Kay Uhrig
Mitorganisator der Chemlympics

Macher der Woche

Chemlympics vertritt Sachsen

Der 22. Januar wird für die Organisatoren der Chemlympics, dem Sportfest für Menschen mit Handicap, ein aufregender Tag. An diesem Dienstag wird der „Stern des Sports“ in Gold durch Bundeskanzlerin Angela Merkel vergeben. Die Chemlympics vertreten Sachsen bei der Auszeichnungsveranstaltung. Mit dabei ist auch Kay Uhrig, der Leiter der Mobilen Behindertenhilfe der Stadtmission und Mitorganisator der Chemlympics. Zusammen mit dem Verein Miteinander statt Gegeneinander, dem Verein Lebenshilfe, der Heim gGmbh, dem Förderzentrum für Blinde an der Flemmingstraße, dem Stadtsportbund und der Behindertenbeauftragten der Stadt Chemnitz lädt der 48-Jährige seit 2011 zu den Chemlympics.

Machen Sie sich Hoffnung auf einen weiteren Preis?

Kay Uhrig: Es war eine große Anerkennung, dass das Chemlympics-Team den bronzenen Stern in Chemnitz gewonnen hat. Sensationell war es, dass wir in Dresden den silbernen Stern gewinnen konnten. Alles, was jetzt in Berlin kommt, ist einfach Zugabe und wir werden jeden Moment genießen!

Mit dem „Stern des Sports“ werden durch den Deutschen Olympischen Sportbund und die Volksbanken Raiffeisenbanken Vereine im Breitensport ausgezeichnet, die „sich über ihr sportliches Angebot hinaus besonders gesellschaftlich engagieren“. Im vergangenen Jahr hat der Verein Miteinander statt Gegeneinander bereits den bronzenen Stern als bester städtischer Verein bekommen und sich für den Sachsenausscheid qualifiziert. Als der sächsische Sportminister Roland Wöller dann auch noch den „Stern des Sports“ in Silber und die 2.500 Euro Preisgeld überreichte, war die Freude natürlich riesig.

Wie sind die Chemlympics überhaupt entstanden?

Es gab ein Sportfest für Kinder, das Kerstin Stopp damals organisierte. Als es das nicht mehr gab, haben wir uns 2011 in einer kleinen Gruppe zusammengesetzt und überlegt, wie wir etwas Ähnliches machen können. Ein vergleichbares Angebot sollte es auch für Erwachsene geben.

Unser Anliegen ist, dass Leute, die sonst nie groß Spaß am Sport hatten und die Sport sonst eher mit Therapie verbinden – ich nenne sie mal die klassischen Turnbeutelvergesser – auch Freude am Sport haben und etwas gewinnen können. Das war die Basis, auf der wir gesagt haben, wir machen ein großes Sportfest in und für Chemnitz.

Wieviel Vorbereitungszeit benötigt eine Veranstaltung?

Ein halbes Jahr Vorlauf bedarf es auf alle Fälle. Termin, Rahmenprogramm, der Gebärderchor für die Hymne, Sport-Promis usw., all das muss man rechtzeitig auf den Weg bringen. Bei der Suche nach einem Schirmherrn sind wir sehr froh, mit Horst Wehner, dem Vizepräsidenten des sächsischen Landtages, jemand gefunden zu haben, der für diese Sache brennt. Natürlich profitieren wir bei den Vorbereitungen jetzt von unserer Erfahrung aus den letzten Jahren. Hochdruck ist dann im letzten Monat, wenn es um die Anmeldungen geht, das alles zu organisieren und zu bestellen.

Welche Sportarten werden angeboten?

Wir haben die klassischen Leichtathletikdisziplinen: Weitsprung und Sprint. Als Wurfdisziplin haben wir den Medizinballweitwurf aufgenommen. Ergänzt wird das mit Bogenschießen, einem Rollstuhlparcours und Teppich-Curling.

Bei den Teilnehmern  unterscheiden wir nach Freizeit- und Leistungssportler, damit jeder eine Gewinnchance erhält.

Es geht, wie immer bei der Inklusion, um Chancenvielfalt: gerade Leute, die vielleicht im Sprint nicht so gut sind, können dann im Bogenschießen oder Curling super sein. Das Highlight für alle Teilnehmer der Veranstaltung ist am Ende ein Staffellauf der verschiedenen Träger um den Pokal der Oberbürgermeisterin.

Wie wird das Sportfest angenommen?

Sehr gut. In den Anfängen hatten wir um die 50 Teilnehmer. Jetzt sind wir an unserer Kapazitätsgrenze angekommen. Wir haben jährlich  ca. 150 Anmeldungen. Es gibt ein breites Spektrum von Leuten, die sich anmelden. Von sehr fitten, sportlichen, bis hin zu Leuten, für die das der einzige sportliche Höhepunkt im Jahr ist.

Beeindruckend sind für mich immer wieder die Momentaufnahmen: ein Rollifahrer, der auf der Sprintbahn in der Leichtathletikhalle versucht, alleine die 60 Meter zu schaffen. Oder die blinden bzw. sehbehinderten Läufer, die mit einem Tandemläufer und wahnsinnig viel Vertrauen unterwegs sind. Dieser Kampfgeist bewegt mich nachhaltig.

Ist die Resonanz von den Teilnehmern durchweg positiv?

Nach Ende des Sportfestes sind sofort Anmeldungen für das nächste Jahr schon da. Die Teilnehmer sind auch die eigentlichen Stars. Es geht nicht so sehr um Zuschauer, obwohl wir uns sehr freuen, wenn die Zuschauertribünen gut gefüllt sind. Das Wesentliche ist der Wettkampf und die Teilnehmer, die dort zusammen Sport machen. Hier wird der olympische Gedanke „dabei sein ist alles“ mit Leben gefüllt.

Ist Sport ein relativ leichtes Mittel für Inklusion?

Ich denke, Großveranstaltungen sind nie ein gutes Mittel für Inklusion. Inklusion beginnt im Kleinen. Wenn aus der Person im Rollstuhl ein Name und ein Gesicht wird, dann beginnt Inklusion. Es ist egal, ob im Sport, in der Kultur, in der Kirchgemeinde – Inklusion beginnt immer dort, wo sich Leute direkt begegnen und Kontakt haben.

Großveranstaltungen, wie die Chemlympics, können aber ein Türöffner sein, weil dort die Begegnungen stattfinden. Inklusion im Sport muss dann den nächsten Schritt gehen. Sie muss beispielsweise in einem Sportverein verinnerlicht sein. Ich kann keine 30 Menschen gleichzeitig inkludieren. Das geht nur mit jedem Einzelnen. Wenn einer bei den Chemlympics richtig gut im Laufen ist und er geht dann in einen Laufverein, dann funktioniert Inklusion. Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt: Wir haben nicht nur die 140 bis 150 Sportler, sondern auch ca. 70 begleitende Ehrenamtliche, die zum Teil aus dem Sport oder der Politik kommen, die weiterführende Kontakte und Begegnungen arrangieren können.

Wie wichtig ist Inklusion?

Inklusion heißt für mich, jeder Mensch sollte unterschiedliche Entscheidungsmöglichkeiten haben. Wir, die Gesellschaft, müssen dazu einen passenden Rahmen gestalten. Es ist beispielsweise wichtig, dass die Stadt Chemnitz rollstuhlgerechte Busse anschafft und dass Gaststätten und andere öffentliche Gebäude für alle zugänglich und nutzbar sind. Nur dann kann „all inklusive“ funktionieren.

Ist das besser geworden?

Ja. Blickt man 20 Jahre zurück, dann sieht man, hier hat sich viel bewegt. Natürlich ist das kein Wenn-dann-Prinzip: Wenn die CVAG rollstuhlgerechte Busse anschafft, dann fahren morgen plötzlich 50 Rollstuhlfahrer mit. Aber es soll Normalität werden, dass es einem Rollstuhlfahrer in jedem öffentlichen Nahverkehrsmittel möglich ist, ohne vorherige Anmeldung mitzufahren. Davon profitieren auch andere: die Mutter mit Kinderwagen oder die ältere Dame mit Rollator.

Was empfehlen Sie allen, die sich unsicher beim Umgang mit Menschen mit Handicaps sind?

Es tut jedem einmal gut, die Perspektive zu wechseln. Es bewegt etwas, wenn ich mich einfach mal in einen Rollstuhl setze, um zu sehen, komme ich vorwärts oder scheitere ich bereits am Öffnen der ersten Tür.

Auch wenn es wie eine Floskel klingt, wesentlich ist, dass wir Barrieren in den Köpfen abbauen. Das geht nur über Begegnung mit dem Anderen. Ich würde mir ganz sehr wünschen, dass wir immer Wege suchen und finden, wie wir einander unvoreingenommen begegnen und einen Schwächeren mitnehmen können. Und da meine ich auch Menschen mit einer geistigen Behinderung, denen man Einschränkungen nicht gleich ansieht, die aber Dinge nicht so schnell oder manchmal ganz anders erfassen. Sie werden oftmals unterschätzt und belächelt. Wie schafft man es dort, eine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden zu lassen? Wie schafft man es, diese besonderen Menschen mitzunehmen, zu inkludieren? Indem ich nicht ihre Defizite, sondern ihre Fähigkeiten und Kompetenzen in den Blick nehme. Das ist auch die Message, die wir in die Stadt tragen wollen.

Wie lange engagieren Sie sich schon für Menschen mit Handicaps?

Ich selbst bin 1991 durch den Zivildienst in der Stadtmission Chemnitz dazu gekommen. Ich habe nach dem Zivildienst Sozialarbeit studiert, um dann wieder hier zu arbeiten.

Was macht die Mobile Behindertenhilfe eigentlich alles in Chemnitz?

Die Mobile Behindertenhilfe der Stadtmission Chemnitz hat das Ziel, behinderten Menschen das Leben in den eigenen vier Wänden zu ermöglichen. Jeder kann in der eigenen Wohnung leben – wenn er die nötige Unterstützung hat. Dazu haben wir einen spezialisierten Pflege- und Assistenzdienst, einen Fahrdienst, der Mobilität für alle schafft, und ganz wichtig, die Beratungsstelle mit den unterschiedlichsten Freizeit- und Beratungsangeboten, bis hin zu unserem Kleinod Club Heinrich, der für viele so etwas wie ein zweites Wohnzimmer geworden ist. Weiterhin gibt es viele inklusive Angebote – z.B. Kino und Kneipe, der Freundeskreis Theater, der Fanclub des CFC – der rollende MOB – das gehört alles zur Mobilen Behindertenhilfe. Wir wollen mit unseren Aktivitäten zum bunten Stadtbild dazugehören. Wir wollen rein in die Gesellschaft, um aktiv ein Umdenken zu fördern.

Wir wollen 2025 Kulturhauptstadt werden, was wünschen Sie sich bis dahin noch für die Stadt?

Ich bin gerne Chemnitzer und denke, es wäre genial, wenn wir Kulturhauptstadt werden würden. Für mich ist das noch Schönere der Weg dahin. Ich denke aber auch hier wieder kleinteilig – also an viele kleine kreative Aktionen in den Stadtgebieten, in denen dann Inklusion in ihrer ganzen Bandbreite eine wichtige Rolle spielt. Ob in Kultur, Kirche oder Sport, man bietet etwas an, das in der Nachbarschaft funktioniert und wo Menschen mit Handicap genauso mit teilhaben können wie sogenannte „Normale“. Ich glaube, dann leben wir eine richtig gute, menschliche Kultur in der Stadt. Das prägt auch das Image unserer Stadt nachhaltig.

0 0 18. Januar 2019 gepostet am

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