Brita Stingl
Organisatorin der Kinder-Uni

Macher der Woche

Wie kommt der Kater in den Muskel

Welche Farben hat das Licht? Warum machen Tiere glücklich? Wie kommen die Buchstaben in die Zeitung? Was ist eigentlich Politik? Wie kommt der Kater in meinen Muskel? Mit diesen oft witzigen Fragestellungen beschäftigen sich die jüngsten Studenten der Technischen Universität Chemnitz. Die Sieben- bis Zwölfjährigen sind Teilnehmer der Kinder-Uni. Seit zehn Jahren begeistert sie vor allem die kleinen, aber auch die großen Gäste. Sehr zur Freude der Organisatorin Dipl.-Päd. Brita Stingl, die die Kinder-Uni ins Leben gerufen hat.

Wie sind Sie 2009 auf diese Idee gekommen?
Ich muss gestehen, dass es 2009 bereits ein Format mit Vorlesungen für Familien an der Uni in Chemnitz gab. Das waren die sogenannten „Sonntagsvorlesungen“ – ein offenes Angebot für Familien. Ich kam damals von der TU Dresden, an der ich das Kinder-Uni-Format  kennengelernt hatte. Die Idee, wissenschaftliche Themen kindgerecht aufzubereiten und einem jungen Publikum zu präsentieren, fand ich sehr spannend und regte an, auch in Chemnitz eine Kinder-Uni aufzubauen.

Wie war die Resonanz?
Unser Angebot wurde sofort super angenommen. Wir haben auch gleich zum Start tolle Themen aus dem unmittelbaren Umfeld der Uni finden können. Als einer der ersten Kinder-Uni-Dozenten konnte ich einen Psychologieprofessor gewinnen, der zu „Machen Tiere glücklich?“ sprach. Das Thema war ein absoluter Magnet. Fast jedes Kind wünscht sich ein Haustier und so wurde in der Vorlesung mit den Vor- aber auch Nachteilen, die ein Haustier mit sich bringt, die – Achtung, jetzt wird es wissenschaftlich – Bedürfnispyramide nach Maslow erläutert und den Kindern verständlich nahegebracht. Zur Untermalung brachte der Professor seinen Therapiehund mit. Dieser stand die ganze Zeit während der Vorlesung still auf dem Podium und beobachtete die Kinder. Das war ein toller Einstieg. Als weiteres Highlight hatten wir mit der Frage „Welche Farben hat das Licht?“ ein Physikthema ausgewählt: Auch das war eine Vorlesung, die sofort viele Juniorstudenten anzog und alle begeisterte, da unzählige Experimente gezeigt wurden.

Wie läuft so eine Ideenfindung eigentlich ab?
Ich richte mich oft nach den Wünschen der Kinder. Deshalb führen wir immer wieder Umfragen in den Vorlesungen durch. So finden wir spannende Themen wie beispielsweise Fragen nach Helden in Comics oder nach Autos, die in Zukunft ohne Benzin fahren. Danach schaue ich, ob es an unserer Universität Professoren und Professorinnen gibt, die mit ihren Schwerpunkten passen würden und die die nachgefragten Themen auch kindgerecht und anschaulich erklären können. Schön ist, dass inzwischen viele Professorinnen und Professoren selbst mit Themenvorschlägen auf mich zukommen. Zudem ist die Bereitschaft auch von Partnern außerhalb der TU groß. Von der Radiostation über die Zeitung bis hin zur Feuerwehr und zur Polizei hatten wir schon alles dabei.

Pro Jahr werden etwa sieben Vorlesungen – drei im Sommersemester, vier im Wintersemester – angeboten. Die „Renner“ sind Experimentalvorlesungen sowie Vorlesungen mit großem Showeffekt. Am 16. Januar 2011 gab es einen Besucherrekord: 700 Kinder wollten wissen, wie der Strom in die Steckdose kommt. 30 Versuchsstationen wurden dazu im Hörsaal aufgebaut. Eltern und Großeltern wurden im Nachbarhörsaal platziert, in dem sie per Video die Veranstaltung verfolgen konnten. „Das sind Themen, die begeistern. Die Physiker haben ihr komplettes Repertoire gezeigt und viele, tolle Experimente aufgebaut, um den Kindern die Thematik anschaulich zu erklären und sie mit einzubinden“, schwärmt Brita Stingl noch immer von dieser Vorlesung.

Was wollen Sie mit der Kinder-Uni erreichen?
Ziel der Kinder-Uni ist es, bei Kindern schon frühzeitig das Interesse und die Neugier an wissenschaftlichen Themen zu wecken. Darüber hinaus möchten wir zeigen, dass es in Chemnitz eine tolle Universität mit unheimlich coolen Forscherinnen und Forschern und spannenden Wissensbereichen gibt. Lebenslanges Lernen ist an der TU Chemnitz kein Slogan sondern gelebtes Selbstverständnis. Daher nehmen wir die Kinder ebenso als wichtige Zielgruppe wahr wie die Studierenden, wenn es um die Wissensvermittlung geht. Wir freuen uns natürlich, den einen oder anderen Juniorstudenten später als richtigen Studenten im Hörsaal zu begrüßen.

Ist das schon gelungen?
Davon gehe ich aus. Die Zielgruppe der Kinder-Uni sind Kinder von sieben bis zwölf Jahren. Vor zehn Jahren haben wir mit dem Format begonnen, daher könnten also Studenten, die in den Anfangsjahren unsere Vorlesungen besucht haben, heute durchaus an der TU studieren.

Für die 39-jährige Brita Stingl ist die Kinder-Uni eine Herzensangelegenheit. Ihre Hauptaufgaben an der TU Chemnitz liegen in den Bereichen Transfer und Weiterbildung. „Mit einem erfolgreichen Transfer von Wissen und Technologien können wir als Universität die Region stärken und über aktive Partnerschaften gewinnbringende Kooperationen zwischen Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft bilden. Dabei geht es ebenso um die Verwertung von wissenschaftlichen Ergebnissen und die Unterstützung von Ausgründungen, wie auch um den Transfer von Wissen im Bereich der berufsbegleitenden Weiterbildung, aber auch im Rahmen der Kinder-Uni oder des Seniorenkollegs“, erklärt sie.

Wie fällt das Feedback der Kinder nach einer Vorlesung aus?
Auf alle Fälle ehrlich (lacht). Kinder nehmen kein Blatt vor den Mund und sagen, ob die Vorlesung spannend war oder zu kompliziert. Die Dozenten bekommen oft darüber ein relativ schnelles und offenes Feedback. Am Ende der Vorlesung stellen die Kinder gern einmal überraschende und teils auch ungewöhnliche Fragen, die die Referenten manchmal ein wenig ins Schwitzen bringen.

Woher nehmen Sie Ihre Motivation? Die Vorbereitung ist zeitaufwendig und die Veranstaltungen finden sonntags statt.
Die Organisation der Kinder-Uni ist einfach ein tolles und vor allem dankbares Thema. Kinder sind ein neugieriges und wissbegieriges Publikum, das seine Freude und das Staunen über Themen klar zum Ausdruck bringen kann. Ich erhalte meist schon gleich im Nachgang einer Vorlesung ein Feedback von den Kindern und manchmal auch von den Eltern und nicht selten ein Dankeschön. Sich schöne und spannende Themen für Kinder auszudenken und zu sehen, wie die Dozenten schwierige Sachverhalte verständlich rüberbringen können, macht viel Spaß.

Finden die Vorlesungen immer im größten Hörsaal der TU Chemnitz statt?
Eigentlich ja. Abhängig von den Themen sind wir auch schon mal in der Stadthalle oder im Tierpark.

Ist es leicht, Referenten dafür zu begeistern?
Eigentlich ja. Es ist zudem immer wieder spannend zu sehen, dass Dozenten, die jahrelang vor Studenten sprechen, bei Kindern dann doch etwas aufgeregt sind. Sobald sie aber merken, wie die Kinder dabei sind und anders als Studenten Fragen stellen oder ohne Scheu ans Mikrofon treten, fällt die Aufregung. Mittlerweile ist es sogar so, dass die Referenten Autogramme in die Studienbücher der Kids schreiben sollen.

Gab es eine Veranstaltung, bei der Sie  befürchtet haben, dass sie schwierig oder nicht kindgerecht umzusetzen sein könnte?
(lacht) Ein Beispiel, das ich gern zum Besten gebe: Bernadette Malinowski, Professorin an der Philosophischen Fakultät der TU und ausgewiesene Literaturexpertin, hatte ich angefragt, ob sie etwas zu Kinder- und Jugendliteratur erzählen kann. Ich dachte dabei an Kinderbücher. Sie hat sich über die Anfrage gefreut und zugesagt. Als ich für die Vorankündigung den genauen Titel ihrer Vorlesung erfragte, kam als Antwort: Ich werde zu  Goethes Faust sprechen. Zugegeben, hier war ich eher skeptisch. Aber sie hat es super umgesetzt. Sie hatte mehrere Studenten und einen Professor dabei, die Teile aus dem Faust im Rollenspiel vorlasen. Die Kinder wurden umfassend eingebunden, indem jede Szene mit ihnen aufgearbeitet wurde, so dass die Kinder wirklich verstanden, um was es bei Goethes Faust geht. Das zeigte mir: es muss nicht immer ein typisches kindertaugliches Thema sein. Man sollte Kinder grundsätzlich nie unterschätzen.

Am Sonntag, 16. Juni, findet die letzte Vorlesung vor der Sommerpause statt. Auf dem Programm steht ein Vortrag zum Thema „Können sich Menschen in der Zukunft Superkräfte kaufen?“ Referent ist Bertolt Meyer, Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität Chemnitz. Es dreht sich alles um Ersatzteile für den menschlichen Körper: Künstliche Hände, Beine, sogar Augen und Ohren. Noch sind diese Ersatzteile nicht so gut wie das Original: Mit einer künstlichen Hand kann man beispielsweise nicht Klavier spielen. Es kann aber gut sein, dass sich das in Zukunft ändert. Schon heute springt ein Weitspringer mit einem künstlichen Bein weiter als ein Sportler mit zwei Beinen aus Fleisch und Blut. Vielleicht gibt es in Zukunft viel mehr Ersatzteile, die besser sind als das Original. Aber wollen wir eine solche Zukunft, in der sich die Menschen Superkräfte kaufen können? Wer wird sich das leisten können und was macht das mit den Menschen? Diese und andere Fragen wollen wir gemeinsam in der Vorlesung beantworten. Die Vorlesung findet im Hörsaalgebäude der TU Chemnitz an der Reichenhainer Straße 90 im Härsaal N115 statt. Start ist um 10:30 Uhr, Einlass ab 9:45 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Das Thema der nächsten Vorlesung lautet „Können sich Menschen in der Zukunft Superkräfte kaufen?“. Wie kam es dazu?
Unser Dozent Prof. Dr. Bertolt Meyer hat selbst eine künstliche Hand, eine Prothese. Er forscht unter anderem dazu, wie die moderne bionische Technik – also beispielsweise Prothesen – Stereotype über Menschen mit Behinderungen verändert. Seine Hand ist neben ihrem technischen Aussehen ein richtiges Hightech-Model. Er wird den Kindern unter anderem berichten, wie die bionische Hand seinen Alltag erleichtert. Sicherlich wird er auch ein paar Beispiele aus dem Leistungssport mitbringen.

Das klingt aber auch anspruchsvoll für Kinder?
Ja, das wird es vielleicht. Aber ich bin mir sicher, dass Prof. Meyer sehr gut auf die Kinder eingehen wird.

Abschlussfrage: Wir wollen 2025 Kulturhauptstadt werden. Wie stehen Sie dazu?
Ich finde es ein ambitioniertes Ziel. An der Universität haben wir zur Unterstützung der Bewerbung eine Juniorprofessur „Europäische Kultur und Bürgergesellschaft“ eingerichtet. Ich selbst nehme zudem häufig an den Beratungen der Lenkungsgruppe zur Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 teil. Ich finde, Chemnitz hat viel zu bieten – wir reden nur zu wenig darüber. Es gibt so viele interessante und innovative Formate in Chemnitz. Das sollten wir mehr nach außen tragen. Mit der Bewerbung können wir eine Botschaft vermitteln: Chemnitz hat eine vielseitige und facettenreiche Kultur- und Kreativwirtschaft. Zudem können wir ganz klar mit dem Thema Industriekultur vorangehen. Die Kulturhauptstadtbewerbung ist eine schöne Möglichkeit, dies europaweit zu kommunizieren.

2 0 14. Juni 2019 gepostet am

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