Anton Hofmeister und Dennis Weyreder
Breakdance-Festival "Sense of Unity"

Macher der Woche

Chemnitz ist unsere Tanzmetropole

Der große Saal des Kraftwerks ist gut gefüllt. Die Musik ist laut. Der Bass dröhnt. Hier trainieren 30 bis 40 Jugendliche Breakdance. Die jungen Leute drehen sich auf dem Parkettboden, stehen auf einer Hand, springen, hüpfen, wirbeln durch die Luft, klatschen sich ab. Sie proben unter anderem für ihren nächsten großen Auftritt. Morgen zeigen die Tänzer beim Festival „Sense of Unity“, was sie können. Wir haben uns mit zwei Profis der Breakdance-Szene, Anton Hofmeister und seinem Mitstreiter Dennis Weyreder, über ihren Tanzsport unterhalten.

Bei eurem Training fällt auf, dass hier Groß und Klein zusammentreffen. Wann habt ihr zum ersten Mal Breakdance gesehen und euch begeistern lassen?

Anton: Ich habe mit fünf Jahren angefangen. Ich hatte einen Auftritt gesehen und wollte das auch machen. Seit fast 15 Jahren komme ich ins Kraftwerk zum Trainieren.

Dennis: Bei mir war das etwas später. Ich habe vorher viele verschiedene Sportarten ausprobiert. Im Küchwald hab ich einen Auftritt gesehen und habe mir einige Wochen danach das Training angeschaut. Das war anders als bei den anderen Sportarten, die ich vorher gemacht habe. Zum Breakdance gehört eine richtige Kultur dazu. Das fand ich spannend.

Was gefällt euch an dieser Kultur und dem Sport?

Anton: Breaking ist mehr als nur Sport. Zum einen muss man hart trainieren, um seine Ziele zu verfolgen. Zum anderen kann ich beim Training aber auch machen, was ich will. Ich kann sehr kreativ sein. Ich kann ehrlich sein – durch den Tanz. Das macht es für mich zu einer total interessanten Kunstform.

Dennis: Das ist wirklich eine Mischung. Zum einen aus Kreativität, weil der Tanz keine Beschränkungen hat. Zum anderen braucht man trotzdem einen großen Leistungswillen, um gut zu sein. Durch die Ursprünge des Breakdance, entstanden als Straßentanz, hat für mich der Sport auch eine kulturelle Aussage. Und alle Tänzer auf dieser Welt verstehen das. Uns verbindet die gemeinsame Leidenschaft mit internationalen Tänzern.

Die Tänzer nennen sich auch B-Boys oder B-Girls. Ihre Bewegungen beschreiben sie mit englischen Fachbegriffen wie „power moves“, „spins“ oder „freeze“. Zweimal schon haben Anton und Dennis mit den Saxonz, eine Gruppe aus sächsischen Breakdancern, die Deutsche Meisterschaft bei der sogenannten „Battle of the Year“ gewonnen. Auch sonst sind sie bei Wettkämpfen sehr erfolgreich. Dafür trainieren sie teilweise täglich.

Wie bringt ihr euch die neusten Tricks bei?

Anton: Jeder Körper und jeder Geist ist anders. Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Training findet einmal körperlich statt, in dem ich zum Beispiel jeden Tag hierher komme und versuche, neue Bewegungen zu kombinieren. Aber auch danach trainiere ich den ganzen Tag weiter. Ich überlege, wie ich Bewegungen verändern oder weiterentwickeln könnte. Ich beschäftige mich mit der Geschichte des Tanzes, mit der Hiphop-Kultur. Ich will wissen, wo die Pioniere herkommen und was sie bewegt hat.

Dennis: Das Training im Kopf ist wirklich wichtig. Unser ganzes Leben ist auf das Breaking ausgerichtet. Und ich hole mir viele Inspirationen aus meinem Alltag.

„Wer sich fürs Training interessiert, kann das Probetraining jeden Mittwoch ab 16 Uhr im Kraftwerk nutzen“, erklärt Jens Mai, der Mann, der die Strippen im Hintergrund zusammenhält. „Das Alter ist dabei egal“. Jens Mai betreut die Jugendlichen als Projekt in der offenen Kinder- und Jugendarbeit: „Ich bin da, wenn es untereinander mal Ärger gibt. Und organisiere im Hintergrund.“ Es gehe ihm darum, eine Gemeinschaft zu bilden und zum Beispiel Vorurteile gegenüber anderen abzubauen. Ein Trainer sei er nicht, stellt er gleich klar.

Dennis: Das ist hier keine Tanzschule, in der ein Lehrer etwas zeigt und dann können alle dasselbe. Das ist eine generationsübergreifende Familie. Die Jüngsten fangen mit drei, vier oder fünf Jahren an. Es gibt aber auch Tänzer mit knapp 40 Jahren. Wir bringen uns die Sachen gegenseitig bei. Aber nicht mit Druck und Zwang, dass jeder das Gleiche können muss. Es gibt zwar Grundlagen, aber jeder Tänzer soll sich selbst weiterentwickeln.

Wie funktioniert das?

Dennis: Wir brauchen den Austausch mit anderen Tänzern. Wir fahren in andere Städte oder andere Länder, besuchen Events und suchen immer wieder Inspiration. Dadurch, dass wir keinen Trainer haben, kommt die eigene Kreativität erst so richtig zum Tragen. Da muss man eben sich selbst beobachten, ob man eher zum Beispiel mit Kraft oder mit Flexibilität arbeiten will.

Wie wird das beim Wettbewerb verglichen?

Anton: Es gibt verschiedene Wettbewerbe. Bei Wettbewerben untereinander geht es meistens auch nicht ums Gewinnen, sondern man sucht sich seinen Gegner raus und will ihn herausfordern, sich „batteln“, also kämpfen. Wenn es darum geht, einen Sieger zu küren, wie bei Veranstaltungen, dann gibt es eine Jury aus erfahrenen Tänzern. Die Entscheidung ist natürlich immer subjektiv.

Am 23.September findet im Kraftwerk das Festival „Sense of Unity“ statt. Was wird geboten?

Anton: Zum einen wird es einen Crew Battle geben, bei dem Gruppen gegeneinander tanzen und zum anderen einen 1-gegen-1-Wettbewerb. Es kommen aus ganz Deutschland Teilnehmer, die an Vorausscheiden teilgenommen haben. Von den besten Tänzer Deutschlands werden16 aufeinander treffen.

Dennis: Wir setzen hier eine alte Tradition fort. Es gab vorher die Soul Expression, die sehr erfolgreich war. Da kamen manchmal 500 Zuschauer. Nach einem Jahr Pause haben wir gemeinsam mit dem Kraftwerk beschlossen, die Organisation zu übernehmen und die Tradition fortzusetzen.

Es werden auch Breakdancer aus anderen europäischen Ländern kommen. Wie wichtig ist euch der internationale Austausch?

Anton: Es ist langweilig, sich immer mit den gleichen Leuten zu messen. Und es ist so, dass man schnell jeden kennt in der Szene. Ich brauche immer mal neue Motivation und Inspiration. Und deshalb schauen wir auch viel, was andere B-Boys in anderen Ländern machen.

Dennis: Der internationale Austausch ist total wichtig. Ich komme nach so einem Treffen mit ganz neuen Denkanstößen und viel Motivation zurück. Manchmal kann man selbst auch den Tänzern in anderen Ländern etwas beibringen oder helfen, eine Gemeinschaft aufzubauen.

Wo hat es euch selbst schon hin verschlagen?

Anton: Die nächste große Reise ist nach Los Angeles geplant, zur Freestyle Session, eines der größten Events der Welt. Frankreich, Italien, Tschechien, Polen, Russland, Dänemark, Niederlande, Portugal – wir sind echt schon viel rumgekommen.

Trotzdem kommt ihr immer wieder nach Chemnitz zurück.

Anton: Ich kann mir im Moment nicht vorstellen, aus Chemnitz wegzuziehen. Chemnitz hat aus meiner Sicht eine der besten Breakdance-Szenen in ganz Deutschland. Wir haben hier gute Trainingsbedingungen. Gerade im Kraftwerk können wir viel trainieren und bekommen viel Unterstützung. Und auch nach dem Training finden wir in der Freizeit zusammen. Es gibt nichts besseres, als jeden Tag Leute zu treffen, die an dem gleichen Ziel arbeiten und für die gleiche Sache brennen.

Dennis: Absolut. Es gibt schon lange den Wunsch, Chemnitz zu einer Tanzmetropole zu machen. Da sind wir beim Breaking schon gut dabei. Wenn ich zum Beispiel Sachsen betrachte, dann ist Chemnitz für mich eine total gute Kaderschmiede. Dabei schließt es sich nicht aus, heimatverbunden zu sein und in der Welt rumzureisen.

Was wünschst du Chemnitz und dem Breakdance für 2025?

Dennis: Für mich hat die Stadt total viel Potenzial. Hier gibt es noch viel Raum und die Möglichkeit, etwas neu aus der Erde zu stampfen oder was zu bewegen. Ich denke, Chemnitz würde es gut tun, wenn den Jugendlichen mehr Möglichkeiten gegeben werden, Dinge selbst auf die Beine zu stellen. Indem zum Beispiel Räume preiswert genutzt oder Events in der Innenstadt einfach organisiert werden können.

Anton: Ich wünsche mir, dass die Leute, die hier in Chemnitz coole Sachen machen, mehr Aufmerksamkeit erhalten. Ein urbanes Tanzzentrum, das die Hiphop-Kultur und die urbanen Tänze fördert, das wäre noch unser Traum.

Dennis: Den Blick nach außen, nach Europa oder in die Welt kann ich nur empfehlen. Besser kann man Rassismus nicht vorbeugen, als wenn man die anderen Kulturen kennenlernt und feststellt, dass das coole Leute sind, die das Gleiche wollen.

1 0 22. September 2017 gepostet am

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