Daniel Dost & Josefine Klinkhardt & Die Buntermacher*innen

Macher der Woche

„Die Stadt bunter machen“

„Die Stadt bunter machen.“ Ein Anliegen, mit dem die Buntmacher*innen ab morgen viel Aufmerksamkeit in Chemnitz erregen werden. Grund: Sie haben in der vergangenen Woche die größte Treppe der Innenstadt an der Augustusburger Straße direkt neben dem Neuen Technischen Rathaus bunt angemalt. Die Beweggründe für diese Aktion erzählen direkt am Ort des Geschehens Josefine Klinkhardt und Daniel Dost von den Buntmacher*innen.

Was macht ihr hier?
Josefine: Wir malen die Treppe zwischen dem Versorger eins energie und dem Neuen Technischen Rathaus bunt an. Nachdem ich im vergangenen Jahr bei dem Stadtprojekt „Nimm Platz“ mitgemacht und gewonnen habe, wurde mein Vorhaben mit 2025 Euro gefördert. Meine Idee war, bunte Treppen in Chemnitz zu gestalten. Jetzt wird die Idee in die Tat umgesetzt.

Wie bist du auf die Idee gekommen?
Josefine: Bei einem Familienausflug in Eisenach habe ich eine kleine bunte Treppe gesehen. Ich fand, so etwas bräuchten wir in Chemnitz auch. Auch vor dem Hintergrund der Ereignisse im Spätsommer 2018 war es mir wichtig, zu zeigen, dass Chemnitz nicht nur braun ist.
Die Treppe ist quasi ein Zeichen für die Vielfältigkeit in unserer Stadt. Die Menschen, die hier leben, haben ganz unterschiedliche Lebensbedingungen. Hier leben Männer, Frauen und diverse Menschen zusammen. Es gibt Jung und Alt, verschiedene Religionen, Herkunftsländer, Sprachen, Liebensweisen. Das alles soll die bunte Treppe repräsentieren.

Im Internet konnten die Menschen für einen von fünf Vorschlägen abstimmen. Und nun müsst ihr die zeitaufwendigste Variante umsetzen.
Josefine: (lacht) So ist es. An der finanziellen Förderung der Idee im Rahmen der Kulturhauptstadtbewerbung war die Bedingung geknüpft, dass alle Gewinnerprojekte eigenständig umgesetzt werden. Ich bin dann also auf die Buntmacher*innen zugegangen und habe ihnen von meinem Vorhaben erzählt und um Unterstützung angefragt. Sie waren gleich total begeistert und wir haben schnell zueinander gefunden. Gemeinsam wuchs die Idee dann immer weiter: zum Beispiel dass wir die Chemnitzer*innen mit entscheiden lassen wollen – also ein kleines Bürgerbeteiligungsprojekt daraus machen. Fünf Vorschläge wurden von uns vorgestellt und in die Abstimmung gegeben. Es hat dann der Entwurf, der am schwierigsten für uns war, gewonnen. Ich finde es aber schön, dass sich viele beteiligt haben. Über 2.800 Menschen haben mitgemacht, 42 Prozent haben dann für genau diesen, sehr bunten Entwurf gestimmt.

Wie lange benötigt ihr für die Umsetzung?
Josefine: Mit der Unterstützung auch von Freunden und Bekannten brauchen wir circa zwei Wochen. Zuerst kommt eine Grundierung auf die Stufen und dann werden sie bunt.
Am 4. Juli ist Eröffnung.

Was ist dafür geplant?
Josefine: Unter Einhaltung der dann geltenden Verordnungen werden wir die Treppen von 13 bis 20 Uhr feierlich eröffnen. Wir haben einige Acts eingeladen, die den Tag mit uns bestreiten. Es wird eine musikalische Untermalung verschiedenster Couleur geben. Zwischendurch werden wir auf unserem Buntmacher*innen-Sofa kleine Interviews führen. Unter anderem mit Menschen, die bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt bzw. generell in der Kulturszene aktiv sind.

Du hast gesagt, dass du an die Buntmacher*innen mit deiner Idee herangetreten bist. Sprich, du bist kein Mitglied der Initiative gewesen?
Josefine: Durch die bunten Treppen bin ich dazugekommen und seit November 2019 festes Mitglied.

Warum haben sich die Buntmacher*innen für die Idee begeistern lassen?
Daniel: Weil es eigentlich auch unsere Idee hätte sein können bzw. müssen. Für uns Buntmacher*innen ist es ein Anliegen, bunte Spuren in der Stadt zu hinterlassen.

Die Buntmacher*innen haben sich nach den August-Ereignissen 2018 zusammengeschlossen. „Hier haben sich Menschen zusammengefunden, die vorher nicht wirklich aktiv waren, aber aus den Erlebnissen im Spätsommer heraus gesagt haben, wir müssen etwas machen“, erzählt Daniel Dost, Mitglied der zivilgesellschaftlichen Initiative. Jenseits von Demos und Konfrontationen will man den Chemnitzer*innen Gelegenheiten bieten, um miteinander ins Gespräch zu kommen. Unter anderem wurden „die Lichterwege“ zur Erinnerung an die Pogrome 1938 ins Leben gerufen, Diskussionsrunden, Filmabende und ein „parteineutraler Wahlkampf für die Demokratie“ veranstaltet. „Wir wollten nicht gegen irgendetwas demonstrieren, sondern zeigen, wofür wir stehen. Für Vielfalt in der Gesellschaft, Toleranz, Respekt.“

Die Buntmacher*innen haben sich im August/September 2018 gegründet. Ist es schwierig, der Stadt ein neues Image zu verpassen bzw. das vorhandene aufzupolieren?
Daniel:
Ob wir das Image von Chemnitz jetzt aufpolieren, weiß ich nicht. Es wird sicherlich so wahrgenommen, dass es ein Impuls ist, vieles gerade zu rücken. Wir sind zwar als Reaktion auf etwas entstanden, wollen aber nicht reagieren, sondern agieren. Unabhängig davon, was andere Menschen tun. Wir wollen nicht hinterherrennen und nur unseren Kommentar dazugeben, sondern lieber vorangehen mit der Idee, die wir haben und Menschen einladen, mitzumachen.

Josefine: Wir haben die Rechten in der Stadt. Dies müssen wir klar so benennen und darauf achten, dass sich deren Netzwerke nicht weiter ausbreiten. Und wir müssen uns dagegenstellen und zeigen, dass das nicht Chemnitz ist. Es geht darum, dem etwas Eigenes, etwas Positives entgegenzusetzen.

Gab es einen ausschlaggebenden Punkt im Spätsommer 2018, an dem du gesagt hast, ich muss etwas machen?
Daniel: Ja. Besser gesagt zwei. Einmal die Erfahrung der enormen und scheinbar unüberbrückbaren Spaltung in der Stadt in diesen Tagen. Zum anderen, relativ kurz danach, das Fehlen jeglicher Dialogbereitschaft. Ich hatte schnell den Eindruck, dass es der falsche Zeitpunkt ist, um „gegen“ etwas zu demonstrieren. Der Gedanke war, eher das „für“ in den Mittelpunkt zu stellen und positiv und konstruktiv nach Gemeinsamkeiten und Lösungen zu suchen.

Daniel Dost kam dann im November 2018 zu den Buntmacher*innen. Eine Initiative, die schnell weit über die Stadtgrenzen Aufmerksamkeit erweckte. 2019 wurden sie gleich mit vier Auszeichnungen geehrt. Aktuell sind sie für den Deutschen Engagementpreis und den Sächsischen Bürgerpreis nominiert.

Wie fühlt es sich an, für euer Engagement so schnell eine derart öffentliche Würdigung zu erhalten?
Daniel: Wir sind schon einigermaßen überrascht, wie schnell das alles geht. Man ist ja irgendwie immer am Machen, Planen und Durchführen und dann ist es zwischendurch durchaus auch schön, wenn das Engagement Anerkennung erfährt. Und die Ehrungen dienen ja auch als Ansporn.

Viele Ideen/Aktionen finden in Bernsdorf statt. Habt ihr eine besondere Beziehung zu dem Stadtteil?
Daniel: In Bernsdorf gab es im vergangenen Jahr den parteineutralen Haustürwahlkampf. Hier sind Teams der Buntmacher*innen von Tür zu Tür gegangen und haben die Menschen animiert, bei der Landtagswahl wählen zu gehen. Der Stadtteil wurde ausgewählt, weil er ein gutes Abbild der Stadt ist.

Macht ihr das in diesem Jahr vor der Oberbürgermeisterwahl wieder?
Daniel: Das ist in der Art nicht noch einmal angedacht. Die bunten Treppen laufen ja unter dem Motto „Malen nach Wahlen“. Mit dem Votum der Chemnitzer*innen für den nun entstehenden Entwurf haben wir ja auch schon auf das demokratische Grundprinzip der Wahlbeteiligung hingewirkt. Es wird aber noch die ein oder andere Aktion zu diesem Thema geben.

Was sind die Pläne bzw. was habt ihr in Zukunft vor?
Daniel: Wir machen bis zum Herbst so eine Art Kulturwahlkampf für 2025 auf der Straße. Dafür haben wir uns mit vielen Menschen, Projekten und Initiativen vernetzt. Ziel ist es, die Chemnitzer*innen noch besser für die Kulturhauptstadtbewerbung zu begeistern – ihnen zu erklären, weshalb Chemnitz das Zeug dazu hat. Bei der Bewerbung kann es ja nicht nur um die Hochkultur gehen. Die Menschen sollen sehen, dass ihre Alltagskultur genauso gefragt ist. Wir wollen Anknüpfungspunkte schaffen, bei denen die Menschen sagen, das Thema Kulturhauptstadt betrifft mich. Wenn ich den Anknüpfungspunkt finde, dann ist auch die Mitwirkung gegeben.

Josefine: Außerdem werden wir das Sofa-Quatschen weiterführen. Das ist als ein digitales Format während der Corona-Zeit entstanden. Wir haben das Sofa und können Interviews mit Chemnitzer Akteur*innen führen, die dann auf Instagram gezeigt werden. Mittlerweile führen wir Interviews aber auch wieder analog durch. Ziel ist es, einen Eindruck zu geben, wer in Chemnitz wirkt und was diese Menschen bewegt.

Daniel: Wir planen im Herbst auch ein Projekt. Das heißt Buntmacher*außen. Es kommen viele zu uns, die verstehen das *innen in unserem Namen nicht. Wir wollen das Gendersternchen im Austausch mit den Leuten thematisieren. Wir sind keine militanten Gendersternchen-Verfechter. Aber wir sagen, darüber müssen wir uns unterhalten. Das Gendersternchen ist bei uns da, um Aufmerksamkeit zu wecken und um die Menschen für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren.

Josefine: Und schließlich dürfen wir bei den diesjährigen Begehungen einen kleinen gestalterischen Beitrag leiste. Es sind also schon wieder viele neue Pläne auf der Agenda.

Wie optimistisch seid Ihr, dass wir Kulturhauptstadt werden?
Josefine: Na, zu 100 Prozent. Wir sind die beste und interessanteste Option. Wir sind der sympathische Underdog aus dem Osten.

0 0 3. Juli 2020 gepostet am

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