Hans Brinkmann
Autor und Lyriker

Macher der Woche

Für vier Wochen Stadtschreiber in Tampere

Hans Brinkmann, Chemnitzer Autor und Lyriker, war vier Wochen lang als Stadtschreiber in Tampere tätig. Er weilte auf Einladung des Deutschen Kulturzentrums Tampere und des Goethe-Instituts Finnland in der Chemnitzer Partnerstadt. Nach seiner Rückkehr haben wir uns mit ihm getroffen, um zu erfahren, welche Eindrücke er aus der Partnerstadt mit nach Chemnitz bringt und wie sie seine Arbeit beeinflussen.

Was genau macht ein offizieller Stadtschreiber eigentlich?

Viele Leute haben gedacht, ich mache dort Urlaub und schreibe irgendwas privat (lacht). Aber weit gefehlt: Ich hatte einen festen Honorarvertrag und wohnte 20 Busminuten vom Zentrum entfernt in einem Kulturbereich mit Windmühle, Puppentheater und Ausstellungsraum. Da gibt es ein kleines Häuschen für Austauschkünstler. Vertraglich war vereinbart, dass ich einen Blog über meinen Aufenthalt schreibe. Insgesamt sollten fünf Texte veröffentlicht werden. Am Ende waren meine Texte viel länger als die meiner Vorgänger.

Nina Dannert vom Deutschen Kulturzentrum Tampere hat mich sehr gut und intensiv betreut. Ich kam mit verschiedenen Künstlern aus der Szene in Kontakt, auch mit dem „Underground“. Darüber hab ich dann geschrieben. Schon in meiner Bewerbung stand, dass ich mich darauf konzentriere. Entstanden sind dann fünf Blogeinträge, mit jeweils drei bis vier Seiten. Das ist schon viel. Es wurde noch ins Finnische übersetzt und ist jetzt online.

Außerdem habe ich verschiedene Lesungen, u.a. im Kansankioski gemacht. Das heißt auf Deutsch Folk-Kiosk. Die Chefin, Mara Balls, ist eine ziemlich bekannte finnische Rockmusikerin, die in der Szene  weit vernetzt ist. Durch den Kontakt bin ich dann u.a. nach Pispala, ein Szeneviertel in Tampere, gekommen. Insgesamt gab es sieben Lesungen von mir in Finnland.

Warum wollten Sie unbedingt nach Tampere?

Ich wurde gefragt, ob ich mir die Tätigkeit vorstellen könnte und mich bewerben möchte. Da dachte ich, warum eigentlich nicht. Ich habe in meinem Bekanntenkreis herumgefragt, wer denn schon dort gewesen ist. Das waren alles bildende Künstler, mit denen ich ganz gut in Kontakt stehe. Alle haben gesagt, da müsste ich unbedingt hin. Sie hatten recht.

Die Entscheidung für Hans Brinkmann erfolgte durch eine Ausschreibung des Kulturbetriebes und des Kulturbeirates der Stadt Chemnitz. Eine unabhängige Jury wählte den hauptsächlich als Lyriker und Erzähler, aber auch als Kunst- und Kulturkritiker bekannten Autoren. Zahlreiche Publikationen wie z.B. die Gedichtsammlung „Schlummernde Hunde“ (2006) oder der Roman „Die Butter vom Brot“ (2011) zählen zu Brinkmanns Werken. Er lebt als freier Autor in Chemnitz.

Wie haben die Menschen in Tampere auf Ihre Texte reagiert?

Eine Nachdichter-Gruppe von der Bielefelder Universität hat mal sechs Gedichte von mir in zehn verschiedene Sprachen übersetzt. Finnisch war dabei. Das war natürlich ein Pluspunkt bei der Bewerbung. Diese Gedichte hab ich dort immer vorgelesen und die Leute haben die übersetzt bekommen. Das Finnische ist für mich sehr schwer. Mit diesen sechs Gedichten bin ich also gereist. Ich habe dann aber auch andere Texte vorgelesen, zum Teil selber ins Englische übersetzte. Gerade im Kansankioski. Ich hatte aber auch Auftritte vor Germanistik-Studenten und Deutschen, die in Finnland leben. Da sind schöne Diskussionen entstanden.

Bei Lesungen auf der Buchmesse in der Hauptstadt Helsinki, einem Hans Brinkmann-Abend an der Universität Tampere und zum Tag der Finnischen Literatur im Finnischen Buchmuseum Pukstaavi in Sastamala präsentierte Hans Brinkmann seine in Chemnitz verfassten Werke.

Wenn Sie eine Empfehlung aussprechen würden, was besonders sehenswert in Tampere ist, was wäre das?

In Tampere ist das der Dom. Ein ganz toller protestantischer Dom mit einer tollen Orgel und Wandmalereien, wie man sie hier in keiner Kirche sieht. Wirklich sehr schön. Die Stadt hat viele Museen, man sollte einmal auf den Aussichtsturm. Das tollste an der Stadt ist, sie ist voller Seen. Finnland ist sowieso voller Seen. Die Stadt ist eigentlich dadurch entstanden, dass zwischen dem einem See im Norden und dem anderen See im Süden ein Kanal und ein Kraftwerk errichtet wurde. Das hat die Stadt im Wesentlichen geprägt.

Kann man Chemnitz und Tampere miteinander vergleichen?

Das kann man. Es sind beide Industriestädte, beides Arbeiterstädte von der Geschichte und der Mentalität der Leute her. Was bei uns das Industriemuseum ist, ist dort das Museum der Lebensweise der Arbeiter. Ich fand das sehr interessant. Es gibt viele industrielle Gebäude. Beispielsweise auf dem Finleyson-Gelände, ein historisches Industriegelände im Zentrum von Tampere gibt es eine Menge Kultur, Museen, Ausstellungen, Cafes usw. Das Gelände wurde nach einem Engländer benannt, der in Tampere eine große Fabrik gebaut hat.

Zu Ihrer Tätigkeit als freier Autor: Wie sind Sie dazu gekommen? Denn Sie haben doch Museolgie studiert?

Ich hatte Museologie studiert mit dem Hintergedanken zu schreiben. Das ist schwierig mit dem Schreiben. Die Frage ist mir in Tampere auch gestellt worden, warum und wofür ich schreibe. Ich bin ja auch schon ziemlich alt. Da ist das ein Prozess, der läuft einfach. Ich fange nie mit irgendetwas neu an. Ich weiß schon immer, was ich mache, da arbeite ich schon ewig dran. Meine Gedichtbände sind immer eine Fortführung von Traditionen und von eigener Arbeit.

Am Tag von Brinkmanns Anreise in Finnland gab es einen Amoklauf an einer finnischen Berufsschule in Kuopio, als ein Angreifer mit einem Säbel bewaffnet einen Menschen tötete und zehn weitere verletzte. Mit Blick auf den August 2018 in Chemnitz betont er, dass auch die Finnen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben wie wir in Chemnitz. „Das sind Sorgen, die man heute in Europa überall hat“, äußert sich  Brinkmann dazu.
Während seines Aufenthalts in Finnland hat er viel über die Finnen gelernt. So sind sie sehr auf Osteuropa als direkte Nachbarn orientiert. „Es gibt viele kleine Völker und kleine Staaten, die die Welt etwas anders sehen. Der Osten ist anders als das westliche Europa. Skandinavien stand schon immer etwas außerhalb, gerade Finnland mit seiner Neutralitätspolitik. Das ist interessant.”

Man merkt, die vier Wochen Finnland haben Sie inspiriert.

Ja, sie machen vieles anders, beispielsweise das Schulwesen ist ähnlich dem der DDR, mit einer späten Trennung zwischen Gymnasium und Realschule. Es gibt eine gewisse skandinavische Ideologie. Dieses Land weiß ziemlich genau, wo es hinwill. High Tech, künstliche Intelligenz, Nachhaltigkeit. Sie wollen alle mitnehmen, sind sehr auf Integration aus, z.B. auch schwächere Schüler werden nachgefördert. Das gefällt mir.

Würden Sie jetzt mit den Erfahrungen aus vier Wochen Tampere noch einmal nach Finnland reisen und haben Sie das vor?

Ich würde es gerne noch einmal machen. Mal sehen, ob sich was ergibt. Ich würde auch gern Leute von dort in Chemnitz empfangen. Vielleicht könnte das über einen Künstleraustausch erfolgen.

Tampere bewirbt sich für 2026 als Kulturhauptstadt. Wie wird dort mit diesem großen Projekt umgegangen?

Es laufen eine ganze Menge Projekte. Bei meiner Ankunft gab es in einem  Park eine Veranstaltung mit großen Leuchtinstallationen und Kunst im öffentlichen Raum. Eine ganze Reihe von Konzerten standen unter dem Zeichen Europa. Die Veranstaltungen waren sehr gut besucht, es ist eine kulturfreudige Stadt.

Die  Museen haben auch an normalen Tagen viel Zulauf. Zum Zeitpunkt meiner Abreise wurde gerade ein Stück Mauer aufgebaut und ein Trabant aus Chemnitz mit lauter Aufklebern vom Industriemuseum aufgestellt.

Chemnitz will 2025 Kulturhauptstadt werden. Sind Sie optimistisch, dass wir das schaffen?

Auch wenn wir es nicht schaffen, haben wir wenigstens etwas gemacht. Und der Bewerbungsprozess setzt schon vieles in Gang. Das finde ich sehr positiv.

Das sagen viele, dass dieser Prozess eine Auseinandersetzung mit der eigenen Stadt in Gang setzt.

Worauf mich Leute in Finnland angesprochen haben, ist die Ausstellung ”JETZT” im Gunzenhauser. Das fanden viele interessant. Da muss man sich erst dran gewöhnen, dass der Blick von Außen ein ganz zufälliger ist. Das wird nicht mehr so von den Leitmedien bestimmt. Die so genannten Chemnitzer Ereignisse hatten viele schon wieder vergessen.


Weitere Informationen zum Blog von Hans Brinkmann:
www.chemnitz.de/Tampere

0 1 6. Januar 2020 gepostet am

1 Kommentar

Hinterlasse einen neuen Kommentar

  • Volker Müllenhaupt 18. Januar 2020 - 10:22 Antworten

    Sehr geehrter Herr Brinkmann, ich suche dringend einen Kontakt zu einem Schriftsteller aus Chemnitz, der Hans Dietrich Lindstedt noch persönlich gut gekannt hat. Er ist leider 2008 schon verstorben und war ein guter Freund meines Vaters. Ich selbst bin leider erst vor Kurzem nach Chemnitz gezogen und suche nun nach Spuren von ihm. Können Sie mir weiterhelfen? Mit freundlichen Grüßen
    Volker Müllenhaupt