Susanne Meysick & Klaus Kowalke
Lessing und Kompanie

Macher der Woche

Deutscher Buchhandlungspreis 2018 geht nach Chemnitz

Sie gehört zu den drei besten Buchhandlungen 2018 in Deutschland. Die unabhängige Chemnitzer Buchhandlung „Lessing und Kompanie“ erhielt diese Auszeichnung vom Bundeskultusministerium, verbunden mit einer Prämie von 25.000 Euro. Damit hat das Paar Klaus Kowalke und Susanne Meysick, die den schicken Laden auf dem Kaßberg betreiben, nach eigenen Aussagen nicht gerechnet. Was macht eine Buchhandlung zur besten des Landes? Das verraten Susanne Meysick und Klaus Kowalke im Interview. #MacherderWoche

Was war das für ein Gefühl, als Sie den Preis erhalten haben.

Kowalke: Wir waren wirklich baff. Obwohl wir wussten, dass wir einen Preis bekommen. Denn alle Nominierten, die zur Verleihung eingeladen sind, erhalten eine Auszeichnung. Das ist eine wirklich schöne Veranstaltung, bei der keiner leer ausgeht.

Prämiert wird in drei Kategorien: Erste Kategorie – „hervorragende Buchhandlung“, die mit 7.000 Euro dotiert ist, zweite Kategorie – „besonders herausragend“, mit 15.000 Euro und dritte Kategorie „beste Buchhandlung“, mit 25.000 Euro. Die erste Kategorie konnte die Chemnitzer Buchhandlung bereits 2015 und 2016 gewinnen. „Insgesamt wurden 118 freie Buchhandlungen geehrt“, berichtet Kowalke. Dass er zu den drei besten gehört, war eine Überraschung. „Als die ersten beiden Kategorien vergeben wurden, habe ich zu meinem Lebensgefährten gesagt, dass sie uns vergessen haben“, erzählt Susanne Meysick lachend. Als die Literaturkritikerin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Sandra Kegel, die Laudatio für die ersten drei Preisträger hielt, bekam Klaus Kowalke schon Glückwunschnachrichten auf sein Handy. „Die Presse war schneller als die Ehrung“, fügt er schmunzelnd hinzu. Neben „Lessing und Kompanie“ erhielt eine weitere Buchhandlung – die „Universitas“ auf dem Uni-Campus, Reichenhainer Straße die Ehrung „hervorragende Buchhandlung“.

Wie läuft so eine Bewerbung ab? Reicht man die selbst ein und stellt seine Buchhandlung vor?

Kowalke: Auf der Homepage des Bundeskulturministeriums gibt es einen Online-Fragebogen. Diesen Onlinefragebogen muss man dann mit verschiedenen Anhängen, mit verschiedenen Erläuterungen über seine Tätigkeit, die Beschreibung seiner Buchhandlung ausfüllen. Das ganze Konvolut umfasst dann 40 Seiten und wird von den Jurymitgliedern gesichert und bewertet.

Was treibt Sie an, sich zum dritten Mal in Folge beworben zu haben?

Kowalke: Genau genommen zum vierten Mal. Seit 2015 gibt es diesen Preis und wir haben uns jedes Jahr beworben. Es ist ein Bundespreis für Kulturförderung, weil man den Buchhandel unterstützen will. Beispielsweise gibt es Literaturpreise für Autoren, es gibt Verlagspreise, aber der Buchhandel als Endverkaufshandel hat keine dotierten Preise.

Man muss diesen Preis so sehen, dass man als Buchhändler motiviert werden soll, sich darum zu bemühen, wie eine Art Förderantrag. Im Prinzip ist das von den Kriterien auch so aufgebaut, wie man das von Kreditanträgen kennt. Man muss Bilanzzahlen und alles Mögliche darstellen. Nächstes Jahr dürfen wir uns nicht bewerben. Als Hauptpreisträger muss man ein Jahr aussetzen. Aber das spielt ja keine Rolle. Die nächsten Jahre werden wir uns wie immer weiter bewerben. Dann wird man mal wieder gewinnen oder nichts bekommen, das ist im Sinne dieses Preises. Jeder kommt einmal dran, der diese Qualitätsvoraussetzungen erfüllt.

Was haben Sie mit dem Preisgeld vor?

Meysick: Das ist zweckgebunden. Es wird in unsere Buchhandlung, für Veranstaltungen bzw. Kulturarbeit gesteckt. Es gibt genug „Löcher“, die gestopft werden müssen. In Zeiten des Internets hat es jeder Buchhandel bzw. Buchladen schwer und kämpft. Dann ist es einfach mal schön, dank des Preisgeldes, ruhig zu schlafen (lacht).

2008 haben beide die literarische Buchhandlung „Lessing und Kompanie“ an der Ecke Franz-Mehring-Straße/Theodor-Lessing-Straße eröffnet. „Wir wohnen gleich nebenan und der Laden stand vier Jahre leer“, erzählt Susanne Meysick. Man versteht sich als Stadtteilbuchhandlung. „Dies fehlte hier auf dem Kaßberg“, so Kowalke und seine Frau ergänzt: „Es fehlte in ganz Chemnitz eine literarische Buchhandlung, die wirklich den Schwerpunkt Literatur hat. Also nicht den Mainstream und Unterhaltung, sondern das Besondere und das Schöne.“

Was unterscheidet die Lessing-Buchhandlung von anderen?

Kowalke: Grob gesagt ist es – sicherlich auch im Sinne des Preises – eine Auswahlgeschichte und die Präsenz der vorhandenen Bücher, das gesamte Sortiment, eben mit vielen kleinen unabhängigen Verlagen, die hier eine große Präsenz haben und die tägliche Arbeit mit den Verlagen. Außerdem bieten wir ein vielfältiges Programm an, mit Literaturförderung, Lesungen, Veranstaltungen, aber eben auch die Zusammenarbeit mit Schulen und Horten.

Kann man sich auch deshalb gegen das Internet als Händler durchsetzen?

Kowalke: Das ist sicherlich ein Grund, insbesondere was die Verlagsbranche betrifft. Die kleinen Verlage sagen, im Internet haben wir keine Präsenz. Wenn man die Auswahl dann sieht, sind die natürlich drauf angewiesen, dass es möglichst viele unabhängige Buchhandlungen gibt. Da sind wir hier in Chemnitz eine der wenigen.

Wie groß ist eigentlich diese Buchhändler-Szene in Chemnitz?

Kowalke: Es gibt so ungefähr zehn unabhängige Buchhändler. Da hat sich jeder auf etwas spezialisiert.

Sind die Chemnitzer eigentlich lesefreudige Menschen?

Kowalke: Ja, würde ich denken. Wir können nicht klagen. Unsere Kunden lesen auch viel und regelmäßig. Sie kommen nicht nur einmal im Jahr vorbei.

Der aus Niedersachsen stammende Klaus Kowalke verlegte von 1996 bis 2001 Bücher in Berlin. Ihn verschlug es der Liebe wegen nach Chemnitz. Seine Partnerin Susanne Meysick wurde in Zeitz geboren und kam noch vor der Wende in die Stadt. „Wir sind also beide Wahl-Chemnitzer und finden es hier schöner als die „Hier-Geborenen“, lacht Kowalke. „Die Chemnitzer müssten optimistischer werden. Sie müssen mehr zu ihrer Stadt stehen. Ein bisschen glücklicher und zufriedener sein“, ergänzt seine Partnerin.

Wir wollen 2025 Kulturhauptstadt werden. Wie sehen Sie die Bewerbung?

Kowalke: Sehr positiv. Ich denke, Chemnitz wird es auch schaffen, weil die Stadt wirklich, nicht nur im Vergleich der Mitbewerberstädte, sehr großes Potential an Subkultur hat. Das find ich einfach hervorragend und das macht das Leben in Chemnitz sehr angenehm. Ich finde auch das Mikro-Projekt-Förderprogramm der Stadt sehr gut, weil damit auch die Bevölkerung aufgerufen wurde, sich aktiv zu beteiligen.

Wir hatten einen wunderschönen Kultursommer. So eine schöne Stimmung, die wurde dann eben durch diese Krawalle, ich will nicht sagen zunichte gemacht, aber zumindest hat man erstmal einen Schock gekriegt. Ich bin der Meinung, wir erholen uns von diesem Schock, zumindest in Chemnitz, auch wenn die Außenwahrnehmung länger braucht, um das zu verarbeiten.

Meysick: Ich denke auch. Gerade in einer Stadt mit so einer geringen Buchhandlungsdichte, haben zwei Handlungen einen Preis dieses Jahr bekommen. Ich sehe das wie ein Start – es geht weiter mit der Kulturhauptstadt. Man ist nach den Ereignissen im August/September so ein bisschen unten gewesen, und jetzt, denken wir, machen wir einfach weiter.

Kowalke: Wir hatten unglaublich viele Presseanfragen, auch international. Es fing an mit der FAZ, die sozusagen aufgrund unserer Nominierung drei Tage nach den Krawallen gefragt hat. Dann war ein Interview mit mir auf der Feuilletonseite der FAZ und diese hatte dann internationale Medien auf den Plan gerufen. Uns hat dann am gleichen Tag noch der Sender BBC und the Guardian angerufen. Der Independent und eine holländische Tageszeitung haben Korrespondenten geschickt. Dann kam noch MDR Kultur und das ZDF, die hier gedreht haben. Es war ein gigantischer Presseauflauf.

Da hatten Sie noch nicht einmal den Preis gewonnen. Sie waren nur nominiert.

Kowalke: Nein, es ging gar nicht um den Preis. Es ging nur darum, was sagt ein Buchhändler, der in dieser Stadt lebt, zu der Situation. Die Ausgangsfrage vom Deutschlandfunk im Interview war: „Kaufen die Chemnitzer viel rechte Literatur?“

Ihre Antwort?

Kowalke: Wir haben keine Nachfrage nach derartiger Literatur. Also kaufen die Chemnitzer keine rechte Literatur.

Was muss sich bis 2025 in der Stadt noch tun, bis wir Kulturhauptstadt sind?

Kowalke: Als Erstes würde ich denken, dass diese ganzen Hass-Debatten aufhören müssen. Wir müssen in einen Dialog kommen. Wir müssen auf jeden Fall die Sorgen und Nöte der Menschen ernst nehmen. Aber es kann nicht sein, dass man brüllend durch die Straßen zieht.
Und dass man dieses wunderbare Gefühl vom Kultursommer 2018 in der Stadt auch in 2019, 2020 und weiterhin hat. Da war wirklich viel los.

Zum Schluss hat Klaus Kowalke noch einen Veranstaltungstipp: „Am 26. November werden wir Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, zu Gast haben. Sie liest im Kino Metropol aus „Gegen den Hass“. Das ist für uns eine ganz wichtige Aussage. Sie analysiert in ihrem Buch ganz wunderbar, woher dieser Hass eigentlich kommt. Unzufriedenheit kann man ja haben, man kann auch mit Politik unzufrieden sein, dafür gibt es demokratische Mittel. Aber woher kommt dieser Hass, der einfach überhaupt nicht mehr erläutert und analysiert wird. Dieser Hass muss aufhören. Da ist die gesamte Zivilgesellschaft, sind alle Einwohner gefordert.“

2 0 16. November 2018 gepostet am

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