Arbeitsgruppe Geschichte des Stadtverbandes Chemnitzer Kleingärten e. V..

Macher der Woche

Seit 100 Jahren: Chemnitz, die organisierte Kleingartenstadt

„Vom Spießer mit Gartenzwerg sind wir weit entfernt.“, sagt Heiko Dittrich, Leiter der Arbeitsgruppe Geschichte des Stadtverbandes Chemnitzer Kleingärten e. V.. Gemeinsam mit Roland Kaden und den Mitgliedern der 180 Kleingartenvereine in Chemnitz begehen sie in diesem Jahr ihr 100. Jubiläum. Dies nimmt der Stadtverband zum Anlass und erstellt mit viel Herzblut einen Bildband, der Kleingartenvereine abbildet. Auch die Chronik des Kleingartenverbandes wird aktualisiert.

Wie begeht man 100 Jahre Stadtverband Chemnitz der Kleingärtner e. V.?

Roland Kaden: Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums gibt es im ganzen Jahr verschiedene Höhepunkte. Die Ehrenamtsveranstaltung im November wird der krönende Abschluss sein.

Heiko Dittrich: Alle zwei Jahre findet diese Ehrenamtsveranstaltung mit etwa 500 geladenen Gästen aus dem Kleingartenwesen statt. Dort ehren wir als Stadtverband verschiedene Mitglieder und Menschen, die Besonderes geleistet haben. In den vergangenen Jahren waren wir dafür in der Mensa in der Reichenhainer Straße. Für dieses Jahr sind die Planungen noch nicht ganz abgeschlossen. Vielleicht gehen wir in die Messe Chemnitz oder in das Stadion Chemnitz.

Bei welchem Höhepunkt des Jubiläums kann die breite Öffentlichkeit teilhaben?

Dittrich: Die Öffentlichkeit kann an den Vereinsfesten teilnehmen, die in diesem Jahr stattfinden. Wir haben mehrere Vereine die 100 Jahre alt werden. Der Stadtverband beteiligt sich an diesen Festen. Für das Jubiläum erarbeiten wir einen Bildband, der im Spätherbst erscheinen soll. Das ist eine große Aufgabe für uns. Es entsteht ein 200-seitiger Bildband über alle 180 Kleingartenvereine des Stadtverbandes. Unsere 15.000 Mitglieder können sich dort vielleicht selbst wiederfinden. Es werden Gärten gezeigt, Vereinsheime und Aktivitäten im Verein. Es gibt historische Bilder und Luftbilder. Vor allem Roland Kaden wirkte bei der Zusammenstellung gemeinsam mit unserer Arbeitsgruppe Geschichte und der Arbeitsgruppe Chronik mit.

Eine zeitweilige Arbeitsgruppe Geschichte, die seit Herbst 2016 besteht, setzt sich aus 18 Kleingärtnern bzw. Chronisten zusammen: Heiko Dittrich, Karl-Heinz Renner, Armin Menzer, Barbara Schubert, Marco Köstner, Martin Neumann, Jürgen Kosche, Sabine Brauer, Steffen Lexow, Helga Bünning, Roland Kaden, Frank Haubold, Lutz Siegert, Cordula Steinz, Edda Grünert, Konrad Kunze, Sigrid Kunze und Anett Quanz. Gemeinsam arbeiten sie die Geschichte des Stadtverbandes und des Kleingartenwesens in Chemnitz auf. So erschien im vergangenen Jahr ein aufwendig recherchierter Beitrag zur Geschichte des Kleingartenwesens in Chemnitz anlässlich des 100jährigen Jubiläums im Chemnitzer Roland. In diesem Jahr wird ein großer Bildband über das Kleingartenwesen herausgegeben und aktuell arbeiten Chronisten an der Erweiterung der Chronik um die Jahre 2009 bis 2019. Es werden Höhepunkte, Ereignisse, Veränderungen und Aktivitäten des Stadtverbandes aufgezeigt.

Wie und warum ist man auf die Idee gekommen, die Geschichte des Kleingartenwesens aufzuarbeiten?

Kaden: Das hängt mit der Traditionsarbeit in den Verbänden und Vereinen zusammen, die seit Jahrzehnten gepflegt werden. Deswegen wurde eine Arbeitsgruppe Geschichte beim Stadtverband gegründet. Zu VKSK-Zeiten (Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter, zu DDR-Zeiten, Anm. d. Red.) gab es das in dieser Form nicht.

Dittrich: Während der DDR-Zeit gab es schon verschiedene Aktivitäten auch in Richtung Geschichte. Beispielsweise als Fotozirkel. Erst nach der Wende ist die Arbeitsgruppe entstanden, eigentlich erst ab dem Jahr 2004. Seitdem gibt es jährlich Stammtische und somit Erfahrungsaustausch zwischen den Chronisten in der Stadt. Für 180 Vereine gibt es zwischen 40 bis 50 Chronisten. Ein Ziel der Arbeitsgruppe ist es, für jeden Verein einen Chronisten zu finden. Aber es gibt auch Vereine, die mit der Chronik wenig am Hut haben.

Muss man für eine Chronik eine Leidenschaft entwickeln?

Dittrich: Richtig. Wenn diese Leidenschaft nicht vorhanden ist, dann wird es schwierig. In den überwiegenden Fällen ist es so, dass sich jemand findet, der wie Sie sagen „Leidenschaft“ hat und das aufarbeitet und regelmäßig weiterführt. Alles vom vergangenen Jahr wird niedergeschrieben mit Bildmaterial usw. Da hat man es bedeutend einfacher, daraus eine Chronik entstehen zu lassen. Manche machen das in Form eines Kalenders, in dem auch Termine stehen und auf der Rückseite die Vereinsgeschichte oder mittels DVD in Bildmaterial. Heutzutage hat man viele Möglichkeiten. Es muss ja nicht die Chronik in dieser gedruckten Form sein.

Woher nehmen Sie die Informationen, wenn solche Formate nicht vorhanden sind?

Kaden: Das ist Archivmaterial aus den Vereinen, aus den Verbänden, aus dem Kleinkartenmuseum in Leipzig, aus Staats- und Stadtarchiven.

Dittrich: Wir nutzen das Stadtarchiv, das Freie Presse Archiv, die Stadtbibliothek und natürlich hauptsächlich die Archive der einzelnen Vereine, wenn ein solches vorhanden ist. Wir haben Bildmaterial zusammengetragen und Texte erarbeitet. Und das alles in ehrenamtlicher Hobbyarbeit der Arbeitsgruppe. Aber unser Hauptwerk in diesem Jahr ist für alle Mitglieder der Bildband mit den 180 Vereinen. Hier steckt ganz viel ehrenamtliche Arbeit drin. Jeder von uns investiert sehr viel Zeit für diesen Bildband.

Haben Sie die Aufnahmen für den Bildband selbst angefertigt?

Kaden: Ja, alle. Weitgehend waren daran fast alle Chronisten der Arbeitsgruppe beteiligt. Das war ein unwahrscheinlicher Aufwand und eine großartige Teamarbeit.

Dittrich: Manche haben die Bilder bereitgestellt, bei manchen war es schwierig, Bildmaterial zu bekommen. Unser Verband ist ein freiwilliger Zusammenschluss – es ist eine Freiwilligkeit. Da haben wir uns in der Arbeitsgruppe bereit erklärt, zu den Vereinen hinzufahren und dort Fotos zu machen. Das ist natürliche alles mit Arbeit und vor allem Zeit verbunden.

Woher kommt bei Ihnen diese Leidenschaft für das Chronistenthema?

Kaden: Ich habe mich in meiner frühen Jugendzeit schon für Geschichten und Geschichte interessiert. Besonders für alles, was mit Stadtgeschehen und geschichtlicher Entwicklung zu tun hatte. Wenn man so will, bin ich mit 17 in einem Kleingarten gewesen, da habe ich mich mit der ganzen Sache vertraut gemacht. Es gab schon damals gute Leute, die chronistische Tätigkeit führten. Da habe ich mein Herzblut für das Kleingartenwesen und den Kleingarten entdeckt. Ich war dann seit den 1960iger Jahren über 40 Jahre im Vorstand des Kleingartenvereins Kappel, zu deren Vorsitzenden ich 1971 gewählt wurde. Dieser Verein war 1960 einer der schönsten und einer der größten mit Rund 510 Gärten in Karl-Marx-Stadt. In den 70iger Jahren bin ich dann beim Stadtverband im Vorstand tätig gewesen, später Stadtbezirksvorstand – alles ehrenamtlich – und hab der Sache nicht loslassen können und bin so in das Vereins- und Kleingartenwesen voll hineingewachsen.

Dittrich: Ich bin mit dem Kleingartenwesen groß geworden. Schon aus der Kindheit durch meine Oma die in Limbach-Oberfrohna einen Kleingarten hatte. Dort bin ich von Kind an im Kleingarten gewesen, interessiere mich persönlich auch für die Orts- und Heimatgeschichte und hab seit Anfang der 1990iger Jahre gemeinsam mit einem Bildverlag ein Buch über Limbach-Oberfrohna rausgebracht, „Geschichte einst und jetzt“ da war ich gerade Anfang 20. Nach dem Umzug nach Chemnitz habe ich mit meiner Frau einen Kleingarten in Chemnitz genommen – in unserem Verein Luisenhöhe. Im Jahr 2004 wurde der Verein 100 Jahre und wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, eine Chronik für den Verein zu schreiben. Somit bin ich dann zum Stadtverband in die Arbeitsgruppe gekommen und hab dann seit 2004, in der Arbeitsgruppe im Stadtverband meine Tätigkeit angefangen, später die Leitung der Arbeitsgruppe übernommen. Somit ist eigentlich das Beruflich und das Private – also mein Hobby – generell die Geschichte und natürlich auch die Geschichte im Kleingartenwesen zusammengekommen. Ich war – wie auch Herr Roland Kaden – Mitautor der Chronik, die wir 2009 herausgegeben haben

Mittlerweile habe ich die Erfahrung gemacht, dass es nicht nur die älteren Menschen sind, die dieses Kleingartenwesen betreiben. Der Kleingarten ist jung geworden – wie sieht es aktuell dort aus.

Dittrich: Aktuell gibt es einen Wandel der Altersstruktur. Es gibt noch viele Vereine, die haben einen Altersdurchschnitt von 60 plus. Aber es gibt mittlerweile auch Vereine, da ist der Durchschnitt schon unter 50 gesunken. Viele junge Leute versuchen sich im Kleingartenwesen. Und das spricht sich auch rum. Es ist ein schönes Freizeithobby, sich im Kleingartenwesen zu erholen, selbst Obst und Gemüse anzubauen, es wachsen zu sehen und sich bei manchen erstmal zu versuchen und auszuprobieren. Es gibt viele junge Leute, die verbringen ihren Urlaub im Garten.

Ist Chemnitz für einen Kleingärtner eine schöne Stadt?

Kaden: Chemnitz war seit jeher eine vorbildliche Stadt im Grünen, eine richtige Oase. Chemnitz ist eine einmalige Stadt in den Denkmälern, Grün- und Parkanlagen. Ich würde sagen, da hat Chemnitz eine Vorbildwirkung in Sachsen und in ganz Deutschland.

Dittrich: Ja, um mal als Beispiel die „Gartenstadt Gablenz“ aus den 20-iger Jahren zu benennen. 1919 ist ja unser Verband gegründet, mit Dr. Walter Oertel als Gründer. Er hat sich mit dem Verein zur Bekämpfung der Schwindsucht sehr engagiert. In erster Linie, weil die Fabrikarbeiter eben etwas Grünes brauchten. Nach dem ersten Weltkrieg 1919 sind sehr viele Kleingärten entstanden und 1929 war Chemnitz die Stadt mit der größten Kleingartendichte. Weiterführend ist im Jahr 1937 der Goldene Spaten an die Stadt Chemnitz verliehen worden. Daher kann man sagen, seit 100 Jahren ist Chemnitz die Kleingartenstadt. Auch in DDR-Zeiten, da hauptsächlich ab den 1970-iger Jahren, sind weitere viele Kleingartenanlagen hinzugekommen. Es wurden Wasser-, Stromleitungen gebraucht und Wege installiert. Also die gesamte Infrastruktur geschaffen, Gartenheime errichtet und so weiter.

Das Kleingartenwesen ist ja auch Kultur- und Kulturgut. Wir wollen 2025 Kulturhauptstadt werden. Was kann das Kleingartenwesen dazu beitragen?

Dittrich: Auch im Kleingarten bietet Platz für soziale und kulturelle Projekte. Beispielsweise kommen Kindergartengruppen in den Kleingarten und pflegen Beete. Es gibt Seniorengärten. Weiterhin haben wir Fachberatergärten in den Vereinen, die sich die Mitglieder anschauen können. Dann hatten wir 2018 in der „Vereinten Kraft“ das Kunstfestival „Begehungen“. Dort konnten sich in leeren Gärten Künstler für 14 Tage verwirklichen. Da kann sich das Kleingartenwesen mit Ideen und Projekten auch in Richtung Kultur einbringen. Wir hatten schon Lesungen, wir hatten schon einen Gottesdienst – das sind alles Sachen, die man nicht unbedingt mit einem Kleingartenverein in Verbindung bringt. Vom Spießer mit Gartenzwergen sind wir weit entfernt.

0 0 12. Juli 2019 gepostet am

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