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Chemnitz – Karl-Marx-Stadt – Chemnitz

In den letzten 62 Jahren wurde die Stadt Chemnitz zweimal umbenannt. Aus dem ursprünglichen Chemnitz wurde Karl-Marx-Stadt, 37 Jahre später wieder Chemnitz.
Wir haben zwei Menschen zusammengeführt, die eine besondere Gemeinsamkeit haben.

Trotz eines Altersunterschiedes von knapp 37 Jahren sind Sie beide gebürtige Chemnitzer. Das Besondere: Herr Kandt, Sie sind der letztgeborene Chemnitzer vor der Umbenennung der Stadt in Karl-Marx-Stadt, und Frau Barthel, Sie sind die erste in Chemnitz Geborene seit der Rückbenennung. Gibt es in diesem Zusammenhang etwas, woran Sie sich in Ihrer Kindheit besonders erinnern?

Wolfgang Kandt: Dass man in Chemnitz geboren wurde und nicht in Karl-Marx-Stadt, bekommt man als Kind ja gar nicht wirklich mit. Doch ich muss sagen, dass es schon was gibt, was mir vor allem in der Schule aufgefallen ist: In meiner Klasse gab es zwei Kinder, die in Karl-Marx-Stadt geboren wurden. Einer von beiden sogar am 10. Mai 1953, also einen Tag nach mir. Er bekam, ich glaube bis zur vierten Klasse, jedes Jahr ein kleines Geschenk von der Stadt. Manchmal war es ein Buch oder ein Pokal, manchmal auch eine Auszeichnung. Das habe ich als Kind natürlich überhaupt nicht verstanden. Immerhin wurde mir erzählt, ich sei halb 12 in der Nacht geboren. Eine halbe Stunde später und ich wäre auch ein Karl-Marx-Städter gewesen.

Lucy Barthel: Bei mir war das genau so, nur dass ich die Geschenke von der Stadt bekommen habe. (lacht) Meine Mutter hat erzählt, dass zwei oder drei Tage nach meiner Geburt ein Mitarbeiter der Stadt ins Krankenhaus kam, und meiner Mutter zur Geburt gratulierte. Immerhin war ich eine der Ersten, die wieder in Chemnitz geboren wurde. Ich erinnere mich, dass ich eben genau diese Geschenke bekommen habe. Entweder war es ein Glückwunschbrief oder ein kleines Buch vom damaligen Oberbürgermeister. Zu meinem sechsten Geburtstag habe ich sogar einen Puppenwagen bekommen.

Herr Kandt, wie haben Sie die folgenden Jahre in Karl-Marx-Stadt dann erlebt?

Kandt: Ehrlich gesagt konnte ich mich nie wirklich mit Karl-Marx-Stadt identifizieren. Auf die Frage „Wo kommst du denn her?“ musste ich dann immer mit „Karl-Marx-Stadt“ antworten. Und dann haben die Meisten den Namen auch noch mit Dialekt ausgesprochen. Das war einfach nicht schön. Für mich klingt Chemnitz irgendwie geläufiger, und natürlich als „letzter Chemnitzer“ umso mehr.

Hatten Sie dennoch eine schöne Kindheit?

Kandt: Meine Familiengeschichte ist etwas schwierig. Ich bin ja gar nicht bei meinen Eltern groß geworden. Meine Eltern sind mit mir 1953 in den Westen verschwunden. Meine Großmutter hat mich dann aber sofort wieder rüber geholt, sodass ich meine Kindheit bei meinen Großeltern verbracht habe. Ich bin dann in Rabenstein eingeschult worden und habe dann kurz im Fritz-Heckert-Gebiet gewohnt. Nach der Wende bin ich dann aber wieder nach Rabenstein gezogen. Am Stadtrand finde ich es auch einfach schöner, als in der Stadt. Jetzt lebe ich mit meiner Frau wieder in Rabenstein, engagiere mich da sehr viel und fühle mich da wirklich wohl.

Frau Barthel, sind Sie schon Ihr ganzes Leben, also seit 25 Jahren in Chemnitz?

Barthel: Ich bin vor acht Jahren von Chemnitz weggezogen. Nach der Schule bin ich der Ausbildung wegen an die Ostsee und habe dort meine Lehre gemacht. Meine Mutter kommt auch ursprünglich aus Mecklenburg-Vorpommern und wie haben in der Nähe von Stralsund Verwandtschaft. Ich war auch schon in Australien und Neuseeland. In den letzten vier Jahren habe ich in Österreich gearbeitet. Ich war also schon viel unterwegs. Nach Chemnitz komme ich noch regelmäßig, um meine Familie und Freunde zu besuchen.

Was ist Ihnen in den letzten Jahren an der Stadtentwicklung aufgefallen?

Barthel: Ja, es wird alles neuer, moderner und schöner. Den direkten Umbau habe ich ja gar nicht mitbekommen, aber mir fällt schon auf, dass sich in der Stadt etwas bewegt. Wenn ich mal da bin, dann bin ich auch ein oder zwei Wochen da. Chemnitz hat sich schon gemacht!

Kandt: Ganz besonders fällt mir jedes Jahr der Weihnachtsmarkt in der Stadt auf. Es kommen wirklich viele Leute auch von außerhalb auf den Chemnitzer Weihnachtsmarkt und finden den einfach schön. Auch das Areal um den Schlossteich ist immer gut besucht. Es ist eben meine Heimatstadt und ich fühle mich mit der Stadt sehr verbunden. Mein Sohn ist jetzt auch wieder zurück nach Chemnitz gezogen.

Barthel: Adelsberg ist sehr schön. Meine Eltern wohnen da, dort bin ich aufgewachsen. Da fühle ich mich einfach wohl.

Kandt: Man muss eben selbst Initiative zeigen und sich engagieren. Denn nur so verändert sich auch etwas und so kann man etwas entwickeln.

2 0 27. Mai 2015 gepostet am

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