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Von der Friedlichen Revolution bis zur Rückbenennung – 25 Jahre voller Geschichten

Dass bereits 25 Jahre seit der Rückbenennung vergangen sind, überrascht viele, wenn Sie ihre Geschichten erzählen und an die aufregenden Jahre des Umbruchs und des Neuanfangs denken. Ist das wirklich schon so lange her? Menschen, die etwas bewegen und verändern, haben wir in den vergangenen Monaten in unserer Reihe Macher der Woche vorgestellt. Regelmäßig war dabei auch die Friedliche Revolution und die Rückbenennung ein Thema. Denn Macher gibt es in unserer Stadt schon sehr lange. Auch in der neuen Broschüre „Zwei Namen, eine Stadt“ erzählen zahlreiche Akteure ihre ganz eigenen Eindrücke und Erinnerungen und zaubern ein spannendes Gesamtbild.

Die ersten Puzzleteile kann Christoph Magirius beitragen, der seit 1979 Superintendent in Chemnitz war. Die Kirche hatte bei der Friedlichen Revolution eine wichtige Rolle übernommen: „Die Kirche war für viele ein Schutzraum, wir waren unabhängig.“ Und Pfarrer Brenner, der heute Ansprechpartner für Öffentlichkeitsarbeit des Kirchenbezirkes Chemnitz ist, weiß: „Unter dem Dach der Kirche haben sich schon in den Jahren zuvor Gruppen gesammelt, die kritisch Dinge benannt und besprochen haben. Vor allem im Bereich Ökologie, Gerechtigkeit und Friedensfragen. Oft waren es junge, nicht angepasste Leute, die in kirchlichen Jugendgruppen gearbeitet haben. Die Umweltbibliothek in Berlin ist sehr bekannt geworden. Bei uns gab es den Michaeliskeller, wo sich alternative Jugendliche in Räumen unserer Gemeinde getroffen hatten. Es gab in der Kirche die Möglichkeit, sich kritisch zu engagieren.“

Erster öffentlicher Protest am 7. Oktober 1989

Als Kirchenmänner haben die beiden viele Sorgen und Probleme der Bevölkerung wahrgenommen. Magirius: „Wir waren ohne Spielraum, ohne Freiheit. Alle Welt fuhr in die Welt und wir nicht. Es gab aber auch keine Argumentation, warum das so ist. Es redete niemand mit den Menschen. Und da haben 1989 die Menschen gesagt: Hier können wir nicht mehr leben, das wollen wir nicht mehr mitmachen. Jeder war tief inspiriert und
sagte: Ich will reisen, ich will meine Meinung sagen, ich will hinziehen, wo ich will.
Auf dem Land lastete ein unheimlicher Druck.“

Den Leidensdruck nahm auch Hartwig Albiro wahr. Am Luxor-Palast, der damaligen Interimsstätte des städtischen Theater, gelang am 7. Oktober 1989 der erste öffentliche Protest in Karl-Marx-Stadt. „Unsere friedliche Demonstration hat die Einsatzkräfte der Staatssicherheit mobilisiert und wir wurden in einen Kessel getrieben. Es fing normal an und wurde immer bedrohlicher“, erinnert er sich. An der Zentralhaltestelle kamen Wasserwerfer zum Einsatz und es gab Festnahmen. Die friedliche Demonstration wurde mit Gewalt aufgelöst. Das hatte ich nie von der DDR erwartet.“

Viele Gespräche – Runde Tische

Mit der Friedlichen Revolution und nach dem Mauerfall etablierten sich Runde Tische, an denen wesentliche Themen wie Wirtschaft, Industrie, Umweltschutz oder Bildung besprochen worden. Dr. Eberhard Langer, ehemaliger Oberbürgermeister, hat diese Zeit als eine sehr gesprächsintensive Zeit in Erinnung: „Es war anstrengend, aber friedlich. Freundschaften aus dieser Zeit halten bis heute an. Ich habe Karl-Marx-Stadt immer gern mit den anderen sächsischen Großstädten verglichen. Während in Leipzig und Dresden Steine flogen, brannten bei uns montags auf den Rathausstufen Kerzen. Man sprach viel miteinander. Es war dann auch auf den Montagsdemonstrationen, dass ich zum ersten Mal die Forderung nach dem alten Stadtnamen „Chemnitz“ hörte.“

Die Idee des alten Namens

Im Winter 1989 fasste ein kleiner Kreis überzeugter Chemnitzer einen Plan. Nach fast vier Jahrzehnten Karl-Marx-Stadt sollte endlich wieder der Name Chemnitz auf der Landkarte erscheinen. Auch der gebürtige Chemnitzer Claus Modaleck teilte diese Meinung und bot den Gründern F. W. Heine und K. Morgenstern seine Hilfe an: Es gab heimatbewusste Leute. Mit der Wende begann eine andere Zeit, eine offene Zeit. Da war vielen klar, dass die Stadt nicht Karl-Marx-Stadt bleiben konnte. Die Stadt musste den sozialistischen Namen ablegen, um auf allen Gebieten eine Chance zu haben. Wir wollten, dass der historisch gewachsene Stadtname von der Bevölkerung angenommen wird.“

Für Türmer Stefan war die Rückbenennung Herzenangelegenheit. Auch er gehörte zu den ersten, die sich für den alten Namen einsetzten: „Ich hatte immer die stille Hoffnung, dass die Episode Karl-Marx-Stadt in der Stadtgeschichte überwunden wird. Und als dann 1989 die ersten Berichte kamen, dass Leute auf die Straße gehen, keimte langsam Hoffnung für eine Rückbenennung bei mir. Der Umbruch kam, es war eine günstige Gelegenheit.“

Modaleck gehörte zur den Organisatoren des Bürgerentscheids: „Die Rückbenennung sollte nicht diktatorisch verordnet werden. Als der Rat der Stadt unserem Vorschlag folgte, einen Bürgerentscheid durchzuführen, stellte ich mich für diese Befragung zur Verfügung. Es war angefangen und da wollte ich es durchziehen bis zu Letzt. Wir bekamen das ehemalige Stasi-Gebäude an der Hohen Straße als Arbeitsräume zugeteilt. 232.000 Adressen mussten wir anschreiben und dorthin Stimmkarten verschicken.“

Mehr als 100 Helfer saßen dann schließlich am 23. April in einem ehemaligen Stasi-Gebäude in der Hohen Straße und halfen bei der Auszählung der Stimmen: „Die Stimmung war gut und locker, wir hatten auch Spaß.“, erzählt Wahlhelferin Mary Krüger. „An den Tischen haben wir uns viel unterhalten, wo wir herkommen und wie wir abgestimmt haben. Im Laufe der Auszählung war dann schnell absehbar, wie es ausgehen wird. Wobei wir gestaunt haben, dass doch so viele Karl-Marx-Stadt angekreuzt hatten.“

Auch Dr. Langer hatte für Karl-Marx-Stadt gestimmt. „Für mich war der Name immer Ehre und Anerkennung, eine Auszeichnung“, erzählt er heute. „Ich erinnere mich noch genau an die Reaktion des neuen Oberbürgermeisters Dieter Noll nach der Abstimmung. Er riss das Fenster auf und rief auf den Marktplatz: „Von jetzt an heißt diese Stadt Chemnitz“. Und so war es dann auch.

25 Jahre später

Viele Ideen aus dieser Zeit, wie beispielsweise der freie Sender Radio T, das Umweltzentrum oder das Chemnitzer Schulmodell, sind heute noch fest in Chemnitz verankert. So schwärmt heute noch Manfred Hastedt, Leiter Umweltzentrum: „Es war enorm, in welchem Tempo unsere ökologischen Träume verwirklicht wurden. Noch ein Jahr eher wäre ein solches Umweltzentrum nicht denkbar gewesen. Aber die Menschen hatten total viel Mut und Hoffnung. Vielleicht hätten wir noch mutiger sein können.“ Und auch Jörg Braune von Radio T: „Radio T ist als Wendeprojekt gestartet. Auf einmal wurde alles anders. Alles sollte besser werden. Alles stand uns offen. Wir hatten eine gut laufende „Radio-Veranstaltung“ und wir wollten daraus ein richtiges Radio machen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das heute noch so funktionieren würde. Aber damals war das ein logischer Schritt und es war auch möglich. So ein Radio, wie wir wollten, machte niemand. Und da haben wir es dann halt selbst in die Hand genommen.“

Viele Geschichten, die heute erzählt werden, haben einen Bezug zu den Jahren 1989 und 1990. Wer noch mehr lesen oder selbst berichten will, schaut auf www.die-stadt-bin-ich.de/wendegeschichten/.

0 0 27. Mai 2015 gepostet am

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