Kerstin Stopp
Förderung von Integration durch Sport

Macher der Woche

Bewegung ist Begegnung

Wie integriert man richtig? Wie baut man Vorurteile ab? Und heißt behindert auch hilfsbedürftig sein? Kerstin Stopp, Vorsitzende des Vereins zur Förderung von Integration durch Sport, beschäftigt sich mit diesen Fragen. Nach einem schweren Unfall als Sportstudentin musste sie selbst ihr Leben neu und vor allem anders als gedacht ausrichten. Dieser persönliche Schicksalsschlag zeigte ihr, dass es das höchste Gut ist, seine Selbstständigkeit zu bewahren Die Erfahrung prägt sie bis heute und gab ihr die positive Kraft, anderen durch Sport, Bewegung und Wahrnehmung zu helfen und sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren.

Sie sind Vorsitzende des Vereins zur Förderung von Integration durch Sport. Wie kamen Sie zu dem Verein?

Der Ausgangspunkt war das Spiel- und Sport-Fest der Geistig- und Mehrfachbehinderten, das schon seit Mitte der Neunzigerjahre stattfindet. Die steigenden Anforderungen an das Organisationsteam und das gesamte Drumherum erforderten es dann bald, dass wir einen Verein gründeten, den es nun seit 2001 gibt.

Welche Ziele hat sich der Verein auf die Fahnen geschrieben?

Es geht uns nicht darum, Mitglieder zu gewinnen, sondern um die Organisation und Durchführung von verschiedenen Veranstaltungen, bei denen verschiedene Gruppen zueinander finden: Seniorenprojekte, das Schwimmmeeting oder das gemeinsame Sporttreiben von Hochleistungssportlern und Behinderten. Mir ist es wichtig, dass Berührungsängste abgebaut werden.

Sie sind studierte Lehrerin mit speziellen Ausbildungen zum Rehabilitationssport. Wieso haben Sie sich auf den Wassersport spezialisiert?

Ich habe selbst im Wasser wieder gelernt, meine Bewegungen und das Laufen zu steuern. Da gibt es bestimmte Geräte, die sich im Wasser sehr gut anwenden lassen. Ich habe auch eigene Ideen mit eingebracht und nutze Geräte, die es sonst nicht so bekannt sind. Zum Beispiel: Beinmanschetten, welche einen zwingen, den gesamten Körper über die Wahrnehmung und die tiefe Muskulatur aufzurichten. Durch meine eigene Verletzung habe ich selbst ein gutes Gespür dafür gehabt, was man braucht. Ich habe viel gelesen, Fortbildungen besucht, geredet und ausprobiert.

Welche Herausforderungen entstehen beim gemeinsamen Sportmachen?

Es ist sehr wichtig, sich sensibel auf alle einzulassen. Man bringt Menschen zusammen, die sich sonst kaum begegnen würden. Da muss man sich auf die einzelnen Gruppen einstellen, seien es nun Senioren, Behinderte oder Leistungssportler. Der Sport ist dabei das einfachste Mittel aufeinander zuzugehen, weil es keine großen Berührungs- oder Verständigungsbarrieren gibt. Beim Schwimmen sind alle gleich. Denn die Behinderten sind nichts Besonderes, sie brauchen keine Sonderbehandlung. Das ist mir sehr wichtig zu vermitteln. 

Ist der Sport also das ultimative Mittel zur Integration?

Wir verkaufen aus meiner Sicht Integration komplett falsch. Wenn man zum Beispiel ein Kind mit Behinderung in der Klasse hat, haben alle das Gefühl, man muss dem Kind besonders viel helfen, ihm den Schnürsenkel zubinden, den Ranzen tragen und die ganze Zeit umsorgen. Ich habe auch niemanden integriert, wenn ich einen Menschen mit Behinderung irgendwo hinstelle und sage, hier ist ein Behinderter.

Es wäre viel besser, denjenigen alles alleine machen zu lassen und ganz normal damit umzugehen. Natürlich muss ich in dieser speziellen Arbeit viel Wissen, über die medizinischen Hintergründe einbringen und dies stets in meiner Arbeit einbeziehen und beachten. Das heißt, ihm erst zu helfen, wenn er explizit Hilfe benötigt. Menschen mit Behinderungen keinen Sonderstatus zuzusprechen, ist das Schwerste für die Leute.

Ich glaube, das abzulegen gelingt uns in den nächsten Jahren noch nicht. Dafür sind wir falsch erzogen. Solange wir einen behinderten Menschen nur als Behinderten wahrnehmen, wird sich der Umgang nicht ändern.

Was muss passieren, damit die Menschen ihren Umgang mit beeinträchtigten Menschen überdenken?

Es muss vielmehr Normalität einziehen. Das Sonderstellungsmerkmal muss verschwinden. Der Mensch ist ein Mensch. Wir haben alle irgendwelche Einschränkungen: Der eine hat Angst vor etwas, ein anderer wiederum ist sich unsicher in seinem Auftreten. Diese „Einschränkung“ möchte ja niemand in den Mittelpunkt stellen. Wenn man bestimmte Dinge nicht kann, und die gibt es bei jedem, dann versucht man, diese zu umgehen. Und so geht es jedem Behinderten auch. Das muss von der Gesellschaft als normal empfunden werden. Da stellt sich natürlich die Frage, was ist schon normal? Es geht darum, dass jeder seinen Weg hat, manche eben einen anderen. 

Was schafft der Sport, was die Schule oder die Gesellschaft auf dem Gebiet der Integration vielleicht nicht schafft?

Die Bewegung ist das Ausschlaggebende. Wenn in der Schule oder einem Kurs jeder für sich an seinem Platz sitzt, gibt es da immer diese innere Barriere aufzustehen, hinzugehen und anzusprechen. Wenn man aber zusammen mit dem gleichen Problem im Wasser steht und Übungen macht, hat man schon viele der Hürden abgebaut. Das schaffen andere Bereiche nicht so gut. Bewegung ist Begegnung.

Schwimmtraining für Schulklassen, Behinderte, Rehabilitationsgruppen und Leistungssportler: Kerstin Stopp arbeitet mit einem extrem breiten Spektrum an Menschen zusammen. Und doch sind im Wasser alle gleich. Um die Berührungsängste abzubauen, mischt sie rigoros die Gruppenmitglieder zusammen. Senioren machen Aquajogging mit geistig Behinderten oder Schulklassen trainieren mit Basketballspielern der Niners zusammen. „Es ist aber nichts Besonderes. Es gibt viele Menschen, die gute Sachen leisten“, betont Kerstin Stopp bescheiden. 

Ist das ein Beruf oder eher eine Berufung?

Es ist definitiv nicht nur ein Job für mich. Da steckt ein Stück meiner eigenen Lebensgeschichte mit drin. Aber mir ist aufgefallen, dass das heutzutage nachlässt. Manche Leute sehen das nur als einen Job, um Geld zu verdienen. Es ist aber mehr als nur Sachen abzuarbeiten, die jemand von einem verlangt. Man muss über seine Arbeit und was man tagtäglich macht, nachdenken, sich reflektieren.

Was zeichnet denn Ihre tägliche Arbeit aus?

In kleinen Schritten immer wieder versuchen, alle Menschen im Alltag teilhaben zu lassen. Ich versuche Wege zu finden, um die Stärken der Behinderten hervorzubringen. Das ist aber normal für mich. Mein Arbeitsalltag ist eigentlich völlig unspektakulär.

Sie sind seit über 40 Jahren in der Behindertenarbeit. Wie hat sich der Umgang mit Behinderten im Sport verändert?

Als ich 1978 angefangen habe, war es relativ verpönt, mit Behinderten Sport zu machen. Da war ich in vielen Dingen die Neue auf dem Markt. Ich habe zu DDR-Zeiten ein Disziplinarverfahren bekommen, weil ich mit geistig Behinderten in die Schwimmhalle gegangen bin. Damals habe ich auch eine richtig schlimme Strafe bekommen. Und das nur weil ich mir erlaubt hatte, mit Behinderten und ihren Eltern in meiner Freizeit schwimmen zu gehen.

Kurz vor der Wende änderte sich das alles langsam und ich wurde regelrecht dazu angewiesen, mit den Behinderten zu schwimmen.

Nach der Wiedervereinigung kam ein Hype um den Behindertensport auf. Viele Sportler wie die Chemnitzerin Maria Götze feierten große Erfolge. [Anmerk. d. Red.: Die Schwimmerin ist bis heute mit 49 Medaillen bei den Paralympics die erfolgreichste Athletin im Behindertensport der Region.] Es entstanden viele neue Möglichkeiten, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden. Ich habe die Zeit genutzt, um Rehasport-Lizenzen abzulegen.

Und wie sieht es heute aus?

Ich habe das Gefühl, dass heutzutage der Behindertensport sehr kommerziell geworden ist. Man muss aufpassen, dass das Ganze nicht kippt, es wieder nur eine Elitegeschichte wird und die breite Masse außen vor gelassen wird. Es gibt nicht so viele Vereine im Bereich des Behindertensports, wie es eigentlich geben müsste. Besonders in Chemnitz engagiert sich der BFV Ascota herausragend, doch auch hier fehlt es zunehmend an motivierten Ehrenamtlichen. Die Nachfrage ist sehr groß, man kann leider nicht so viel abdecken, wie es nötig wäre.

Chemnitz bewirbt sich als Europäische Kulturhauptstadt 2025? Was wünschen Sie sich für die Zukunft Chemnitz‘?

Chemnitz braucht unbedingt einen Push. Das viele Negative, was jetzt aufgekommen ist, hat einiges kaputt gemacht. Man muss wieder das Herz von Chemnitz sehen. Es bringt nichts, zu versuchen, etwas auf Krampf herbeizuführen. Die Stadt muss es mit Herz machen, wie viele motivierte Leute, die in dieser Stadt leben.

1 0 4. Januar 2019 gepostet am

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