Sandy Altmann & Michelle Mittag
Projekt "Denk′ mit, denk′ nach! Mittelalter-Rezeption in deiner Stadt"

Macher der Woche

Zurück ins Mittelalter

Das neue Jahr hat begonnen und mit ihm wird das das 875-jährige Jubiläum der Stadt Chemnitz eingeleitet. Gegründet wurde die Stadt im Mittelalter. Spuren aus dieser Zeit sind nicht auf den ersten Blick erkennbar, aber es gibt sie. Die Gruppe rund um das Projekt “Denk′ mit, denk′ nach! Mittelalter-Rezeption in deiner Stadt“ beschäftigt sich mit dem mittelalterlichen Erscheinungsbild der Stadt. Sandy Altmann und Michelle Mittag unterstützen seit zwei Jahren das Projekt als studentische Hilfskräfte und berichten im gerade eingeläuteten Jubiläumsjahr von den mittelalterlichen Geheimnissen der Stadt.

Worum geht es bei dem Projekt genau?

Sandy: Bei dem Projekt geht es darum, sich mit dem mittelalterlichen Chemnitz zu beschäftigen. Welche Spuren gibt es noch? Besonders wichtig ist dabei die Rezeption, also was und wie nimmt die Chemnitzer Bevölkerung noch von dieser Zeit wahr – und warum? All diesen Fragen sind wir zusammen mit Schülern der Gymnasien Einsiedel und Frankenberg nachgegangen.

Michelle: Zudem wollten wir den teilnehmenden Schülern einen Einblick in das wissenschaftliche Arbeiten, z. B. in die Zitiertechniken, geben. Wir unterstützten die Schüler bei der Anfertigung ihrer Komplexen oder Besonderen Lernleistungen.

Wer ist noch am Projekt beteiligt?

Sandy: Im Rahmen einer Ausschreibung der Robert-Bosch-Stiftung wurde das Projekt von Prof. Dr. Martin Clauss, Prof. Dr. Christoph Fasbender und Dr. Gesine Mierke der TU Chemnitz initiiert. Zu den Kooperationspartnern gehören neben dem Archäologiemuseum smac und dem Schloßbergmuseum auch die TU Chemnitz mit der Professur Deutsche Literatur- und Sprachgeschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit, der Professur Europa im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit und dem Zentrum für Lehrerbildung.

Wie seid ihr zu dem Projekt gekommen?

Sandy: Ich bin von Anfang an dabei und wurde gezielt von Dr. Gesine Mierke angefragt. Ich studiere im Master Germanistik und komme aus Frankenberg. Also bot sich die Begleitung der Schüler am Gymnasium Frankenberg sehr gut für mich an. Dort habe ich Workshops zum wissenschaftlichen Arbeiten durchgeführt und die gesamte Öffentlichkeitsarbeit begleitet.

Michelle: Ich bin erst etwas später dazu gestoßen. Durch mein Studium der Europäischen Geschichte lag das Projekt genau in meinem Interessengebiet. Ich habe in meiner Schulzeit selbst eine Besondere Lernleistung zu einem historischen Thema geschrieben und konnte so den Schülern viele Tipps geben. So habe ich u. a. Zuarbeiten wie das Erstellen von Bibliographien oder Literaturrecherchen durchgeführt.

Was ist das Ziel des Projektes?

Michelle: Es entsteht eine Homepage, auf der alle Informationen und Ergebnisse der Schülerarbeiten veröffentlicht werden bzw. bereits veröffentlicht worden sind. So kann jeder Interessierte die Forschungsergebnisse einsehen. (Anmerk. d. Red.: Auf folgender Seite sind die ersten Ergebnisse zu finden: www.chemnitz-im-mittelalter.tu-chemnitz.de)

Sandy: Außerdem haben die Schüler für sich selbst aus dem Projekt viel mitgenommen. Durch die Workshops haben sie erste Einblicke in das wissenschaftliche Arbeiten und den Umgang mit Quellen bekommen. Das konnten sie auch gut für ihre eigenen Abschlussarbeiten anwenden. Zudem soll das Projekt den Blickwickel für die mittelalterliche Geschichte der Stadt erweitern.

Bekannt ist, dass der Rote Turm Inspiration für die Form des Geschirrspülmittels „fit“ war. Weniger bekannt ist, dass das Gebäude eines der ältesten Bauwerke aus dem mittelalterlichen Stadtbild darstellt. Bei einem Bummel durch die Chemnitzer Innenstadt gibt es noch mehr Zeugnisse aus der Zeit des Mittelalters zu entdecken. Der Chemnitzer Roland ziert die Fassade des Neuen Rathauses und das Judith-Lucretia-Portal dient heute vor allem als Hochzeitskulisse. Dass ein Teilstück des berühmten Jakobswegs, der in Santiago de Compostella endet, auch durch Chemnitz führt, ist an verschiedenen Stellen im Chemnitzer Stadtbild zu erkennen. Das Benediktinerkloster, heute als Schloßbergmuseum bekannt, ist ebenfalls ein mittelalterlicher Schatz der Stadt und gleichzeitiger Austragungsort für die Abschlusspräsentation des Projektes. Am Mittwoch, dem 17. Januar, ab 14 Uhr stellen die Schüler und Projektteilnehmer ihre Ergebnisse vor.

Wie seid ihr an die Zusammenarbeit mit den Schülerinnen und Schülern herangegangen? Wussten die Jugendlichen schon etwas über das mittelalterliche Chemnitz?

Sandy: Es gibt immer ein paar Geschichts-Genies, die sich selber damit schon beschäftigt haben. Also gab es hier und da bereits Vorkenntnisse, aber wir haben auch viel Input gegeben. Die Schüler haben sich dann nach ihren Interessen den Themen zugewandt. Zum einen haben wir Texte mitgebracht, zum anderen haben sich die Schüler selbst im Stadtarchiv auf die Suche begeben.

Michelle: Bemerkenswert war, dass die Schüler das Projekt freiwillig neben ihren sechs bis acht Stunden im Schulalltag gemacht haben. In Frankenberg wurde das Projekt in Form einer Arbeitsgemeinschaft durchgeführt. Die Schüler in Einsiedel haben das Projekt dagegen komplett freiwillig neben ihrem regulären Unterricht gemacht. Natürlich mussten wir hier und da Motivationsarbeit leisten, aber das ist bei einem vollen Stundenplan, nur verständlich.

Wie war Chemnitz im Mittelalter? Was zeichnete die Stadt aus?

Sandy: Beispielsweise wird das Judith-Lucretia-Portal heute ganz anders genutzt als damals. In der heutigen Zeit ist es vor allem bei Hochzeitpaaren beliebt. Durch Interviews mit Passanten auf der Straße haben die Schüler herausgefunden, dass die mittelalterlichen Überreste kaum mehr wahrgenommen werden oder zugeordnet werden können.

Michelle: Ähnliche Erkenntnisse gab es bei der Rolandsfigur am Neuen Rathaus. Die Auswertung der Umfrage ergab – obwohl man natürlich nicht verallgemeinern darf – dass die Rolandsfigur im Allgemeinen der älteren Bevölkerung stärker bekannt war als der jungen.

Sandy: Damals hatten diese Bauten und Figuren eine andere Bedeutung bzw. einen anderen Symbolgehalt als heute, wie Macht, Marktrecht und Verteidigung der Stadt. Somit wurden sie von der Bevölkerung auch anders wahrgenommen und verstanden.

Wie hat sich eure Wahrnehmung von der Stadt durch das Projekt verändert?

Sandy: Chemnitz ist keine repräsentative mittelalterliche Stadt. Aber durch das Projekt hat sich mein Blickwinkel auf die Stadt geändert. Der Rote Turm wurde oft mit dem Shoppingcenter „Galerie Roter Turm“ in Verbindung gebracht. Aber den mittelalterlichen Hintergrund habe ich erst durch das Projekt wirklich kennengelernt.

Michelle: Durch die Beschäftigung mit den ausgewählten Projektthemen nehme in nun das Stadtbild anders wahr. Ich setze mich differenzierter mit der Stadt auseinander und entdecke sie immer wieder neu.

Wo seht ihr die Stadt 2025?

Michelle: Chemnitz soll weiter wachsen, vielfältig und bunt bleiben.

Sandy: Speziell auf die Uni bezogen sollte sich die Reichweite der Universität vergrößern. Das neue Gebäude der Universitätsbibliothek ist ein gutes Zeichen in die richtige Richtung.

Michelle: Genau. Jedoch sollten auch die Geisteswissenschaften mehr Platz und Bedeutung erhalten und gefördert werden. ´

Sandy: Ich wünsche mir, dass kulturelle Aspekte verstärkt gefördert werden.

2 0 12. Januar 2018 gepostet am

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