Birgit Leibner & Claudia Garbe

Macher der Woche

Die unsichtbare Stadt

 

Wie hört und fühlt sich Chemnitz an und wie riecht es? Die theatralen Spaziergänge unter dem Motto „Die unsichtbare Stadt“ stellen die nicht-visuelle Wahrnehmung von Chemnitz an erste Stelle. Bei jeweils drei Stadtrundgängen sollen Sehende, Sehbehinderte und Blinde gemeinsam ihre Stadt auf eine völlig andere Art und Weise kennenlernen. Birgit Leibner ist die Projektleiterin von Echo I Lot, Claudia Garbe und Ingolf Watzlaw sind die künstlerische Leitung. Gemeinsam mit Expert*innen des Unsichtbaren, elf Menschen mit und ohne Sehbehinderung, hat Claudia Garbe die Rundgänge inszeniert. Teil der Kooperation ist auch die Landesschule für Blinde und Sehbehinderte. Im Interview erzählen sie, auf welche Weise sie die unsichtbare Stadt, wahrnehmbar machen.

Wie entstand die Idee zu dem Projekt „Die unsichtbare Stadt“?

Claudia Garbe: Die Stadtspaziergänge sind Teil des gesamten Projekts „Echo I Lot“. Seit einem Jahr recherchieren wir in der Stadt, führen Workshops durch und haben eine öffentliche Podiumsdiskussion veranstaltet. In vorangegangen Projekten haben wir immer wieder mit Menschen mit Sehbehinderung zusammengearbeitet. Da kam uns die Idee, dass man auch ein Projekt mit Sehbehinderten und Blinden machen kann, als Expert*innen des Unsichtbaren sozusagen. Wir erkundeten gemeinsam die Stadt. Daraus sind jetzt der theatrale Stadtspaziergang und verschiedene Skulpturen entstanden. Es geht nicht darum, das Visuelle der Stadt zu zeigen, sondern mit dem Publikum zu erkunden, was die Stadt jenseits des Visuellen ausmacht: Welche Haptik, welche Klänge, welche Gerüche, welche Geschichten beschreiben die Stadt?

Wer kann an den Stadtspaziergängen teilnehmen?

Birgit Leibner: Es ist für alle möglich, ob blind oder sehend, mit Rollstuhl oder zu Fuß, jeder kann teilnehmen.

Claudia Garbe: Die Stadtspaziergänge sind für alle geöffnet. Sehende können die Augen schließen. Sehbehinderte und Blinde erleben einen theatralen Spaziergang, der wie für sie gemacht ist. Das Projekt Echo I Lot ist in allen Projektphasen für alle offen. 

Welches Ziel verfolgt das Projekt mit dem Stadtspaziergang?

Claudia Garbe: Uns interessiert – wie erfahren wir unsere Stadt auditiv, haptisch und mit allen anderen Sinnen. Es geht darum, dass die Sehenden versuchen, ihren Sehsinn zurückzustellen. Das ist natürlich sehr schwer, aber dazu laden wir alle ein. Blinde können sie dabei mit ihrer Erfahrung unterstützen. Die Sehbehinderten haben noch mal eine ganz andere Sicht auf die Dinge. Das ist sehr spannend. Es geht im Grunde darum, sich auszutauschen, was die nicht-visuelle Welt ist – egal, ob man nun sehend oder nichtsehend ist.

Birgit Leibner: Welche Gefühle habe ich an bestimmten Orten? Machen sie mir Angst, machen sie mir Freude – und sich darüber auszutauschen. Die Akteur*innen sind bunt gemischt: Sehende, Sehbehinderte, Nicht-Sehende und Menschen mit anderer Muttersprache – es sind also verschiedene Übersetzungsebenen da. Die Akteur*innen nehmen ALLE Chemnitz*innen mit auf eine Reise, um ihre Stadt anders zu entdecken.

Welche Orte wurden für die Route ausgewählt und warum?

Claudia Garbe: Wie auf unserem Flyer geschrieben: 5523 Schritte, 3,9 Kilometer, 6 Orte. Das weiß das Publikum also vorher. Die genauen Orte und die Route erfährt man erst während des Spazierganges. Am Anfang des Projekts wurden die Akteur*innen gefragt, welche Orte ihnen am meisten am Herzen liegen. Dann haben wir Gruppen gebildet, die sich Material zu den jeweiligen Orten gesucht haben, Geschichten, Klänge und Atmosphären. Ich habe dann mit den Teilnehmer*innen zusammen die Szenen entwickelt und einstudiert.

Echolot – das ist ein Gerät zur Messung von Wassertiefen. Ein Echolot arbeitet mit unsichtbaren Schallwellen, die eine Wahrnehmung der Tiefe im Meer ermöglichen. Ebenso verhält es ich mit dem Projekt. Es geht darum, nicht das Oberflächliche eines Ortes wahrzunehmen, sondern das, was man nicht sieht. Die Tiefe, die Haptik, die Geräusche und Gerüche – all das versucht das Projekt Echolot im Stadtspaziergang „Die unsichtbare Stadt“ wahrnehmbar zu machen.

Wie machen Sie Chemnitz dann genau wahrnehmbar?

Claudia Garbe: An manchen Orten kann der Klang den Raum erfassen, die Akustik markiert den Raum sozusagen. Es kann aber auch viel durch Sprache passieren. Wenn der Ort beschrieben wird, vermisst man ihn automatisch mit der Vorstellung. An einem anderen Ort wiederrum, teilen sich die Gruppen auf und erleben unterschiedliche Dinge. Es gibt also verschiedenste Methoden, um alle Sinne anzusprechen. Jeder Ort verlangt etwas anderes.

Birgit Leibner: Am Ende bieten wir auch ein Gespräch an, wenn sich die Besucher*innen über ihre verschiedenen Eindrücke austauschen wollen.

Wie geht’s nach den Spaziergängen weiter?

Claudia Garbe: Wenn die Teilnehmer*innen mit dem Projekt fertig sind, arbeiten sie an Skulpturen weiter, die im Frühjahr an eben diesen Orten des Spazierganges aufgestellt werden. Es bleibt den Chemnitzer*innen so auch über den Spaziergang hinaus etwas erhalten. Die Skulpturen bleiben stehen. Sie sind in erster Linie haptische Skulpturen.

Birgit Leibner: Das sind quasi unsichtbare Skulpturen, die man be-greifen kann.

Claudia Garbe: Zudem wird es eine Abschlussausstellung geben, bei der u.a. ein Audioguide für den Spaziergang zu den Skulpturen vorgestellt wird. Es werden Rechercheergebnisse und Fotos ausgestellt und der Katalog des Projekts vorgestellt.

Birgit Leibner: Es wäre schön, wenn Projekte längerfristig angelegt werden, also über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Aber das erfordert eine Anpassung der Förderrichtlinien. Das betrifft vor allem Projekte, wo die Teilnehmer*innen den Prozess des Projektes gestalten. Das ist natürlich schwieriger und langwieriger, aber nur so funktioniert dauerhaft Teilhabe.

Wie kann man die Teilhabe aller Menschen an der Stadt und dem urbanen Raum verändern bzw. verstärken?

Birgit Leibner: Auch wenn es mühsam und kleinteilig ist, müssen wir davon wegkommen, dass dreihundert Leute zu einem Thema eingeladen werden und das dann besprechen. Man kann die wirkliche Teilhabe an der Stadt nur dort erzeugen, wo man auch die Interessen der Leute anspricht.

Claudia Garbe: Teilhabe hat etwas mit Teilnehmen zu tun. Und Teilnehmen kann man nur, wenn man Teil des Wissensdiskurses ist. Das geht nur, wenn man Zeit darauf verwendet.

Birgit Leibner: Das gemeinsame Arbeiten ist wichtig. Wenn man die gegenwärtige Situation in der Gesellschaft betrachtet, gewinnt man den Eindruck, dass die Menschen immer weiter auseinander triften. Unterschiedliche Lebenssituation führen zwangsläufig zu unterschiedlichen Auffassungen.

Wir haben es erlebt, als wir mit zwei Teilnehmer*innen, die sich selbst eher mit realistischer Kunst beschäftigen, im Atelier von Osmar Osten waren. Sie sagten mir, sie wären dort von selbst nie hingegangen. Und freuten sich, dadurch etwas Neues kennengelernt zu haben. Es muss am Ende nicht ihre Kultur und Kunst werden, aber sie haben erfahren, dass es auch andere künstlerische Ausdrucksformen gibt.

Man muss den kleinsten gemeinsamen Nenner finden und die gesellschaftlichen Hintergründe der Menschen außen vorlassen. Wenn man zum Beispiel alle Menschen zusammenbringt, die gerne ein neues Spielgerät in der Innenstadt hätten, haben die eine gemeinsame Aufgaben. Und über das gemeinsame Tun erkennt man leichter, dass man eigentlich trotz unterschiedlicher politischer oder gesellschaftlicher Hintergründe, das Gleiche will. In diesem Fall ein schönes neues Spielgeräte für alle Kinder.

Claudia Garbe:  Das ist auch meine Auffassung von der aktuellen Situation. Verständigung braucht Raum und Barrierefreiheit. Man muss sowohl visuell und sprachlich die Barrieren abbauen, da jeder von einem anderen Blickwinkel an die Sachen herangeht. Da gibt es in der politischen Kommunikation so viele Barrieren, die den Menschen den Zugang erschweren und die sich dann ausgeschlossen fühlen. Man muss der Kommunikation genügend Raum und Zeit geben, damit Teilhabe möglich ist.

Was wünschen Sie sich dann für die Stadt in Zukunft?

Birgit Leibner: Die Bürger*innen sind die Stadt. Man muss sie gestalten und teilhaben lassen. Viele Sachen sollten entbürokratisiert werden, damit die Bürger*innen nicht die Lust verlieren, etwas selber anzupacken. Man muss auch das Scheitern zulassen. Es sind alles Versuche der Gestaltung. Die natürlich nicht immer alle perfekt sind, aber schon allein die Erfahrungen sind es wert.

Claudia Garbe: Man sollte die Bürger*innen nicht bevormunden. Gestaltung heißt nicht, ihr kommt mal kurz zu einer Fragerunde mit Politikern und dann gestalten wir das, sondern Teilhabe heißt, dass man den Raum schafft, dass die Leute erst mal Ihre Ideen ausformulieren und dann bei der Umsetzung beteiligt bleiben. In der aktuellen Situation wäre es eine Chance allen Bürger*innen die Möglichkeit zu geben, sich zu beteiligen. Es liegt dann an den Bürger*innen diese Chance auch zu ergreifen.

1 0 15. Oktober 2018 gepostet am

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