Thorid Zierold
Kustodin im Museum für Naturkunde

Macher der Woche

Von Chemnitz aus ins Weltall

Rechts haben zwei ausgestopfte Igel Sex. Links bricht gleich ein Vulkan aus. Und geradeaus schlängelt sich ein riesiger Hundertfüßer durchs Unterholz. Wer ins Chemnitzer Museum für Naturkunde im Tietz kommt, kann ganz schön was erleben. Mitverantwortlich dafür ist Thorid Zierold. Sie hat die aktuelle Sonderausstellung „1+1 = Sex“ konzipiert und Geld für Forschungsarbeiten am Versteinerten Wald eingeworben. Die 35-Jährige ist Kustodin für Naturwissenschaften, wörtlich übersetzt: die „Hüterin über die Schätze“, die 300.000 Exponate des Museums: „Wenn man jedes einzelne Insekt mitzählen würde, wären es noch viel mehr.“ Thorid Zierold ist der Macher der Woche.

Wie wird man Schatzhüterin in Chemnitz, Frau Zierold?

Das ist eine lange Geschichte. Ich habe in Freiberg studiert und bin dort als Hiwi – in einem studentischen Nebenjob – von einem Professor auf die faszinierenden Urzeitkrebse, darunter auch Triops, aufmerksam gemacht worden. Zunächst habe ich fossile Abdrücke dieser Tiere analysiert, um eine Systematik aufzustellen. Später interessierten mich jedoch die noch heute lebenden Verwandten mehr. Diese wurden Gegenstand meines Promotionsprojektes. Das wurde von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert. Die Auflage dafür war, die wissenschaftlichen Ergebnisse für eine breite Öffentlichkeit aufzubereiten. So habe ich  während der Promotion eine Sonderausstellung über die Gruppe der Urzeitkrebse entwickelt und war damit hier am Museum, aber auch in Dresden, Ziegenrück und im Senckenberg-Museum Wilhelmshafen.

Und dann haben sich die Museen um Sie gerissen?

Ich bin während dieser Arbeit mit der Museumslandschaft bekannt geworden und habe Netzwerke aufgebaut. Die Promotion schrieb ich in Kooperation mit der University of Hull (UK). Daran knüpfte sich direkt ein PostDoc für weitere drei Jahre. Während dieser Zeit erforschte ich die Fortpflanzungsstrategien von Triops. Dann kam ein Angebot, für sieben Monate nach Chemnitz zu kommen, hier ans Museum. Im sich anschließenden Bewerbungsverfahren konnte ich mich durchsetzen. Ich habe einen Job, der mich wahnsinnig begeistert.

Warum?

Die Arbeit in England war vorrangig wissenschaftlich geprägt – die Arbeit hier im Haus: Da hat man alles. Ich kann kreativ arbeiten, ich muss flexibel sein, ich bin verantwortlich für verschiedene Drittmittelprojekte, die jetzt gar nichts mit meinen wissenschaftlichen Arbeiten zu tun haben. Und genau in dieser Abwechslung liegt der Reiz meiner Arbeit am Museum für Naturkunde.

Inzwischen hat Thorid Zierold Dutzende Generationen von Urzeitkrebsen untersucht. Selbst die Europäische Raumfahrtagentur ESA ist schon auf sie aufmerksam geworden – aktuell bereitet sie zum zweien Mal ein Projekt vor, bei dem Tausende Eier der Krebse ins Weltall, zur Internationalen Raumstation ISS geschickt werden: „Das Ursprungsmaterial kommt aus der Nähe von Bautzen, aber die Population, von der die Eier stammen, ist in Chemnitz geschlüpft“, erzählt sie. Man kann also durchaus von Chemnitzer Kosmonauten sprechen, die demnächst in etwa 400 Kilometer Entfernung um die Erde kreisen werden. In diesem Experiment, EXPOSE-R, soll getestet werden, ob die zähen Tierchen, die extreme Kälte, Hitze oder Trockenheit über Jahre und Jahrzehnte überstehen, auch kosmischer Strahlung und Vakuum standhalten.

Wieso muss ein Forscher aus Chemnitz kommen und den hochqualifizierten Weltraumexperten Urzeitkrebse erklären?

Mit der Tiergruppe arbeite ich ja schon lange Zeit. Eines Abends bin ich von einem Kollegen aufgefordert worden, die Tiergruppe auf einem Astrobiologen-Kongress vorzustellen. Der Vortrag hat dann offenbar eingeschlagen und die Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt hat begonnen. Wissenschaft wird ja auch immer an dem gemessen, wie man sichtbar ist. Ich hatte kurz zuvor einige Paper dazu veröffentlicht, die Leute wussten, dass ich ein großes Arsenal an Proben und  Datenreihen habe, dass ich mich mit der Zucht der Triops auskenne. Positiv hinzu kam, dass ich nicht nur in Chemnitz arbeite, sondern auch vernetzt bin mit anderen Forschern weltweit.

Sind Sie manchmal neidisch auf Ihre Urzeitkrebse, weil die ins All dürfen?

Der Reiz, selbst mal mitzufliegen, ist schon sehr groß.

Und wie groß ist die Chance?

Ich habe mich jetzt mal damit befasst. Derzeit gibt es genau eine deutsche Person, die auf einen baldigen Flug zur ISS vorbereitet wird. Die Ausbildung zum Astronauten dauert vier Jahre – dazu gehören Russisch büffeln, den Umgang mit robotischen und den ISS-spezifischen Systemen kennenlernen und natürlich wissenschaftliches Arbeiten. Die NASA und die ESA haben ein großes Projekt aufgesetzt, um junge Leute zu finden, die sich darauf einlassen. Aber ich bin wohl, glaub ich, leider schon zu alt dafür. Dennoch bin ich sehr, sehr stolz, an dem Projekt überhaupt teilzunehmen. Wer finanziert einem sonst schon all die Experimente, die da gelaufen sind auf Super-Hightech-Geräten. Da zahlt das Museum als solches gar nichts, hat aber am Ende die Reputation dafür und die Außenwirkung, die man damit hier und dort erzielt. Ich kann also mit meinen wissenschaftlichen Arbeiten als  Botschafter für Chemnitz  wirken.

Sie geben Ihre Leidenschaft für die Tierchen aber auch an Chemnitzer Kinder weiter…

Ja, wir haben seit eineinhalb Jahren eine Triops-Forschergruppe mit einem stabilen Kern von acht, neun Kindern zwischen sechs und 16. Das ist auch für mich reizvoll, jede Altersgruppe anders anzusprechen. Im Juni werden wir eine Exkursion zu mecklenburgischen Triops-Vorkommen unternehmen und uns  im Natureum Niederelbe mit anderen naturwissenschaftlich interessierten jugendlichen Forschern treffen. Auf einem Workshop werden unsere Triops-Forscher von ihren bisherigen Ergebnissen berichten.

Wenn man die Triops als Zeitschriftenbeilage erhalten hat, hat die Zucht oft nicht funktioniert!

Bei uns funktioniert es meist. Aber auch nicht immer. Aber das gehört ja auch dazu, so ein paar Rückschläge zu verarbeiten und in der Gruppe zu diskutieren, warum es nicht funktioniert hat. Aber wir gehen inzwischen auch über die Tiergruppe der Triops hinaus. Als „Hüterin der Schätze“ verstehe ich meine Aufgabe auch so, nicht nur die Exponate im Museum zu erhalten, sondern auch die Kinder mit den Schätzen der Natur vertraut zu machen und die Schätze zu finden, die noch in der Natur verborgen liegen. Es gibt dafür im Museum für Naturkunde auch weitere Angebote für Kinder und Jugendliche – beispielsweise die AG Insektenkunde von Sven Erlacher.

Wer jetzt als Kind anfängt, hat vielleicht die Chance, irgendwann mal als Triopsforscher mit in den Weltraum zu fliegen… Aber mal Themenwechsel. Schließlich geht es im Museum für Naturkunde nicht nur hoch hinaus ins All. Sondern auch tief in die Erde bei der Erforschung des Versteinerten Waldes. Da wurden auch Saurier gefunden.

Frau Zierold, Sie als Kustodin müssen es wissen: Wo sind die Saurier aktuell?

Wir haben insgesamt fünf Saurier in unterschiedlicher Vollständigkeit gefunden. Nach bisherigen Untersuchungen kann man die Abdruckerhaltungen zu einer Art zuordnen.  Derzeit werden sie präpariert und dokumentiert, um schließlich ausreichend Daten für eine detailgenaue Rekonstruktion zu sammeln. Erst dann können wir uns ein umfassendes Bild von dieser Tierart machen – wo hat er gelebt? wovon hat er sich ernährt? – diese Fragen gilt es schließlich zu beantworten . Derzeit haben unserer Ur-Saurier ja noch nicht mal einen Namen und eine Zuordnung – das kann erst geschehen, wenn wir sie genau beschrieben haben.

Einen genauen Zeitpunkt will sie offenbar nicht nennen und kann das auch erklären: Der „Daumen“ der fünffingrigen Hand des Sauriers war nicht aufzufinden, der musste erst per Computertomographie- und Röntgenuntersuchungen im Gestein gesucht werden. Soviel immerhin verrät sie: „Für 2015 planen wir im Museum für Naturkunde eine Ausstellung über Saurier des Perms, da werden wir auch unsere Funde zeigen.“ Aktuell entsteht auf dem Sonnenberg mit Mitteln der Europäischen Union und Sponsoringgeldern von eins energie ein „Fenster in die Erdgeschichte“, das den Versteinerten Wald am Fundort darstellen soll. Da wurde unter anderem ein Kindergrabungsfeld angelegt. Was ist denn das?

Die Kindergrabung ist eine Grabungsfläche mit einer nachgestellten Fundsituation. Hier haben zum einen Kinder die Chance, einmal das ABC eines Schatzgräbers zu lernen, andererseits nutzen wir diese Fläche auch als Trainingsgelände. Denn wir haben inzwischen sehr viele Anfragen, dass uns Menschen beim Graben helfen wollen, darunter zahlreiche Archäologie- und Geologiestudenten. Die können dann in einem authentischen Feld in verschiedenen Schwierigkeitsstufen Grabungen durchführen und das genaue Dokumentieren der Funde üben. Hinterher wird es dann wieder zugeschüttet für die nächsten Kinder oder Praktikanten.

Einen Run auf die Grabungsstelle gibt es, wann immer sie für Besucher geöffnet wird, zum Beispiel bei der Museumsnacht im Mai. Die Anteilnahme der Stadt an den Grabungsfortschritten ist ebenso groß wie die der internationalen Forschergemeinde: Ein riesiger Schachtelhalm, der in Hilbersdorf gefunden wurde, ist wenige Jahre nach seiner Entdeckung schon in Lehrbücher aufgenommen.

Wuchert Chemnitz genug mit dem Pfund des Versteinerten Waldes?

Wir schreiben mit historischen sowie aktuellen Funden Wissenschaftsgeschichte. Die Reputation außerhalb der Stadtgrenzen von Chemnitz – ja, weltweit – ist enorm. Innerhalb der Stadt sehe ich noch Entwicklungspotenziale, die es auszubauen gilt. Wir sind eine alte Stadt, ja klar: weil die 291 Millionen Jahre alten Bäume, die unter unserer Stadt liegen, den Durchschnitt so anheben. Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam mit den verantwortlichen Personen im Stadtmarketing das Fenster in die Erdgeschichte zu dem entwickeln können, was es verdient – einen städtischen sowie touristischen Leuchtturm von Chemnitz. So kann sich jeder Besucher von der Einzigartigkeit – es ist ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt – überzeugen und zum Botschafter der Stadt werden.

Gibt es denn noch eine Chance, dass wir hier mal einen Unesco-Welterbetitel bekommen?

Wir haben ja für unseren ersten Antrag eine Ablehnung erhalten – und dabei aber auch signalisiert bekommen, dass die Einzigartigkeit des Versteinerten Waldes ein klares Alleinstellungsmerkmal ist, dass aber andererseits zum Beispiel mehr Grabungsflächen ausgewiesen werden müssten. Ich denke, wir müssen hier Schritt für Schritt vorwärts gehen. Da haben wir vielleicht mit den ersten wissenschaftlichen Grabungen, mit Fachtagungen und internationaler Reputation das erste Drittel des Weges absolviert. Und vielleicht ist ja der Welterbe-Titel nicht das nächste Ziel, sondern eine „Spur der Steine“ oder ein Wanderweg „Auf den Spuren der Vulkane“.

Jetzt braucht es aber noch eine Abschlussfrage, die Thorid Zierold ins Schwitzen bringt. Mal sehen, ob das klappt: Versteinerte Bäume oder Krebse, die in den Weltraum fliegen – was ist symbolhafter für Chemnitz?

Ich glaube, der Triops hat schon sehr viel mit Chemnitz gemeinsam. Er ist anpassungsfähig und zäh und überlebensfähig auch unter Extrembedingungen. Er entwickelt sich sehr schnell und legt früh die Grundlagen für die nächste Generation. Außerdem will er manchmal mit dem Kopf durch die Wand und er gräbt sehr viel – da kommt also vieles zusammen, was zumindest auch uns im Museum für Naturkunde ausmacht.

15 1 31. März 2014 gepostet am

1 Kommentar

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  • Ronny Rößler 4. April 2014 - 10:37 Antworten

    Ein grandioser Beitrag von meiner Kollegin Dr. Thorid Zierold, der zeigt, wieviel Engagement, Lebendigkeit und Zukunftsorientierung im ältesten Museum unserer Stadt zu Hause ist. Es wird aber auch deutlich, dass Wissenschaftler nicht an ihrem Schreibtisch kleben und Tagungen besuchen müssen, um sich zu zeigen, um Netzwerke zu unterhalten, vor der Fachwelt über die eigenen Forschungen Rede und Antwort zu stehen und letztlich Botschafter für unsere Stadt zu sein. Denn nur einem sichtbaren Forscher gelingt es, Drittmittel zu akquirieren und Menschen zu überzeugen. So gesehen, das räume ich ein, sind wir Museumsleute sehr privilegiert, wir haben einen Taumjob und im Falle der Naturkunde Chemnitz auch ein super Team, wir befassen uns mit Jahrmillionen Altem und arbeiten dennoch für morgen. Das beginnt vor Ort, beispielsweise erinnere ich mich gern an das größte und aufmerksamste Auditorium, das ich je hatte – über 700 Zuhörer der Kinder-Uni an der TU Chemnitz. Unvergesslich. Aber ebenso schmeichelhaft ist es, zu Vorträgen nach Schweden, Italien oder China eingeladen zu werden, kostenfrei für unsere Stadt, versteht sich. Ich würde mir wünschen, dass wir uns künftig wieder mehr auf die Inhalte konzentrieren können, um das zu tun, was der Besucher von uns erwartet und was die größte Museumssammlung unserer Stadt erfordert. Leider geht seit 3 Jahren viel Zeit mit permanent geforderten Rechtfertigungen verloren, in denen wir immer wieder begründen müssen, warum wir genau das tun, was wir lt. Arbeitsvertrag tun müssen – Bewahren, Sammeln, Forschen und Präsentieren. Ungeachtet derer, die ohne Visionen sind, nicht wollen oder nicht können, wird es uns gelingen!