Angela Malz
Direktorin der Universitätsbibliothek der TU Chemnitz

Macher der Woche

Universitätsbibliothek in neuen Räumen

Einer der größten Umzüge der jüngeren Stadtgeschichte geht in den nächsten Tagen zu Ende. Die Zentralbibliothek der Technischen Universität eröffnet nach sechsjähriger Bauzeit Anfang Oktober in der Alten Aktienspinnerei. Dann befinden sich alle drei dezentralen TU-Bibliotheksstandorte, die beiden Campusbibliotheken und die Zentralbibliothek, sowie das Universitätsarchiv an einem Ort konzentriert. Für Angela Malz, Direktorin der Universitätsbibliothek der TU Chemnitz, die Gelegenheit, endlich einmal wieder durchzuatmen.

Die Vorbereitungen für den Umzug begannen bereits 2015. Sehen Sie jetzt Licht am Ende des Tunnels oder sind die Nächte weiterhin kurz?
Die sind noch immer kurz, weil der Umzug weiterhin in vollem Gange ist. Wir haben bereits mehr als die Hälfte geschafft. Es läuft richtig gut, weil die Umzugsfirma richtig gut ist und auch meine Kollegen richtig gut sind. Vier Standorte zu einem vereinen, bedurfte einer logistischen Meisterleistung. Wo steht welches Buch in welchem Regal. Wir sind mit Lineal und Metermaß durch die Bibliotheken und haben den Bestand ausgemessen, so dass der Umzug ziemlich flutscht. Es gibt jedoch neben dem Umzug noch mehr zu bedenken. Nicht nur die Bücher, sondern auch andere Dinge bis hin zum Hygienekonzept. Das ist eine Fülle von Themen, die meine Tage und teilweise Nächte füllen.

Es ist wahrhaftig ein Umzug der Superlative. Mehr als 1,2 Millionen Bücher und Zeitschriften ziehen in die 12.3000 Quadratmeter umfassende neue Universitätsbibliothek. 38 Kilometer Bibliotheks- und Archivgut müssen in die einst größte Spinnerei Sachsens bewegt werden. Rund 53 Millionen Euro wurden verbaut. Ab Oktober steht den Nutzern ein Lern- und Kommunikationszentrum mit mehr als 700 Arbeitsplätzen für alle Lerngewohnheiten zur Verfügung. „Von stillen Einzelarbeitsplätzen im Lesesaal und Lesekabinen bis hin zu Plätzen im Lern- und Kommunikationsbereich für Gruppenarbeit. Ein Lesegarten lädt zum Open-Air-Lernen ein“, so Angela Malz. „Dieses Haus ist dann auch hoffentlich ein Magnet für die Chemnitzer.“ Die Erwartungen sind groß. Das hat die Bibliotheksdirektorin schon einige Male festgestellt. „Das Haus rief schon in der Bauphase viel Interesse hervor. Bei Vorträgen oder zum Tag der Architektur waren Menschenschlangen vor der Tür und wollten hinein.“

Der Termin für die Eröffnung Anfang Oktober steht? – Ich hoffe, dass wir Anfang Oktober soweit sind, auch hinsichtlich der Hygienebestimmungen. Wir hatten uns vor der Corona-Pandemie vorgenommen, sechs Monate nach der Eröffnung Bibo zu üben (lacht). Wir sind jetzt vier feste Teams, die an vier verschiedenen Stellen arbeiten. Ab Oktober arbeite wir alle gemeinsam unter einem Dach, mit neuen Arbeitsvorgängen, neuer Technik, mit der man sich vertraut machen muss. Das geht nicht von heute auf morgen. Deshalb sage ich ironisch, dass wir erst noch üben müssen. Ab
1. April 2021, das ist kein Scherz, werden wir eine sogenannte 24/7-Bibliothek. Unser gesamtes Angebot steht rund um die Uhr zur Verfügung. Das stellt ein Alleinstellungsmerkmal für die TU in Sachsen dar.

Wie funktioniert das System der 24/7-Bibliothek?
Wir setzen sehr viel Vertrauen in unsere Nutzer. In der Teilbibliothek im Pegasus Center haben wir schon viele Jahre zwischen 19 und 24 Uhr kein Personal mehr, sondern nur einen Wachdienst. Das hat geklappt und die Nutzer verhalten sich genauso wie sie sich tagsüber verhalten.

In einem früheren Interview sagten Sie, dass Sie viele Ideen für die neue Bibliothek in der Schublade haben. Woher haben Sie diese genommen?
Ich habe den Beruf der Bibliothekarin noch so richtig gelernt (lacht). Bibliotheken haben sich im Laufe der Zeit entwickelt. Früher waren es lediglich Orte für Bücher, die im Regal standen. Und jeder Kunde hat die Bibliothekarin „gestört“, weil er Unordnung fabrizierte, Eselsohren in die Bücher hineingemacht hat und seine Getränke auch noch mitbrachte.

Dieses Bild hat sich nun total gewandelt. Bibliotheken bestehen zwar immer noch hauptsächlich aus Büchern, aber inzwischen sind es vor allem Häuser oder Räume für Menschen geworden. Und die wollen sich auf verschiedene Art und Weise aufhalten. Das haben wir auch in vielen anderen Bibliotheken beobachtet. Außerdem haben wir unsere Nutzer befragt, was sie sich wünschen. Da war der Wunsch, dass es Räume gibt, für alle Nutzergewohnheiten. Wo man auch einen Kaffee trinken und sich ungezwungen unterhalten kann. Aber auch Bereiche, wo es wirklich ganz still ist. Bei uns im Haus ist es so: je höher man kommt, desto ruhiger wird es. In der letzten Etage sind 20 abschließbare Lesekabinen mit Blick auf den Lesesaal. Wer also totale Stille braucht, kann sich so eine Kabine mieten.

Haben Sie sich zur Inspiration viele Bibliotheken angeschaut?
Wir haben uns viele angeschaut und inspirieren lassen. Wir hatten dann alle ein Bild von einer Bibliothek im Kopf. Als später der Architekturwettbewerb für den Ausbau der Alten Aktienspinnerei lief und der Siegerentwurf präsentiert wurde, habe ich gestutzt. So stellte ich mir eigentlich keine Bibliothek vor. Im Laufe der Zeit habe ich mich aber in den Entwurf verliebt und kann mir keinen besseren vorstellen. So viele hochwertige Materialien, die schönen Decken mit den Stangen und den Säulen im Raum. Außerdem die originalgetreu nachgebauten Fenster aus dem 19. Jahrhundert. Das alles prägt das Haus und gibt ihm einen Charakter.

Vergleich mit der Kulisse von den Harry Potter-Filmen wurde laut?
Ich bin kein Harry Potter-Fan. Aber den Vergleich habe ich schon gehört. Das passt auch.

Die Alte Aktienspinnerei entstand ab 1857 infolge der Gründung einer Aktiengesellschaft als damals größte Spinnerei Sachsens. Das Gebäude bestand vor allem aus Brandschutzgründen aus Eisen und Stein. Damit galt das Gebäude als eines der brandsichersten in der Stadt. Der Spinnereibetrieb endete 1914. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Alte Aktienspinnerei wie viele Gebäude in der Stadt schwer beschädigt. Das Gebäude beheimate später u.a. ein Kaufhaus, die Stadtbibliothek, das Museum für Naturkunde und das Puppentheater.  

Kommen Sie bei dem Umzugsstress derzeit noch zu anderen Aufgaben? Als Direktorin koordinieren Sie bspw. noch den Universitätsverlag und das Universitätsarchiv.
Der Umzug steht aktuell sehr im Fokus. Trotzdem laufen die anderen Abteilungen weiter und ich versuche, so gut es geht, im Stoff zu stehen. Das ist mein Anspruch, dass ich gut Bescheid weiß und als Ansprechpartner diene, wenn mich jemand was fragt.

Wie optimistisch sind Sie, dass mit dem Einzug der Zentralbibliothek auch studentisches Leben in die Innenstadt zieht?
Ich denke, es gelingt. Teilweise sitzen jetzt schon Menschen auf dem Platz vor der Alten Aktienspinnerei oder skaten. Letztens haben eine junge Frau und ihre Kinder mit Malkreide auf den Gehwegen gemalt. Das hat für mich etwas mit städtischem Leben zu tun. Also ich hoffe sehr, dass Studenten durch den Umzug mehr von Chemnitz sehen und nicht nur auf dem Campus leben. Dadurch bekommt Chemnitz mehr den Charakter einer Universitätsstadt.

Wir haben das ehrgeizige Ziel, Kulturhauptstadt Europas 2025 zu werden. Kann die Alte Aktienspinnerei ihren Teil dazu beitragen?
Ich hoffe es sehr. Das Haus als Gebäude mit seiner Geschichte dahinter kann sicher dazu beitragen. Und die Tatsache, dass man aus so einer relativ verfallenen Industrie eine hochmoderne Bibliothek machen kann. Außerdem haben wir hier einen Bereich, den wir multifunktional für Veranstaltungen nutzen können. So dass wir gemeinsam mit anderen Veranstaltern hier etwas auf die Beine stellen können und uns Dinge ausdenken, die einer Kulturhauptstadt würdig sind.

0 0 15. September 2020 gepostet am

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