Bernd Weise
Galerie Weise

Macher der Woche

Etwas Fertiges gibt es nicht

Bernd Weise freut sich auf das Gespräch. Freundlich, offen, ja herzlich empfängt er den Besucher in seiner Galerie in der Innenstadt. Man merkt, dass hier jemand etwas zu sagen hat und ist sofort mittendrin im Gespräch. Nah am Rathaus ist man auch nah bei der Stadt und ihrem Ruf, ihrem Image, dem Bild, was sich die Leute von ihr machen und das sich nicht machen lässt, wie er sagt. Bernd Weise ist vorbereitet und ein kritischer Geist, wenn es dem gebürtigen Hallenser um seine Stadt geht, um Chemnitz. Ausschließlich meckern will er nicht, dass ist nicht sein Naturell. Ein Schönredner hingegen ist er auch nicht. Mit einem ziemlich klaren Blick auf die Dinge bleibt er letztlich positiv gestimmt. Begeistert spricht er von jungen Talenten, die er in seiner Galerie entdeckt und fördert, deren Weg er begleitet, wie es gute Galeristen tun. Ein Macher eben und ein ausdauernd kreativer Geist, wenn es darum geht, das Wirken seiner Schützlinge zu etablieren. Er erzählt begeistert, wie sich eben junge Künstler auf dem Kunstmarkt behaupten und weiterentwickeln, erklärt, warum sich ein Bild gut verkauft. Es schwebt nicht nur im Raum, es ist fast greifbar, dass hier einer ist, der dieser Stadt und ihrer Kunst gut tut, weil er sich einsetzt auf seinem Gebiet, weil er Leistungen anderer anerkennt. Verlässt man seine Galerie, sieht man Chemnitz wieder einmal mit ganz anderen Augen.

Die Kunstsammlungen und ihre Generaldirektorin haben in den letzten Jahren fast subversiv das Image von Chemnitz als Kunststadt geschaffen. Passt das zusammen – Chemnitz und Kunst? Ist Chemnitz auf dem Weg zur neuen Kulturhauptstadt?

Ob die Stadt auf dem Weg zur neuen Kulturhauptstadt ist, das weiß ich nicht. Aber es ist schon eine Kulturstadt durch die Kunstsammlungen, das Museum Gunzenhauser, das Staatliche Museum für Archäologie, das es jetzt gibt in Chemnitz und das Industriemuseum. Die Kunst- und Kulturszene ist einfach Spitze.

Chemnitz hat den Ruf und die Geschichte einer Industriestadt. Wie geht das zusammen, Kunst und Industrie?

Ich denke, das bedingt sich alles untereinander. Wenn Kultur und Wirtschaft funktionieren, dann zieht das Leute an. Dann erhöht das – das ist wichtig für das Stadtmarketing – die Verweildauer in einer Stadt. Wir wissen ja, wie gut die Wirtschaft in Chemnitz zurzeit funktioniert. Und die Museen in der Stadt tun ihr Übriges. Wenn man in Chemnitz eine Galerie betreibt, dann partizipiert man von dem guten Ruf der Museen. Der gute Ruf der Museen ist deshalb so gut, weil die Verantwortlichen, die dort arbeiten, eine gute Arbeit machen. Das machen die aber – oder können sie nur machen – weil die Wirtschaft und die Kultur sich bedingen. Das ist für mich eine Einheit.

Das Image der Kunststadt strahlt nach außen. Nehmen das die Chemnitzer selbst auch so wahr?

Ich denke schon, ja.

In großer Breite?

Das nehmen die genauso in großer Breite wahr, wie man das in Pforzheim oder Darmstadt oder irgendwo anders wahrnimmt. Nicht 100 Prozent der Bevölkerung sind kulturaffin und nicht 100 Prozent der Bevölkerung einer Stadt gehen zu jeder Sportveranstaltung. Das überschneidet sich.

Nochmal zurück zu Chemnitz im Zusammenhang mit dem Thema „Industriestadt“. Was ist es, das Dir sagt, eine Galerie in der Innenstadt von Chemnitz ergibt Sinn?

Ich habe nicht von vornherein gesagt, eine Galerie in der Innenstadt ergibt Sinn. Ich mache das im nächsten Jahr schon 25 Jahre und es ist immer ein Prozess. Wie auch eine Stadt einem stetigen Prozess unterworfen ist. Das wächst einfach.

Gibt es ein Bild, das Du von Chemnitz zeichnen könntest? Wie würde das aussehen?

Nein, das könnte ich nicht. Wenn Du jetzt mit der Frage meinst, wie meine Vision von Chemnitz ist, wie die aussehen sollte: Ich finde es wichtig, dass sich Leute füreinander interessieren. Dass man selbst transparent arbeitet. Das macht für mich eine Stadt aus. Man darf auf keinen Fall Stadion gegen Museumsneubau ausspielen. Das funktioniert nicht. Das sollte man einfach nicht tun. Und wer das tut, ist mal auf diesem und mal auf jenem Auge blind.

Apropos Stadion: Gibt es für Dich einen Punkt in Chemnitz, wo Du Dich erholen kannst?

Den Stadtpark finde ich schön, ich wohne da ganz in der Nähe und kann mit dem Rad oder zu Fuß hin. Das ist für mich ein Luxus. Dazu brauche ich kein Auto.

Wie oft bist Du in den Kunstsammlungen?

Ich sehe mir jede Ausstellung an. Wenn ich da bin, gehe ich auch gern zur Vernissage. Ich glaube, das gehört sich so. Erstens interessiert es mich, aber man bringt zweitens denen, die dort arbeiten, auch einfach Respekt entgegen. Den Künstlern, die dort ausstellen, und den Angestellten.

Ich weiß, dass Du gern junge Künstler förderst. Welche sind das gerade?

Dadurch, dass ich das schon lange mache, wechselt das natürlich. Da kann man jetzt nicht davon ausgehen, dass es nur junge oder uralte oder gestandene Künstler sind. Bei mir hatte die erste Ausstellung überhaupt Michael Goller und er ist jetzt schon lange dabei. Peggy Albrecht, Uwe Mühlberg, das sind mittlerweile auch gestandene Künstler und nicht mehr die allerjüngsten. Lydia Thomas ist eine junge Künstlerin, die vor acht Jahren bei uns Praktikantin gewesen ist. Sie hatte sich dann für ein Studium beworben, ist jetzt in den letzten Zügen an der Akademie der Künste in München und wird nächstes Jahr Meisterschülerin ihrer Professorin Anke Doberauer sein. Da hat sich ein sehr gutes Verhältnis entwickelt zwischen uns und auch zwischen Sammlern und ihr.

Mal zurück zu Dir: Bist Du Chemnitzer?

Ich lebe seit meinem 11. Lebensjahr in Chemnitz und ich bin in Halle an der Saale geboren.

Was macht für Dich das Lebensgefühl in Chemnitz aus?

Ich bin hier entspannt. Und es hat sich ein Netzwerk gebildet, wenn man lange in der Stadt lebt und viele Leute kennt. Man weiß, dass man sich auf kreative Köpfe und auf gute, alte Freunde einfach verlassen kann, wenn man die mal braucht. Man wird mit der Zeit wirklich ruhiger und entspannter. Das ist so mein Lebensgefühl. Ich könnte auch woanders leben. Warum gerade in Chemnitz? Weil ich eben hier zuhause bin. Das ist der Punkt.

Jemand hat mal gesagt, Chemnitz ist ein unfertiger Ort. Wie siehst Du das?

Keine Ahnung. Also ich glaube, eine Stadt ist immer unfertig. Es gibt immer neue Bilder, die gemalt werden. Es gibt immer neue Häuser, die gebaut werden. Man kann auch nicht jedes alte Haus denkmalschützend stehen lassen. Das ist ein ständiger Wechsel. Und das ist, denke ich, bei einer Stadtarchitektur so. Wir lernen alle bis an unser Lebensende. Etwas Fertiges gibt es nicht.

Nochmal anders gefragt und mit Blick zum Beispiel auf die Musikszene in Chemnitz. Man sagt auch, dass es in der Stadt noch viele Freiräume gäbe, kreative Spielräume. Wie siehst Du das?

Ich glaube, das liegt an den Menschen selber. Wenn die Menschen ausreichend kreatives Potential haben, wenn sie ausreichend subkulturelles Interesse haben, dann kann man überall irgendetwas anstellen, was andere auch interessiert. Ich glaube nicht, dass das Alleinstellungsmerkmal von Chemnitz ist, dass man hier noch so viel bewegen kann. Wir müssen viel bewegen, weil wir hier leben. Aber wenn wir woanders leben würden, würden wir es auch dort tun. Man kann sich auch kein authentisches Image selber machen, man bekommt das durch kreative Geister. Wir können nicht sagen: Wir sind so toll. Andere müssen von uns sagen, dass unsere Arbeit gut ist.

Wie würdest Du den Chemnitzern Mut machen?

Den Chemnitzern Mut machen? Die haben doch Mut, sonst wären sie nicht mehr hier! Nein, das ist nicht nötig. Jeder macht sich selbst Mut, jeden Tag. Vielleicht müssen Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülern manchmal Mut machen. Jeder muss selbst wissen, warum er jeden Tag früh aufsteht. Ich denke, dass man sich selbst kümmern muss. Das betrifft Künstler und alle anderen, die in kreativen Bereichen und in anderen Berufen tätig sind. Und wenn man merkt, dass für das, was man tagtäglich leistet, die Aufmerksamkeit nachlässt und sich niemand mehr dafür interessiert, dann können wir nicht denen, die sich nicht dafür interessieren, die Schuld daran geben. Dann müssen wir es besser machen. Immer wieder, jeden Tag.

14 0 23. Mai 2014 gepostet am

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