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Lieblingsplätze in Chemnitz – Eine Expertensicht

An einem heißen Sommertag lädt uns die Stadtforscherin Katja Manz zur Chemnitzer Bahnhofsunterführung, der so genannten Bazillenröhre. Kalte Luft strömt aus dem Tunnel – ideale Voraussetzungen, um an einem solch heißen Tag ein entspanntes Gespräch über Lieblingsplätze zu führen. Denn das ist für Katja Manz die Bazillenröhre: ein Lieblingsplatz.

Die Bazillenröhre mit ihren vielen Graffitis ist ein Platz, an dem die Menschen eher nicht verweilen, viele meiden sie sogar. Was macht sie für Dich zum Lieblingsplatz?

Zuerst hat die Unterführung für mich auch eine praktische Bedeutung: Ich wohne auf dem Sonnenberg und durch die Bazillenröhre habe ich eine wichtige Verbindung zur Innenstadt und zum Brühl. Gerade aufgrund der Kontroversen ist die Bazillenröhre für mich ein Lieblingsplatz. Sie hat in den letzten Jahren die Debatte über Stadtentwicklung maßgeblich bestimmt. Umso mehr freue ich mich jetzt, dass sie erhalten bleiben soll. Denn ich finde, sie hat wirklich etwas Besonderes, weil sie so lang ist. Sie ist eine spezielle Unterführung, die man nicht überall findet, mit ihrer ganz eigenen Atmosphäre. Klar, die Bazillenröhre ist dunkel, aber man sieht ja das Licht am Ende. Plätze sind für mich interessant, wenn sie auch etwas Skurriles ausstrahlen. Und das macht die Bazillenröhre.

Welche drei Worte beschreiben für Dich die Bazillenröhre?

Einzigartig, schön kühl im Sommer, …..

Eine Chemnitzerin läuft vorbei, hört die Frage, dreht sich um und wirft ein: Ekelig.

Nein, ekelig ist sie nicht. Katja lacht. Ja, ok, ist sie sicher auch – es ist halt eben dieser morbide Charme, der die Bazillenröhre ausmacht. Für mich hat sie Kultcharakter.

Was bedeutet ein Lieblingsplatz für Dich?

Also, ein spezieller Lieblingsplatz ist immer schwierig. Mein Lieblingsplatz ist wirklich der Sonnenberg, der sich für mich aus vielen verschiedenen Lieblingsplätzen zusammensetzt.

Wir machen uns auf den Weg zu einem weiteren Lieblingsplatz von Katja: dem Stadtteilgarten an der Ecke Peterstraße/Hainstraße.

Was ist für dich das Besondere an diesem Stadtteilgarten?

Der Stadtteilgarten, das ist für mich einer dieser Lieblingsplätze im Lieblingsplatz.

Mit dem Garten hat es vor etwa zwei Jahren auf einer Brachfläche in einem Hinterhof der Peterstraße angefangen. Damals haben sich fünf Enthusiasten zusammengetan und herum experimentiert. Letztes Jahr im Herbst ist der Stadtteilgarten auf eine größere Fläche umgezogen und dadurch kommen hier nun viele Menschen zusammen – unterschiedliche Menschen, unterschiedliche Perspektiven.

Der Garten lässt sich am besten als eine Gemeinschaft, die weiterhin im Entstehen ist, beschreiben. Sie steht jedem offen, sie soll gemeinsam wachsen und hat sich auch schon merklich erweitert. Mittlerweile sind hier schon um die 15 Leute aktiv. Im Garten gibt es z. B. zwei afghanische Familien, die im Stadtteil auf das Projekt aufmerksam geworden sind und sich nun um zwei Beete kümmern. Für mich ist es unheimlich schön zu sehen, wie das alles so gewachsen ist und wie es weiter wächst.

Der Garten ist letztendlich ein Ort der Begegnung, aber auch ein Ort des Verweilens und zur Ruhe kommen – also, eine kleine Oase in der städtischen Landschaft.

Vor sechs Jahren zog Katja von Leipzig nach Chemnitz, um an der Technischen Universität zu arbeiten und ihre Doktorarbeit am Institut für Europastudien im Fachgebiet Humangeographie zu schreiben. Ihre erste Wohnung in Chemnitz – in der sie bis heute wohnt – fand sie auf dem Sonnenberg.

Warum fiel deine Wahl bei der Wohnungssuche auf den Sonnenberg?

Der Sonnenberg wird ja immer etwas stiefmütterlich behandelt. Das war ein Gefühl, das mir bei der Wohnungssuche recht schnell aufgefallen ist. Das war so eine Sache, die mich gereizt hat: Was ist hier eigentlich? Deshalb habe ich mich damals ganz bewusst dafür entschieden hier her zu ziehen.

Und was ist hier nun eigentlich? Was ist besonders?

Das Besondere am Sonnenberg ist die Vielfalt – hier wohnen wirklich ganz unterschiedliche Menschen. Es gibt die Statistik, die belegt, dass der Sonnenberg der jüngste Stadtteil ist. Und das ist auch sichtbar. Hinzu kommen die vielen Menschen mit Migrationshintergrund. In Stuttgart, wo ich aufgewachsen bin, gibt es viele Migranten und daher ist mir kulturelle Vielfalt vertraut. Das finde ich hier auch das schöne, dass man eine Durchmischung hat. Und in letzter Zeit ist eindeutig zu bemerken, dass noch mehr junge Menschen, vor allem Studierende, auf den Sonnenberg ziehen.

Hat sich der Sonnenberg dann erst zu Deinem Lieblingsplatz entwickelt oder war es Liebe auf den ersten Blick?

Ich würde sagen: Liebe auf den ersten Blick. Ich erinnere mich noch genau, wie ich hier her gekommen bin um Wohnungen anzuschauen, wie ich von der Dresdnerstraße eingebogen bin, sich der Sonnenberg vor mir aufgetan hat und ich die ganzen Vorurteile nicht verstehen konnte. Für mich war der Sonnenberg sofort ein Ort, der etwas durchaus Positives ausstrahlt mit seinen ganzen schönen Häusern. Dann waren da eben wieder diese Kontraste: saniert neben unsaniert. Dann das Spannende, dieses Unfertige, und das Gefühl, dass sich gleichzeitig etwas entwickelt. Und man sieht es in den letzten Jahren auch ganz stark: Es sind kleine Sachen, die sich entwickeln, es kommt immer wieder etwas Neues dazu und man sieht eben, dass das vorhandene Potential genutzt wird.

Hast Du als Stadtforscherin schon mal den Sonnenberg untersucht?

Vor zwei Jahren habe ich mit Studierenden der TU Chemnitz einen interaktiven Stadtteilführer über den Sonnenberg gemacht. Dabei ging es um die Perspektiven der Menschen und ihre Geschichten. Ich wollte sehen, wie sie den Sonnenberg wahrnehmen. Herausgekommen ist eine interaktive App. Den Stadtteilführer kann man sich kostenlos bei Frau Koch im Stadtteilbüro in der Sonnenstraße ausleihen und damit über den Sonnenberg spazieren. Während man seinen eigenen Weg durch den Stadtteil geht, bekommt man durch das Tablet, das die Wahrnehmung unterstützt aber nicht ersetzten soll, durch ein akustisches Signal den Hinweis: Hier versteckt sich etwas und man bekommt eine persönliche Geschichte zu hören. Der interaktive Stadtteilführer funktioniert über GPS. Die Leute müssen also in Bewegung sein, können sich nicht einfach in ein Café setzen und den Geschichten zuhören. Die Idee des interaktiven Stadtteilführers ist, dass man beim Spaziergang die Geschichten anderer Menschen mit seiner eigenen Wahrnehmung zusammenbringt. Mir ist es eben ganz wichtig, dass Menschen in Bewegung sind.

Wie war die Resonanz auf Deinen interaktiven Stadtteilführer?

Es gab eine große Aufmerksamkeit. Leute sind aus verschiedenen Stadtteilen gekommen, um sich den Stadtteilführer auszuleihen. Natürlich hat die technische Komponente auch zu diesem Interesse beigetragen und es hat sich ein Gefühl bestätigt, dass ich oft habe: Die negativen Zuschreibung kommen daher, dass die Leute den Sonnenberg gar nicht kennen. Und wenn sie dann mal hier sind, sind sie überrascht, wie schön es hier eigentlich ist und was es hier alles gibt.

Womit beschäftigst Du Dich in Deiner wissenschaftlichen Arbeit?

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Wahrnehmung von Stadt. Es geht mir darum, die unterschiedlichen Perspektiven der Menschen, die in einer Stadt wohnen, insbesondere derer in Chemnitz, zu dokumentieren und sichtbar zu machen. Für mich ist die Frage: Was macht Chemnitz eigentlich aus? Dabei meine ich jetzt aber nicht, welches Bild von der Stadt in den Medien erzeugt wird, sondern eben, was die Stadt für die Menschen ist. In meiner Doktorarbeit bin ich den Gefühlen und Geschichten von Menschen in Chemnitz auf der Spur. Für die Arbeit habe ich einen Aufruf gestartet und bin damals mit vielen verschiedenen Leuten durch die Stadt spaziert und habe mir von ihnen ihr Chemnitz zeigen lassen. Diese Spaziergänge wurden, um sie später auswerten zu können, audiovisuell dokumentiert. Ein Ziel ist es, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Bei dieser Arbeit kommt am Schluss kein klassisches Werkzeug der Stadtentwicklung heraus. Mein Ansatz ist vielmehr überhaupt erst einmal die Perspektiven und Gefühle der Menschen aufzuzeigen, die bisher in gängigen Stadtplanungsprozessen oft nicht berücksichtigt werden.

Welche Empfehlung hast Du für Stadtentwicklungsprozesse?

Die Bürger sollten rechtzeitig beteiligt werden. Bei Stadtplanungsprozessen ist es häufig so, dass es immer schon ein Konzept gibt, das den Bürgern vorgelegt wird. Und diese können das nur noch kommentieren. Aber wird dabei wirklich nach den Bedürfnissen der Menschen gefragt? Genau das würde ich mir wünschen, dass das voran gestellt wird. Dass man also – bevor eine Planungsstudie überhaupt erst entsteht – an die Menschen herantritt um herauszufinden, was sind eigentlich ihre Ideen, wenn es um die Gestaltung eines Platzes oder Orts geht. Das ist mein Wunsch für Stadtentwicklung.

Was wünschst Du Dir für den Sonnenberg?

Ich wünsche mir, dass die Vielfalt des Sonnenbergs erhalten bleibt und dass er sich weiter entwickelt, aber eben unter Einbeziehung der Bewohnerinnen und Bewohner, denn sie machen den Stadtteil aus. Und wenn ein Stadtteil gestaltet wird und die Wünsche und Bedürfnisse der Menschen, die dort leben, berücksichtigt werden, entwickelt sich damit Lebensqualität. Außerdem wünsche ich mir für den Sonnenberg ein sensibles Wachstum. Also, dass er sich sozial verträglich entwickelt und dass – wenn es mal so weit ist – niemand verdrängt wird. Dafür ist es, denke ich, schon wichtig, dass Häuser im städtischen Besitz bleiben und nicht alle an Investoren veräußert werden.

Welche fünf Orte sollten Touristen auf dem Sonnenberg besuchen?

Das kommt natürlich ein bisschen auf das Alter und die Interessen der Touristen an. Aber ich finde, man sollte auf jeden Fall mit der Markuskirche anfangen und auf den Turm hochsteigen, um den Blick über Chemnitz zu haben. Dann ist natürlich die Zietenstraße ein spannendes Terrain, wo man Kultur erleben und was trinken gehen kann. Lokomov, Lesecafé – ich will mich da nicht auf einen Ort festlegen. Eigentlich würde ich noch das Café Maulwurf empfehlen, dass es jetzt leider nicht mehr gibt, was ich sehr schade finde. Es ist auch einer meiner Lieblingsorte und es hat den Sonnenberg wahnsinnig bereichert. Es war auch ein Ort, an dem unterschiedliche Menschen zusammengekommen sind. Und ich glaube, es ist wichtig für eine Stadt oder einen Stadtteil, dass es ebenso einen Ort der Begegnung und des Miteinanders gibt. Natürlich den Zeisigwald, wer sich im Grünen entspannen will – oder einfach gern hier im Stadtteilgarten vorbei kommen.

19 0 20. September 2015 gepostet am

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