Meine Geschichte

Meine Erinnerungen an die Rückbenennung meiner Geburtsstadt Karl-Marx-Stadt in Chemnitz

von Chris Sylvia Petz
Damals am: 1. September 1990

Als ich den Aufruf las, Geschichten aus der Zeit der Rückbenennung in Chemnitz aufzuschreiben, fiel mir erstmals seit dieser Zeit wieder ein, welchen heutzutage nicht mehr vorstellbaren Beitrag zur ganz praktischen Durchführung dieser Aktion ich leisten durfte. Es war eigentlich eine ganz einfache und unspektakuläre Sache. Aber daran kann man erkennen, wie grundlegend die Veränderungen in allen Lebensbereichen in den vergangenen 25 Jahren waren, weil sich meine Aktion heute niemand mehr „antun“ müsste.

Im Herbst 1991 habe ich mein Geodäsiestudium an der TU Dresden begonnen. Im Jahr davor begann ich im September 1990, also 3 Monate nach der offiziellen Rückbenennung der Stadt, mein Vorpraktikum im Kombinat Geodäsie und Kartographie auf der Carl-von-Ossietzky-Straße in Chemnitz, um allerlei praktische Erfahrungen im Vermesseralltag zu sammeln.
Dort lagerte in zahlreichen Kartenschränken das Stadtkartenwerk des Stadtgebietes im Maßstab 1 : 500. Jede dieser dicken Folien ähnlichen Karten enthielt ein Schriftfeld mit mindestens einmal dem Namen – Karl-Marx-Stadt.
Dieser Schriftzug musste weg – und durch Chemnitz ersetzt werden. Heute würde man am Computer eine Suchen-Ersetzen-Funktion verwenden und die Sache wäre in kurzer Zeit erledigt.
Ich sehe mich noch, genauso wie viele andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch, tagelang vor diesen Karten sitzen, um mit einer Rasierklinge den auch nicht gerade kurzen Schriftzug des alten Stadtnamens zu entfernen.

Ich kann heute nicht mehr sagen, ob ich auch den neuen Namen mit Tusche und Skribent eintragen durfte, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich nicht, da es versierte Zeichnerinnen gab, die das in toller Qualität schneller als die Praktikantin schafften. Aber das Kratzen der Rasierklinge auf dem Kartenblatt klingt mir noch in den Ohren, und die tausend kleinen Krümel, die ein langer Name wie Karl-Marx-Stadt ergibt, sehe ich heute noch vor mir auf dem Tisch liegen.

8 2 30. April 2015 gepostet am

2 Kommentare

Hinterlasse einen neuen Kommentar

  • Kim 3. Mai 2015 - 19:18 Antworten

    Tolle Story , sowas erlebt nicht jeder :) . Und auch sehr schön geschrieben!

  • hans heinrich 3. Oktober 2015 - 12:09 Antworten

    Guten Tag Frau Petz! Heute in unserer grössten finn.sprachigen Tageszeitung ein Artikel ueber Sie,soll ich Ihnen den zuschicken und zu welcher Adresse dann? Freundlichen Gruss! Hans HeinrichSehr gut