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Kunst mit industriellen Wurzeln: Carsten Nicolai widmet Werk seiner Heimatstadt Chemnitz

Lochkarten, eingesetzt in der Textilindustrie für die Produktion aufwändiger Muster, haben Carsten Nicolai für seine neuste Installation „Unitape“ inspiriert. Sie ist seiner Geburtsstadt Chemnitz gewidmet, die zu den erfolgreichsten Standorten der Textilindustrie im 20. Jahrhundert zählte, und ist vom 6. September bis 1. November 2015 in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen. „Ich bin in einer Phase, wo ich mich meiner Wurzeln bewusst werde,“ sagt der 50-jährige, der mit seiner Minimalkunst weltweit erfolgreich ist. „Das Aufwachsen in einer Industriestadt hat mich mehr geprägt, als ich dachte. Heute bin ich mir bewusst: Ich mache Kunst, die industrielle Wurzeln hat. Ohne meine Erfahrungen und Beobachtungen hier wäre dieses Werk nicht entstanden.“

Nicolai hatte vor 20 Jahren in einer leerstehenden Chemnitzer Textilfabrik Patronenpapiere mit großen textilen Mustern gefunden und diese archiviert. Reproduktion, Takt, Symmetrie, Wellen, Strukturen, Frequenzen – in seiner Arbeit hört und sieht man die Webstühle in Gedanken arbeiten. 4 Meter hohe und 25 Meter lange Muster werden in den dunklen Saal projiziert und von Spiegeln in die Unendlichkeit verlängert. Der Aufbau zeigt beispielhaft das Prinzip des Codierens von komplexen visuellen Informationen. Hypnotisierend kann der Betrachter in die ewige Wiederholung und Veränderung versinken, bis ihm schwindelig wird.

Für Ingrid Mössinger, Direktorin der Kunstsammlungen Chemnitz, ist mit der Ausstellung Unitape ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen. „Kunst auf höchsten Niveau und aus Chemnitz“, betont sie und vergleicht Nicolai mit dem Chemnitzer Künstler Karl Schmidt-Rottluff, die beide ein neues Jahrhundert eingeläutet hätten. „Mit seiner Konzeptkunst gehört Nicolai zu den erfolgreichsten Künstlern und Musikern der Gegenwart“.

Heute ist Nicolai Professor für Kunst mit dem Schwerpunkt auf digitale und zeitbasierte Medien an der Hoschule für Bildende Künste Dresden. Sein Lebensmittelpunkt ist in Berlin. Doch zu Chemnitz hat er nach wie vor eine starke Verbindung „Heute ist es natürlich eine ganz andere Stadt, als die, in der ich aufgewachsen bin. Sie nimmt eine gute Entwicklung. Und ich verstehe mich als Teil der großen Künstlerszene, die aus dieser Stadt kommt.“ In einem Interview mit Kirsty Bell, nachzulesen in 300seitigen Katalog zur Ausstellung, sagt Nicolai , das Chemnitz, damals Karl-Marx-Stadt, für ihn eine besondere Stadt gewesen sei. Auch ohne Kunsthochschule oder Musikkonservatorium hätte es eine rege Künstlerszene gegeben, in der niemand von Traditionen und Vorbildern eingeengt worden wäre. So hätte sich ein großes Experimentierfeld entwickelt. Die Ausstellung ist für Nicolai ein Schlüsselwerk ganz persönlicher Reflexion. Für Chemnitz ist es ein Geschenk.

1 0 5. September 2015 gepostet am

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