Meine Geschichte

Meine Erinnerungen

von Sebastian Görlitzer
Damals am: 9. November 1989

An die Zeit um 1989 habe ich nicht viele Erinnerungen, denn damals war ich mit etwa sieben Jahren noch ein Kind. Heute bin ich fast dreiundreißig Jahre und erst jetzt sind mir die Hintergründe, die mit dieser „Wendezeit“, wie sie oft genannt wird, bewusst. Früher verstand man nicht alles, weil man dafür zu klein war. Karl-Marx-Stadt trägt seinen Namen immerhin wegen des gleichnamigen Philosophen und dieser ist durch den „Nischel“ das Wahrzeichen dieser Stadt. Auch heute noch. Das verstand ich bereits als kleiner Junge, so geht es mir noch heute und sowie ich mich erinnere, war dies auch der Grund dafür, dass ich nicht verstehen wollte, dass unsere Stadt bald wieder Chemnitz heißen sollte.

Wir hatten zu der Zeit einen Garten in Hilbersdorf, in dem wir unsere Zeit vor allem im Sommer verbrachten. Viele schöne Feste, selbst die Einschulung meiner Schwester und meine eigene feierten wir dort. Am Tag als es spruchreif wurde, dass Karl-Marx-Stadt, unsere historische Stadt, bald schon ihren alten Namen zurückbekommen sollte, vernahmen wir diese Meldung im Radio. Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater fragte, was das zu bedeuten hätte. Warum nicht einfach alles so bleiben konnte wie man es gewöhnt war. Man hätte glauben können, ich ahnte, dass das erst der Anfang einiger Veränderungen zu dieser Zeit war. Mein Vater erzählte mir davon, dass Karl-Marx-Stadt früher schon einmal Chemnitz hieß und in diesem Moment wanderte sein Blick direkt neben mich und ruhte auf einer Metalldose in schönen gelb und orange Tönen. „Hier, siehst du, da steht es“, sagte er und ich schaute auf die Stelle, wo sein Zeigefinger hindeutete.

Tatsächlich. Unsere Stadt hieß also noch nicht immer Karl-Marx-Stadt. Meine Enttäuschung verschwand allmählich, auch wenn ich noch etwas Zeit brauchte, mich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Aber irgendwie dachte ich mir dann wohl später, dass der Name Chemnitz gar nicht so übel klingt. Für mich ist das beste Beispiel einer Veränderung das Heckert Gebiet. Dieser Stadtteil hat sich in all den vergangenen Jahren dermaßen gewandelt, gemacht und verändert, dass man wirklich nur staunen kann. Ich wohne wieder in Chemnitz, Markersdorf, hier in meinem gewohntem Umfeld, in welchem ich aufgewachsen bin. Und jeder noch so flüchtige Platz, der sich verändert hat, erzählt eine Geschichte. Jede einzelne ist für mich eine Erinnerung von Früher. Die alte Schule in Markersdorf, die heute leer steht. Der alte Konsum, was jetzt ein kleines Möbelgeschäft ist. Aber auch andere Plätze haben für mich historische Hintergründe, die mit vielen kleinen und großen Rückblicken verbunden sind.

Ein Jahr später, 1990, war nochmal alles anders. Als es hieß „Die Mauer ist gefallen“, war es das erste Mal, dass wir als Familie einen bedeutenden Ausflug unternahmen. Wir konnten somit das erste Mal über die Grenze fahren, die für uns Kinder keine besondere Rolle spielte. Wir bekamen immerhin so gut wie nichts von der politischen Seite mit. Inzwischen war ich, genauso wie meine Schwester ein Jahr vor mir, eingeschult worden. Unser altes Familienauto zu dieser Zeit brachte uns nach Hessen, wo wir Boxenstopp machten und uns in einem gigantischen Kaufhaus wiederfanden.
Die Regale so hoch, vollgestopft mit Spielzeug, welches wir vorher noch nie gesehen hatten. Es sah anders aus, als alles was wir bis dahin kannten. LEGO beispielsweise, gab es nicht in dieser Form. Barbies, wie die Puppen hießen, so elegant und mühevoll bearbeitet, waren uns neu. Und dann ein Stockwerk höher, sah ich ihn, einen Teddy fast so groß wie ich damals, mit einem Gesicht, was mir überaus gut gefiel. Diesen alten Plüschbären habe ich heute noch. Er war in Kindertagen wie ein Freund, den ich überall mit hinnahm. Ich hatte damals keine Freunde. Aber dafür den besten Stoffteddy, den man sich vorstellen konnte. Es war auch die Zeit, in der wir unter anderem das Überraschungsei kennenlernten. Und vieles schien noch nicht so selbstverständlich wie heute. Kleidung, Spielsachen, Süßigkeiten, die es etwas später dann auch bei uns gab, waren damalig noch etwas ganz Wertvolles. Es wurde wertgeschätzt und man ging nicht so abschätzig damit um.

2 0 30. April 2015 gepostet am

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