Tom Schilling
poet | bewegt

Macher der Woche

Der Poet bewegt

Soziale Medien sind nicht nur bei jungen Leuten beliebt und haben eine große Reichweite, sondern sind vor allem eines: kurz und knapp. Ist das Gefühl für Worte, Stilmittel und Interpretationen im Zeitalter der Digitalisierung verloren gegangen? Tom Schilling, Organisator des Literaturwettbewerbes „poet | bewegt“, sagt nein und zeigt mit seinem Wettbewerb, dass es sie noch gibt: Junge Leute, die gerne ein echtes Buch in der Hand halten, sich mit aufwendig gewählten Worten ausdrücken und einfach gerne und viel schreiben. Der gebürtige Chemnitzer ist selbst Schriftsteller und verrät uns im Macher-der-Woche-Interview, was ein Poet wirklich bewegen kann.

Aus der Chemnitzer Jugendinitiative in.bewegung entwickelte sich vor zehn Jahren der Wettbewerb „poet | bewegt“. Wie entstand die Idee für den Wettbewerb?

Die Idee entstand aus einem Mangel heraus. Ich leitete damals einen Schreibworkshop mit Schülern aus allen Ecken Chemnitz‘. Wir haben Hörbuchaufnahmen mit selbstgeschriebenen Texten gemacht. Einem der Teilnehmer kam dann die Idee, einen Literaturwettbewerb zu machen. Viele von uns hatten schon an solchen Wettbewerben teilgenommen, aber irgendetwas störte uns daran immer, seien es die Teilnahmegebühren oder die fehlende Rückmeldung. Davon waren viele enttäuscht. Also gestalteten wir unseren eigenen Wettbewerb.

Wer nimmt an dem Wettbewerb teil?

Es sind junge Leute, meist über 20 Jahren, die gerne mit Worten und Texten hantieren. Im ersten Jahr hatten wir gleich einen guten Start mit 130 Anmeldungen. Seitdem hat sich die Teilnehmergröße um die 100 eingependelt. Sehr gut vertreten unter den Teilnehmern sind die Berliner. Von Sachsen, über Sachsen-Anhalt bis nach Brandenburg und Thüringen, wir haben unsere Reichweite in den letzten zehn Jahren deutlich vergrößert. Die Gewinner können Preise im Wert von 150 Euro gewinnen, aber uns ist wichtig, dass die Leute nicht des Geldes wegen schreiben, sondern weil sie Lust darauf haben.

Wie läuft der Wettbewerb ab? Wann und wo findet er in diesem Jahr statt?

Im April startet die Ausschreibung und läuft bis Mitte Juli. Jeder zwischen 15 und 27 Jahren kann einen Text einreichen. Eine zwölfköpfige Jury beurteilt die anonymisierten Texte. Bei dem Jurorenstreit im September stellen alle ihre Favoriten vor und setzen sich dafür ein, da nur zehn Einreicher ins Finale kommen. Das nennt sich „Literatur Arena“ und findet zum Jahresende, dieses Jahr am 12. November, im Schauspielhaus Chemnitz statt. Zu jedem Wettbewerb stellen wir eine Anthologie mit den Beiträgen und Infos zur Jury zusammen, inklusive einem Hörbuch.

Wie wird die Jury besetzt und wer ist dabei?

Es muss kein Professor oder Literaturwissenschaftler sein – essentiell ist es, ein Gefühl für Texte zu haben. Wir hatten daher auch schon Maler und Bildhauer in der Jury. Ein Preisträger des vergangenen Jahres wird automatisch Mitglied der Jury im kommenden Jahr. Dieses Jahr sind zum Beispiel die Schriftsteller Roswitha Geppert und Jan Kuhlbrodt dabei, Greta Taubert als Journalistin, Burkhard Müller, gestandener Literaturkritiker und Dozent, die Kulturbotschafter Egmont Elschner und Holm Krieger und weitere – die Jury ist bunt gemischt.

Wie ist die Literaturszene in Chemnitz?

Chemnitz hat eine lange Literaturtradition, aber irgendwann gab es da mal einen Bruch. Als wir den Wettbewerb auf die Beine gestellt haben, ist uns aufgefallen, dass viele der Autoren die Stadt Anfang der 2000er Jahre verlassen haben. Der verbliebene Kern ist recht überschaubar. Es fehlen die jungen Nachwuchsautoren in der Stadt.

Welche Momente sind dir aus den letzten zehn Jahren besonders im Gedächtnis geblieben?

In den ersten zwei Jahren war Initiatorin Franziska Stölzel die Leiterin und ich hatte den Luxus, künstlerischer Leiter zu sein und musste mich um Verwaltung und Buchhaltung nicht kümmern. Das war für mich die schönste Zeit. Zu Beginn sind wir auch noch herumgefahren und haben gezielt Leute angesprochen, die was drauf hatten. Auf diesem Weg kam 2008 Maren Kames zu uns und hat einen Text zum Wettbewerb eingereicht. Letztes Jahr hat sie bei einem Züricher Verlag ihr erstes eigenes Buch veröffentlicht „Halb Taube, halb Pfau“. Das hat mich wirklich gefreut.

Der Poet bewegt wirklich: die einen zum Nachdenken, die anderen zum Schreiben und andere wiederum sogar zum Veröffentlichen von eigenen Büchern. Neben Maren Kames, veröffentlichten nach der Teilnahme am Wettbewerb noch weitere Nachwuchsschriftsteller ihre eigenen Bücher bei einem Verlag: Stefan Etgeton – Rucksackkometen, Paula Fürstenberg – Familie der geflügelten Tiger oder Willi Hetze – Das Unbegreifliche der Katzenwege sind nur einige Bespiele von Publikationen der ehemaligen Wettbewerbsteilnehmer. Tom Schilling schreibt selbst Prosatexte und Lyrik und arbeitet nebenbei als Grafiker. Die Veröffentlichungen der Wettbewerbsteilnehmer machen ihn stolz. Aus eigener Erfahrung weiß er, wie schwer das Verfassen von Büchern sein kann. Umso mehr ist es eine Ehre für ihn, Rezensionen für die Publikationen der Nachwuchsautoren zu verfassen. Von jedem Buch ist ein Exemplar in Toms großen Bücherstapeln zu finden: „Und das ist dann ein tolles Erlebnis, wenn du merkst, dass die Teilnehmer sich durch Poet Bewegt zum Schreiben und Veröffentlichen motivieren lassen und in der Verlagswelt Fuß gefasst haben.“

Welches Ziel verfolgt ihr mit diesem Wettbewerb?

Die Vermittlung zwischen Autoren und Verlagen liegt uns sehr am Herzen. Wer in der Finalrunde war, hat sich schon vor einer Jury behaupten können und dann muss da was dran sein. Dann bekommen die Teilnehmer durch das Vortragen ihrer Texte den letzten Motivationskick weiter zu machen.

Hat sich der Umgang mit Schrift und Sprache deiner Meinung nach durch die zunehmende Digitalisierung verändert?

Ich persönlich habe das nicht festgestellt, aber viele Verleger und Kooperationspartner aus meinem Umfeld haben solche Tendenzen ausgemacht. Das Verfassen von Texten in kurzer, knapper Form, wie es bei Twitter zu finden ist, taucht immer mal wieder bei Einreichungen auf. Diejenigen, die bei uns mitmachen, wertschätzen zum Beispiel sehr, dass wir es in einem gedruckten Format und nicht in einem Onlinemagazin machen.

Wo siehst du die Literaturszene und die Stadt Chemnitz 2025?

Wir sind von der Bewerbung zur Kulturhauptstadt hellauf begeistert. Bei uns hat das ein Aufbruchsgefühl ausgelöst. Wer, wenn nicht Chemnitz – wer soll es sonst schaffen? Bei der Suche nach Juroren bat mich der Literaturkritiker Hubert Winkels, Chemnitz endlich auf die literarische Landkarte zu holen. Das war für mich ein Ansporn. Hier kann sich gut eine Aufbruchsstimmung entwickeln. In Chemnitz fehlt manchmal der Zusammenhalt zwischen den Gruppen, Initiativen und Vereinen. Die Kulturhauptstadt kann den Austausch und das Verbindende auf jeden Fall fördern.

 

0 0 6. November 2017 gepostet am

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