Michael Falb
Fußballtrainer

Macher der Woche

Never change a winning team

Michael Falb ist im Stress. Am nächsten Tag gehe es mit der Mannschaft zu einem Freundschaftsturnier nach Hamburg. Da sei noch eine ganze Menge vorzubereiten. Für ein kurzes Interview nimmt sich der leidenschaftliche Trainer dennoch Zeit. Er entschuldigt sich, dass er nebenher noch etwas essen müsse und bestellt sich eine Suppe und einen großen Kaffee. Michael Falb hat 2009 die Blindenfußballer des SFZ Förderzentrums im Flemminggebiet in seine Obhut genommen und in diesem Jahr den größten Erfolg mit ihnen gefeiert: Den dritten Platz in der Blindenfußballbundesliga. Für uns ist Michael Falb nicht nur deshalb der Macher der Woche. Im Interview berichtet er über seine Arbeit mit den Sehbehinderten, den einzigen Sport, in dem sie sich frei bewegen können, und die Freundschaft zum FC St. Pauli.

Michael, von Sepp Herberger wissen wir: Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten. Stimmt´s?

Nein, bei uns dauert das Spiel 50 Minuten – zwei Halbzeiten zu je 25 Minuten.

Und was ist mit anderen Fußballweisheiten? „Elf Freunde müsst ihr sein“ stimmt dann wohl auch nicht…?

Nein, das stimmt auch nicht. Bei uns sind es nur fünf. Fünf Freunde müsst ihr sein – vier Feldspieler, ein Torhüter. Wobei der Torhüter der einzig Sehende auf dem Platz ist.

Was gibt es noch für Unterschiede zum „herkömmlichen“ Fußball?

Das Spielfeld ist so groß wie ein Handballfeld. Es wird auch auf Handballtore gespielt. Wie beim Basketball gibt es persönliche Fouls und Mannschaftsfouls. Wer fünf persönliche Fouls begeht, ist aus dem Spiel raus und darf nicht mehr eingewechselt werden. Für diesen Spieler kann dann nur ein anderer eingewechselt werden. Ab dem vierten Teamfoul pro Halbzeit gibt es jedes Mal einen Strafstoß vom Achtmeterpunkt. Das fängt nach der Halbzeit wieder neu an. Und auch genau analog zum Basketball, kann ansonsten so oft gewechselt werden wie man möchte.

Eine wichtige Regel ist das Wort „VOY“. Das ist spanisch und heißt: Ich komme. Jeder Spieler, der sich in Ballnähe befindet und den Ball nicht selbst führt, muss das sagen, damit alle wissen, wo die Gegenspieler stehen.

Euer Torwart ist der Einzige, der sehen darf. Wie orientieren sich die andern Spieler, wie finden sie das Tor, den Ball und wie schaffen sie es weder gegen die Bande noch in einen Mitspieler zu rennen?

Der Ball hat Rasseln. Der macht ein Geräusch, ein relativ lautes sogar. Das „VOY“ hatten wir ja schon. Die meisten Spieler rennen da aber nicht rein, das ist eine Trainingsgeschichte. Das Spielfeld ist in Drittel aufgebaut: Abwehr, Mittelfeld und Angriff – wie beim „normalen“ Fußball auch. Die Abwehr wird vom Torwart gesteuert. Wenn der Ball in seinen Bereich kommt, redet er mit den Feldspielern. Wenn der Ball sich im Mittelfeld befindet, gibt es außerhalb der Bande einen Mittelfeld-Guide, der die Spieler dirigiert. Hinter dem gegnerischen Tor steht der Angriffs-Guide. Dadurch merkt der Spieler dann auch, wo er ins Tor treffen muss. Da werden nur ganz kurze, markante Sachen gesagt: rechts, links, vor, zurück. Vielleicht noch Meterangaben. Wenn der Ball drei Meter vor dem Spieler liegt, dann heißt das zum Beispiel: „Vor drei“ – nach vorne und drei Meter. Der Angriffs-Guide zählt dann auch nur noch die Meter runter bis zum Tor und gibt mal noch einen Hinweis, wann sich eine Schussmöglichkeit ergibt. Das ist alles eine Übungssache. Jörg Fetzer ist unser erfahrenster Stürmer. Wenn der „sechs Meter“ hört, dann weiß er genau: Noch zwei Schritte und dann Schuss.

Gibt es auch Spieler, die „normal“ sehen können und sich die Augen abdecken?

Nein, zehn Prozent Sehfähigkeit ist das Maximum. Es können drei Kategorien mitspielen: B1, B2 und B3. B3 entspricht zehn Prozent Sehfähigkeit, B2 entspricht fünf Prozent Sehrest und B1 sind die Vollblinden, die wirklich nichts mehr sehen. Im Spiel müssen alle abgeklebt sein. Die bekommen solche Augenkleber, Eyepads genannt, und nochmal eine Augenbinde darüber. Dann sind sie alle blind.

Das ist, denke ich, auch gut so. Sehende Leute, die vielleicht noch aktiv Fußball spielen, haben nicht dieses Gehör. Vielleicht hätten die am Anfang von der Orientierung her ein paar mehr Probleme, aber dafür haben sie ja dann eine ganz andere technische Grundlage. Sie können Sachen viel schneller lernen, weil sie sich alles abgucken können. In der Bundesliga sind die ganz starken Spieler alles welche, die früher, als sie besser gesehen haben, mal im Verein ganz normal Fußball gespielt haben. Ein Geburtsblinder, der das nie gesehen hat, braucht locker viermal so lange, um die gleichen Dinge zu erlernen. Deswegen wird das klar eingegrenzt.

In den vergangenen Jahren habt ihr – überraschend – sportlich zur Spitze aufgeschlossen und in diesem Jahr sogar den dritten Platz gewonnen. Wie kam´s?

Nachdem wir immer um den vorletzten Platz gespielt haben, belegten wir in den zwei vergangenen Jahren jeweils den fünften Rang und wurden in diesem Jahr Dritter. Genau wie im „normalen“ Fußball gilt bei uns: Never change a winning team. Wie sagt man doch so schön: Man muss sich blind verstehen. Das ist in unserem Sport noch wichtiger. Wenn du immer die gleiche Mannschaft hast, die Leute immer besser ins Spiel kommen, gewinnst du eben die Spiele. Das konnten wir besser als andere Teams umsetzen. Und wir haben viel trainiert – zweimal, teilweise dreimal die Woche. Da merkte man einfach, dass wir fitter sind, als der Gegner. Wir haben immer die letzte Viertelstunde nochmal richtig angeschoben, da konnten die andere Teams nicht mehr.

Beim Blindenfußball ist es, wie im „normalen“ Fußball: Wenn du eine schlechte Kondition hast, machst du irgendwann Fehler. Du kannst dich nicht mehr so gut konzentrieren. Das ist bei uns noch krasser. Da brauchst du höchste Konzentration, um den Ball bzw. die Spieler zu hören und alles herauszufiltern. Das macht das Spiel so schwer. Wenn du fitter bist, dann passieren bei den anderen auch mal ein paar Fehler. Wir haben dieses Jahr bei drei von vier Siegen Rückstände aufgeholt. Gegen Würzburg haben wir sogar dreimal zurückgelegen. Da siehst du, dass wir einfach bis zum Schluss fit waren. Das sind andere nicht, weil sie nicht so viel trainieren, wie wir. Dieser Fleiß wurde belohnt. Wir hatten auch ein bisschen Glück: St. Pauli hat uns geholfen, indem sie ihre letzten zwei Spiele gewonnen haben. Das war gegen die Mannschaften, die in der Tabelle vor uns standen.

Was ist nächste Saison sportlich drin?

Es wäre natürlich schön, wenn wir den Erfolg bestätigen können. Sich in der Tabelle noch zu verbessern, ist fast Utopie. Natürlich wäre das fantastisch, Meister zu werden, keine Frage! Dafür sind die ersten beiden Mannschaften, Stuttgart und Marburg, aber einfach noch zu stark. Gegen die haben wir diese Saison auch jeweils 0:3 verloren. Die waren im entscheidenden Moment immer den Tick besser. Die stehen mit ihrer Leistungsdichte einfach noch eine Stufe höher. Aber selbst wenn wir vierter oder fünfter werden, dann ist es eben so. Wir wollen jetzt erstmal junge Leute mit dazu holen. Da haben wir jetzt wieder welche im Training – das ist wichtig. Unser Mannschaftskapitän, Jörg Fetzer, ist 43 Jahre alt. Das ist der Mann, der das ganze, als er aus Stuttgart kam, in Chemnitz bewegt hat. Dort war er dreimal Deutscher Meister geworden. Dass der nun nicht mehr bis 50 spielt ist klar. Das wird jetzt erstmal unser nächstes Ziel: Die Mannschaft mit jungen Leuten zu stärken.

Ein riesen Ziel – nicht sportlich, sondern organisatorisch – ist, einmal pro Woche eineinhalb oder zwei Stunden auf Kunstrasen trainieren zu können. Da hängt es zurzeit noch ein bisschen. Der VfB Fortuna an der Beyerstraße hat uns netterweise vormittags Zeit gegeben, auf ihrem Kunstrasen zu trainieren. Das haben wir ein-, zweimal die Woche genutzt. Du musst auf dem Untergrund trainieren, auf dem du dann in der Liga auch spielst. Der Ball rollt anders und klingt anders, wenn du in der Halle oder auf Kunstrasen trainierst. Dann brauchst du im Spiel zehn Minuten oder eine Viertelstunde, um dich umzugewöhnen. Das kostet dich vielleicht ein Gegentor.

Echte Teamfreundschaften sind selten im Mannschaftssport. Bei euch ist das offenbar anders. Wie kommt´s?

Ja, bei uns ist das entspannter. Das beste Verhältnis haben wir zu St. Pauli, weil sie viele Jahre in der Tabelle unten drin standen, wie wir. Das ist ein Team, das hart kämpfen musste, um auch mal ein paar Erfolge zu erzielen, wie wir. Wir haben erst gegeneinander um den vorletzten Platz gekämpft.

Das ist auch eine Mannschaft, die diesen Sport mit absolutem Herzblut betreibt. Wie wir. Natürlich wollen wir gewinnen – keine Frage! Das will jeder Sportler. Mir und uns geht es vor allem aber auch um etwas Anderes: Den Leuten, die eine Sehbehinderung und Lust haben, Fußball zu spielen, das auch zu ermöglichen. Das man einfach dasselbe machen kann wie ein Sehender. Mal an den Ball ran hauen, sich frei bewegen. St. Pauli macht ganz viel Nachwuchsarbeit und lässt teilweise 14-Jährige mitspielen. Die wissen: Das Spiel wird schwer zu gewinnen, weil eben nicht nur die Besten, sondern alle spielen. Aber dafür können dann auch wirklich alle spielen. Anderen Mannschaften geht es nur um die Meisterschaft und irgendwelchen „Ruhm“. Die würden solche Leute nie spielen lassen, die vermeintlich schlechter sind, als andere Spieler. Wir lassen auch alle spielen und bei uns kann jeder anfangen. Ob es dann immer für die Bundesliga reicht, ist nochmal eine andere Geschichte. Das ist doch eine Teilhabe an der Gesellschaft, zu sagen: „Hey, ich will auch Fußball spielen“. Deswegen sind wir uns mit St. Pauli da sehr einig und beide Teams machen sehr viel, damit der Sport vorankommt.

Ihr seid eines von nur drei deutschen Blindenfußball-Teams unter dem Namen eines großen Vereins. Wie seid ihr zum CFC gekommen?

Über Jana Schlegel – eine Spielerin. Denn bei uns dürfen auch Frauen mitspielen. Es gibt zu wenige Frauen, die den Sport betreiben, um eine eigene Liga zu organisieren.

Der Fußball lief erst unter dem Dach des SFZ Förderzentrums, aber das ist natürlich ein riesiger finanzieller Aufwand, den wir jedes Jahr stemmen müssen: Die Reisen sind weit, wir brauchen viele Übernachtungen und die Ausrüstung ist teuer. Und da hatte Jana die Idee, dass wir den CFC fragen. Es wäre doch schön unter dem Namen von so einem Verein zu spielen und das Emblem auf der Brust zu tragen. Und dann hat sie Dr. Eberhard Langer, den Vorsitzenden des Fördervereins, überzeugt. Seit 2008 gehören wir jetzt zum Verein und der CFC kümmert sich um alles: Unterkünfte, Trikots, Bälle, Kopfschützer – das kostet ja alles Geld.

Jetzt mehr zu dir, Michael. Wie bist du zum Blindenfußball gekommen?

Ich arbeite seit 2006 im SFZ Förderzentrum auf der Flemmingstraße – eine große Einrichtung mit verschiedenen Behinderungsarten, aber überwiegend Leute mit Sehbehinderung. Hier gehen sie zur Schule oder machen eine Ausbildung. Ich arbeite im Internat und betreue Leute aus ganz Deutschland, die bei uns einen Beruf erlernen. Wir haben mit Leuten, die einen Sehrest haben, ganz „normales“ Fußball gespielt, und ich habe sie trainiert. Dann wurde ich Ende 2009 gefragt, ob ich den Blindenfußball übernehmen will. Seitdem bin ich dabei.

Ist das etwas Besonderes für dich – mit blinden Menschen Fußball zu spielen?

Ich habe schon immer irgendwelche Herausforderungen gesucht. Es würde mich nicht reizen mit der besten Mannschaft der Welt anzutreten. Mir gefallen Mannschaften, die immer unten in der Tabelle stehen und sich gegen stärkere hochkämpfen müssen. Als ich die Mannschaft übernommen habe, standen wir unten, haben fast alles verloren und kaum Tore geschossen. Das war mal eine Herausforderung: Erstens sind sie blind und zweitens nicht besonders gut. Das nach vorne zu bringen und den Leuten trotzdem Spaß am Fußball zu vermitteln, das war eine geile Sache.

Und na klar ist das etwas Besonderes. Wer kann denn schon sagen, dass er blinde Fußballer trainiert? Jeder Mensch, dem du das erklärst, sagt: „Hä, kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Was mir wirklich wichtig ist, ist zu zeigen, was Menschen mit Handicap, die vom Leben gebeutelt worden sind, leisten können. Außer, dass diese Menschen schlecht sehen, ist an denen nichts anders. Das ist ein Schnitt durch die Gesellschaft. Mit denen kann man reden, Spaß haben und das Leben genießen. Da muss man gar nicht verkrampft sein. Selbst, wenn man mal etwas Falsches sagt – bei sehenden Menschen tritt man schließlich auch mal ins Fettnäpfchen.

Denkst du, dass es für die Blinden, die du im Team betreust, auch etwas Besonderes ist?

Auf jeden Fall! Alle sagen das. Das ist der einzige Sport, in dem du dich als Blinder frei bewegen kannst. In jedem anderen Sport musst du eine Begleitperson mit dabei haben. Hier haben sie die Chance alleine und frei übers Feld zu rennen. Das ist für die das Größte. Jörg Fetzer zum Beispiel ist jetzt 43 Jahre alt und hatte einen Bandscheibenvorfall. Jeder andere würde aufhören Fußball zu spielen, aber für ihn ist das mit das Größte in seinem Leben.

Hast du mal selbst ausprobiert, dir eine Augenbinde aufzusetzen und Fußball zu spielen oder bist du sogar mal so durch die Stadt gegangen?

Das hab ich alles schon gemacht. Dadurch, dass ich im Blindenzentrum arbeite, mache ich natürlich auch Weiterbildungen in Orientierung und Mobilität. Da rennst du mit einem Stock über den Kaßberg. Das ging zwei Tage und war schon echt anstrengend. Ich hab auch schon selbst gegen meine Fußballer gespielt. Einfach, damit man mal dieses Gefühl dafür kriegt. Man muss einfach sagen: Gerade nach dieser Weiterbildung war ich, obwohl ich jetzt schon einige Jahre in dem Bereich arbeite, erschrocken, wie anstrengend das ist.

Manchmal denkt man ja auch als Trainer: „Mensch, das muss doch gehen.“ Nein, es geht eben manchmal nicht, weil sie an dem Tag auch noch arbeiten waren und dann erwischst du auch mal einen Tag, an dem es nicht mehr so gut geht. Deswegen ist es auch gut, dass selber mal zu machen und das war mir auch wichtig, um zu verstehen, dass die alltäglichsten Dinge viel anstrengender für Blinde sind.

Gibt es etwas, was du in deiner Arbeit mit blinden Menschen gelernt hast? Zum Beispiel Dinge ganz anders wahrzunehmen?

Man sagt ja: Der Mensch ordnet neue Personen nach ein paar Sekunden – nur vom ansehen – in sympathisch und unsympathisch. Da kannst du gar nichts dagegen machen, das steuert dein Gehirn. Das ist ja das Schlimme an der neuen Welt. Da geht es nur nach Äußerlichkeiten: Hab ich die Hose an, hab ich die Jacke an, hab ich ein iPhone, hab ich jenes…

Das gibt es bei Blinden nicht. Das merkt man in den Gesprächen mit ihnen. Die haben manche Sachen dann ganz anders wahrgenommen. Weil sie nicht beeinflusst worden sind, sondern zugehört haben. Und nonverbale Kommunikation funktioniert nicht, da muss man sich dann auch klar ausdrücken. Das hab ich von den Blinden gelernt.

Wie lange lebst du schon in der Stadt?

Solange ich lebe – 36 Jahre. Ich bin hier geboren. Ich will hier auch nie weggehen. Warum auch? Ich hab einen schönen Job. Ich bin da total zufrieden, weil ich das machen kann, was ich schon immer machen wollte: Mit Menschen arbeiten. Ich liebe die Stadt und kenne hier viele Leute. Ich spiele selber noch Fußball und engagiere mich im Club Heinrich auf der Heinrich-Schütz-Straße und hab mal die Basketballer der Niners zwei Jahre mit betreut… Chemnitz ist ja schön.

Was magst du an der Stadt?

Was mir an Chemnitz gefällt, ist, dass es nicht zu groß ist. Berlin zum Beispiel ist zu groß, zu oberflächlich. Ich bin da regelmäßig. Ich fühle mich dort nicht wohl. Da kümmert sich der eine nicht um den Nächsten. Chemnitz hat eine schöne Größe – nicht Provinz, aber auch keine riesige Großstadt. Schön überschaubar. Und Chemnitz ist schön grün, das wissen viele gar nicht. Und zusätzlich bist du ratz-fatz in der Natur. In Berlin bist du dafür vier Stunden unterwegs und musst noch Nerven lassen. Die Sachsen sind auch ein geiles Volk. Ich bin für mein Leben gern ein Sachse und lass das auch raushängen. Ich werde den Teufel tun, zu verbergen, dass ich sächsisch spreche. Ich komm von hier und da bin ich stolz drauf.

Wie gehen die Chemnitzer mit dem Thema Behinderung und speziell mit Blindheit um?

Wie alle anderen Menschen auf der Welt auch. Das ist für viele etwas Neues und vor neuen Dingen haben die Menschen Angst. Angst davor, etwas falsch zu machen. Anstatt einfach mal hinzugehen und zu fragen – das kann man mit Blinden genauso machen, wie mit anderen auch – glotzen viele nur. Von der Entfernung hingucken, anstatt etwas zu machen, das ist in Chemnitz, wie in allen anderen Städten auch. Das ist überall das Gleiche und das kann dir jeder Mensch mit Handicap bestätigen. Das nervt mich, aber das hat mit Chemnitz nichts zu tun.

Muss man den Chemnitzern Mut machen, zu Ihrer Stadt zu stehen?

Das ist auch das Tolle bei uns im Team: Wir haben in den ersten Jahren alles verloren und trotzdem nie aufgegeben. Weil wir uns gegenseitig Mut machen. Ich hab noch nie so eine Mannschaft erlebt. Die haben den Spaß nie verloren. Das ist einmalig. Ich kenne viele Mannschaften, die hätten schon dreimal die Segel gestrichen. Und jetzt kommen die Erfolge.

Mut machen kann man immer jedem Menschen. Das ist das schöne am Leben und deswegen mache ich auch den Sport. Und das braucht vielleicht auch die Stadt. Viele wissen vielleicht gar nicht mehr, dass Chemnitz eine Industriestadt ist. Die ist mit harter Arbeit erbaut worden. Leipzig handelt, Dresden verprasst das Geld und wer arbeitet in Sachsen? Die Chemnitzer! Das ist etwas, worauf man absolut stolz sein kann und wir lassen uns dann immer so ein bisschen unterbuttern. Wir haben so viele Stärken. Und deswegen Mut machen, immer wieder! Ich bin gerne hier und deswegen auch stolz, Trainer von Chemnitz zu sein. Wir sind die einzige Ostmannschaft im Blindenfußball! Wir brauchen den Mut. Das sieht man auch auf dem Feld, wo wir alle zusammenhalten müssen.

Michael hat über dem Gespräch völlig vergessen, dass er noch essen wollte. Jetzt trinkt er seinen inzwischen kalten Kaffee auf einen Zug und löffelt rasch die Suppenschüssel leer. Dann ist er wieder auf dem Sprung – Vorbereitungen treffen für Hamburg.

 

9 0 15. Oktober 2014 gepostet am

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