Chronik

Die DDR ist in der Krise. Die Unzufriedenheit wächst. Und immer mehr Menschen fordern im Herbst 1989 öffentlich Freiheit und Demokratie. Auch in unserer Stadt. Dann fällt die Mauer. Bis zur Wiedervereinigung dauert es noch ein knappes Jahr. Eine Chronik mit dem historischen Höhepunkte aus Karl-Marx-Stadt und Chemnitz.

1989

Kommunalwahlen im Mai

7. Mai 1989
Der 7. Mai war der Tag der Kommunalwahlen in der DDR. Am Vorabend fand in der Johanniskirche eine gottesdienstliche Veranstaltung statt, bei der der Friedensarbeitskreis bei der Evangelischen...
7. Mai

Kommunalwahlen im Mai

7. Mai 1989
Der 7. Mai war der Tag der Kommunalwahlen in der DDR. Am Vorabend fand in der Johanniskirche eine gottesdienstliche Veranstaltung statt, bei der der Friedensarbeitskreis bei der Evangelischen Studentengemeinde den ca. 200 Teilnehmern Ideen zu einem freiwilligen Sozialdienst, zu einer gesamtgesellschaftlichen Konsultativkonferenz sowie zu einer neuen Verfassung der DDR vorstellt. Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel forderte die Anwesenden auf, sicht mit ihrer Wahlentscheidung auch für die Wahrheit im Land einzusetzen. Die Mitglieder der kirchlichen Basisgruppen tauschten ihre Beobachtungen nach der Kommunalwahl aus und zweifelten an der Wahrhaftigkeit des eindeutigen Ergebnisses: 98,08 Wahlbeteiligung, 97,13 Prozent für den Wahlvorschlag, 2,87 Prozent Gegenstimmen. Der Friedenskreis und die Arbeitsgemeinschaft Offene Kirche reichten Einspruch zu Wahl an die Stadtverordnetenversammlung. Der Einspruch blieb bis Anfang Juli unbeantwortet.

Zweifel an Wahlergebnissen bleiben

11. Juli 1989
Aufgrund der Wahleingabe lädt Ursula Ströher vom Rat der Stadt Superindendent Christoph Magirius und Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel zu einem Gespräch. Der Zweifel an der Korrektheit der...
11. Juli

Zweifel an Wahlergebnissen bleiben

11. Juli 1989
Aufgrund der Wahleingabe lädt Ursula Ströher vom Rat der Stadt Superindendent Christoph Magirius und Studentenpfarrer Hans-Jochen Vogel zu einem Gespräch. Der Zweifel an der Korrektheit der veröffentlichten Wahlergebnisse bleibt. Eine schriftliche Antwort erfolgt nicht.

Ausreise tausender DDR-Bürger

1. September 1989
Im krassen Widerspruch zu den Erfolgsmeldungen des DDR-Regimes standen die Probleme des Alltags, die mehr und mehr zu Unmutsäußerungen unter der Bevölkerung führten. Sichtbarer Ausdruck war...
1. September

Ausreise tausender DDR-Bürger

1. September 1989
Im krassen Widerspruch zu den Erfolgsmeldungen des DDR-Regimes standen die Probleme des Alltags, die mehr und mehr zu Unmutsäußerungen unter der Bevölkerung führten. Sichtbarer Ausdruck war die stetig wachsende Zahl von Ausreisewilligen. Im Jahre 1982 wurden in Karl-Marx-Stadt über 300 Ausreiseanträge gestellt. 1987 lag die Zahl schon bei rund 800 und zwischen Januar und September 1989 bei etwa 1600. Die zunehmend bedrückende Situation in der DDR führte schließlich im Sommer 1989 zur Massenflucht über die offene ungarisch-österreichische Grenze und die Botschaften in Warschau und Prag. Züge mit Botschaftsflüchtlingen passierten in der Nacht vom 4. zum 5. Oktober 1989 auch den Karl-Marx-Städter Hauptbahnhof. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen mehreren hundert Personen, zumeist Jugendlichen, und den Sicherheitskräften. Bis Dezember 1989 verließen 4500 Menschen die Stadt.

Gründungsaufruf des Neuen Forum „Aufbruch `89“

19. September 1989
In der Johanniskirche halten 70 Personen Fürbitte für Teilnehmer eines Gottesdienstes in Leipzig, die am 11. September festgenommen worden. Es wird der Gründungsaufruf des Neuen Forums...
19. September

Gründungsaufruf des Neuen Forum „Aufbruch `89“

19. September 1989
In der Johanniskirche halten 70 Personen Fürbitte für Teilnehmer eines Gottesdienstes in Leipzig, die am 11. September festgenommen worden. Es wird der Gründungsaufruf des Neuen Forums "Aufbruch `89" verlesen. Mitbegründer und Kontaktperson ist Dr. Martin Böttger.

Erste Informationsveranstaltung des Neuen Forums

3. Oktober 1989
Die Informationsveranstaltung des Neuen Forums treffen auf großes Interesse. Es wird in die Johanniskirche verlegt. Dr. Böttger erzählt von dem Gespräch beim Rat des Bezirkes: Das Neue Forum...
3. Oktober

Erste Informationsveranstaltung des Neuen Forums

3. Oktober 1989
Die Informationsveranstaltung des Neuen Forums treffen auf großes Interesse. Es wird in die Johanniskirche verlegt. Dr. Böttger erzählt von dem Gespräch beim Rat des Bezirkes: Das Neue Forum wird als Vereinigung im Bezirk Karl-Marx-Stadt nicht zugelassen. Es wird diskutiert. Schauspieler und Regisseur Hasko Weber lädt zum Tag der offenen Tür am 7. Oktober in den Luxor-Palast. Dort will das Schauspielensemble eine Lesung veranstalten und eine Resolution vortragen.

Der 7. Oktober 1989

7. Oktober 1989
Die Feiern anlässlich des 40. Jahrestages der DDR standen im völligen Widerspruch zur gesellschaftlichen Agonie im Land. Die Weigerung, Reformprozesse einzuleiten, führte zu Demonstrationen,...
7. Oktober

Der 7. Oktober 1989

7. Oktober 1989
Die Feiern anlässlich des 40. Jahrestages der DDR standen im völligen Widerspruch zur gesellschaftlichen Agonie im Land. Die Weigerung, Reformprozesse einzuleiten, führte zu Demonstrationen, auf die der Staat unter Einsatz seiner Machtmittel reagierte. Während im Rathaus von Karl-Marx-Stadt Oberbürgermeister Dr. Eberhard Langer Delegationen der Partnerstädte empfing, regte sich auch hier bürgerschaftliches Aufbegehren. Als die Verlesung einer Resolution der Städtischen Theater am Vormittag des 7. Oktober im Luxor-Palast durch die SED-Bezirksleitung verboten worden war, formierte sich im Anschluss an die Theatermatinee ein „Schweigemarsch“ vom Luxor-Palast zur Zentralhaltestelle/ Ernst-Thälmann-Straße. Dort lösten Staatssicherheit, Bereitschaftspolizei und Kampfgruppen den Protestzug auf. Diese Vorgehensweise gegenüber friedlichen Demonstranten führte bei Angehörigen der Kampfgruppen zu Befehlsverweigerungen. Am Abend wurde die Resolution im Schauspielhaus sowie in der Spielstätte Elisenstraße erstmals verlesen, viele weitere Lesungen folgten. Die SED-Zeitung „Freie Presse“ berichtete in ihrer Ausgabe vom 9. Oktober erst auf Seite 8 über Proteste in Karl-Marx-Stadt und Plauen. Unter der Überschrift „Gewissenlose Provokation“ wurden die Demonstranten als „Rowdys“ und „Ruhestörer“ diffamiert und das Agieren der „Ordnungskräfte“ gebilligt. Dieser Artikel rief heftigen Widerspruch hervor. Für die Freilassung verhafteter Personen setzte sich insbesondere der Karl-Marx-Städter Superintendent Christoph Magirius ein. Seine Bemühungen führten schließlich zu einem Dialog zwischen Vertretern der Opposition und der Stadtverwaltung. Das erste Rathausgespräch fand bereits am 13. Oktober 1989 statt.

Neue Formen der Bürgerbewegung

3. Dezember 1989
Mit dem im September 1989 gegründeten Neuen Forum entstand in der Republik eine aktive Bürgerbewegung zur Umgestaltung der Gesellschaft. Ihr Aufruf „Aufbruch 89“ hatte zündende Wirkung für...
3. Dezember

Neue Formen der Bürgerbewegung

3. Dezember 1989
Mit dem im September 1989 gegründeten Neuen Forum entstand in der Republik eine aktive Bürgerbewegung zur Umgestaltung der Gesellschaft. Ihr Aufruf „Aufbruch 89“ hatte zündende Wirkung für die politische Wende. Die Forderungen des Neuen Forums beeinflussten zwischen Oktober und Dezember 1989 maßgebend die großen Demonstrationen vor dem Karl-Marx-Monument. Neben dem Neuen Forum waren vor allem die christlichsozialistisch orientierte Gruppierung „Demokratie jetzt“, der sozial-ökologische „Demokratische Aufbruch“, die Sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) und die Grüne Liga engagierte Träger der Proteste. Ihre Vertreter sowie die weiterer neuer Bewegungen vereinigten sich in Karl-Marx-Stadt in der Demokratischen Oppositionellen Plattform (DOP). Als Anlaufpunkt und Koordinationszentrum entstand in der Stadt ein Kontaktbüro der Bürgerinitiativen. Große örtliche Resonanz fand am 3. Dezember 1989 die durch die Aktion Sühnezeichen initiierte DDR-weite Menschenkette für demokratische Erneuerung.

Runde Tische

7. Dezember 1989
Am 7. Dezember 1989 tagte erstmals der Zentrale Runde Tisch der DDR. In der Folgezeit bildeten sich auf Bezirks- und örtlicher Ebene weitere Runde Tische. In Karl-Marx-Stadt fanden schon seit dem...
7. Dezember

Runde Tische

7. Dezember 1989
Am 7. Dezember 1989 tagte erstmals der Zentrale Runde Tisch der DDR. In der Folgezeit bildeten sich auf Bezirks- und örtlicher Ebene weitere Runde Tische. In Karl-Marx-Stadt fanden schon seit dem 13. Oktober Rathausgespräche zwischen Vertretern der Opposition und der Stadtverwaltung statt. Der Runde Tisch der Stadt Karl-Marx-Stadt tagte erstmals am 3. Januar 1990. Bis zum April 1990 trat er 15-mal zusammen. Zu den Teilnehmern zählten Vertreter des Rates der Stadt, der Parteien, Organisationen und Vereinigungen aus der Stadtverordnetenversammlung und der DOP, des Neuen Forums und der Kirchen. In seiner Grundsatzerklärung stellte sich der Runde Tisch die Aufgabe, zur Überwindung der komplizierten Situation auf allen Gebieten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens beizutragen. Es gelang dadurch, die Stadt bis zur Konstituierung der neu gewählten Stadtverordnetenversammlung am 1. Juni 1990 funktionsfähig zu halten.
1990

Aus Karl-Marx-Stadt wird wieder Chemnitz

1. Juni 1990
Am 25. November 1989 kam es zur Bildung der Initiativgruppe „Für Chemnitz“. Die Gruppe setzte sich zum Ziel, der Stadt ihren historischen Namen unter Anwendung demokratischer Mittel...
1. Juni

Aus Karl-Marx-Stadt wird wieder Chemnitz

1. Juni 1990
Am 25. November 1989 kam es zur Bildung der Initiativgruppe „Für Chemnitz“. Die Gruppe setzte sich zum Ziel, der Stadt ihren historischen Namen unter Anwendung demokratischer Mittel wiederzugeben und eine schnelle Rückbenennung zu erreichen. Am 10. Mai 1953 war der Stadt der Name Karl-Marx-Stadt verordnet worden. Für die Rückbenennung wurden tausende Unterschriften gesammelt sowie rund 150.000 Flugblätter verteilt. In der Zeit vom 17. Bis zum 21. April 1990 fand ein Bürgervotum statt. Das offizielle Abstimmungsergebnis, bei 251962 Stimmberechtigten, lautete: 191139 abgegebene Stimmen, 145527 für Chemnitz = 76,14 Prozent, 44540 für Karl-Marx-Stadt = 23,30 Prozent und 1072 ungültige Stimmen = 0,56 Prozent. Am 1. Juni 1990 beschloss die Stadtverordnetenversammlung: Aus Karl-Marx-Stadt sollte wieder Chemnitz werden.