vier Artikel online oder in der Lokalpresse, das Kriterium erfüllen wir auch schon sehr gut.

Britta Mahlendorff: Wenn alle Kriterien eingehalten werden und der Verein transfair sein okay gibt, dann bekommt man den Titel Fairtrade-Town für zwei Jahre. Den Titel kann man dann immer wieder bestätigen lassen.

Da aber nicht jeder den Stadtratsbeschluss liest oder eine lokale Zeitung abonniert hat, sind wir auf die Idee gekommen, den Leuten die Fairtrade-Kultur mit einem Fest näher zu bringen.

Was erwartet die Besucher denn beim Fairtrade-Fest am 28. Juli?

Kathrin Weber: Mit dem Fest wollen wir die Bevölkerung mitnehmen und den Fairtrade-Gedanken nach außen tragen. Nur die Erfüllung der Kriterien, um die Auszeichnung zu bekommen, ist ja nicht unser alleiniges Ziel. Es soll auch weiter gehen, sodass die Leute das Bewusstsein für Fairtrade entwickeln. Und dafür ist das Fest auch da.

Britta Mahlendorff: Elf Akteure sind dabei. Es wird also verschiedene Stände von örtlichen Läden geben, die fair gehandelte Produkte im Angebot haben und Vereine, die sich vorstellen wie z.B Interkultureller Garten. Es wird Fairtrade-Kaffee ausgeschenkt und es gibt kulinarische Köstlichkeiten. Wir wollen damit die Hemmschwelle für Leute, die noch nicht Fairtrade-Produkte gekauft haben, senken. Außerdem wird es ein Repair-Café geben, denn es geht auch um Nachhaltigkeit. Sehr wichtig ist uns, dass eine Podiumsdiskussion von 16.45 Uhr bis 17.30 Uhr mit Stadtverordneten verschiedener Parteien stattfinden wird. Mit Geflüchteten werden Interviews durchgeführt, warum sie nach Deutschland gekommen sind. Denn Fluchtursachen haben etwas mit ungerechten Handelsstrukturen zu tun. Und alles wird von Musik umrahmt.

Kathrin Weber: Die Podiumsdiskussion zielt auch darauf ab, über faire Beschaffung zu sprechen, dass zum Beispiel die Stadtverwaltung im Umgang mit Bestellungen sensibilisiert wird. Wo kommen die Produkte eigentlich her, die ich einkaufe?

Wie steht es aktuell in Chemnitz um die Fairtrade-Kultur?

Britta Mahlendorff: Weil wir jetzt gerade dabei sind, 35 Einzelhandelsgeschäfte und 18 Restaurants zu finden, die die Bewerbung mittragen, ist mir aufgefallen, dass es doch schon einige gibt, die faire Produkte anbieten. Bei den großen Geschäften ist es vielleicht nicht so schwierig, weil inzwischen fast jeder Lebensmittel-Discounter Fairtrade-Produkte führt. Aber dass auch die kleinen Geschäfte und Restaurants das anbieten, freut mich.

Kathrin Weber: Ich denke es ist durchwachsen. Wir müssen jetzt nicht beim Urschleim anfangen. Aber es gibt schon einige, die alleine bei den Siegeln nicht mehr den Durchblick haben. Was heißt das eigentlich fairer Handel? Bei einigen ist noch stark das gewohnheitsmäßige Einkaufen verankert. In Läden, die sogar Fairtrade-Kaffee führen, wird nicht mal nachgefragt, ob der Kaffee fair gehandelt wird. Das Bewusstsein ist noch nicht so ausgeprägt. Es ist ähnlich wie bei Bio, man muss sich damit bewusst auseinandersetzen und dahinter schauen, was welches Siegel eigentlich bedeutet. Es reicht nicht anzunehmen, da ist jetzt dieses Siegel und alles ist gut.

Britta Mahlendorff:  Ich denke aber, dass es für viele, die jetzt neue Cafés oder Ähnliches eröffnen, selbstverständlich ist, dann auch Fairtrade-Kaffee auszuschenken. Obwohl die Besucher gar nicht direkt danach fragen. Das hat mich überrascht.

Kathrin Weber: Wir sind auf alle Fälle auf einem positiven Weg. Und es ist wichtig, dass man nicht gleich damit abschließt, nur weil man mal eine schlechte Erfahrung gemacht hat, vielleicht ein Fairtrade-Kaffee mal nicht schmeckte. Die Auswahl ist so groß, man muss sich nur durchprobieren.

 Fairtrade ist heutzutage mehr als nur Kaffee. Fast in jeder Produktgruppe gibt es fair gehandelte Waren: Ob Schokolade, Honig, Kleidung, Taschen, Kosmetik oder Sportbälle, selbst auf Schnittblumen im Supermarkt kann das Fairtrade-Siegel vorkommen. Allerdings darf der Verbraucher nicht blind dem Siegel folgen. Es ist ähnlich wie in der Biobranche: Bioprodukte wurden Trend und tauchten zunehmend in den Regalen der Supermarktketten auf. „Es kommt dann drauf an, wie viele schwarze Schafe auf den Zug mit aufspringen“, betont Kathrin Weber, „denn die können die gesamte Branche in Verruf bringen.“ So kann es vorkommen, dass zum Beispiel fair gehandelte und konventionelle Waren in einem Produkt vermengt werden. Ein solcher Mengenausgleich sei zwar erlaubt, muss in Deutschland aber auf dem Etikett vermerkt sein. Wer auf Nummer sicher gehen will, findet in Chemnitz eine ganze Reihe von Fairtrade-Produkte im Einzelhandel, zum Beispiel im Weltladen, Spangeltangel oder Kult – Design – Unikate.

Wie kann man die Aufmerksamkeit für die Faitrade-Kultur stärken?

Britta Mahlendorff: Ich mache schon sehr lange Bildungsarbeit an Schulen und da habe ich bemerkt, dass Kinder ihre Eltern in den Weltladen mitbringen und ihnen die Produkte zeigen. Aber mir ist auch dieses Jahr in einem Gymnasium aufgefallen, dass die Pädagogen selbst schon Projekte organisieren, bei denen es um den fairen Handel geht. Ich würde mich freuen, wenn die Schulen das vermehrt eigenständig in die Hand nehmen.

Kathrin Weber: Es kommen auch öfter Klassen hier in den Laden, um sich einfach mal alles anzuschauen. Oder Lehrer, die anfragen, ob wir etwas an den Schulen machen können.

Britta Mahlendorff: Das Umweltzentrum bietet zu dem Thema auch einen Bildungsmarkt an. Dort sind viele Klassen, aber auch schon Kindergartengruppen vor Ort. Ich wurde jetzt sogar für einen Kindergeburtstag angefragt, um den Kindern die Themen Umwelt und fairer Handel näher zu bringen. Es ist wichtig, einfach darüber zu reden und zu informieren.

Und wann ist es dann soweit, dass sich Chemnitz Fairtrade-Town nennen kann?

Britta Mahlendorff: Ich würde mir wünschen, dass wir es bis Ende dieses Jahres schaffen. Das wäre auch eine sehr positive Sache für die Stadt und ihr Image.

Chemnitz bewirbt sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025. Was wünschen Sie sich bis dahin?

Britta Mahlendorff: Ich wünsche mir, dass die Menschen aus Deutschland und anderen Ländern hierher kommen, weil sie sagen, dass es hier tolle Events gibt, wie die Begehungen oder das Hutfestival. Ich war auch oft bei den Veranstaltungen zur Kulturhauptstadtbewerbung und am Anfang hatte ich das Gefühl, dass die Leute Lust darauf haben. Aber mittlerweile stagniert es etwas. Die Chemnitzerinnen und Chemnitzer müssen sich mehr einbringen und die Chance nutzen, ihre Ideen einzubringen.

Kathrin Weber: Ich bin noch auf dem Weg, Chemnitz für mich zu entdecken. Ich würde mir wünschen, dass Stadt und Bürger mehr ins Gespräch kommen, dass es mehr Dialog gibt. Die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt wäre eine gute Möglichkeit, diesen Dialog zu fördern.

0 0 27. Juli 2018 gepostet am

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