Dr. Sascha Gruner
Leiter Schülerlabor "Wunderland Physik"

Macher der Woche

Platz für Ideen im „Wunderland Physik“

Im Erdgeschoss des neuen Physikgebäudes der TU Chemnitz befindet sich das große Physiklabor. Junge Menschen sitzen an Computern, führen Messungen durch, bauen Experimente auf, sprechen über Ergebnisse und Kausalitäten. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass diese vermeintlichen Studierenden gar keine sind. Sondern Schüler, die sich in den Winterferien getroffen haben, um im Schülerlabor „Wunderland Physik“ der TU an ihren Ideen zu arbeiten. Unterstützt werden sie dabei von Dr. Sascha Gruner, der das Schülerlabor leitet.

Wie entstand denn die Idee, hier ein Schülerlabor für Physik zu eröffnen?

Das Schülerlabor gibt es jetzt seit zehn Jahren. Wir hatten die Idee, unsere Physiklabore auch für Schüler zu öffnen. Dafür gab es ein bundesdeutsches Programm, das außerschulische Lernorte fördert. Die enge Anbindung an den Physikunterricht hat sich bei uns dann schnell entwickelt.

Wie kommen Schulklassen zu Ihnen?

Der Fachleiter der Schule fragt bei uns an, ob er mit seiner Klasse her kommen kann. Wir brauchen eine gewisse Vorbereitungszeit, um dann entsprechend der Klassenstufe das richtige Projekt anzubieten und dann kommt die Klasse her und macht ihre Doppelstunde Physik bei uns. Wichtig dabei ist, dass die Experimente, die wir hier mit den Schülern machen, anschließend in den „normalen“ Unterricht in der Schule mit eingebaut und nachbesprochen werden.

Kommen sie wieder, wenn sie einmal hier waren?

Es gibt Lehrer, die das Angebot hier im Schülerlabor sehr gern nutzen. Es ist schon so, dass die, die es einmal kennengelernt haben regelmäßig mit ihren Klassen kommen und die Schüler einmal im Jahr im Schülerlabor sind – bis zur zwölften Klasse.

Aber, das hier ist keine Freizeit. Der Besuch des Schülerlabors gehört zum Unterricht und ist nicht freiwillig. Somit kommt die ganze Klasse.

Wenn die ganze Klasse her kommt, dann sind ja sicherlich auch welche dabei, denen die Physik nicht so viel Spaß macht, wie anderen. Wie motivieren Sie solche Schüler?

Hier ist das eigentlich gar kein Problem. Es kommt äußerst selten vor, dass sich ein Schüler mal total verweigert. Das macht schon die besondere Umgebung des Labors aus. Das ist hier was anderes als Schule. Man ist weg vom Schulgebäude, hat hier eine besondere Ausstattung, die Schüler arbeiten in Zweiergruppen, sodass für jeden auch immer etwas zu tun ist. Wir können hier auch Experimente durchführen, die im Physikzimmer der Schule so nicht möglich sind. Sei es aufgrund der Ausstattung oder der Zeit. Die Lehrer bereiten die Schüler ja auch darauf vor, was sie hier erwartet.

Dr. Sascha Gruner sagt von sich „Ich war zur rechten Zeit am rechten Fleck“. Der gebürtige Oberwiesenthaler hat an der TU Chemnitz Physik studiert, anschließend promoviert. Seit 2012 leitet er das Schülerlabor „Wunderland Physik“ der Universität und ist damit eine Art Schnittstelle zwischen Schule und Uni. Knapp 3000 Schüler können sich im Jahr im Schülerlabor ausprobieren, genau dort, wo Studenten auch arbeiten.

Kommen Schüler dann auch in ihrer Freizeit hier her?

Das kommt natürlich vor. Schüler arbeiten hier an größeren Projekten, wie zum Beispiel für „Jugend forscht“ und die BeLL (Besondere Lernleistung für die Schule, Anm. d. Red.). Aber das ist nicht das Kerngeschäft. Solche Forschungen von Schülern fordern eine intensive Betreuung und man braucht dafür Zeit, da ja auch die Schüler nur ein kleines Zeitfenster haben. Gerade in den elften und zwölften Klassen haben die Schüler teilweise bis 16, 17 Uhr Unterricht. Irgendwann wird es dann schwierig die Zeit aufzubringen.

Wie wird das Schülerlabor von den Lehrern angenommen?

Sicherlich hatten wir nicht von Anfang an die Schülerzahlen im Labor, wie das jetzt ist. Aber an sich hat sich das sehr schnell rumgesprochen und wurde gut von den Lehrern angenommen. Die Fachlehrer erkannten sehr schnell den Vorteil und konnten dann entsprechend auch bei der Schulleitung argumentieren. Wir laden die Lehrer immer wieder zu Weiterbildungen ein, knüpfen somit neue Lehrerkontakte. Wir versuchen hier für alle Klassenstufen etwas Praktisches anzubieten. Mit genügend Vorlauf, auch etwas, was wir noch nie angeboten haben – uns fällt eigentlich immer etwas ein.

Gibt es Schüler, die hier im Schülerlabor waren und sich dann für ein Studium der Physik an der TU entschieden haben?

Es gibt schon Gesichter, die man wiedererkennt. Allerdings nicht, wenn diese einmal mit ihrer Klasse im Schülerlabor saßen und hier experimentiert haben – dazu sind es zu viele. Das sind dann eher die Schüler, die hier an ihrem eigenen Projekt gearbeitet haben. Zum Beispiel eben für „Jugend forscht“ und für eine BeLL. Schüler, mit denen man quasi über einen längeren Zeitraum zusammengearbeitet hat. Allerdings kann ich nicht sagen, ob das Schülerlabor mehr Studenten für die Physik hervorbringt oder nicht. Solch eine Messung haben wir nicht. Aktuell aus dem vergangenen Jahr haben wir zwei, deren Projekte wir mit betreut haben und die jetzt Physik an der TU studieren. Das kommt also durchaus vor.

Hat das Schülerlabor oder das Institut für Physik hier einen guten Ruf?

Das Schülerlabor ist so, wie wir es hier haben sachsenweit einzigartig. Uns besuchen nicht nur Schulen aus Chemnitz, sondern aus ganz Sachsen. Einmal im Jahr kommt zum Beispiel das Gymnasium aus Pirna, die für drei Tage in Chemnitz sind. Das Projekt läuft in Kooperation mit der Jugendherberge am Getreidemarkt. Das Programm nennt sich „Auszeit mit Köpfchen“. Einen Tag sind die Schüler dann bei uns im Labor mit einem Angebot passend je nach Klassenstufe.

Als Institut haben wir natürlich die grundlegende Physikausbildung. Chemnitz ist traditionell ein „Festkörper-Standort“. Das heißt, dass wir hier im Besonderen an Festkörpern forschen, Halbleitertechnologie usw. Zusätzlich haben wir eine starke Optik-Komponente. Und wir haben mit „Sensorik und kognitive Psychologie“ einen bundesweit einmaligen Studiengang. Das ist ein Kooperationsstudiengang mit dem Institut der Psychologie. Dabei geht um die Schnittstelle Mensch-Maschine.

Das Schülerlabor gibt es jetzt seit zehn Jahren. Gibt es Höhepunkte der vergangenen Jahre?

Wir haben hier viele tolle Sachen und Projekte auf die Beine gestellt. Schon alleine, dass hier immer wieder neue interessierte Schüler kommen und wir denen etwas mitgeben können, ist einfach toll. Dann haben wir natürlich immer Highlights, wenn Schüler an ihren eigenen Projekten arbeiten und mit „Jugend forscht“ Preise gewinnen, einfach tolle Arbeiten dabei herauskommen. Auch unsere Veranstaltungen für die Kinderuni machen immer viel Spaß. Wir haben uns in den vergangenen Jahren für den Grundschulbereich geöffnet. Das hängt damit zusammen, dass die Uni auch einen Lehramtsstudiengang für Grundschulen betreibt. Da haben wir Studenten dabei, die Interesse haben, die Physik schon mit in die Grundschulen zu tragen und dort sehr viel zu experimentieren.

Wie sind denn die Studienbedingungen in Chemnitz?

Wir sind hier relativ klein, haben eine überschaubare Studentenzahl. Dadurch haben sie auch einen direkten Kontakt zu den Lehrkräften. Es gibt bei uns keine ewig langen Wartezeiten bei den Sprechstunden. Wir können bei den Abschlussarbeiten eine individuelle Betreuung anbieten. Unser Praktikumslabor ist sehr groß, somit ist eine praktische Ausbildung sehr gut möglich.

Und weg von den Mauern der Universität, wie empfinden Sie die Stadt?

Na Chemnitz ist doch eine schöne Stadt, oder? Also, da gibt es gar keine Frage. Ich würde hier im Vergleich zu anderen Städten keinerlei Abstriche machen. Warum auch? Chemnitz ist eine wunderbare Stadt. Jeder muss natürlich seine eigenen Interessen finden. Aber hier gibt es viele Angebote, eine super Infrastruktur, auf dem Campus ist sehr viel passiert. Kurze Wege…

Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Naja, es ist ja auch schwierig. Wenn man Menschen von außerhalb beschreiben möchte, wo Chemnitz liegt, dann macht man automatisch den Vergleich mit Dresden und Leipzig auf, da man sagt „Chemnitz liegt mit Dresden und Leipzig quasi in einer Art Dreieck“. Aber der Vergleich muss gar nicht sein. Wir haben ein super Theater, wir haben das Erzgebirge direkt vor der Tür. Die Uni ist super. In der Innenstadt gibt es viele tolle Angebote. Chemnitz ist super!

17 1 24. Februar 2016 gepostet am

1 Kommentar

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  • folien 20. Dezember 2016 - 12:00 Antworten

    Ich finde es wirklich klasse, dass Sie sich all diese Mühe machen und die Informationen mit uns teilen. Danke dafür.
    Gruß Karin