Juliane Schwarz-Bierschenk
Kulturstrategie

Macher der Woche

Neugierig auf die Stadt

Der Stadtrat hat in seiner Sitzung im Januar die Kulturstrategie für Chemnitz beschlossen. Schwerpunkt ist die kulturelle Entwicklung der Stadt bis ins Jahr 2030. Mit 150 Vertretern aus der freien Szene, aus Institutionen und Mitarbeitern der Verwaltung wurde die Strategie erarbeitet. Das Ziel: Die Kulturpolitik breit aufstellen. Juliane Schwarz-Bierschenk hat als hat als Redakteurin aus der Fülle der Themen und Vorschläge die Endfassung des über 40-seitigen Konzepts erstellt. Dabei ist sie noch gar nicht so lange in der Stadt und eher zufällig zu dieser Tätigkeit gekommen. Doch eines zeichnet die dreifache Mutter aus: Ihre Begeisterung ist groß, wenn sie über Chemnitz spricht.

Wie sind Sie zur Mitarbeit an der Kulturstrategie gekommen?
Ich bin mit meiner Familie vor knapp zwei Jahren nach Chemnitz gezogen. Vielleicht war das mein Vorteil: neu in der Stadt zu sein. Ich schau mir an, was in der Stadt los ist und staune auch darüber. Ich habe mich beim Freundeskreis Chemnitz 2025 für die Kulturhauptstadtbewerbung eingebracht. Weil diese Bewerbung und die Kulturstrategie so eng zusammenhängen, hat der Freundeskreis die Entwicklung der Kulturstrategie sehr interessiert verfolgt. Als die Strategie (Anfang Mai) 2018 zum ersten Mal öffentlich vorgestellt wurde, bat der Vereinsvorstand die Mitglieder, sich das Konzept ein bisschen genauer anzuschauen. Das habe ich mir zu Herzen genommen und offensichtlich so effektiv gemeckert, dass man mich beim Wort genommen hat. Es kam die Anfrage, ob ich mitarbeiten möchte. Das habe ich sehr gern angenommen. Denn wenn ich schon kritisiere, dann muss ich dafür auch einstehen.

Juliane Schwarz-Bierschenk kommt ursprünglich aus dem Nordschwarzwald. Über Regensburg und Freiburg im Breisgau hat es sie nach Chemnitz verschlagen. „Wir sind ein akademisches Wandervölkchen. Die TU Chemnitz hat meinen Mann an Bord geholt und uns sozusagen mit hierher transferiert.“ Schnell stellt sie viele Parallelen zwischen der Heimat und ihrem neuen Lebensmittelpunkt fest. „Es ist faszinierend, in wie vielen Aspekten sich die Kulturräume ähneln.“

Woher kommt Ihr Interesse, an der Kulturstrategie einer für Sie fremden Stadt mitzuarbeiten. Hatten Sie keine Angst, Alteingesessenen auf den Schlips zu treten?
Doch, durchaus. Ich bin mit ganz viel Respekt an die Aufgabe herangegangen. Ich bin mitten im Prozess eingestiegen und habe mich mit vielen Leuten ins individuelle Gespräch begeben. Was befähigt mich, so eine Kulturstrategie zu schreiben? Meinen Abschluss habe ich in Ethnologie und Kulturgeografie, nach dem Magister bin ich umgeschwenkt in die amerikanistische Kulturwissenschaft, mit Schwerpunkt Erinnerungsforschung. Das heißt, mit Kulturgeschichte, Kulturtheorie und auch mit Planungsprozessen beschäftige ich mich eigentlich seit meinem Studium. An den Universitäten Regensburg und Freiburg habe ich außerdem zu Erinnerungspolitik gelehrt, zu Kunst im öffentlichen Raum, zu Stadtentwicklung. Mein Fach, die Amerikanistik, hat einen sehr weiten, vergleichenden Zugriff auf kulturgeschichtliche Themen. Und ob ich jetzt überlege, wie man Skulpturen im Westen der USA auf einen Sockel stellt und was mit der Stadt ringsherum passiert, oder ob ich das hier mache, ist durchaus übertragbar. Wenn man die Stadt als ein Geflecht von Akteuren und Interessen sieht, dann hilft es einem immer, auch schon andere Orte tiefer angeschaut zu haben.

Dass man natürlich mit den Menschen vor Ort, die an der Stadtkultur arbeiten, redet und nach ihren Vorstellungen bzw. Zukunftsvisionen fragt, um das in ein Strategiedokument einfließen zu lassen, liegt für mich auf der Hand.

Wie haben Sie so schnell in der Chemnitzer Kulturszene Fuß gefasst? Haben Sie viel gelesen und sich dann gedacht: Geh ich einfach mal hin?
Genau. Mein Mann ist seit 2015 an der TU Chemnitz. Wir hatten quasi anderthalb Jahre Vorlauf, um uns wochenendweise an die Stadt heranzutasten. Es war uns wichtig, dass unsere Kinder vorher schon wissen, wo wir dauerhaft unsere Zelte aufschlagen werden. So haben wir wirklich viele Möglichkeiten genutzt, das Kulturleben in der Stadt anzuschauen und zu erleben. Anfangs von einem Hotel auf dem Brühl aus, später von seinem Wohnsitz auf dem Kaßberg aus haben wir die Stadt erkundet und festgestellt: Es gibt viele, kleine Stellen, die eine große Offenheit ausstrahlen, wo man ins Gespräch kommt. Das ist etwas, was mich an Chemnitz so fasziniert.

Die Kulturstrategie steht unter dem Titel „Kultur Raum geben“. Finden Sie den treffend?Ja, sehr. Raum ist in der Stadt überreichlich vorhanden. Diese Räume für Kulturarbeit, für Planungen und Denkprozesse zu erschließen, finde ich sehr gut. Chemnitz hat sich in der Geschichte oft verändert und musste sich dadurch neu erfinden. Dieser Geist ist im Stadtraum erkennbar. Ich habe den Eindruck, das ist ein Chemnitzer Markenzeichen.

Wie haben Sie sich den Überblick über die Chemnitzer Kulturszene verschafft?
Das ist das Charmante am Freundeskreis. Wir waren in den ersten anderthalb Jahren unseres Bestehens ein Wanderzirkus, sind überall hingegangen und haben uns vorgestellt. Ich verbinde also mein Ehrenamt mit meiner ohnehin schon eingeschriebenen Neugier auf die Stadt und lerne darüber nicht nur das Projekt Kulturhauptstadt kennen, sondern auch die verschiedenen Stellen, in die man als Neuling so vielleicht gar nicht reinstolpern würde.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Dinge, die in der Kulturstrategie drin stehen? Kann man das so pauschal sagen?
Zuallererst ist die Kulturstrategie keine „Abhakliste“. Es ist ein Verständigungs- und Handlungsrahmen, unter dessen Dach sich verschiedene andere Konzepte angliedern lassen. Das Wichtigste für mich war, dass man Kultur als zentralen Bestandteil städtischen Lebens definiert. Dass man nicht nur die großen Kultureinrichtungen betrachtet. Der Kulturbegriff, der dieser städtischen Strategie zugrunde liegt, will wirklich umfassend sein. Es geht mehr um Lebensart als um das, was im allgemeinen Sprachgebrauch mit Kultur assoziiert wird. Kultur beseelt eine Stadt, zeichnet sie aus, macht sie besonders.

Es gibt Chemnitzer, die an den Erfolgsaussichten auf den Titel Kulturhauptstadt zweifeln, weil die Stadt in ihren Augen keine Chance beispielsweise gegen Dresden habe. Viele Experten loben beispielsweise die freie Chemnitzer Kulturszene. Warum sehen die Chemnitzer das nicht?
Wahrscheinlich, weil das in Räumen stattfindet, die schon mit einer bestimmten symbolischen Bedeutung besetzt sind. Da assoziiert man zum Beispiel den Sonnenberg mit Niedergang bzw. Verfall und kann dann eben die Veränderungen nicht sehen, z.B. dass es in diesen Nischen unheimlich viel Kreativität gibt.

Ein kleine Geschichte dazu: Ich stand auf dem Weihnachtsmarkt am Stand der Kulturhauptstadt und hatte ein Gespräch mit einer Bürgerin, es ging um den Abriss von ungenutzten Industriegebäuden, um die Nadel- und Platinenfabrik. Ich sagte: Aber da war doch gerade erst die Ibug drin – das Festival für urbane Kunst. Waren Sie da nicht? Das ist doch etwas Tolles. Ich wundere mich, warum oftmals nur die äußere Hülle gesehen wird. Nicht verwunderlich ist, dass man damit nicht zufrieden ist. Aber in solchen Gebäuden steckt doch die Lebensgeschichte der Stadt. Ich kenne wenige Städte, die so viele Zeugnisse aus ihrer Industrievergangenheit haben. Es gibt hinter den Fassaden Dinge zu entdecken und zu erleben. Chemnitz ist groß. Ob man die Stadt jetzt abfährt oder erläuft, man braucht Zeit dafür, hinter die Kulissen zu schauen. Ist es nicht sehr viel wert, Dinge zu erhalten und zu sagen, hier steht gebaute Geschichte zum Anfassen?

Man muss sich auch kontrovers unterhalten. Das ist nicht leicht. Man kommt mit jemandem ins Gespräch, den man nicht kennt und ist gleich verschiedener Meinung. Es gibt Leute, die lassen sich darauf ein, und man findet gemeinsam zum Verbindenden, und es gibt Leute, die ziehen sich zurück und meinen, das ist nicht mein Chemnitz. Ich hoffe einfach, dass viele solcher „Zusammenstöße“ auch zu Denkanstößen führen.

Was ist das Besondere an Chemnitz?
Es gibt unheimlich viele Stellen in Chemnitz, die Begeisterung hervorrufen können. Außerdem spürt man eine Dynamik in der Stadt. Es ist keine selbstzufriedene Stadt. Viele Chemnitzer sind nicht mit sich und ihrer Stadt zufrieden. Die Stadt selbst ist auch nicht mit sich zufrieden. Das sorgt einfach für wahnsinnig viel Bewegung. Das ist toll. Es ist eine Stärke der Stadt, dass sie noch nicht fertig ist. Dass immer noch etwas gemacht werden muss und dass man sagen muss, weiter, wir gehen nach vorn. Die Zukunft liegt vor uns und wir gehen da hin.

Zum Thema Kulturhauptstadt 2025: Wie optimistisch sind Sie, dass wir den Titel bekommen?
Wir müssen es werden! Ich fahre das ja schon spazieren!

Im Ernst: Ich fände es wunderbar, wenn Chemnitz Kulturhauptstadt Europas würde, denn die Stadt hat eine andere Ausstrahlung als viele Städte vergleichbarer Größe. Es heimelt nicht, es tümelt nicht. Chemnitz in vielerlei Hinsicht ungeschminkt. Die Wunden der Stadt sind sichtbar und man sucht nach guten Wegen, damit umzugehen.

Ich finde auch, Chemnitz hat viel zu geben: Alle Freunde, die uns besucht haben, kommen gerne wieder, weil sie von hier kulturell etwas mitnehmen. Wir gehen mit ihnen ins Theater, ins Museum, zu Festivals, auf architektonische Streifzüge. Und jedes Mal gehen sie reich beschenkt aus dieser Stadt. Andere Freunde sagen, dass sich die Stadt auf angenehme Weise großstädtisch anfühlt. Und ich wünsche mir auch, dass Chemnitz Kulturhauptstadt Europas wird, weil wir dann zeigen können, wie viele europäische Stadtideen in dieser Stadt stecken. Ich gehe durch die Stadt und sehe z.B. die Majolikahäuser. Auf einmal fühlt man sich wie auf der Wienzeile, die architektonisch von Jugendstilbauten geprägt ist. Oder die Höfe, Wissmannhof, Wartburghof. Hat die Lutherkirche nicht ein bisschen was von Sacre Coeur? Das sind natürlich ganz individuelle Projektionen, aber die machen die Stadt spannend und charmant. Man hat den Eindruck, Chemnitz wurde um 1900 geplant mit dem Anspruch, europäische Großstadt zu sein. Und hat sich seither mehrfach als Großstadt wieder erfunden. Wenn man sich dann noch die Straße der Nationen anschaut und das auch wieder in einen europäischen Kontext stellt, sieht man, dass auch hier die osteuropäische Großstadt des Sozialismus gebaut worden ist. Das beschert uns Straßen, die fast amerikanische Dimensionen haben. Da fühlen sich selbst die Amerikaner hier wenigstens nicht verloren, wenn sie 2025 als Touristen kommen. (lacht)

4 0 15. Februar 2019 gepostet am

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