Macher der Woche

Die Stimmen der Geflüchteten

Dass sie kurz nach einer Gründung bereits den Sächsischen Integrationspreis gewonnen haben, können nicht viele von sich behaupten. Das Magazin „Horizont“ vom Fortbildungszentrum in Chemnitz hat das erreicht. Die Redaktionsmitglieder wollen Geflüchteten immer und überall eine Stimme geben. Chefredakteur Dave Schmidtke erklärt im Macher-der-Woche-Interview, wie sie dieses Ziel jeden Monat erreichen. Die Journalistin Elaha Anwari erzählt, was ihr die Arbeit für das Magazin bedeutet.

Wer hatte die Idee für das Magazin?
Dave Schmidtke:
Die Idee für das Grundkonzept kam von Daniela Weinbrecht. Sie hat hier im Fortbildungszentrum gearbeitet und hatte die Idee für eine Flüchtlingszeitung. Es gab am Anfang aber noch keine Konzipierung. Die Zeitung war eher dafür gedacht, dass die Menschen ihre Sprachkenntnisse etwas verbessern, sie sich hier sammeln können und Medienkompetenz erlangen. Das sind Punkte, die wir auch noch verfolgen, aber es hat sich in den vergangenen Monaten immer mehr dazu entwickelt, dass das Magazin zu einer Plattform für Geschichten geworden ist, die sonst nicht gehört werden.
Im Mai 2019 hat das Projekt offiziell angefangen. Ich hatte schon Interviews auf meinem Handy von Menschen, die ich bei meiner vorherigen Tätigkeit kennengelernt habe – ich war vorher drei Jahre lang im Flüchtlingsrat. Sehr oft gehört habe ich, dass diejenigen, die neu in Chemnitz waren, das Gefühl hatten, die Mehrheitsgesellschaft versteht nicht, warum sie hier sind, was in den Ländern und während der Flucht passiert und wie anstrengend dieser Prozess sein kann, hier anzukommen.
Als wir mit dem Magazin begonnen haben, kamen sofort Menschen, die mitschreiben wollten. Angedacht war, dass wir im Dezember 2019 und Januar 2020 die ersten Zeitungen veröffentlichen. Tatsächlich konnten wir aber schon im Juni 2019, also nach einem Monat, das erste Magazin veröffentlichen, denn wir hatten einen Stau an Geschichten. Im Juli ist außerdem Muna Ergieg dazugekommen und war in Teilzeit im Projekt angestellt. Sie war Chefredakteurin in Tripolis in Libyen. Sie konzentriert sich momentan auf ihren Sprachkurs, ist aber immer noch ehrenamtlich im Projekt und schreibt weiterhin Artikel.

Was ist ihre Motivation?
Dave Schmidtke:
Unsere Hauptmotivation für Horizont war, dass die Geflüchteten selbst sprechen, weil in meiner Wahrnehmung in den letzten vergangenen immer nur über die Personengruppe gesprochen wurde, aber man hat die Personen nicht selbst sprechen lassen. Man hat nicht erfahren, wie sehr sich viele Geflüchtete in den vergangenen fünf Jahren auch wirtschaftlich schon in Chemnitz integriert haben. In der Logistikbranche zum Beispiel arbeiten sehr viele Menschen aus Eritrea. Das wissen die wenigsten Chemnitzer. Es gibt in der Gastronomie in der Innenstadt so viele Geflüchtete, die in Restaurants arbeiten. So viele sind schon in Arbeit, man erfährt es aber nicht. Ich habe einen Autor, der aus Pakistan stammt und in einem Handwerksbetrieb in Hainichen arbeitet. Er ist dort seit drei Jahren und super integriert.
Um manchen Betrieben die Skepsis zu nehmen, wollen wir mit unserem Magazin auch viele positive Beispiele der Arbeitsmarktintegration aufzeigen.

Zu den Themen Arbeit und Beruf ist in diesem Monat eine Spezialausgabe erschienen. Damit wollen die Autor*innen aber nicht nur potenziellen Arbeitgebern Mut machen, sondern auch den Geflüchteten, damit sie sich hier in Chemnitz bewerben. Von vielen habe ich gehört: ‚Ich muss nach Hamburg, ich muss nach Stuttgart, ich muss nach Berlin, weil hier alle meine Bewerbungen abgelehnt werden'“, sagt Dave Schmidtke. Viele Geflüchtete hätten Chemnitz verlassen, ohne eine einzige Bewerbung zu schreiben, weil sie dachten, sie würden hier auf Diskriminierung stoßen und nicht eingestellt werden. So viel Potenzial sei dabei verloren gegangen. Die Geflüchteten will „Horizont“ außerdem in der Spezialausgabe darüber informieren, was sie benötigen, um Arbeit zu bekommen und wo sie zum Beispiel ihre Qualifikationen anerkennen lassen können.

Was wollen Sie mit dem Magazin erreichen?
Dave Schmidtke:
Alle Beteiligten im Magazin wollen unbedingt, dass die Mehrheitsgesellschaft, also vor allem die Deutschen in Chemnitz, nachvollziehen können, was in den Herkunftsländern im Detail passiert. Dass sie dann vielleicht über solch eine intime Biographie eines oder einer Geflüchteten ein bisschen mehr Einblick darüber erhalten, was in den Ländern vor sich geht. Wir wollen in erster Linie den Menschen eine Plattform geben, vor allem Migranten und Geflüchteten in Chemnitz, dass die Stimmen, die vorher wenig gehört wurden, durch „Horizont“ etwas mehr Gehör finden.

Was ist Ihnen besonders wichtig an Ihrer Arbeit?
Dave Schmidtke:
Dass wir einen Dialog herstellen. In den vergangenen Jahren habe ich an sehr vielen Demonstrationen teilgenommen und man geht danach mit einem unbefriedigten Gefühl nach Hause, weil man merkt, dass keinerlei Erkenntnis auf irgendeiner Seite stattgefunden hat. Gerade mit den Ereignissen 2018 wurde deutlich, was da aufeinanderprallt und wie sehr die Gesellschaft gespalten ist. Dass es keine richtige Möglichkeit des Austausches gibt, ohne dass er politisch aufgeheizt ist. Mit dieser Zeitung und dem persönlichen Einblick in Biographien, die wahrscheinlich vielen Chemnitzern so gar nicht möglich wäre, war es mir wichtig, dass wir ein Aufeinanderzugehen erreichen.

Inzwischen gibt es „Horizont“ bereits seit über einem Jahr. In dieser Zeit haben 34 Menschen aus zwölf verschiedenen Nationen als Autor*innen, Grafiker*innen, Zeichner*innen und Übersetzer*innen am Magazin mitgewirkt. Zum Stammteam gehören monatlich zwischen zwölf und 15 Personen. Seit zehn Monaten ist Elaha Anwari eine dieser ehrenamtlichen Autorinnen. Die 26-Jährige hat in Afghanistan studiert, in Kabul als Journalistin gearbeitet und hatte gleichzeitig ihr eigenes Restaurant.

Elaha Anwari: Ich habe wirklich schwere Momente in Afghanistan erlebt. Für Mädchen und Frauen ist die Situation dort sehr hart. Wir müssen einen Hijab tragen und es wird nicht gern gesehen, wenn Frauen arbeiten oder auch nur das Haus verlassen. Ich trage aber keinen Hijab, auch in Afghanistan habe ich keinen getragen. Ungefähr neun Monate lang habe ich in meiner eigenen Pizzeria gearbeitet. Es war mein Traum, ein eigenes Restaurant zu besitzen. Langsam aber sicher hat sich immer mehr herausgestellt, dass die Leute nicht wollten, dass ich ein eigenes Geschäft führe oder überhaupt arbeite. Sie haben gesagt, ich gehörte nicht zu Afghanistan, ich solle weggehen, ins Ausland. Ich war dort nicht mehr sicher. Wenn man in Afghanistan etwas gewinnen will, muss man dafür erst etwas anderes verlieren. Also habe ich Afghanistan verlassen und bin nach Deutschland gekommen.

Wie sind Sie zu „Horizont“ gekommen?
Elaha Anwari:
Ich habe von meiner Betreuerin von dem Projekt erfahren. Sie wusste von meinem Studium und hat mich gefragt, ob ich Interesse daran hätte. Natürlich hatte ich das! Und dann hat mich Dave angerufen.
Ich schreibe meine Texte in Englisch und sie werden dann übersetzt. Die Arbeit bei Horizont tut mir gut und ich denke, sie ist auch gut für meine Zukunft. Denn ich möchte wirklich gern als Journalistin arbeiten.

Wie erstellen Sie die Ausgaben?
Elaha Anwari:
Wir tauschen uns täglich über Probleme und Ideen aus und treffen uns etwa alle zwei Wochen zu gemeinsamen Redaktionssitzungen. Jeder schreibt über das Land, aus dem er oder sie kommt. Die Artikel handeln entweder von persönlichen Erfahrungen oder von aktuellen Themen wie beispielsweise Wahlen in verschiedenen Ländern.

Erstellen alle Redakteur*innen und die Gestalter*innen das Magazin in Ihrer Freizeit oder hauptberuflich?
Dave Schmidtke:
Muna Ergieg war von Juni 2019 bis Januar dieses Jahres in Teilzeit im Projekt beschäftigt, genauso wie ich aktuell. Mit den Geldern hat es dann leider nicht mehr gereicht. Das heißt, alle außer mir arbeiten jetzt ehrenamtlich.

Sie bieten alle Artikel in Deutsch und Englisch, meist auch noch in Arabisch sowie einige Artikel zusätzlich in anderen Sprachen an. Wer übersetzt sie?
Dave Schmidtke:
Da haben wir kein festes Konzept. In der Regel kann wirklich jeder zu uns kommen, egal welches Sprachniveau er hat, weil ich durch meinen persönlichen Bekanntenkreis die Möglichkeit habe, von Farsi, Urdu bis Arabisch alles übersetzen zu lassen. Wenn die Leute schon ein bisschen Deutsch sprechen, können wir die Texte zusammen mit den Autor*innen übersetzen. Das geschieht auch alles ehrenamtlich.

Das Magazin erscheint monatlich. So war es ursprünglich aber nicht geplant.
Dave Schmidtke:
Es gab keinen festen Turnus, als das Projekt begonnen hat. Es hat sich so ergeben, dadurch, dass sich sehr viele Menschen beteiligt haben, ihre Geschichten erzählen und mit der Bevölkerung in Chemnitz teilen wollten. Wir haben auch immer noch Geschichten in petto, die wir noch nicht veröffentlichen konnten.

Nicht lange nach der Gründung des Magazins haben Sie den Sächsischen Integrationspreis gewonnen. Was bedeutet Ihnen dieser Preis?
Dave Schmidtke:
Da bin ich tatsächlich erst einmal durch die Redaktion gehüpft, als ich davon erfahren habe. Damit hatte ich nicht gerechnet. Frau Ergieg kam dann später dazu und wir haben einen kleinen Freudentanz aufgeführt. Wir haben uns so gefreut. Es kam sehr überraschend, denn zu diesem Zeitpunkt gab es uns erst seit ein paar Monaten. Das hat uns einen inneren Push gegeben. Wir haben auch hier in Chemnitz unsere Reichweite stetig vergrößert und wenn man dann den Integrationspreis erhält, weiß man, dass man im gesamten Bundesland etwas Aufmerksamkeit erhält. Das war ein enormer Motivationsschub für uns, der immer noch anhält.

Sie wollen zusätzlich zum Magazin bald auch einen Podcast anbieten.
Dave Schmidtke:
Ja, der Podcast wird auf jeden Fall mit Rokshana Alamy erstellt. Sie war Radiomoderatorin in Afghanistan und hat sich in ihrer damaligen Sendung vor allem um die sozial Benachteiligten gekümmert. Gleich im ersten Gespräch, als ich sie kennengelernt habe, hat sie erzählt, dass sie sehr gern wieder so ein Format aufbauen würde. Ich habe ihr angeboten, dass wir das gern in Form eines Podcasts im Magazin machen können. Im Moment fehlt es uns aber an Technik und Frau Alamy ist noch im Sprachkurs. Sobald sie im Deutschen etwas gefestigter ist, setzen wir den Podcast um.

In welchen Sprachen wird der Podcast dann angeboten?
Dave Schmidtke:
Er wird wahrscheinlich auf Deutsch, Englisch und Farsi angeboten. Wir wollen es breit fächern und niemanden ausschließen. Gerade wenn man komplexere Themen behandelt, ist es notwendig, es auch in die jeweilige Landessprache zu übersetzen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Magazins?
Elaha Anwari:
Ich hoffe, dass ein paar mehr Menschen bei „Horizont“ angestellt sein können und das Magazin trotzdem kostenlos bleiben kann. Bisher wissen auch noch nicht so viele Menschen von uns und ich wünsche mir, dass sich das ändert und wir mehr Menschen erreichen.

Was wünschen Sie sich in der Stadt und für die Stadt?
Dave Schmidtke:
Ich würde mir natürlich wünschen, dass gerade Leute, die gegenüber Geflüchteten skeptisch sind, unsere Homepage besuchen, unser Magazin lesen oder eventuell auch direkt die Autoren ansprechen. Das Magazin ist immer ein Angebot zum Dialog über den Artikel hinaus. Man kann sehr gern mit den Leuten, die an dem Projekt arbeiten, in Kontakt treten. Das ist von ihnen gewollt und dahingehend würde ich mir ein bisschen mehr Empathie wünschen.

0 0 23. September 2020 gepostet am

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