Nicole Oeser
Kulturbotschafterin

Macher der Woche

Chemnitz hat schon wahnsinnig viel gewonnen

 

Auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas 2025 haben sich die Verantwortlichen der Stadt Chemnitz Unterstützung aus der Bevölkerung geholt. Im vergangenen Jahr konnten sich Freiwillige für den Posten des Kulturbotschafters bewerben. Aus über 50 Bewerbungen hat das Kulturhauptstadt-Sekretariat fünf Chemnitzerinnen und Chemnitzer für die Mitarbeit im Programmrat der Kulturhauptstadt-Bewerbung ausgewählt. Unter ihnen ist die 28-jährige Nicole Oeser, die ihre Heimatstadt voranbringen will. Warum und wie, das verrät sie uns im Macher-der-Woche-Interview.

Wie bist Du auf den Posten des Botschafters aufmerksam geworden?

Ich habe, jobbedingt, schon ganz viel gelesen, was in der Stadt los ist und was passiert. Da bin ich auf die Idee der Kulturhauptstadtbewerbung und der Suche nach Kulturbotschaftern gestoßen. Ich dachte sofort, das klingt interessant, auch wenn ich mir damals noch nicht wirklich etwas darunter vorstellen konnte und habe das weiter verfolgt. Irgendwann war ich von der Idee „angefixt“ und habe mich beworben.

Gab es dafür einen besonderen Anlass?

Nein, keinen besonderen. Die Idee hat mich einfach so sehr interessiert, dass ich dachte, ich will da auf jeden Fall mitwirken. Für mich ist das totales Neuland gewesen, mich als Kulturbotschafterin zu bewerben. Natürlich gab es ein paar Kriterien, die man erfüllen sollte. Aber so grundsätzlich wusste ich auch nicht, was mich da erwartet. Es war einfach die Neugierde. Ich dachte, mit meinem Background und der Vernetzung in der Stadt passt das ganz gut.

Wie lief die Bewerbungsphase ab?

Man sollte eine Kurzbewerbung einsenden und dann wurde darüber beraten, ob man als Kulturbotschafter in Frage kommt oder nicht. Man beschrieb kurz, warum man sich als Kulturbotschafter sieht und was man selbst in den Prozess der Bewerbung einbringen möchte und kann. Es liegt ein bisschen in meiner Natur, dass ich nicht der Mensch bin, der einfach eine Bewerbung fertig macht, in einen Schnellhefter heftet und dann losschickt.

Ich wollte zeigen, dass mir das sehr wichtig ist und habe eine Mappe angefertigt, in die ich auch Fotos von meinen Lieblingsorten in Chemnitz eingebracht habe – quasi als kleine Stadtkarte: Ich bin im Heckert-Gebiet groß geworden, auf das Agricola-Gymnasium gegangen, hab auf dem Schloßberg meine erste eigene Wohnung bezogen, meinen ersten Arbeitsplatz hatte ich in Reichenhain und mein Lieblingsplatz liegt mit dem Stadion auf dem Sonnenberg – Ich  bin also in der Stadt schon ganz gut rumgekommen. So hab ich das aufgezogen, weil ich damit auf den ersten Blick am besten meine Chemnitz-DNA aufzeigen konnte.

 
Sind Deine Erwartungen erfüllt worden?

Ich hatte gar nicht viele Erwartungen, weil das, wie bereits gesagt, alles Neuland war und zum Teil auch noch ist. Klar macht man sich Gedanken, aber was auf einen zukommt erlebt man erst im wirklichen Prozess. Zu Beginn war es hauptsächlich die Anwesenheit im Programmrat. Da sitzt man dann mit Chemnitzer Persönlichkeiten am Tisch, mit denen ich vorher noch nicht so viel zu tun hatte. Das sind alles sehr interessante Menschen, die sowohl kulturell als auch stadtpolitisch schon viel bewegt haben und das natürlich auch weiterhin tun wollen. Von daher ist es sehr spannend, mit ihnen zusammen zu arbeiten. Ich nehme an Sitzungen, Tagungen und Workshops teil und lerne auch für mich wahnsinnig viel dazu. Ich würde mich jetzt nicht hinsetzen und sagen, ich hab die Weisheit mit Löffeln gegessen und wüsste, was Chemnitz für Europa bedeutet. Es ist also auch für mich ein Lernprozess. Das ist auf jeden Fall erfüllt worden.

Wie viele Stunden investiert man im Monat für dieses Ehrenamt?

Das kann ich ganz schwer beziffern. Ich muss zugeben, dass ich momentan noch nicht so viel Zeit investieren konnte, wie ich es eigentlich wollte. Es war hauptsächlich jobbedingt. Bei sieben Arbeitstagen in der Woche war da nicht mehr ganz so viel Luft nach oben. Rund aller zwei Monate finden die Programmratssitzungen statt. Diese dauern im Schnitt ca. zwei bis drei Stunden. Und dann noch ab und zu Tagungen und Workshops. Ich möchte das aber ausbauen, so dass ich in der Woche zwei bis drei Stunden auf jeden Fall investiere.

Die gebürtige Karl-Marx-Städterin, hat ihre Heimatstadt für das Studium der Medienwirtschaft und des Sportmanagements zweimal verlassen und ist zweimal zurückgekehrt – aus „Liebe und Leidenschaft“ für Chemnitz und den hiesigen Sport. Sie engagierte sich bereits als Mitglied im Arbeitskreis des Chemnitzer FAN-Projektes und als Volunteer bei der Leichtathletik-WM in Berlin. Die ehemalige Pressesprecherin des Chemnitzer FC möchte auf die Schönheit, die Chancen und Möglichkeiten von Chemnitz aufmerksam machen. Sie ist überzeugt, dass es die Verbindung von Kultur und Sport schaffen kann, die Chemnitzer, die die es werden wollen und alle anderen Menschen vom Zauber der Stadt zu überzeugen und zu zeigen, dass Chemnitz weit mehr als eine Stadt im Osten nahe Dresden und Leipzig ist.

Wie nehmen die Leute in Deinem Umfeld die Kulturhauptstadtbewerbung wahr?

Am Anfang, als ich von meiner Bewerbung als Kulturbotschafterin erzählte, waren es die typischen Reaktionen. Warum machst Du das? Was soll das? Was steckt dahinter? Aber umso mehr man es ihnen erklärt, sie mitnimmt  und ein bisschen versucht, das Feuer zu entfachen und erklärt, warum es so wichtig ist für die Stadt und die Chemnitzer, desto mehr Leute fanden es gut und waren neugierig. Umso mehr der Prozess wächst, desto durchsichtiger und verständlicher wird auch, was die Bewerbung für die Stadt bedeutet. Ich hab noch niemanden erlebt, der völlig verständnislos sagt: Was machst Du da.

Wie versuchst Du, den Menschen das Thema Kulturhauptstadt näher zu bringen?

Ich versuche, es so zu erklären, wie der aktuelle Ist-Stand in Chemnitz ist bzw. wo wir stehen. Nämlich noch am Anfang von ganz vielem wunderbaren und wo es, allein schon Dank des Bewerbungsprozesses als Kulturhauptstadt, hingehen kann. Das ist letztendlich das Spannende. Wenn man Dresden und Magdeburg anschaut, die sind natürlich schon sehr weit entwickelt, von der Selbstwahrnehmung und den kulturellen Angeboten. Obwohl ich auch gelernt habe, dass das kulturelle Angebot in Chemnitz schon wahnsinnig vielfältig ist. Da muss sich Chemnitz auf keinen Fall verstecken. Es bekommt nur leider der Großteil der Chemnitzer nicht richtig mit bzw. es ist nicht so in der Wahrnehmung der Chemnitzer. Es ist ein Projekt, mit dem sich die Stadt einfach entwickeln kann. Also ein Stadtentwicklungsprojekt für alle, in dem Platz ist für jeden und in dem sich jeder wiederfinden kann.

Dein Steckenpferd ist ja der Sport. Wie kann man das in die Kulturhauptbewerbung einbauen?

Ich musste letztendlich selbst erst mal schauen, wie man den Sport integriert. Was jetzt der Fußball oder der Sport im Allgemeinen in Chemnitz für Europa bedeutet, ist natürlich schwer zu beantworten. Aber was trotzdem z.B. wöchentlich in Stadien passiert, das ist gelebte Fankultur, also auch Kultur. Das ist ein Teil der Kultur und somit ein Teil der Bewerbung – wir machen nicht nur Hochkultur, wie Ballett und Theater, sondern beleuchten alle Facetten. Da zählt Fankultur für mich absolut mit dazu.

Denkst Du, dass man die Menschen, die aller 14 Tage ins Stadion gehen, davon begeistern kann?

Das ist, glaube ich, zumindest nicht leichter oder schwerer als alle anderen Chemnitzer dafür zu begeistern. Deswegen ist es für mich derzeit noch eine inhaltliche Herausforderung, wie man da am besten rangeht. Obwohl die Fans, die in Chemnitz in der Südkurve stehen, und diese kreativen Choreos und Fangesänge kreieren, ein Teil der Kultur sind und sich auch selber so sehen. Für sie ist es Fankultur und das spielt natürlich eine große Rolle. Das zu erklären, ist auch ein Teil der Kultur. Deshalb kann man es versuchen, sie von der Kulturhauptstadt und der Bewerbung zu begeistern. Dass man vielleicht nicht alle sofort überzeugt ist auch klar, aber wenn man es schafft, dass sie zumindest darüber nachdenken und sich dann vielleicht auch selbst mit einbringen, dann wäre das ein schöner Zugewinn für die Bewerbung. Hier sehe ich in Zukunft meine nächste Aufgabe. 

Was sind die weiteren Ziele oder weiteren Aufgaben für Dich als Kulturbotschafter?

Es geht jetzt erstmal weiter darum, den Bewerbungsprozess voranzutreiben, die Idee zu streuen. U.a. mit den Mikroprojekten, die mittlerweile in der zweiten Phase sehr erfolgreich waren. Es sind viele Bewerbungen eingegangen und das zeigt, dass das Interesse und Potenzial für kreative und kulturelle Ideen in Chemnitz absolut vorhanden ist. Das einfache und hürdenfreie Beantragen der Mikroprojekte soll zeigen, dass es nicht immer viel braucht, um sich selbst in der Stadt einzubringen und zu entfalten. Das inhaltlich in der ganzen Stadt zu verteilen, ist die Rolle der Kulturbotschafter. Dafür zu sorgen, dass das, was in den verschieden Arbeitsgruppen erarbeitet und zusammengebracht wird unter die Bevölkerung zu bringen. Auch deswegen sind wir Kulturbotschafter eine so bunte Mischung.

Wie schätzt Du persönlich die Chancen für Chemnitz ein?

Ich bin Berufsoptimist – deshalb sehr gut! Es würde mich einfach wahnsinnig freuen. Natürlich ist die Konkurrenz groß und jede Stadt macht sich ihre Gedanken und will gewinnen. Es sollte natürlich das große Ziel sein, Kulturhauptstadt zu werden. Aber Chemnitz hat jetzt schon wahnsinnig viel, das klingt zwar nach einer Platitude, gewonnen. Zum Beispiel die vielen Mikroprojekte, die entstanden sind. Aber ich denke, das Ziel, dass die Chemnitzer sich mit ihrer Stadt auseinandersetzen, ist fast schon erreicht. Da spielt das Stadtjubiläum in diesem Jahr mit hinein, weil sich viele Menschen dadurch mit ihrer Stadt und der Geschichte auseinandergesetzt haben. Ich denke, dass oft schon kleine Ansatzpunkte gesetzt worden sind, woraus sich etwas weiterentwickeln kann, auch ohne dass man am Ende Kulturhauptstadt wird. Viele Ideen sind trotzdem da, ohne dass das Prädikat Kulturhauptstadt drauf steht.

Das Spannende an der Kulturhauptstadtbewerbung ist zu sehen, was das dann für positive Folgen für unsere Stadt hat. Ich habe auch viel mit Leuten zu tun, die nach Chemnitz kommen und erst einmal denken, Chemnitz ist blass. Dann kommen sie und die Familien nach Chemnitz und stellen fest, dass es hier gar nicht so schlecht ist. Es hat den Charme einer Kleinstadt, ist aber schon eine Großstadt. Es gibt hier viel zu entdecken, was man vielleicht auch auf den ersten Blick nicht sieht. Das finden alle ganz spannend.

Womit kann Chemnitz punkten?

Dass es wirklich an vielen Stellen noch ein weißes Blatt ist, das beschrieben werden kann. Man kann hier so viel noch entwickeln. Man sollte erklären, dass es für Chemnitz einfach auch wichtig ist, Kulturhauptstadt zu werden. Ich glaube, für Chemnitz ist das ein ganz wichtiger Bestandteil in der zukünftigen Entwicklung.

Was muss bis 2025 noch in der Stadt passieren?

Eine allumfassende Prognose abzugeben ist hier natürlich schwer. Aber ich würde mich freuen, wenn die Chemnitzer merken, dass das Leben draußen vielfältig stattfinden kann. Dann entwickelt sich vieles von ganz allein. Man sieht das an einzelnen Veranstaltungen in der Stadt. Wenn was los ist, freuen sich alle auch darüber und vielen wird bewusst, dass es ganz viele tolle Angebote gibt, die es lohnt wahrzunehmen.

1 0 27. April 2018 gepostet am

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