Susann Neuenfeld und Holm Krieger
Haus Arthur

Macher der Woche

Ein Haus, wo vieles möglich ist

Seit 25 Jahren gibt es auf dem Kaßberg ein Haus, in dem sich kreative, experimentierfreudige und kulturell interessierte Menschen treffen: das Haus Arthur. Im Jahr finden hier gut 400 Veranstaltungen statt. Jetzt feierte es Geburtstag und lud in den vergangenen Tagen seine Freunde in einer Festwoche zu Konzerten, Ausstellungen, einem Open-Air-Poetry-Slam, einen Liedermacherabend und einer Blues-Nacht ein. Wir sprachen mit zwei Machern, die das Haus Arthur mit Leben füllen: Holm Krieger und Susann Neuenfeld.

Welche Themen stehen beim Haus Arthur im Mittelpunkt?

Holm: Wir betreiben eine intensive Kinder- und Jugendarbeit und bieten viele Angebote im soziokulturellen Bereich an. Der Fokus auf die Jugendarbeit war von Anfang an die Basis. Schon vor 25 Jahren gab es viele Projekte für Kinder und Jugendliche, die in der Bildungsarbeit neue Wege gehen wollten. Zum einjährigen Jubiläum beispielsweise gab es fast nur Kinderangebote und es kamen fast 5000 Menschen.

Susann: Viele Ferien- und Mitspielgeschichten, die es heute noch gibt, gehen auf die Anfangszeit des Arthur zurück. Und sie werden immer noch gut angenommen. Die Fülle an Angeboten, die es zu Anfangszeiten gab, erreichen wir aber heute nicht mehr.

Holm: Hier passiert auch viel im soziokulturellen Bereich. Konzerte, Vorträge, Ausstellungen – vieles was zum Zuhören, Anschauen und Nachdenken einlädt. Wir wollen ein Ort sein, der zum Machen einlädt. Junge Künstlerinnen und Künstler können in unserer Galerie ausstellen, wenn sie wilde Ideen haben: Fotografie mit Lichtreflexen oder Konzeptkunst. Mit der Walpurgisnacht und der Bluesnacht haben wir auch Großveranstaltungen im Außengelände, die mittlerweile legendär sind. Wir haben Aquarell- und Keramikkurse, die ganz typisch von älteren Damen genutzt werden. Und mit dem aaltra, der eingemieteten Kneipe, haben wir einen starken, kulturellen Partner, der wieder ein ganz anderes, eher alternatives Publikum anspricht.

Hier treffen also durchaus unterschiedliche Generationen und Menschen aufeinander.

Susann: Hier fühlen sich ganz verschiedene Leute zu Hause. Sowohl die langjährigen Besucher der Kreativkurse als auch die jungen Besucher der Rockkonzerte oder die Klinikclowns, die hier proben.

Holm: Es gibt hier auch keinen Streit. Wo anderswo über Lärm gestritten wird, reden die Leute hier miteinander.

Susann: Viele Generationen und Sparten in einem Haus. Wir sind der Beweis, dass es funktioniert. Hier ist Platz für kleine Initiativen und Einzelpersonen.

Was macht das Haus Arthur im Kinder-Jugendbereich heute konkret?

Susann: Ein fester Bestandteil des Hauses ist das Jugendtheater. Ein sehr erfolgreiches Format. Jugendliche zwischen 14 und 27 Jahren kommen zu uns und inszenieren selbst in ihrer Freizeit und mit viel Mitbestimmung Theaterstücke. Dann gibt es die Ferienangebote und Mitspielgeschichten. Neu hinzugekommen ist der Bereich der politischen Bildung, der die Menschenrechtsbildung an Schulen mit künstlerisch-kulturellen Projekten unterstützen will.

Holm: Schon vor drei Jahren haben wir ein Gedankenspiel (so lauet der Name der Veranstaltung) durchgeführt. Da war Elias Bierdel zu Gast und erklärte, wie sich Cap Anamur für Flüchtlinge einsetzt und was Flüchtlinge auf dem Mittelmer durchmachen.

Interessieren solche aktuellen, politische Themen die Jugendlichen?

Susann: Ja! Manchmal ist ein Desinteresse da. Aber es gelingt ganz gut mit niedrigschwelligen Angeboten mal über den Tellerrand zu schauen. Es gibt auch viele Jugendliche, die politisch interessiert sind und ihre Themen kulturell-künstlerisch bearbeiten wollen. Ich bin zum Beispiel total begeistert, was wir bei unserem Jugendprojekt „Und du bist raus“ erlebt haben. Wir haben es zusammen mit Gabi Reinhardt, Theaterpädagogin aus Chemnitz, auf die Beine gestellt. Nach dem Projekt waren die Jugendlichen sehr sensibilisiert, wie Rassismus und Diskriminierung in unserem Alltag sichtbar wird.

Susann Neuenfeld sprüht vor Begeisterung, wenn sie von ihren Projekten und der Arbeit mit Jugendlichen erzählt. Sie wolle mit Ihrer Arbeit die jungen Menschen zum Mitmachen und Gestalten einladen. „Mal über den eigenen Schatten springen, sich was trauen“. Sie berichtet von ihrem Projekt „Wall of Femme“ ein Projekt, das junge Frauen animiert hat, sich mit Street-Art-Kunst zu beschäftigen. Frauen, die noch nie eine Sprühdose in der Hand hatten, haben sich in diese Männerdomäne getraut und selbst Susann war überrascht, wie beeindruckend die Arbeiten am Ende waren.

Wie schätzt ihr da den Bedarf ein? Gibt es viele Chemnitzer, die etwas selbst machen wollen?

Holm: Bei der Galerie oder auch der Veranstaltungsreihe Kwartirnik habe ich immer viele Chemnitzer und auch Chemnitzerinnen an Bord. Es gibt ja traditionell in Chemnitz eine bunte und interessante Kunst. Und wir haben auch viele Kooperationen vor Ort: ob Fuego de la isla, Radio T oder Bandbüro.

Wie kommt ihr auf die Ideen für eure Projekte?

Susann: Viele Impulse kommen von außerhalb der Stammbesetzung.

Holm: Es gibt viele Ideen in der Stadt. Hier gibt es aber irgendwie einen fruchtbaren Boden. Hier hat man Lust, schöne Ideen vorzustellen und es finden sich Leute, die das mittragen und mitmachen. Gerade bei den Ferienaktionen erfinden wir dreimal im Jahr eine neue Geschichte. Es hat sich eine Kultur entwickelt, Ideen kreativ weiterzuspinnen.

Wie funktioniert die Arbeit im Team?

Holm: Wesentlich ist, dass es hier keinen Geschäftsführer gibt. Wir haben einen ehrenamtlichen Vorstand, alle sind hier auf Augenhöhe. Es gibt keinen Chef, der sagt, ob die Idee geht oder nicht. Sondern wir sitzen zu fünft zusammen und dann geben alle ihre Meinung dazu. Und müssen dann eben auch mit anfassen.

Susann: Wir sind ja ein sehr kleines Team. Gerade in der Kultur- und Jugendarbeit gibt es so viele Überschneidungen. Da muss man miteinander reden. Und wir sind auch erfinderisch, weil das Budget einfach knapp ist. Da versuchen wir das meiste rauszuholen.

Die Geschichte des Hauses, bevor es das Haus Arthur wurde, ist auch ein besonderes Kapitel, von dem Holm Krieger berichten kann: „Das ganze Karree hier auf dem Kaßberg gehörte der Staatssicherheit Bezirk Karl-Marx-Stadt“. Das Haus, in dem wir sitzen, sei das Wachlokal gewesen. In dem Veranstaltungsraum mit Bühne sei die Waffenkammer untergebracht worden. In einer Villa auf dem Gelände seien Briefe mit Wasserdampf geöffnet und gelesen wurden. Nach der Auflösung der Stasi im Jahr 1990 waren die Häuser zunächst ungenutzt. Bis die Kulturinteressierten der Stadt mit ihren Ideen und Projekten einzogen, „es ist fast wie eine Besetzung gewesen“, erzählt Holm. „Hier gab es ein Clubkino, die Mozartgesellschaft, die Neue Sächsische Galerie. 1989/90 wurde hier gegründet und erdacht. Ein Ort mit viel Aufbruchsstimmung.“ Heute noch sind aus dieser Zeit das Umweltzentrum, die Lila Villa und das Haus Arthur auf dem Kaßberg verortet.

In 25 Jahren ging es durch dick und dünn. Warum hat es das Arthur so lange geschafft, durchzuhalten?

Holm: Es gibt hier, total innenstadtnah, auf dem Kaßberg einen Ort, der ist seit 25 Jahren offen für Kunst und Kultur. Wir sind der einzige Kulturverein, der seinen Standort nicht gewechselt hat. Es war ja auch erst eine kommunale Einrichtung und sollte dann 2000 geschlossen werden. Aber die Leute haben für uns gekämpft und eine Aktion „Ja zu Arthur“ auf die Beine gestellt, wo viele Benefizkonzerte stattfanden und die Leute hinter uns standen. Vom Stadtrat kam dann das Signal: Wenn ihr einen Trägerverein gründet, dürft ihr das weitermachen.

Susann: Die Übernahme von der kommunalen in die private Trägerschaft durch die Chemnitzerinnen und Chemnitzer war für Arthur ein wichtiger Schritt. Diejenigen, die dabei waren, berichten davon immer wieder. Es war eine anstrengende Zeit, aber hat unheimlich geprägt.

Welches Musik oder Kulturerlebnis bleibt euch im Gedächtnis?

Holm: Bei mir war das die Bluesnacht 2012, bei der Canned Heat in Woodstock-Originalbesetzung gespielt hat. Eine richtig große Band, logischer Weise an die 70 Jahre alt. Als Band waren sie aber wirklich anstrengend. Wir mussten kurzfristig eine Physiotherapieliege mit Physiotherapeuten besorgen. Die Hotelbetten mussten 140 cm breit sein. Der Gitarrist hat mit dem Schlagzeuger nachts um eins noch eine Schlägerei angezettelt. Eine Erfahrung war’s, es waren viele Leute da, aber ich war froh, als es vorbei war.

Susann: Es sind viele Momente. Zum Beispiel durften wir mit dem Jugendtheater 2008 ins Schauspielhaus auf die Probebühne. Wir haben das Stück Zirkus Schardam gezeigt und sind damit auch auf Reisen gewesen in Leipzig und Dresden. Das war alles unkompliziert und beeindruckend.

Was macht für euch das Leben in Chemnitz aus?

Susann: Ich habe lange Zeit Schwierigkeiten gehabt mit Chemnitz, weil ich aus Chemnitz wegwollte. Ich kam dann wegen der Liebe wieder her und habe mich im Arthur auch sehr wohlgefühlt. Wirklich schön ist, was sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Viele, junge Initiativen, wie die Begehungen, das Odradek, Nikola Tesla, das Lokomov. Die vielen Initiativen, die das zum großen Teil ehrenamtlich machen, wo die Wege kurz sind und ich das Gefühl habe, dass wir als Kulturlandschaft gut zusammen agieren können. Das macht es für mich hier lebenswert. Man trifft hier die Leute einfach leicht, das gemeinsame Spinnen und Vernetzen funktioniert.

Holm: Wir haben jetzt kein Kondensationsviertel wie Südvorstand oder Neustadt, wo jeder weiß: Da geht man hin, wenn man was machen will. In Chemnitz ist das in der ganzen Stadt verteilt. Mit Kultur in einer urbanen Stadt passiert aber eben auch was und das ist mit einer solchen Struktur natürlich schwieriger. Da gibt es Lärmbeschwerden und unnötige Befindlichkeiten. Ich habe aber auch das Gefühl, dass hier etwas geht.

Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Holm: Mein Stadtmotto wäre: Mehr als 800 Jahre ohne großes „Gesumse“. Das ist eine Stärke, die viel zu wenig betont wird. Der Chemnitzer steht Schönwetterparolen traditionell etwas skeptisch gegenüber. Und tatsächlich kann man ja sehen, wenn etwas gut läuft. Wir Chemnitzer bringen lieber mit Understatement gute Leistung.

Susann: Man muss den Chemnitzern nicht Mut machen. Es gibt Freiflächen, wo man etwas machen kann. Es gibt hier viel Spielraum für neue, kreative Ideen. Natürlich müssen die Barrieren möglichst niedrig sein, diese Räume auch auszufüllen. Und was auch klar ist: Chemnitz ist nun mal Industriestadt und die Kulturszene fußt auf diesem Verständnis.

Holm: Ein georgischer Künstler, der bei uns aufgetreten ist, sagte mal: Das ist eine Produzentenstadt. Hier leben Künstler gerne, weil sie in Ruhe etwas machen können und gelassen arbeiten können. Es gibt viel Raum zum Entwickeln, auch für die eigene Entwicklung. Hier steht man nicht so unter Druck, gleich perfekt zu sein, wie es vielleicht in anderen Großstädten erwartet wird. Dadurch sind die Ergebnisse auch abseits der Erwartungen und damit spannender.

6 0 9. September 2015 gepostet am

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