Thomas Lippold
Vereinsmanager des RSV Chemnitz

Macher der Woche

Es ist einfach lebenswert hier

Wenn sich am Wochenende die Radsportszene in der Chemnitzer Innenstadt trifft, dann hat vor allem der Radsportverein Chemnitz (RSV Chemnitz) einen entscheidenden Anteil daran. Denn sie haben das dreitägige Rad-Event mit Herz und Seele organisiert. Seit über 20 Jahren findet nun zum ersten Mal solch ein Großereignis des Radsports im Zentrum statt. Wie es dazu kam und warum Chemnitz eine Stadt mit solch einer Radtradition ist, verrät uns Thomas Lippold, der Vereinsmanager des RVS Chemnitz, in unserem Macher der Woche-Interview.

Am ersten Septemberwochenende wird die Innenstadt zur Radrennbahn. Das erste Mal seit über zwanzig Jahren. Wie kam es zur Idee der „Chemnitzer Radsporttage“?

Thomas Lippold: Der Straßenradsport in Chemnitz fand sehr oft in Gewerbegebieten statt. Das heißt wir haben recht Abseits vom Zuschauerpublikum Radrennen abgehalten. Durch einen Zufall haben wir uns mit der Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig unterhalten und sie sagte, dass wir mal in die Stadt kommen sollen. Wir haben ihr dann erzählt, dass vor 25 Jahren zum letzten Mal ein Radrennen in der Innenstadt stattfand. Darauf sicherte sie uns ihre Unterstützung zu. Durch unseren guten Kontakt zum Sportamt haben wir uns dann entschlossen, diese Veranstaltung anzugehen. Für zwei Veranstaltungstage haben wir zwei Kurse gesucht und gefunden. Jetzt gibt es am Freitag eine Nachtveranstaltung von 19.30 Uhr bis 23 Uhr mit drei sehr interessanten Rennen und Samstag verschiedene Läufe an der Markthalle für mehrere Altersklassen.

Was werden denn die Highlights?

Das ist schwierig zu beantworten. Jeder Zuschauer muss das für sich selbst sehen. Den Radsport, den wir dort anbieten können, ist von „rein optisch spektakulär“ bis“ hochwertiges Radrennen“. Freitag haben wir als erstes ein Rundstreckenrennen, ein sogenanntes Kriterium, rund um das Rathaus auf einem 750m langen Kurs. Da fährt die Elite der Herren. Dafür gibt es schon viele Meldungen, es kommt zum Beispiel Teilnehmer aus Prag. Das Zweite ist ein Fixierrennen. Das Besondere daran ist, dass die Fahrräder eine starre Nabe haben und damit keine Gangschaltung. Das heißt die Fahrer haben keinen Freilauf, sondern müssen permanent treten. Auf diesem winkligen Kurs rund um das Rathaus ist das eine sehr große Herausforderung. Und das dritte Rennen ist das, was die Zuschauer meiner Meinung nach sicher sehr spannend finden, nämlich das Derny-Rennen. Da fährt eine Art Moped vor einem Fahrradfahrer her und erzeugt einen Windschatten. Bis jetzt haben wir Meldungen zwölf Gespanne, die sich dann auch sehr attraktive Kämpfe liefern. In Deutschland ist das eher ein Randgruppensport. In den verschiedenen Einzelrennen am Samstag haben dann auch Kinder und Jugendliche die Möglichkeit mitzumachen.

Mit dünnen Rennreifen auf Kopfsteinpflaster. Ist das nicht unglaublich gefährlich?

Eigentlich nicht. Als Radsport aufkam und sich zum Volkssport entwickelte, waren die Straßen ja prinzipiell in einem schlechten Zustand. Die Straßen der DDR bestanden zu großen Teilen aus Kopfsteinpflaster. Noch heute ist es eine Herausforderung für jeden Radsportler, das Rennen „Paris-Roubaix“ (Anmerk. d. Red: mit etwa 250 Kilometern Distanz eines der berühmtesten klassischen) oder die „Flandern-Rundfahrt“ (Anmerk. d. Red.: populärste Eintagesrennen Belgiens) zu bestreiten. Diese Rennen bestehen eben zu großen Teilen aus Kopfsteinpflaster. Das gehört zu einem guten Radrennen einfach dazu. Wir verwöhnen unsere Radsportler mit perfekten Straßenbedingungen, aber eigentlich können die das.

Warum ist ausgerechnet Chemnitz ein gutes Pflaster für Radsport? Woher kommt denn diese lange Tradition in Chemnitz?

Es gibt dafür verschiedene Ansätze. Chemnitz war ja schon vor dem Krieg die Stadt mit den drei großen Fahrradwerken. Es gab Presto, Diamant und Wanderer. Diamant ist ja auch ein Begriff nach dem zweiten Weltkrieg. Die haben für den DDR Spitzensport die entsprechenden Rennräder gefertigt. Zusätzlich kommen aus Chemnitz eine ganze Menge Sieger des Radsports. Der erste Goldmedaillengewinner bei Olympia für Chemnitz war ein Radsportler. Dann haben wir im Bereich der Sprinter mit Michael Hübner und Jens Fiedler zwei Berühmtheiten. Christian Kux vom Team MILRAM war mehrfacher deutscher Meister der Junioren. Wir sind also traditionell und auch aktuell breit aufgestellt. Die Bedingungen für die Athleten in Chemnitz mit dem Sportgymnasium und der Sportmittelschule sind ausgesprochen gut. Straßenradsport und Bahnradsport wird gefördert.

Ist die Veranstaltung auch für nächstes Jahr geplant, um wieder eine regelmäßige Radsportveranstaltung in Chemnitz zu haben?

Unser Verein veranstaltet im Jahr vier bis sechs Sportveranstaltungen. Wir veranstalten Cross-Rennen, quasi Rennradrennen im Gelände. Wir haben die vergangenen fünf, sechs Jahre Steherrennen im Sportforum veranstaltet. Beim Steherrennen fährt ein großes Motorrad vor einem Fahrradfahrer, erzeugt Windschatten und Wärme, dabei fahren die Gespanne Geschwindigkeiten von 70 bis 80 km/h. Gemeinsam mit der Gemeinde Eppendorf veranstalten wir das Rennen „Rund um Großwaltersdorf“. In diesem Jahr veranstalten wir unsere Chemnitzer Radsporttage im Herzen von Chemnitz, was wir auch im nächsten Jahr geplant haben. Meldungen haben wie ausreichend, es ist ein großes Fahrerfeld vorhanden. Das Interesse ist also da.

Wo kommen die Teams denn her, außer aus Prag?

Die Mannschaft aus Prag ist der Headliner (schmunzelt), aber wir haben auch Meldungen zum Beispiel aus Thüringen und Brandenburg. Für das Derny-Rennen kommen Fahrer aus England, Italien und den Niederlanden, die kommen schon von weit her. Die Kopplung aus zwei Renntagen ist für die Meisten interessant. Da lohnt sich auch eine weite Anreise. Es gibt auch eine Preisgeldregelung.

Gibt es solch eine Veranstaltung, an zwei Tagen mitten in der Innenstadt, noch irgendwo?

Also mir ist es nicht bekannt. Zweitagesveranstaltungen kenne ich keine.

Wie groß ist denn Ihre Vorfreude auf die Deutsche Meisterschaft im Straßenradsport, die 2017 in Chemnitz stattfindet?

Der RSV Chemnitz, der Chemnitzer Polizeisportverein und die Stadt haben das gemeinschaftlich angekurbelt. Wir freuen uns sehr darauf und werden als Sportverein natürlich unseren Beitrag dazu leisten, damit es eine gelungene Veranstaltung wird.

Fahren Sie eigentlich nur auf der Straße oder nutzen Sie auch die Radwege in Chemnitz?

Radwege sind für uns Rennradfahrer nicht wirklich sicher. Wir fahren ja Geschwindigkeiten von 30 km/h und die Radwege führen an Parkplätzen vorbei. Das hat für uns ein gewisses Gefahrenpotential. Aber für Familienausflüge oder ähnliches haben wir ja einen sehr schönen Radweg an der Chemnitz entlang, der eignet sich dafür wirklich gut. Dieser ist ab vom Verkehr und dadurch natürlich sicher. Auch im Erzgebirge gibt es ehemalige Bahnstrecken, die zu Radwegen ausgebaut wurden. Da lohnt sich auf jeden Fall ein Ausflug.

Gibt es eine Lieblings-Strecke, die Sie besonders gern fahren?

Landschaftlich ist es hier einfach schön. Es gibt so viel Abwechslung, so viele Möglichkeiten, da lohnen sich viele Strecken. Eine richtige Lieblingsstrecke habe ich nicht.

Wenn das Team aus Prag kommt, an welche Plätze und Orte müssen sie unbedingt mal mit dem Rad hinfahren? Was müssen sie gesehen haben?

Ich würde die Verbindung mit dem Rad erst mal weglassen. Jeden Chemnitz-Besucher würde ich auf jeden Fall auf den Kaßberg schicken. Jeden baulich Interessierten würde ich in die Villa Esche schicken und ins Gunzenhauser. Ansonsten würde ich sagen: „Setzt euch ins Miramar und genießt den Blick.“ In Chemnitz ist es schön übersichtlich. Ich fühle mich pudelwohl hier. In Chemnitz kann ich in 20 Minuten mit dem Fahrrad durch die ganze Stadt fahren. Es gibt kurze Wege.

Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Warum? Wofür? Die Arbeitslosigkeit ist relativ gering, die Lebensqualität ist hoch, wir haben unheimlich viele Grünflächen, eine schöne aufgeräumt Innenstadt. Es ist einfach lebenswert hier.

5 0 2. September 2015 gepostet am

keine Kommentare

Hinterlasse einen neuen Kommentar