Macher der Woche

Gesichtsschilde aus dem 3D-Drucker

Die Fakultät für Maschinenbau der Technischen Universität Chemnitz druckt gemeinsam mit Verbündeten von Maker vs. Virus seit einigen Wochen Kunststoffhalterungen für Behelfsvisiere für medizinisches Personal und weitere Berufsgruppen. Sie sollen den derzeitigen Mangel an Schutzausrüstungen überbrücken. Initiator Riccardo Prielipp und Hendrik Unger, Mitarbeiter der Professur Fabrikplanung und Fabrikbetrieb, erklären, wie die Idee entstanden ist, wie sie die Schilde fertigen und was sich hinter der Initiative Maker vs. Virus verbirgt.

Wie entstand die Idee, an der TU Chemnitz Behelfsvisiere herzustellen und wie konnten Sie sie umsetzen?
Riccardo Prielipp:
Eine meiner Bekannten ist Krankenschwester. Sie hatte bei Kollegen einer anderen Klinik Gesichtsschilde gesehen und mich gefragt, ob wir an der TU Chemnitz auch so etwas herstellen könnten. Sie erzählte mir, dass sie akut 50 Stück benötigten. Ich habe dann unsere Kollegen von zwei Professuren angeschrieben und viele von ihnen haben sofort zugesagt. Wir mussten dann noch die Organisation klären, denn die Uni ist zurzeit im Stand-By-Betrieb, fast alle arbeiten von Zuhause. Am nächsten Tag hatten wir erfolgreich bereits neun Schilde fertiggestellt. Innerhalb weniger Tage waren wir schon bei einer Stückzahl von 100.
Inzwischen sind die gesamte Fakultät für Maschinenbau und viele Helfer beteiligt, so können täglich permanent Halterungen gedruckt werden. Etwas später haben wir dann von der ehrenamtlichen Initiative Maker vs. Virus gehört und erfahren, dass auch in Chemnitz Privatpersonen ehrenamtlich Gesichtsschilde herstellen. Wir haben sofort Kontakt aufgenommen, um unsere Kräfte zu bündeln und uns gegenseitig zu unterstützen.

Wie läuft der Herstellungsprozess ab?
Hendrik Unger:
Das ursprüngliche Design der Masken kommt von Josef Prusa, einem Pionier des privaten 3D-Drucks aus Tschechien. Das digitale Modell der Masken konnten wir uns auf seiner Homepage herunterladen. Jeder kann dann für seinen eigenen Drucker das Modell am Computer in ganz viele kleine Scheiben schneiden. Aus diesen einzelnen Modellscheiben errechnet der Computer anschließend für jede Schicht den genauen Pfad, den die Düse des Druckers fahren muss, um es herzustellen. Man kann sich das Ganze ein bisschen vorstellen wie bei der Zuckerschrift auf einer Torte. Wenn alles richtig eingestellt war, ist nach diesem Prozess das Teil fertig und bereit für den Zusammenbau. Wir schneiden danach noch die Folien zu, lochen und befestigen sie. Wenn ein Auftrag fertig ist, liefern wir ihn auch aus.

Im Moment sind in Chemnitz etwa 30 Personen – Privatpersonen, Unternehmer wie TU-Mitarbeiter − an der Herstellung der Behelfsvisiere und der Logistik beteiligt. Ein Gesichtsschild herzustellen, dauert zwischen 1,5 und 3 Stunden, aber dafür braucht es nur eine Person, die das Gerät am Anfang bedient, den Rest macht der 3D-Drucker von allein. Die Halterungen können somit auch am Wochenende, zuhause und über Nacht gedruckt werden. So liegt die Kapazität mittlerweile bei ca. 100 Behelfsvisieren pro Tag.

Woher bekommen Sie den Kunststoff für die Halterungen?
Hendrik Unger:
Wer selbst einen 3D-Drucker besitzt, hat meistens einen kleinen Vorrat an Kunststoff da, ansonsten kann man auch online Spulen mit Kunststoff bestellen. Im Moment ist das aber bis zu 50 Prozent teurer als vor der Pandemie, da die Nachfrage weltweit natürlich jetzt sehr hoch ist. Deshalb haben wir unter anderem von Firmen Materialspenden erhalten. Selbst herstellen können wir die Plastikstränge leider noch nicht. Durch das Projekt Maker vs. Virus besteht nun auch die Möglichkeit, Materialkosten durch Spenden ausgleichen zu können.

Wie hoch ist die Nachfrage nach Ihren Gesichtsschilden im Moment?
Riccardo Prielipp:
Nach der Pressemitteilung unserer Uni haben sich viele Menschen gemeldet, die auch Bedarf an solchen Behelfsvisieren haben. Momentan ist die Auslastung aller Beteiligten sehr hoch. Bedarfe unter 50 Stück können relativ schnell und unkompliziert bedient werden. Aktuell wird gerade ein Auftrag mit über 100 Stück für die Chemnitzer Feuerwehr und den Rettungsdienst bearbeitet. Einzelne Anfragen dieser Größenordnungen lassen sich gerade noch handhaben. Wenn es mehr werden, müssen die Halterungen dann von Firmen im Spritzgussverfahren hergestellt werden. Normalerweise umfassen Aufträge bis zu 50 Stück oder einzelne Schilde.

An wen spenden Sie die Behelfsvisiere?
Riccardo Prielipp:
Wir haben zum Beispiel an Chemnitzer Pflegeheime, das DRK-Krankenhaus Rabenstein und das Klinikum Mittweida Behelfsvisiere ausgeliefert und auch einzelne an Zahnärzte in der Stadt. Kleine Anfragen kamen außerdem von Kitas, Friseuren und Kosmetikstudios, die wir auch bedienen konnten.

Alle Helfer geben die Gesichtsschilde kostenlos an diejenigen ab, die sie brauchen. Um schnell und unbürokratisch helfen zu können, handelt es sich bei den Gesichtsschilden um eine behelfsmäßige Ausrüstung, die nicht durch ein Prüfsiegel zertifiziert ist. Sie sollen vor allem als zusätzlicher Schutz für die Trägerinnen und Träger dienen.

Wie viele Privatpersonen und Firmen haben Hilfe angeboten?
Hendrik Unger:
Ich bin ein Teil des Chemnitzer Teams bei Maker vs. Virus, einer deutschlandweiten Organisationsseite, bei der man sich melden kann, wenn man entweder Bedarf an Schutzausrüstungen und ähnlichem hat oder wenn man etwas bereitstellen kann. Auf makervsvirus.org kann man sich dann finden und gemeinsam planen. Das Chemnitzer Team besteht aus ca. 15 bis 20 Personen und über diese Plattform bekommen wir täglich Anfragen und Hilfsangebote.
Riccardo Prielipp: Die Firmen Hörmann Rawema Engineering & Consulting GmbH und WIR electronic GmbH unterstützen uns in der Produktion und unzählige Kollegen aus anderen Fakultäten der Universität auch. Aber auch Privatpersonen, die eigene 3D-Drucker besitzen, helfen mit und drucken Halterungen für die Schilde.

Wie kann man als Einzelperson helfen? Kann man zum Beispiel ungenutzte Overheadfolien abgeben?
Hendrik Unger:
Ja, Laminier- und Overheadfolien können wir immer gebrauchen. Dafür kann sich jeder gern über makervsvirus.org melden und wir holen die Folien dann ab. Wer helfen möchte, kann außerdem spenden, damit wir Material kaufen können.
Riccardo Prielipp: Ansonsten kann jeder gern über Mundpropaganda verbreiten, dass wir mit Gesichtsschilden helfen können, damit wir möglichst viele Menschen erreichen, und wer einen eigenen 3D-Drucker hat, kann gern über makervsvirus.org mitdrucken.

Bis wann soll die Aktion weitergeführt werden?
Riccardo Prielipp:
Bislang ist kein Ende geplant. Wir wollen alle Bedarfe bedienen, solange wir es können.
Hendrik Unger: Wir machen das alles ja, weil wir, so lange es geht, schnell lokal helfen wollen.

Was wünschen Sie sich für die Zeit nach der Corona-Krise?
Hendrik Unger:
Ich wünsche mir, dass wir die Zusammenarbeit durch Maker vs. Virus aufrechterhalten und unsere Gruppe bestehen bleibt. Außerdem wünsche ich mir, dass uns das Zusammenrücken, das in der Gesellschaft aktuell stattfindet, auch nach der Pandemie bleibt.

0 0 30. April 2020 gepostet am
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