Dr. Heiko Cramer und Dr. Basel Fardi

Macher der Woche

Wenn die Kamera mitdenkt

Das Start-up-Unternehmen Intenta entwickelt neben Software und Algorithmen für Fahrerassistenzsysteme auch intelligente, kamerabasierte Sensoren zur automatischen Szenenanalyse. Das Unternehmen, das von zwei ehemaligen Doktoranden der TU Chemnitz gegründet wurde, gewann  den renommierten Preis „Macher 25 – der große Wirtschaftspreis des Ostens“- in der Kategorie „Start-up/Innovation“ und stellte Ende des vergangenen Jahres bereits den 100. Mitarbeiter ein. Deshalb sind die beiden Gründer Dr. Heiko Cramer und Dr. Basel Fardi für uns die Macher der Woche.

Erst 2011 gegründet, wurde Ihr Unternehmen im vergangenen Jahr mit dem “Macher 25 – der große Wirtschaftspreis des Ostens” ausgezeichnet. “Wo Audi drauf steht, ist oft Intenta drin” hieß es in der Begründung. Beschreibt das Ihre Aktivitäten treffend?

Heiko Cramer: Es gibt in der Tat Autos, die unsere Software  enthalten, aber „oft“ ist noch etwas übertrieben. Unser großer Erfolg ist, dass es ein so junges, noch kleines Unternehmen schafft, Softwarekomponenten in Serienfahrzeuge großer Hersteller zu bekommen.

Nicht nur in Fahrerassistenzsystemen kann man Ihre Software finden, sondern auch im selbst entwickelten SmartSensor S2000 – wo noch überall?

Basel Fardi: Das Unternehmen ist ursprünglich mit der Idee eines innovativen, intelligenten Sensors für die zivile Überwachung von Personen und Objekten ausgegründet worden: Einer Kamera, die mitdenkt oder vielmehr Informationen an den Nutzer übermittelt und damit die Überwachung effizienter gestaltet. Aus dieser Idee wurde inzwischen ein serienreifes Produkt, das nach und nach in die verschiedenen Märkte eingeführt wird. Ein erstes Einsatzgebiet sind derzeit Krankenhäuser. In Strahlentherapien überwachen wir den Behandlungsraum und stellen sicher, dass der Bestrahlungsvorgang erst in Gang gesetzt wird, wenn sich neben dem Patienten keine weitere Person im Raum befindet. Somit verhindern unsere Sensoren die ungewollte Bestrahlung von Personal.

Parallel dazu haben wir schon immer auch den Bereich Automotive im Auge gehabt und Komponenten für Fahrerassistenzsysteme entwickelt. Dabei konnten wir von Beginn an die Volkswagengruppe mit Audi und Co als Kunden gewinnen. Deshalb ist der Automotive-Bereich sehr schnell gewachsen und das Unternehmen zunächst damit groß geworden.
Aber  auch die intelligente Überwachung  und somit der Bereich Sensortechnologie gewinnen zunehmend an Bedeutung

Wie funktioniert die Technik  in Ihrem SmartSensor?

Fardi: Bislang waren die Kameras, wenn man das so sagen will, “dumm” und haben nur zweidimensionale Bilder geliefert. Ein Mitarbeiter saß vor unzähligen Monitoren, hat diese beobachtet und ggf. reagiert, wenn ein bestimmtes Ereignis eingetreten ist. Das Problem dabei ist, dass unheimlich viele Bildinformationen gleichzeitig übermittelt werden. Dazu kommt die Trägheit des menschlichen Auges, der Beobachter wird mit der Zeit müde und unkonzentriert. Deshalb ist die Überwachung so eigentlich nicht effizient genug.

Die ideale Lösung ist eine Kamera, die sozusagen mitdenkt und den Beobachter rechtzeitig auf Ereignisse aufmerksam macht.

Zum Prinzip: Der Mensch ist mit zwei Augen und einem Gehirn geschaffen – die Augen sehen die Bilder und das Gehirn verarbeitet sie. Damit können wir die Umwelt dreidimensional, also räumlich, verarbeiten. Dieses Prinzip ahmen wir mit dem Sensor nach. Er verfügt über zwei Kameras (die „Augen“) und eine Verarbeitungseinheit als Gehirn, die die Bilder interpretiert. Unsere Kompetenz besteht darin, die Intelligenz zu entwickeln, sozusagen “das Denken” der Kamera. Kurz gesagt: Wir lernen der Kamera, wie Objekte, Räume oder Personen aussehen und welche Verhaltensmuster normal oder auffällig sind.

Eine Anwendung im Bereich  AAL (Altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben) testen wir derzeit in Zusammenarbeit mit der GGG. Ziel ist es, Notfallsituationen, wie z. B. Stürze oder Inaktivität, im häuslichen Umfeld rechtzeitig sowie automatisch zu erkennen und Hilfe durch Alarmierung zu organisieren. Für den Datenschutz ist dabei wichtig, dass die Verarbeitung der Bildinformationen direkt auf dem Sensor erfolgt und die Bilder somit die Kamera nicht verlassen, denn das wäre ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen. Deshalb werden nur die Metainformationen zum Ereignis ausgegeben –z.B.  der Patient ist gestürzt.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit ergibt sich in Bereichen mit großem Publikumsverkehr, wo Besuchermassen gezählt (im Kaufhaus) und gesteuert (am Flughafen) werden. So könnte das System lange Warteschlangen erkennen und damit das Öffnen eines weiteren Check-In-Schalters veranlassen.

Zurück zum Auto: Der nächste große Schritt ist sicher das autonome Fahren, nicht nur Google und Tesla forschen daran. Wie lange muss man schätzungsweise noch warten, bis die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge auf deutschen Straßen unterwegs sind?

Cramer: Es wird noch vor 2020 die ersten Fahrzeuge auch auf deutschen Straßen geben, soviel kann man schon sagen. Diese werden aber zunächst noch in sehr eingeschränkten Bereichen funktionieren. Zunächst ist angedacht, teilautonomes Fahren in Stausituationen auf Autobahnen zu realisieren und sich von dort aus über Landstraßen in städtische Gebiete vorzuarbeiten. Denn je mehr man in Richtung Stadt geht, umso komplexer werden die Szenarien und desto schwieriger wird es, ein Auto auch wirklich selbst fahren zu lassen.

In gut strukturierten Umgebungen wie Autobahnen funktioniert das also zunächst am besten. Dort gibt es praktisch nur weiße Linien, dort halten sich normalerweise keine Personen auf und der Gegenverkehr ist durch Leitplanken getrennt. Das sind alles wichtige Faktoren, um ein Fahrzeug autonom fahren zu lassen.

Bis es irgendwann auch in der Stadt funktioniert, wird sicher noch einige Zeit vergehen. Google testet bereits mit einer Sondergenehmigung in Kalifornien. Rein technisch könnte ein Auto heute schon autonom fahren, die Fernsteuerung über Computer ist nicht das Problem. Die Herausforderung ist, es so sicher hinzubekommen, dass der Fahrer auch bewusst seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes richten darf. Es ist auch eine rechtlich bedeutende Frage, wer dann Verantwortung übernimmt. In Europa ist das nach unserer Kenntnis noch  ungeklärt. Aber technisch sind wir an dem Thema tatsächlich sehr nah dran, in dem wir die Daten, die die zahlreich im Auto vorhandenen Sensoren ermitteln, zusammenfassen und damit das Umfeld des Fahrzeugs ziemlich exakt beschreiben: Geschwindigkeiten, statische und bewegliche Objekte in der Umgebung, Abbiegespuren etc. Aus all diesen Informationen werden dann entsprechende Handlungsempfehlungen abgeleitet.

Für Deutschland haben wir übrigens eine Sondergenehmigung, die es uns gestattet, Testfahrzeuge selbst aufzubauen und damit unsere Software auf hiesigen Straßen zu testen.

Sie haben sich in Hamburg beim Studium kennengelernt und sind dann zur Promotion nach Chemnitz gekommen – und haben dies als Kulturschock bezeichnet. Wie meinten Sie das?

Cramer: Ich wusste, dass uns das irgendwann einholt … (lacht).

Fardi: Naja, im Jahr 2000 sind wir aus der Weltstadt Hamburg nach Chemnitz gekommen. Die Weltoffenheit, die dort herrscht, hatte man hier nicht sofort gesehen … (schmunzelt) Aber in den 15 Jahren, in denen wir jetzt hier sind, hat sich Chemnitz massiv entwickelt, das muss man einfach sagen. Allein wenn man die Innenstadt von damals mit heute vergleicht, schade dass wir damals keine Bilder gemacht haben. Inzwischen hat sich viel getan und deshalb sind wir auch hier geblieben. Wenn man Familie hat, ist hier ein Kindergartenplatz einfach selbst-verständlich. Diese Vorteile übersehen aber viele.

… und auch deshalb sind Sie Chemnitz bis heute treu geblieben?

Cramer: Sagen wir so: Es war nie eine Option, anderenorts eine Firma zu gründen. Ich weiß nicht, ob wir hier geblieben wären, wenn wir das Unternehmen nicht gegründet hätten. Wahrscheinlich  hätten sich unsere Wege eher getrennt und wir wären in die Heimat gegangen. Ich bin ja ursprünglich Schwabe. Aber als wir uns entschlossen,  Intenta aufzubauen,  war schon klar “wenn, dann hier”. Denn die Region bietet schon viel. Nicht zu vergessen die guten Bedingungen und die Unterstützung für junge Unternehmen hier im TCC, die Fördermöglichkeiten in Sachsen, das hat einfach gepasst.

Inzwischen ist das Unternehmen so erwachsen, dass es für das TCC zu groß ist. Über 100 Mitarbeiter zählt Intenta inzwischen. Der vielbeschworene Fachkräftemangel scheint kein Thema für Sie. Liegt es an der Nähe zur TU?

Fardi: Richtig. Wir kommen beide von der Uni und haben immer noch einen direkten Draht  dorthin. Wir kennen viele Professoren und Mitarbeiter. Es ist ungemein wichtig, dass wir die TU in der Nähe haben. Deshalb engagieren wir uns auch über eine Stiftungsprofessur langfristig dort. Aber wir haben auch neue Kollegen aus  dem Umland gewinnen können. Von den Hochschulen in Mittweida und Zwickau kommen regelmäßig gute Leute. Und ab und zu geht uns auch der ein oder andere Heimkehrer ins Netz.

Aber natürlich spüren wir auch, dass das Angebot  knapp ist. In der Gründungsphase wurden wir zunächst belächelt, als  wir mit als erstes eine Personalabteilung gegründet haben. Aber wir wussten von Anfang an, dass der Fachkräftebedarf ein Problem werden könnte und haben uns deshalb besonders intensiv um das Thema gekümmert.

Cramer: Unsere Mitarbeiter schätzen die Arbeit in einem relativ jungen Team und einem lockeren, aber professionellen Umfeld. Und außerdem: An Autos rumbasteln, die meist nicht wenige PS unter der Haube haben oder Testfahrten wie derzeit auf Island oder Malta absolvieren, ist natürlich spannend für junge Ingenieure.

Sie planen derzeit den Umzug an einen traditionsreichen Standort, die ehemalige Union-Maschinenfabrik an der Ulmenstraße. Was hat den Ausschlag für den Ort gegeben?

Cramer: Zunächst bauen wir einen modernen, neuen Firmensitz daneben und werden nur einen Teil der historischen Union-Halle sanieren. Das Gebäude ist ja wirklich ziemlich groß und  nicht so einfach zu modernisieren. Deshalb ziehen wir zunächst in den Neubau und werden dann Stück für Stück die alte Halle sanieren und in Beschlag nehmen.

Die Lage ist natürlich toll: Es ist innenstadtnah, die meisten unserer Mitarbeiter leben zentrumsnah, viele auf dem Kaßberg. Deshalb stand es für uns nie zur Debatte, irgendwo weit draußen auf der grünen Wiese zu bauen. Die Gegend ist super angeschlossen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Fahrrad geht‘s leicht zur Arbeit. Die Fläche ist groß genug, wir haben damit genügend Spielraum für die Zukunft.  Und letztlich haben wir uns das ein bisschen aufgeteilt: Mir gefallen historische Industriebauten, mein Kollege hat lieber Neubauten. Damit haben wir beide Spaß … (lacht)

Letzte Frage: Muss man den Chemnitzern Mut machen?

Cramer: Ich glaube, man muss den Chemnitzern keinen Mut machen. Aber sie verkaufen sich meiner Meinung nach wirklich unter Wert. Mut machen ist vielleicht das falsche Wort. Man sollte sagen, dass sie selbstbewusster – auch nach außen hin – auftreten können. “Mut machen” klingt, als wär´s hier ganz schrecklich und man müsste  sie überreden, um hier zu bleiben. Aber das sehe ich ganz und gar nicht so!

Fardi: … und wenn es darum geht, junge Leute zu ermutigen, sich auszugründen: Die Region hat, wie gesagt, viel anzubieten. Das Thema West / Ost spielt zum Glück immer weniger eine Rolle. Deshalb gewinnen die Standorte hier auch immer mehr an Attraktivität. In dieser Hinsicht sollte man jungen Leuten durchaus Mut machen, in Richtung Selbstständigkeit zu denken. Natürlich braucht‘s dazu gute Ideen, aber Chemnitz hat bei Ingenieurswissenschaften eine große Geschichte, an die man anknüpfen kann.

58 0 10. Februar 2016 gepostet am

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